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Eine vergessene Wiener Vorstadtgeschichte

Ada Christen: "Jungfer Mutter" (1892)

Eine vergessene Wiener Vorstadtgeschichte
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Petra Anders
  • Abgabedatum: November 1998
  • Umfang: 107 Seiten
  • Dateigröße: 846,9 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Georg-August-Universität Göttingen Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-4736-6
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-4736-6 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-4736-6 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Anders, Petra November 1998: Eine vergessene Wiener Vorstadtgeschichte, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Wiener Moderne, 19. Jahrhundert, Rolle der Frau, Literaturwissenschaft

Staatsexamensarbeit von Petra Anders

Zusammenfassung:

Die Werke der Wiener Autorin Ada Christen haben weder in der österreichischen Literaturrezeption, noch in der spezifisch um Frauenliteratur bemühten Rezeption einen Platz gefunden.

Ada Christen wird noch 1984 von Hahnl zu den „vergessenen Literaten“ gezählt, das von Treder editierte Sammelwerk über Lyrikerinnen im 19. Jahrhundert widmet ihr nur wenige Zeilen und in der Frauen–Literatur–Geschichte von 1985 werden Ada Christens literarische Beiträge zur modernen Frauenbewegung nicht berücksichtigt.

In Veröffentlichungen über Ada Christen wird größtenteils auf die ‚Lieder einer Verlorenen‘ Bezug genommen. Das lyrische Werk der Dichterin ist als Katalysator für eine „Ausweitung des literarischen Diskurses“ gewürdigt worden. Ada Christens Œuvre wird jedoch meist auf diese ersten ‚Lieder’ beschränkt, mit denen sie bekannt geworden war, von denen sie sich selbst aber, aus noch zu zeigenden Gründen, distanzierte.

Den Schwerpunkt dieser Arbeit bildet das Spätwerk von Ada Christen, die Wiener Vorstadtgeschichte ‚Jungfer Mutter‘ aus dem Jahre 1892.

‚Jungfer Mutter‘ ist das umfangreichste Prosawerk von Ada Christen. Nach der Erstveröffentlichung erschien es 1947 im Bellaria-Verlag in Wien und München sowie in der Büchergilde Gutenberg (o. J.). ‚Jungfer Mutter‘ kann insofern als eine, wie im Titel angekündigte, „vergessene Wiener Vorstadtgeschichte“ bezeichnet werden, da eine umfassende Interpretation bisher nicht geleistet wurde. Obwohl in zahlreichen Lexika und Romanführern dieses Werk aufgeführt wird, gilt ‚Jungfer Mutter‘ bis heute als eine Vorstadtgeschichte, in der „die Liebe der Dichterin [...] vor allem dem alten, nun längst entschwundenen Wien mit seinen Wällen und Vorstädten“ gehört.

In der neuesten Veröffentlichung zu Ada Christen kann nachgewiesen werden, daß sich die Dichterin nicht der Konservierung entschwundener Orte widmet, sondern ein „soziales Panorama dieser Stadt, gekennzeichnet durch die Opposition Innenstadt – Vorstadt“ bietet. An diesen Ansatz soll in der vorliegenden Arbeit angeknüpft werden.

Die Diplomarbeit von Rathner (1992) bezieht ‚Jungfer Mutter‘ im Rahmen eines kurzen inhaltlichen Vergleichs zu der Lyrik Ada Christens ein. Dieser konzentriert sich auf die ‚Dichtung als Aufarbeitung der persönlichen Situation‘ und die ‚Dichtung als Desillusionierung‘. Rathner leistet sowohl Erklärungsmuster für die zeitgenössische Rezeption Ada Christens als auch die erste umfassende Interpretation des lyrischen Werkes der Autorin.

Die vorliegende Arbeit ist die erste umfassende Analyse der Wiener Vorstadtgeschichte ‚Jungfer Mutter‘. Durch eine erweiterte Quellengrundlage bietet die Arbeit darüber hinaus sowohl einen Einblick in den Literaturbetrieb im 19. Jahrhundert als auch eine Untersuchung von Ada Christens poetologischem Konzept.

