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Das sprachliche Produkt der Integrationsversuche in Deutschland

Die Theorie einer sprachlichen Zwischenwelt

Das sprachliche Produkt der Integrationsversuche in Deutschland
Über dieses Buch
  • Art: Bachelorarbeit
  • Autor: Sebastian Voßhans
  • Abgabedatum: September 2008
  • Umfang: 52 Seiten
  • Dateigröße: 305,8 KB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Universität Bielefeld Deutschland
  • Bibliografie: ca. 50
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-2706-1
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Voßhans, Sebastian September 2008: Das sprachliche Produkt der Integrationsversuche in Deutschland, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Spracherwerb, Sprachsystem, Interlanguage, Mischsprache, Kanak Sprak

Bachelorarbeit von Sebastian Voßhans

Einleitung:

Eine Aneinanderreihung von Hauptsätzen sowie das Auslassen von Artikeln und Präpositionen stellt in der Sprachverwendung türkischer Jugendlicher in der Schule und Freizeit keine Seltenheit dar und ist für Außenstehende nur mühsam zu enkodieren.

Die Situation Jugendlicher mit türkischer Zuwanderungsgeschichte in der Bundesrepublik Deutschland macht sich besonders bei ihrer Sprachkompetenz bemerkbar. Die heute in Deutschland aufwachsenden türkischen Migranten sprechen alle die deutsche Sprache, dennoch schreibt man ihnen genau in diesem Bereich starke Defizite zu. Sprachliche Probleme werden als Hauptursache für häufiges Schulversagen herangezogen. Dieser Zusammenhang wird in den PISA-Studien der Jahre 2000 und 2003 hergestellt und von Studien zur schulischen Situation türkischer Jugendlicher bestätigt.

Dabei hat die heute in Deutschland aufwachsende Generation türkischer Kinder und Jugendlicher die einmalige Chance, zweisprachig aufzuwachsen und die dabei erworbenen Fähigkeiten zu einer individuellen Mehrsprachigkeit fortzuführen, die ihnen im Vereinten Europa zu einer erfolgreichen Integration und Positionierung auf dem Arbeitsmarkt verhelfen kann. Die Chance wird nicht ergriffen. Anscheinend beherrschen Türkische Schülerinnen bzw. Schüler häufig weder die deutsche noch die türkische Sprache und fühlen sich in keiner Sprache zu Hause. Stattdessen trägt die mangelnde Sprachkompetenz unter anderem dazu bei, dass türkische Jugendliche oftmals wesentlich schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, so dass der Gang zum `Arbeitsamt´ (Agentur für Arbeit) eine mögliche Konsequenz darstellen kann. Die Zielformulierung der genannten Aussage eines türkischen Migranten lautet daher:

‘Und als die Schule beendet war, bin ich wieder zum Arbeitsamt gegangen’.

Da bleibt dem türkischen Freund nur der signifikante, dezente Hinweis:

‘Ey, mach kein Scheiß, Alder!’ Derartige sprachliche Äußerungen haben inzwischen durch deutschsprachige Schriftsteller türkischer Herkunft, wie beispielsweise Feridun Zaimoglu, Kultstatus erreicht und breiten sich sogar als Erscheinung der Sprachmode, im Sinne einer Kultivierung durch eine mediale Verbreitung wie etwa der Fernsehserie ‘Was guckst du?’, immer weiter aus. Auch Autoren wie Zafer Senoscak, Alev Tekinay oder Emine Sevgi Özdamar haben dazu beigetragen, dass der Sprachkontakt und die Sprachmischungen der türkischen und deutschen Gegenwartssprache ihren Platz in der deutschen Gegenwartsliteratur gefunden und dadurch an Aufmerksamkeit in der öffentlichen Wahrnehmung gewonnen haben.

Scheinbar hat sich eine Sprache türkischer Jugendlicher entwickelt, die durch ‘verkauderwelschte Vokabeln und Redewendungen’ gekennzeichnet ist, die in keiner Sprache existent sind. In den so genannten ‘peer-groups’, der Gruppe der Gleichgesinnten, die eine wichtige Sozialisationsfunktion für Jugendliche übernehmen, wird mit dieser Sprache jedoch tatsächlich kommuniziert. In Zaimoglus ‘Kanak Sprak – 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft’ kommen die türkischen Migranten zu Wort und vertreten ihre Sprache voller Stolz als ‘Rapper’, ‘Breakdancer’, ‘Zuhälter’ oder einfach nur als ‘coole Machos’.

