Die schiitisch-islamistische Bewegung im Irak
Hizb ad-Da‘wa al-Islamiya (1958- 1992)
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Florian Bernhardt
- Abgabedatum: November 2001
- Umfang: 109 Seiten
- Dateigröße: 702,4 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-5719-8
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-5719-8 P - ISBN (CD) :978-3-8324-5719-8 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Bernhardt, Florian November 2001: Die schiitisch-islamistische Bewegung im Irak, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Islam, Islamismus, Irak, Soziale, Soziale Bewegungen
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Magisterarbeit von Florian Bernhardt
Einleitung:
„Hizb ad-da‘wa al-islamñya“ (Partei des islamischen Rufes) ist die älteste und wahrscheinlich größte schiitisch - islamistische Partei des Irak. Sie existiert trotz zahlreicher Spaltungen und blutiger Verfolgungen bis heute und besitzt mehrere Zweige in verschiedenen arabischen Ländern sowie auch in Europa.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der islamistischen Opposition des Irak und der Hizb ad-da‘wa ist aufgrund der schlechten Quellenlage schwierig und steht immer noch am Anfang. Der wichtigste Grund dafür ist der repressive Charakter aller irakischen Regime seit der Julirevolution 1958, vor allem des im Jahr 1968 an die Macht gekommenen und bis heute den Irak regierenden Bath-Regimes, das jegliche Opposition brutal unterdrückt. So wurde die Mitgliedschaft in der Hizb ad- da‘wa durch ein Gesetz von 1980 sogar rückwirkend mit der Todesstrafe geahndet, ein Umstand, der die Partei vollständig in den Untergrund trieb, ihr ein Zellensystem aufzwang, das kaum mehr Einblicke in Struktur oder Mitgliederzahlen gestattet.
Seit dem Anfang der 90er Jahre, nachdem der Irak wegen des zweiten Golfkrieges international ins Zentrum des Interesses gerückt war, entstanden mehrere Arbeiten zur islamistischen Opposition im Irak und besonders zur Hizb ad-da‘wa. Die meisten davon wurden von arabischen Autoren veröffentlicht, die oft der Da‘wa symphatisierend gegenüberstehen. Aber auch außerhalb der arabischen Welt wird der islamistische Opposition des Irak seitdem von Wissenschaftlern, aber auch von Seiten der Politik größere Aufmerksamkeit gewidmet, als zuvor.
Diese Arbeit soll Gründung und Entwicklung dieser Partei vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungen seit der Enstehung des modernen irakischen Nationalstaates untersuchen sowie einen Überblick über ihre Aktivitäten seit den frühen 60er Jahren geben. Sie soll Fragen nach der Einordnung der Hizb ad- da‘wa in die politische Landschaft des Irak, ihrer Rolle in den politischen Auseinandersetzungen, nach ihrer sozialen Basis und nach ihren Strategien und Zielen beantworten.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Die Schiiten im Irak bis zur Julirevolution 1958 | 4 |
| 2.1 | Die Schiiten im Osmanischen Reich | 4 |
| 2.2 | Die Rolle der Schiiten im Staatsbildungsprozeß und zur Zeit der Monarchie | 7 |
| 3. | Die Entstehung der schiitisch-islamistischen Bewegung im Irak | 12 |
| 3.1 | Der Staatsstreich vom 14. Juli 1958 | 12 |
| 3.2 | Erste Aktivitäten islamistischer Gruppen | 14 |
| 3.3 | Die Gründung der Hizb ad-da’wa al-islamiya | 16 |
| 3.4 | Die islamistische Bewegung während der Regierungszeit Qasims | 19 |
| 3.5 | Austritte aus der Hizb ad- da’wa und erneute Konsolidierung | 23 |
| 3.6 | Struktur und Organisation der Hizb ad-da’wa | 25 |
| 4. | Exkurs: Leben und Werk von Muhammad Baqir as-Sadr | 28 |
| 5. | Die islamistische Bewegung im Irak zwischen den Staatsstreichen der Bath-Partei 1963 und 1968 | 33 |
| 6. | Die islamistische Bewegung im Bath-Staat 1968-1980 | 38 |