Die Arbeit umfaßt zwei Teile. Der erste Teil dieser Arbeit beleuchtet kurz die Rezeption von Ada Christens erfolgreichem Erstlingswerk ‚Lieder einer Verlorenen‘. Im Mittelpunkt steht die Auswertung von Ada Christens Korrespondenz mit Julius Rodenberg und Julius Campe junior. Diese zeitgenössischen Quellen sind in bisherigen Veröffentlichungen zu Ada Christen nicht berücksichtigt worden.

Es handelt sich um fünf datierte Briefe von Ada Christen an Julius Rodenberg aus der Zeit von 1870-1874. Diese Briefe sind unveröffentlicht und befinden sich im Nachlaß von Julius Rodenberg im Goethe - und Schiller-Archiv Stiftung Weimarer Klassik.

Die Briefe von Ada Christen an Julius Campe junior befinden sich in dem Nachlaß von Julius Campe junior im Heinrich-Heine-Archiv Düsseldorf. Sie sind undatiert und unveröffentlicht. Eine ungefähre zeitliche Einordnung dieser Briefe gelingt allenfalls über die in den Briefen thematisierten Werke. Bei meiner Archivarbeit im Heinrich- Heine- Archiv im Rahmen der vorliegenden Arbeit konnte ich aus zeitlichen Gründen nur etwa dreißig der insgesamt 157 Briefe sichten und transkribieren. Die in der Arbeit zitierten Briefauszüge entsprechen meiner Abschrift dieser Quellen. Der Umfang der eingesehenen Briefe dient folglich als Quellengrundlage für die Darstellung der Beziehung zwischen Ada Christen und Julius Campe junior in dieser Arbeit. Die Orthographie von Ada Christen wird originalgetreu übernommen, ebenso die zahlreichen Unterstreichungen einzelner Worte.

Diese zeitgenössischen Dokumente werden unter der Fragestellung analysiert, zu welcher Dichterpersönlichkeit sich Ada Christen selbst stilisiert und welche Strategien eine Dichterin in dem damaligen Literaturbetrieb anwenden konnte, um Anerkennung für ihr Werk zu erhalten.

Unter Einbeziehung anderer, bereits veröffentlichter Briefe von Ada Christen an Zeitgenossen soll das poetologische Konzept der Autorin herausgearbeitet werden. Die Grundlage dieser Analyse ist nicht das literarische Werk, sondern brieflich dokumentierte Äußerungen der Dichterin. Das poetologische Konzept wird in einem späteren Schritt auf Ada Christens Prosawerk ‚Jungfer Mutter‘ bezogen und es wird geprüft, ob sich Übereinstimmungen herauskristallisieren.

Der zweite Teil der vorliegenden Arbeit bietet eine Textanalyse der Vorstadtgeschichte ‚Jungfer Mutter‘. Die Komposition und die Untersuchung inhaltlicher Schwerpunkte stehen im Vordergrund.

Den größten Umfang nimmt die Untersuchung der Figurenkonzeption und die damit verbundene Darbietung des Themas Ehe in ‚Jungfer Mutter‘ ein.