‘Im rudel findet man früher oder später zu einem kodex, in der gang erhält man die feuertaufe,…’ Der Schriftsteller türkischer Herkunft, Feridun Zaimoglu, beschreibt diese Sprache der türkischen Jugendlichen als ‘Kanak Sprak’, eine Art Kreol bzw. ‘bewussten Foreignertalk’, eine Sprache, die sich aus dem Kontakt der deutschen und der türkischen Sprache entwickelt hat.6 Wie kann aber linguistisch erklärt werden, dass eine Mischsprache bei türkischen Mirganten zustande kommt?

Und was bedeutet die Existenz einer Mischsprache für Integrationsmaßnahmen in der Bundesrepublik Deutschland?

Diese Fragen sollen in der folgenden Betrachtung des Sprachkontaktes der türkischen und der deutschen Sprache bei Jugendlichen mit türkischer Zuwanderungsgeschichte untersucht werden.

Gang der Untersuchung:

Die geringe Sprachkompetenz verdeutlicht die Problematik der Integration türkischer Migranten in der Bundesrepublik Deutschland. Deswegen soll zunächst erläutert werden, welche gesellschaftliche Bedeutung ihre Integration erlangt hat und welche Integrationsmaßnahmen in Deutschland ergriffen wurden.

Grundlegend muss dargelegt werden, was unter ‘Migrant’ und ‘Integration’ zu verstehen ist. Anschließend soll geklärt werden, welche Rolle der Sprache im Prozess der Integration zukommt, damit ein Zusammenhang zwischen der sprachlichen und der sozialen Situation durch die Integration hergestellt werden kann. Der linguistische Erklärungsversuch einer Zwischensprache erfordert zunächst die Betrachtung des Spracherwerbs türkischer Migranten. Es soll erläutert werden, wie türkische Migranten heute mit der türkischen und der deutschen Sprache in der Familie und im sozialen Umfeld konfrontiert werden. Auf der Grundlage der Theorien des Zweitspracherwerbs soll die Entstehung einer Zwischensprache bzw. einer ‘Kanak Sprak’ begründet werden, so dass abschließend geprüft werden kann, ob diese als Beschreibung des Phänomens ‘Mischsprache’ fungieren kann und welche Integrationsmaßnahmen dementsprechend in den Fokus genommen werden müssen.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 4
2. Hauptteil 6
2.1 Das Problem der Integration von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in der Bundesrepublik Deutschland 6
2.1.1 Definition von ‘Migranten’Seite 6
2.1.2 Der Prozess der Integration in Deutschland 9
2.1.3 Die Bedeutung der Sprache für die Integration 11
2.2 Der Spracherwerb von Kindern mit türkischer Zuwanderungsgeschichte - Begegnungen mit der deutschen und der türkischen Sprache 14
2.2.1 Wer ist bilingual? 14
2.2.1.1 Kompetenzdefinitionen von Bilingualität 16
2.2.1.2 Funktionsdefinitionen von Bilingualität 17
2.2.1.3 Sprachsysteme im Gehirn: Erkenntnisse aus der Neurolinguistik 17
2.2.2 Sind Kinder und Jugendliche mit türkischer Zuwanderungsgeschichte bilingual? 21
2.2.2.1 Die Sprache der Familie 23
2.2.2.2 Interaktionsverhalten türkischer Jugendlicher 25
2.3 Erklärungsversuche für eine eigene Sprache von Jugendlichen mit türkischer Zuwanderungsgeschichte 28
2.3.1 Die ‘Interlanguage-Hypothese’ - Die Theorie einer Zwischensprache 28
2.3.1.1 Der Vorgang: Transfer 30
2.3.1.2 Das Ergebnis: Interferenz 33
2.3.1.3 Crosslinguistic Influence 35
2.3.1.4 Der Stillstand im Zwischenstadium: Stagnation im Spracherwerb 36
2.4 Das Resultat des Sprachkontaktes: Die Sprache der stagnierenden Jugendlichen 38
2.5 Ursachen einer Mischsprache: Stagnation im Zweitspracherwerb oder bewusster Regelbruch? 42
3. Fazit 44
4. Literaturverzeichnis 48