| 6.1 | Bemerkungen zu Staat, Gesellschaft und Wirtschaft unter dem Bath-Regime Seit 1968 | 38 |
| 6.2 | Soziale Basis der Hizb ad-da’wa | 42 |
| 6.3 | Jahre der Repression 1968-1977 | 45 |
| 6.4 | Der Einfluß der Islamischen Revolution im Iranund die Zerschlagung der Hizb ad-da’wa | 52 |
| 7. | Der bewaffnete Kampf | 59 |
| 7.1 | Neustrukturierung im Exil. Die Rolle des Iran | 59 |
| 7.2 | Strukturen und Aktivitäten der hizb ad-da’wa außerhalb des Irak | 63 |
| 7.3 | Der bewaffnete Kampf und der iranisch-irakische Konflikt | 65 |
| 7.4 | Vom Ende des iranisch-irakischen Krieges bis zur Intifada 1991 | 68 |
| 8. | Die Ideologie der Hizb ad-da’wa. Zwischen Wilayat al-faqih und parlamentarischer Demokratie | 71 |
| 8.1 | Strategien und Ziele der Hizb ad-da’wa. Die frühen 60er und 70er Jahre | 72 |
| 8.2 | Hizb ad-da’wa und Wilayat al-faqih | 78 |
| 8.3 | Das Parteiprogramm der Hizb ad-da’wa von 1992 | 87 |
| 9. | Schlußbetrachtung | 93 |
| 10. | Quellen- und Literaturverzeichnis | 96 |
| 11. | Verzeichnis verwendeter Abkürzungen | 105 |
festzunehmen, einer bis dahin unbekannten Erscheinung im islamistischen Lager im Irak. Die Da‘wa hatte kein Interesse an einer bewaffneten Konfrontation, sie war vielmehr um den Aufbau ihrer Partei und die Verbreitung ihrer Ideologie in der Bevölkerung bemüht. Die militante Gruppe hatte sich von der Da‘wa abgespalten, da die Parteiführung ein bewaffnetes Vorgehen abgelehnt hatte.149 Es gelang der Da‘wa jedoch, die bereits zum zweiten Mal in ihrer Geschichte fast ihre gesamte Parteiführung verloren hatte (das erste Mal durch die Austritte 1960), sich von dem Schlag zu erholen, ihre Strukturen auf mehreren im Libanon abgehaltenen Treffen zu reorganisieren und eine neue Führung zu bilden. Aus der alten Führungsgruppe hatte allein Ãai¾ ‘Ærif al- Ba‡rñ den Verhaftungen entkommen können. Ihre Zusammensetzung bestätigte die Entwicklung, die sich bereits 1960 nach dem Austritt von a‡- †adr abgezeichnet hatte. Die neuen Führungsmitglieder, „ussain Kæøim ‰alý¾æn, Nýrñ Mu…ammad „ussain ³u‘ma und Hædñ ‘Abd al- „ussain Ãa…týr, stammten alle aus der Mittelklasse, waren Studenten, jedoch keine Religionsstudenten, oder hatten eine akademische Bildung abgeschlossen und waren noch vergleichsweise jung.150 Die Repression des Staates, der entschlossen schien, die islamistische Bewegung zu zerschlagen, ging in den Jahren 1973 und 1974 ohne Unterbrechung weiter. Sie traf diesmal in erster Linie die Da‘wa - Kommitees im Süden des Irak, vor allem Basra, wo 1973 etwa 50 und 1974 etwa 200 Kader verhaftet wurden, unter ihnen einige Mitglieder der erst kurz zuvor neugebildeten Führung. Am 13.1. 1974 wurden fünf Da‘wa Mitglieder, unter ihnen drei ‘Ulamæ’ und die Führung der Partei, (Ãai¾ ‘Ærif al- Ba‡rñ, Mu…ammad „ussain ³u‘ma, „ussain Kæøim ‰alý¾æn, ‘Izz ad- Dñn al- Qabæn™ñ und ‘Imæd ad- Dñn at- Tabrñzñ) zum Tode und weitere zu lebenslänglichen oder langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Die Hinrichtungen, und besonders der Umstand, daß sich unter den Hingerichteten ‘Ulamæ’ befanden, lösten öffentliche Proteste des religiösen Establishments aus, so z.B. von Mu…ammad Bæqir a‡- †adr, von al- ®ý’ñ dem neuen obersten Marga‘ der Schiiten und von Khomeini, der sich zu dieser Zeit noch in Na™af aufhielt.151 Der Elektroingenieur as- Sabñtñ und Æyatullæh al- ‘Askarñ waren die einzigen verbliebenen Führer der Da‘wa, denen die Flucht ins Ausland gelang. Den größeren Einfluß von beiden hatte Sabñtñ, der zunächst in den Libanon und dann nach Jordanien ging, von wo aus er die Aktivitäten der Partei im Irak zu lenken versuchte. Neben diesen beiden Personen wurden noch drei weitere, alle hochrangige ‘Ulamæ’, in die Parteiführung im Exil aufgenommen: ‘Alñ [...]
