Neue religiöse Bewegungen und Gewalt
Erklärungsansätze zur Dynamik gewaltsamer Eskalationsprozesse
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Dominic Akyel
- Abgabedatum: November 2006
- Umfang: 77 Seiten
- Dateigröße: 488,3 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
- Bibliografie: ca. 51
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1703-1
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Akyel, Dominic November 2006: Neue religiöse Bewegungen und Gewalt, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Religion, Soziologie, Konfliktforschung, Sekte, Ideologie
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Diplomarbeit von Dominic Akyel
Einleitung:
Ich beschäftige mich im Rahmen dieser Arbeit mit der Theoretisierung und Erklärung gewalttätigen Handelns an Beispielen dreier neuer religiöser Bewegungen (NRB) der 90er Jahre. Anhand der Gruppen Aum Shinrikyo, dem Orden des Sonnentempels sowie der Bewegung „Heaven’s Gate“ wird der Entstehungskontext gewalttätiger Episoden und Verhaltensmuster untersucht, wobei der Fokus bei der Beantwortung der Frage nach den Ursachen der Gewalt maßgeblich auf der Interaktion von internen und externen Faktoren liegt. Dabei soll erstens geklärt werden, welcher Stellenwert den verschiedenen bedingenden Ursachen zukommt, sowie zweitens auf welche Weise der Interaktionsprozess zwischen NRB und sozialer Umwelt bei der Entstehung eskalierender Dynamiken beteiligt ist.
Ich gehe in diesem Zusammenhang von der Annahme aus, dass die Gewalt im Kontext NRB einerseits aus dem Zusammenspiel verschiedener, sich gegenseitig verstärkender Faktoren resultiert, der Prozess der Zuspitzung der Gewalt jedoch andererseits immer einen realen oder imaginären Konflikt zwischen NRB und sozialer Umwelt mit einschließt. Von Relevanz sind in diesem Kontext alle die gewaltsamen Handlungen, bei denen es sich um kollektive relationale Akte handelt, die in einer kausalen Beziehung zur jeweiligen Bewegung oder Kontrollinstanz stehen und welche durch die Bezugnahme auf ideologische Motive legitimiert werden.
Die Arbeit gliedert sich demnach in einen theoretischen und einen empirischen Teil, wobei sich die ersten drei Abschnitte des theoretischen Teils mit der Analyse einzelner Ursachen beschäftigen. Zuerst werde ich dabei auf die Rolle apokalyptischer Ideologien, als Voraussetzung für die Entstehung von gewaltsamen Eskalationsprozessen, eingehen und mich anschließend mit dem Stellenwert charismatischer Herrschaftsformen auseinandersetzen.
Anschließend sollen die Auswirkungen organisatorischer Merkmale, beispielsweise soziale Isolation und totalitäre Organisation, behandelt werden, um dann im vierten Abschnitt mit der Verknüpfung der einzelnen Faktoren zu beginnen. Hier werden die bereits untersuchten Einzelursachen anhand zweier Modelle mit externen Faktoren in Beziehung gesetzt und verschiedene dynamische Szenarien der gewaltsamen Eskalation identifiziert. Im Anschluss daran wird versucht, die gewonnenen Erkenntnisse im empirischen Teil auf die drei genannten Bewegungen anzuwenden, wobei hier eine besondere Betonung auf die relevanten Mechanismen der Zuspitzung von Konflikten sowie auf die Verflechtung interner und externer Faktoren gelegt wird.
Hinsichtlich ihres Entstehungskontexts sind die NRB eng mit den in den 60er Jahren vorherrschenden gegenkulturellen Strömungen in der westlichen Welt verknüpft und kamen der Öffentlichkeit erstmals Ende der 60er Jahre als neuartige Form der religiösen Praxis zu Bewusstsein. Die USA boten dabei sehr gute Bedingungen für die Entstehung religiöser Gemeinschaften, weshalb sich dort anfangs die meisten Bewegungen entwickelten. Das Phänomen NRB blieb jedoch nicht nur auf Nordamerika beschränkt, sondern breitete sich bald über Großbritannien nach Europa aus und später auf eine Vielzahl von Ländern auf allen Kontinenten. Als Resultat der zunehmenden Präsenz der NRB im öffentlichen Raum und ihrem Erfolg bei der Rekrutierung von Mitgliedern formten sich zu Beginn der 70er Jahre erste Anti-Kult-Gruppen, die sich zum Teil mit Repräsentanten der sozialen Ordnung verbündeten und ein stereotypes Bild religiöser Indoktrination zeichneten. Diese Allianzen forcierten ein Modell zur Erklärung der Aktivitäten NRB, welches um die Begriffe „Brainwashing“ und „Coercive Persuasion“ zentriert war, gegenkulturelle Bewegungen abwertend als „Kult“ stigmatisierte und in der Folgezeit maßgeblich das öffentliche Bewusstsein prägte.