Textprobe:

Kapitel 2.2.1.3, Sprachsysteme im Gehirn: Erkenntnisse aus der Neurolinguistik Die Definitionsversuche zeigen, dass es bis heute schwierig ist, Bilingualismus eindeutig zu klassifizieren. Diese Schwierigkeit in der Bilingualismusforschung resultiert aus der Vielfältigkeit der Erscheinungsformen von Bilingualität, deren unterschiedliche Ausprägungen darum durch Forschungsergebnisse der Neurolinguistik exakter bestimmt werden sollen.

Die Neurolinguistik betrachtet die kognitive Organisation der erlernten Sprachen und damit die Struktur des bilingualen mentalen Lexikons. In der Neurolinguistik werden Forschungsmethoden aus der Neurobiologie herangezogen, durch die aufgezeigt werden kann, wie sich die den Sprachen zugrunde liegenden Strukturen im Gehirn entwickeln. Weinreich hat festgestellt, dass die beiden Sprachen mental unterschiedlich repräsentiert und bilinguale Gedächtnisinhalte in verschiedener Weise strukturiert und organisiert sein können. Die kognitive Repräsentation ist abhängig davon, ‘wie die Konzepte der zwei Sprachen kodiert werden.’ Für die Organisation der beiden Sprachen gibt es zwei Möglichkeiten, nach denen zwischen ‘koordiniertem’ und ‘zusammengesetztem’ Bilingualismus unterschieden wird, denn jede Sprache hat ihr eigenes Konzept. Vom ‘zusammengesetzten’ Bilingualismus wird gesprochen, wenn Sprecher ein ‘gemeinsames Konzept für die zwei Sprachen bzw. ein zusammengesetztes System’ besitzen. Ein gemeinsames System für zwei Sprachen ist vor allem bei Kindern vorhanden, die beide Sprachen in gleichen bzw. ähnlichen Situationen gebrauchen, etwa, wenn sie die Sprachen von bilingualen Eltern erworben haben.

Ein ‘koordinierter’ bilingualer Sprecher hingegen besitzt zwei gesonderte Systeme für die Organisation der beiden Sprachen. Eine derartige, koordinierte kognitive Repräsentation ist bei Kindern festzustellen, die zwei Sprachen in unterschiedlichen Kontexten sprechen, indem beispielsweise die Sprache in der Familie und die Sprache der sozialen Bezugsgruppe divergent sind. Im Hinblick auf die unterschiedliche kognitive Organisation der beiden Sprachen sind Unterschiede in Bezug auf die Sprachkompetenz erkennbar. Wenn ein gemeinsames System der beiden Sprachen vorhanden ist, findet beispielsweise bei Übersetzungen von sprachlichen Zeichen kein Suchprozess des Zeichens in der Zweitsprache statt, die in der Forschungsliteratur auch ‘L2’ genannt wird. Übersetzungsleistungen stellen demnach für zusammengesetzte bilinguale Sprecher eine wesentlich leichtere Aufgabe dar. Weinreich weist jedoch darauf hin, dass eine exakte Trennung von zusammengesetzten und koordinierten bilingualen Sprechern in der Praxis nicht möglich ist, weil meistens einige sprachliche Zeichen zusammengesetzt, andere hingegen koordiniert repräsentiert werden. Demnach ist eine derartige Trennung nicht möglich, weil beide Typen der Repräsentation bei bilingualen Sprechern in gleicher Weise vorhanden sind. Als dritte Möglichkeit der Repräsentation nennt Weinreich den ‘subordinierten’ Bilingualismus, bei dem ‘die Bedeutung einer sprachlichen Form in der zweiten Sprache stets über die Bedeutung und die Form einer lexikalischen Einheit in der ersten Sprache zugänglich’ ist, so dass der Sprachkompetenz in der Erstsprache eine wichtige Funktion zukommt.