Mit der Anerkennung von Abý-l- Qæsim al- ®ý’ñ als “Großmar™a‘“ (mar™a‘ al- a‘la) konnte sich, auch wenn man ®u’ñ nicht per se als völlig “unpolitisch“ bezeichnen kann, wieder die quietistische Richtung unter den ‘Ulamæ’ durchsetzen.146 A‡- †adr, der mit vielen seiner Maßnahmen nicht einverstanden war, soll mehrmals versucht haben, al- ®ý’ñ zu politischen Stellungnahmen gegenüber dem Ba‘½- Regime zu bewegen, wie etwa anläßlich der Abschiebung tausender Fæ’ilñya Kurden in den Iran im Jahr 1971. Weder a‡- †adr, noch die „izb ad- da‘wa konnte jedoch einen öffentlichen Bruch mit al- ®ý’ñ riskieren, da er einer der meist geachteten Mu™tahid’s der Ãñ‘a war, dem die Mehrheit der Schiiten in seinen Entscheidungen (als Muqallidýn) folgten. Auch die Da‘wa wurde unter dem neuen Regime Ziel staatlicher Repression. Die Sicherheitskräfte hatten sich bereits kurz nach der Machtübernahme durch die Ba‘½ Partei darauf vorbereitet, gegen die Da‘wa, deren Existenz ihnen bekannt war, über deren Aktivitäten sie jedoch nicht besonders gut informiert waren, vorzugehen. Anläßlich der Mu…arram - Feierlichkeiten im Jahr 1969 wurden die Sicherheitsbehörden in den Provinzen aufgefordert, Informationen über die „izb ad- da‘wa einzuziehen, was darauf schließen läßt, daß es auf staatlicher Seite nur mangelhafte Erkenntnisse über sie gab.147 Auch politisch wurde das Vorgehen gegen die Islamisten vorbereitet. So verkündete die Regionalführung der Ba‘½ (d.h. die Führung der Ba‘½ im Irak) in einer Erklärung vom 4.4. 1969 die Notwendigkeit der “Vernichtung der religiösen Reaktion“ (qašæ’ ar- ra™‘ñya ad- dñnñya), die als ein “großes Hindernis für den Fortschritt der Partei und der Revolution“ bezeichnet wurde.148 Im Jahr 1969 gab es erste größere Verhaftungen von Mitgliedern der Da‘wa. Im Dezember 1971 wurde einer ihrer wichtigster Führer, ‘Abd a‡- †æ…ib Da¾ñl verhaftet. Er starb im Jahr 1972 an den Folgen schwerer Folterungen im Gefängnis. Während der frühen 70er Jahre gelang es dem Regime, mit einer sehr umfangreichen Repressionswelle die Strukturen der Da‘wa in weiten Teilen des Irak zu zerschlagen. Während der Jahre 1970/71 wurden hunderte von Menschen verhaftet und gefoltert. Es gelang den Geheimdiensten auch erstmalig im August 1972, 18 Mitglieder einer militanten islamistischen Gruppe in Na™af [...]
Menschen in den Iran abzuschieben, von denen die meisten später nach Syrien gingen und sich in Flüchtlingslagern an der Grenze zum Irak oder im Damaszener Stadtteil Sitt Zainab niederließen.143 Aufgrund der Deportationen und der Maßnahmen „asan al- Bakr’s gegen die „awza kam es zum offenen Konflikt zwischen den Islamisten und dem Staat. Mu…sin al- „akñm reiste im Juni 1969 nach Bagdad, wo er eine Versammlung von hochrangigen ‘Ulamæ’ einberief, auf der eine gemeinsame Stellungnahme gegen die Maßnahmen der Regierung beschlossen werden sollte. In einem von einer Anzahl hochrangiger schiitischer Mu™tahids verfaßten Protestbrief an die Regierung wurde die Aufhebung der Zensur, die Ausnahme der Religionsstudenten vom Wehrdienst und die Beendigung der Repressionen gegen die nicht- irakischen Studenten gefordert. Es kam auch zu Demonstrationen in Nagaf, die von den Studenten der „awza angeführt wurden, auch in anderen Städten am Mittleren Euphrat kam es zu Protesten. In Basra gab es nach großen Demonstrationen an drei Tagen in Folge gewaltsame Zusammenstöße, bei denen Polizei und Armee das Feuer auf die Demonstranten eröffneten. Die Proteste sollen zumindest in Basra von dem lokalen Kommitee der Da‘wa vorbereitet worden sein, die der Parteiführung in Bagdad sogar den Vorschlag unterbreitet haben soll, eine umfassende Rebellion im ganzen Land zu beginnen, was diese jedoch ablehnte.144 Nach diesen Protesten wurde eine große Zahl der Beauftragten (wukalæ’) al- „akñms in den verschiedenen Städten des Landes verhaftet. Daraufhin gab es erneute Demonstrationen. Mu…sin al- „akñm erließ eine Fatwa, die die Mitgliedschaft in der Ba‘½ untersagte, und beauftragte seinen Sohn Mahdñ, sie im Land bekannt zu machen. Das Regime beantwortete die Herausforderung des Mar™a‘, indem es Mahdñ al- „akñm nach einem größeren gerichtlichen Verfahren, das sich auch gegen andere Personen richtete, wegen Spionage für die USA und Israel zum Tode verurteilte. Das Verfahren fand jedoch in Abwesenheit von Mahdñ al- „akñm statt. Es gelang Mahdñ al- „akñm, sich seiner Verhaftung zu entziehen, und zusammen mit seinem langjährigen Mitarbeiter Mu…ammad Ba…r al- ‘Ulým den Irak zu verlassen und ins Exil zu gehen. Als Mu…sin al- „akñm im Jahr 1970 starb, nutzten seine Anhänger den Trauerzug dazu aus, ihren Unmut über das Regime im allgemeinen und gegenüber den erhobenen Spionagevorwürfen im besonderen auszudrücken. Ein Transport des Toten durch die Regierung lehnten sie ab. Stattdessen begleitet eine große Menschenmenge den Toten auf der Strecke von Bagdad nach Na™af und skandierte regierungsfeindliche Parolen.145 [...]
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