Anfang der 70er Jahre begann außerdem die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Themenfeld, und es entstanden vielfältige Ansätze zur Klassifizierung, Interpretation und Erklärung von Prozessen, die mit der Entwicklung und den Aktivitäten der NRB verbunden waren. Ende der 70er Jahre, nach den Morden der Manson Familie 1969 und dem kollektiven Suizid des Volkstempels 1978, wurden diese Aspekte darüber hinaus um eine weitere Facette ergänzt, indem nun auch die Beziehung zwischen NRB und Gewalt im wissenschaftlichen Rahmen diskutiert wurde. Bis zum Beginn der 90er Jahre hatten sich jedoch nur wenige Fälle massiver Gewalt im Kontext NRB ereignet, doch dieser Sachverhalt änderte sich in den 90er Jahren und führte zu einer Fülle unterschiedlicher Ansätze zur Erklärung gewaltsamer Eskalationsprozesse. In der ersten Zeit der Theoriebildung wandte sich das Interesse vor allem der Analyse einzelner Faktoren zu; in den 80ern und 90ern begann dann die Verknüpfung selbiger zu Interpretationsmodellen, welche verstärkt auf die interaktive Dynamik der Beziehung zwischen NRB und sozialer Ordnung Bezug nahmen.
Obwohl diese marginalen religiösen Gruppen aufgrund ihrer Charakteristika von verschiedenen Seiten oft als instabil eingestuft werden und ihnen im Allgemeinen eine grundsätzliche Affinität zur Gewalt unterstellt wird, ist es notwendig, die Annahme einer intrinsischen Beziehung zwischen NRB und Gewalt prinzipiell in Frage zu stellen. Ganz abgesehen davon, dass die allermeisten dieser Gemeinschaften sich in der Ausübung ihrer spirituellen Absichten keineswegs gewaltsamer Mittel bedienen, lassen sich darüber hinaus bei genauer Betrachtung kaum Evidenzen für die populäre Auffassung finden, dass marginale religiöse Gruppen eine stärkere Neigung zur Gewalt aufweisen als etablierte Religionen. Der Eindruck einer quantitativen und qualitativen Steigerung gewaltsamer Konflikte im Kontext NRB liegt daher einerseits in der zahlenmäßigen Zunahme relevanter Gruppen begründet und reflektiert darüber hinaus die historische Entwicklung des Verhältnisses zwischen sozialer Ordnung und NRB. „The few cases of violent episodes need to be interpreted in the context of the relatively large number and rapid growth of new movements”.
Ein weiterer Grund, weshalb man vorsichtig sein sollte NRB generell mit Gewalt in Verbindung zu bringen, ergibt sich aus den möglichen Szenarien des Verlaufs eines gewaltsamen Konfliktes. Es existieren nur einige wenige Fälle, in denen die Gewalt von NRB ausging, und es ist weitaus wahrscheinlicher, dass Gruppen das Ziel von äußerer Aggression und Provokation werden. In den diesbezüglich relevanten Ereignissen der letzten zwei Jahrzehnte zeigte sich darüber hinaus eine wachsende Distanz zwischen der hegemonialen Ordnung und den betroffenen Bewegungen, worin sich unter anderem tiefliegende Konflikte über die Legitimität sozialer und kultureller Prozesse widerspiegelten. Da sich solche Auseinandersetzungen nicht in einem sozialen Vakuum ereignen, besteht überdies eine logische Verbindung zwischen den gewalttätigen Episoden verschiedener NRB, indem der Verlauf von und die Reaktionen auf Konflikte maßgeblich vom Ausgang zeitlich früherer Auseinandersetzungen mitbeeinflusst wird. Die 90er Jahre, besonders die Zeit nach der Waco-Tragödie im Frühjahr 1993, müssen aus diesem Grund als Phase erhöhter Sensibilität auf beiden Seiten betrachtet werden.