Die unterschiedliche Repräsentation wird schließlich in Abhängigkeit vom ‘Frühbilingualismus’ und ‘Spätbilingualismus’ gesehen. Kim kommt in einer neurobiologischen Betrachtung des Bilingualismus zu dem Ergebnis, dass ‘frühbilinguale Sprecher’ ‘gemeinsame Repräsentationen der Erstsprache und der Zweitsprache in der Gehirnrinde’ aufweisen. Die Definition von frühbilingualen Sprechern ist in der Forschungsliteratur sehr unterschiedlich, schwankt aber zwischen dem 7. Lebensjahr als Grenzalter bzw. dem 11. Lebensjahr bei der syntaktischen Verarbeitung und dem 16. Lebensjahr bei der semantischen Verarbeitung der Zweitsprache als obere Altersgrenze. Bei ‘Spätbilingualen’ lässt sich neurobiologisch hingegen eine ‘unterschiedliche kortikale Organisation’ der Erst- und der Zweitsprache nachweisen. Um zu bestimmen, ob türkische Migranten eine gemeinsame oder unterschiedliche kortikale Organisation der beiden Sprachen aufweisen, ist daher das Erwerbsalter der Zweitsprache zu bestimmen. In Abhängigkeit vom Erwerbsalter wird neben ‘Frühbilingualismus’ und ‘Spätbilingualismus’ auch von ‘sequentieller’ Zweisprachigkeit, die impliziert, dass beide Sprachen gleichzeitig erworben werden, und ‘simultanen’ Bilingualismus, bei dem die Zweitsprache nach der Festigung der Erstsprache gelernt wurde, gesprochen. Nach Paradis bestehen sogar vier Möglichkeiten der Repräsentation der beiden Sprachen. Sie stellt dazu in Anlehnung an Weinreichs Unterteilung vier Hypothesen der Speicherung neuroanatomischer Strukturen auf:

Die erste Hypothese geht davon aus, dass ein System der Erstsprache besteht, an das ‘zusätzliche Elemente angefügt’ werden (The Extended System Hypothesis).

Die zweite Hypothese geht von einer getrennten Speicherung nach dem Prinzip des koordinierten Bilingualismus aus (The Dual System Hypothesis).

Nach der dritten Hypothese wird zwischen identischen Elementen und unterschiedlichen Elementen der beiden Sprachen unterschieden. Die identischen Elemente sind dabei in einem gemeinsamen System gespeichert, wohingegen die unterschiedlichen Elemente neuronal getrennt organisiert sind (The Tripartite System Hypothesis).

Die vierte Möglichkeit der Organisation besagt, dass sich die ersten beiden Hypothesen ‘nicht zwangsläufig gegenseitig ausschließen’, sondern ‘zwei Aspekte desselben Phänomens’ sind (The Subset Hypothesis).

Nimmt man diese Hypothesen als Grundlage, so besteht ein großes Gesamtsystem für beide Sprachen, innerhalb dessen sich jedoch Subsysteme der einzelnen Erwerbssprachen herausbilden. Die in der zweiten Hypothese angesprochene getrennte Speicherung der beiden Sprachen führt zu einem Bilingualismus, bei dem die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Sprachfehlern als sehr gering einzuschätzen bzw. eine geringe Sprachkompetenz in beiden Sprachen als unwahrscheinlich anzusehen ist, da sie von einem koordinierten Bilingualismus ausgeht.

Auf Grund der unterschiedlichen Ausprägung der Bilingualität und den unterschiedlichen Möglichkeiten der Repräsentation der beiden Sprachen ist es schwierig, nur zwischen monolingualen und bilingualen Sprechern zu unterscheiden. Es ergeben sich weitere Differenzierungen der Sprachgruppen, wie sie etwa Marianne Wilken in der Analyse von Kindern in der ‘Deutschsprachigen Gemeinschaft’ in Ostbelgien vornimmt.

Arbeit zitieren:
Voßhans, Sebastian September 2008: Das sprachliche Produkt der Integrationsversuche in Deutschland, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Spracherwerb, Sprachsystem, Interlanguage, Mischsprache, Kanak Sprak

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