Das Erkenntnisziel der Textanalyse ist, inwiefern die Autorin mit der Figur Lene ein neues Frauenideal entwickelt. Es soll geprüft werden, ob Ada Christen, wie von der Forschung angenommen, in ‚Jungfer Mutter‘ ein traditionelles Frauenbild, verkörpert durch die Figur Hanne, gleichberechtigt mit einem neuen Frauenbild darstellt. Die genaue Betrachtung des Lebensraums Vorstadt und Stadt muß bei dieser Fragestellung ebenso berücksichtigt werden wie die Untersuchung der wenigen Nebenfiguren. Schließlich soll in einem gröberen Vergleichsverfahren geprüft werden, ob die Vorstadtgeschichte ‚Jungfer Mutter‘ aufgrund kompositorischer Ähnlichkeiten in das Paradigma der Wiener Haus- und Gassenromane fällt. Die Ergebnisse der Textanalyse erfordern schließlich eine kurze Einordnung von ‚Jungfer Mutter‘ in die zeitgenössische Literatur von Frauen.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 1
A. Ada Christen: Eine Schriftstellerin im 19.Jahrhundert 4
1. Die Dichterin der ‚Lieder einer Verlorenen' 4
1.1 „Auch das geht vorüber“: Christiane Friderik alias Ada Christen 4
1.2 Die ‚Verlorene' im Kreuzfeuer der Presse 6
2. Selbständigkeit und Unterwerfung in den Briefen von Ada Christen 8
2.1 Die Distanzierung vom Frühwerk in den Briefen an Julius Campe junior 10
2.2 Naivität als Strategie zur Anerkennung: Die Briefe an Julius Rodenberg 13
2.3 Emanzipation einer ‚Verlorenen'? 18
3. Ada Christens poetologisches Konzept 19
3.1 „Stimmung“ als poetologisches Konzept 19
3.2 „Ehrliche Narben“ als poetologisches Konzept 21
3.3 „Ich kann die Menschen nicht besser machen als sie sind“ 23
4. „Vielleicht wills Gott doch das mein Werk nicht erlischt mit meinem Leben“ 25
B. Die Wiener Vorstadtgeschichte ‚Jungfer Mutter' 27
1. Inhalt der Vorstadtgeschichte 29
2. Komposition der Vorstadtgeschichte 30
2.1 Die Rahmenhandlung 30
2.1.1 Die Authentizität eines Lebensschicksals 30
2.1.2 Die Fluchtlinien der Lebensschicksale 31
2.1.3 Ein Tag des Wartens 32
2.2 Zeitgenössische Kritik an der Komposition 34
2.3 Die Binnenerzählung als Chronik 34
2.3.1 Der Chronist Virgilius Stramirisko 35
2.3.2 Die Erzählsituation in der Chronik 36
2.3.3 Die Zeitstruktur in der Chronik 38
3. Die Personen in ‚Jungfer Mutter' 40
3.1 Die Gesellschaftsschicht der Handlungsträger 40
3.2 Die Gesichter der Vorstadt 41
3.2.1 Lene: Ein Leben in Schönheit 41
3.2.2 Leopold: Ein Leben mit Verlust 42
3.2.3 Hanne: Ein Leben in Demut 43
3.3 Die Figurenkonstellation in ‚Jungfer Mutter' 43
3.3.1 Stationen der Ehe als Rahmen der Figurenkonstellation 43
3.3.2 Weibliche Figuren als Vorausdeuterinnen von Konflikten 46
4. Die Ehe als zentrales Thema in ‚Jungfer Mutter' 47
4.1 Das Fenster als Motiv weiblicher Lebenskonzeption 48
4.1.1 Lenes Blick aus dem Fenster 49
4.1.2 Hannes Platz am Fenster 52
4.2 Die Ehe als Verlusterfahrung 54
4.2.1 Lene: Die Schönheit als Metapher für Selbstverwirklichung 54
4.2.2 Leopold: Der fehlende Arm als Metapher für einen Mangel 56
4.3 Der persönliche Lebensraum 59
4.3.1 Lenes Zimmer als Ort der Selbstverwirklichung 59
4.3.2 Leopolds Stube als Ort der Resignation 61
4.4 „Die ganze Geschichte von dem Tode“ 62
4.5 Die Jungfer Mutter als Repräsentantin der alten Vorstadtwelt 64
4.5.1 Die Ehe als Lebensglück 64
4.5.2 Suggestion einer heilen Welt 65
4.5.3 Der Judengarten als Ort der Sehnsucht 69
4.5.4 Die Jungfer Mutter und ihr Lebensglück 72
4.6 Erfüllung weiblicher Lebenskonzeption? 73
5. Die Vorstadt als Lebensraum 74
5.1 Industriestandort als Handlungsort 74
5.2 Das Thema Ehe in der Vorstadt 75
5.2.1 Die Ehe 76
5.2.2 Die Scheidung und die „wilde Ehe“ 77
5.2.3 Die Ehebrecherin 78
6. Die Stadt als Lebensraum 80
6.1 Technischer Fortschritt 80
6.2 Die Stadt als Ort des weiblichen Selbstverständnis 81
7. Die Brüche in der Vorstadtwelt 83
8. ‚Jungfer Mutter' im Kontext der Wiener Haus- und Gassenromane 86
9. ‚Jungfer Mutter' im Kontext der Literatur von Frauen 88
10. ‚Jungfer Mutter' und das poetologische Konzept von Ada Christen 90
Abschließende Betrachtung 92
C. Bibliographie 94

Automatisiert erstellter Textauszug:

Leben stets mißachtet worden ist, strebt danach, sich einen Platz im Leben zu sichern. Die Scheidung des Ehepaares ermöglicht ihr, eine neue soziale Rolle im Haus zur blauen Gans zu übernehmen. Ihr Bestreben, anderen Gutes zu tun, kann Hanne in dem Umsorgen des verzweifelten Leopold ausleben. Ihr Kindheitswunsch, dem Kriegskrüppel die Traurigkeit zu nehmen, wird seit der Scheidung ihr Lebensinhalt. Als die Frauenfiguren ihre Lebensräume wechseln, entsteht ein Dreiecksverhältnis zwischen dem Mann Leopold und den Frauen Lene und Hanne. Der Erzähler schafft in ‚Jungfer Mutter‘ mit der Figurenkonstellation die literarische Grundsituation ‚ein Mann zwischen zwei Frauen‘189 und führt dieses Situationsmotiv in der Fabel aus. Leopold beschreibt am Ende der Fabel seine Situation selbst: Rechts und links zugesperrt, flieg [...]

Erzähler den Brunnen als Ort der ersten Annäherung. Dieser besitzt traditionell die Funktion, eine bedeutende Phase im Leben von fiktiven Figuren einzuleiten187. Andererseits sind die drei Wünsche, die Lene für ihre Ehe ausspricht, eine Allusion auf das Märchenmotiv der ‚drei Wünsche‘, die in Erfüllung gehen sollen. Die Verbindung beider Personen erhält dadurch eine unwirkliche Komponente. Zugleich dienen diese Wünsche als „Handlungsmotoren“188, da der Konflikt zwischen den Eheleuten mit jeder Nicht-Erfüllung eskaliert. Die Hochzeit (JM 34f) bildet eine Zäsur im Leben von Leopold und Lene. Die zu der Trauungszeremonie gehörende Metapher Die Zwei waren Eines (JM 37) muß bei Leopold wörtlich genommen werden. Für Leopold äußert sich das Übertreten in eine neue Lebensphase in der Möglichkeit, Gleichgewicht und Ausgewogenheit zu erlangen. Die Frau an seiner Seite gleicht seinen körperlichen Mangel aus, mit der Heirat reift der Mann zu einem vollständigen Menschen. Auch das bindende ‚Ja‘ (JM 36), das beide Ehepartner aussprechen, ist für Leopold im wörtlichen Sinne ein Festhalten von Lenes Hand, da ihm die Person stets eigenwillig davongelaufen war (JM 39). Für Lene bedeutet die Heirat den Wechsel von der Kindheit zu einem Leben als Frau. Doch nicht durch den Trauungsakt erlebt sie einen Einschnitt in ihrer Entwicklung, sondern durch die Worte der Hausherrensöhne, die ihr eine neue Sicht auf Leopold vermitteln. Lene wird in dieser Situation der Desillusionierung das erste Mal mit Frau (JM 46) angesprochen. Verbunden mit der Metapher des Dreiviertelmannes reift in Lene die Ansicht, daß mit der Ehe alle ihre Lebensperspektiven auf die Rolle der Ehefrau reduziert sind, da beide Eines (JM 37) sein sollen. Die Metapher der Dreiviertelhaftigkeit verweist auch auf die ungleiche Stellung beider Ehepartner. Ein ausgewogenes Verhältnis ist bei dieser Zahlensymbolik ausgeschlossen, denn ein Partner investiert grundsätzlich mehr als der andere. Wie der Pfarrer schon andeutet, muß Lene [...]

für Leopold den Verlust der eigenen Stabilität im Leben: Was hatte er dann auf der Welt? (JM 37). 3. 2. 3 Hanne: Ein Leben in Demut Hanne erfährt schon früh, daß sie niemandem zur Last fallen darf und keine Ansprüche an das Leben zu stellen hat. Der Erzähler charakterisiert diese Person mit Hilfe eines Jugendereignisses, in dem das Mitleid die hervorstechendste Eigenschaft von Hanne ist: Aus Mitleid mit dem Kriegskrüppel Leopold holt sie ihm einen Vogel vom Dach und verunglückt dabei selbst schwer. Das eigene Streben, anderen zu helfen und andere zu schützen, wird ihr von ihrer Umwelt nicht zuteil: In der blauen Gans [...] war man [...]

Arbeit zitieren:
Anders, Petra November 1998: Eine vergessene Wiener Vorstadtgeschichte, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Wiener Moderne, 19. Jahrhundert, Rolle der Frau, Literaturwissenschaft

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