Darüber hinaus ist diskutabel, was Charakteristika NRB sind, und in welcher Hinsicht diese als etwas qualitativ Neues aufgefasst werden können. Der Begriff ist nicht streng von anderen Konzepten abgegrenzt, wird jedoch im Allgemeinen auf marginale religiöse Gruppen angewendet, die seit den 60er Jahren in den westlichen Gesellschaften entstanden sind, Merkmale sozialer Bewegungen aufweisen und sich verhältnismäßig unkonventioneller Formen religiöser Organisation bedienen. Obwohl viele Gemeinschaften, die heutzutage unter diesem Ausdruck zusammengefasst werden, schon erheblich früher gegründet wurden und sich teilweise auf Traditionen berufen, die weit in die Vergangenheit hineinreichen, besteht das qualitativ Neue an selbigen vorwiegend in der Art und Weise, wie sie Ideen und Elemente der traditionellen religiösen Praxis miteinander kombinieren. Neu ist auch das öffentliche Auftreten derselben, die Formen der Opposition, mit welchen sie sich konfrontiert sehen, sowie die Aufmerksamkeit, die ihnen von wissenschaftlicher Seite entgegengebracht wird.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Erklärungsansätze zur Dynamik gewalttätiger Episoden im Kontext neuer religiöser Bewegungen | 4 |
| 2.1 | Apokalyptische Ideologien | 5 |
| 2.2 | Charismatische Herrschaft | 10 |
| 2.3 | Soziale Isolation und totalitäre Organisation | 16 |
| 2.4 | Dynamiken gewaltsamer Eskalation | 18 |
| 3. | Fallstudien zur Gewalt in neuen religiösen Bewegungen | 25 |
| 3.1 | Aum Shinrikyo | 26 |
| 3.2 | Der Orden des Sonnentempels | 40 |
| 3.3 | „Heaven’s Gate“ | 53 |
| 4. | Resümee | 66 |
| 5. | Literaturverzeichnis | 69 |
Textprobe:
Kapitel 3., Fallstudien zur Gewalt in neuen religiösen Bewegungen:
Obwohl es zahlreiche Beispiele für gewaltsame Konflikte im Kontext NRB gibt, habe ich bewusst Aum Shinrikyo, den Orden des Sonnentempels sowie die Gruppe „Heaven’s Gate“ ausgewählt, weil sich diese drei Bewegungen sehr stark hinsichtlich ihrer ideologischen Ausrichtung, des Adressatenkreises, an den sich die Botschaft der jeweiligen Gruppe richtete, sowie bezüglich weiterer Merkmale unterscheiden. Während die Anhängerschaft Aum Shinrikyos überwiegend aus jungen und naturwissenschaftlich hochgebildeten Angehörigen der Mittelschicht bestand, entstammten die Mitglieder des Orden des Sonnentempels mehrheitlich der oberen Mittel- bzw. der Oberschicht, verfügten zumeist über großen Einfluss, ein beträchtliches Vermögen und waren im gesellschaftlichen Leben durchaus etabliert.
Im Gegensatz dazu konstituierte sich die Gruppe „Heaven’s Gate“ anfangs aus Individuen, die sich in der Hippie-Subkultur oder dem spirituellen Milieu der 70er Jahren eingerichtet und sich somit bereits erheblich von der sozialen Ordnung distanziert hatten. Darüber hinaus unterscheiden sich die drei Bewegungen vor allem hinsichtlich der spezifischen Gewichtung interner und externer Faktoren in ihrem jeweiligen Prozess der gewaltsamen Eskalation und bezüglich der Opfergruppen, gegen welche die Gewalt gerichtet war. Bei Aum Shinrikyo manifestierte sich selbige vor allem in Form von Mord, terroristischen Anschlägen sowie extremer sozialer Kontrolle und zielte gleichsam auf die Gesellschaft als Ganzes und auf die eigenen Mitglieder.
Der Orden der Sonnentempler, welcher durch den mehrfachen, zeitlich versetzten Vollzug kollektiven Selbstmordes sowie durch ritualisierte Morde Aufsehen erregt, richtete seine Aktivitäten dagegen ausschließlich gegen Mitglieder oder ehemalige Angehörige der Gruppe. Im Kontrast dazu zeigte der freiwillig durchgeführte kollektive Selbstmord von „Heaven’s Gate“, dass selbst ohne strikte soziale Kontrollmechanismen und offensichtliche Konflikte mit der Umwelt kollektive Gewalthandlungen auftreten können. Gemeinsam ist all diesen Bewegungen jedoch, dass sie maßgeblich in den 70er, 80er und 90er Jahren wirkten, und die dramatische Zuspitzung außerdem in allen drei Gruppen während der 90er Jahre stattfand.
Bei der Beschreibung derselben erscheint es mir sinnvoll, chronologisch vorzugehen und zuerst den Entstehungskontext der jeweiligen Bewegung anhand einer kurzen biographischen Skizze der Anführer zu erörtern. Anschließend soll die weitere Entwicklung der Gruppe, der Prozess der ideologischen Radikalisierung sowie die letztendliche Zuspitzung und Eskalation der Gewalt beschrieben werden. Zuletzt erfolgt dann jeweils eine Interpretation der Ereignisse unter Berücksichtigung der im vorigen Kapitel erörterten Ursachenkomplexe.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836617031
Arbeit zitieren:
Akyel, Dominic November 2006: Neue religiöse Bewegungen und Gewalt, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Religion, Soziologie, Konfliktforschung, Sekte, Ideologie



