Über die psychosozialen Folgen der Jugendarbeitslosigkeit
- Art: Bachelorarbeit
- Autor: Wenke Pietsch
- Abgabedatum: Januar 2010
- Umfang: 94 Seiten
- Dateigröße: 532,5 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) Deutschland
- Bibliografie: ca. 40
- ISBN (eBook): 978-3-8428-1994-8
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Pietsch, Wenke Januar 2010: Über die psychosozialen Folgen der Jugendarbeitslosigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Erwerbsarbeit, Lohnarbeit, Demografischer Wandel, Jugend, Jugendarbeitslosigkeit
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Bachelorarbeit von Wenke Pietsch
Einleitung:
Jugendarbeitslosigkeit ist seit vielen Jahren ein großes gesellschaftliches Problem und ein breit diskutiertes Thema. Erziehungs- und Sozialisationsinstanzen bereiten jeden Menschen in der westlichen Welt von Anfang an auf die spätere Arbeit vor. Heute dürfte sich angesichts der verschlechterten Wirtschaftslage und damit der verringerten Ausbildungsplatz- und Arbeitsplatzkapazität der Konkurrenzdruck erhöht haben. Eltern fördern ihre Kinder immer früher in unterschiedlichsten Disziplinen, damit diese für den Arbeitsmarkt gut vorbereitet sind. Jedoch sind es nicht nur die Eltern, die ihre Kinder früh und best möglichst vorbereiten; auch sind es heute zunehmend die Jugendlichen selbst, die mit Blick auf bessere zukünftige Arbeitsmarktchancen ihr Leben planen. Vielfach wird darauf geachtet, wie sich dieses oder jenes im Lebenslauf macht und damit später verkaufen lässt. Nicht wenige Jugendliche gehen nicht zuletzt ins Ausland, weil Auslandserfahrungen und Fremdsprachenkenntnisse auf dem Arbeitsmarkt noch nie so gefragt waren. Seit Jahrzehnten expandiert die Bildung. Immer mehr Jugendliche streben das Abitur oder einen Hochschulabschluss an. Wer will da bezweifeln, dass dies nicht in erster Linie wegen der schlechten Arbeitsmarktlage geschieht? Viele streben, lernen und verfolgen von Anfang an das Ziel, später einen Beruf auszuüben und so pragmatisch wie die Jugend heute sein soll, hinterfragt sie dieses Ziel nicht einmal. Sie kommt vor lauter Anstrengungen dieses Ziel zu erreichen erst gar nicht dazu, möchte man meinen. Strebten nicht ganze Generationen zuvor und das heutige soziale Umfeld, die westliche Gesellschaft, immer noch unbeirrt nach Erwerbsarbeit? Die Jugendendlichen von heute wissen um die große Arbeitsmarktproblematik und jene, die mit genügend Ressourcen ausgestattet sind, und das dürften die meisten von ihnen sein, machen sich auf dieses Problem für sich persönlich in Angriff zu nehmen, indem sie sich anstrengen und Leistung zeigen. Dies schlägt sich in einer ausgeprägten Leistungsorientierung nieder. Sie müssen sich einfach anstrengen, wollen sie nicht auf der Strecke bleiben. Um in dieser angespannten Situation noch groß und breit über den Sinn von Erwerbsarbeit nachzudenken, bleiben kein Raum und keine Zeit. Was passiert nun aber, wenn dieser Jugend, für die die Erwerbsarbeit ungebrochen ungeheuer wichtig ist, der Zugang zu Ausbildungs- und Arbeitsplätzen verwehrt bleibt? Was geschieht in einem Menschen, dem die Chance auf eines seiner wichtigsten Lebensziele genommen wird – in einem Lebensabschnitt, in dem so vieles richtig anfängt wie z.B. die Selbständigkeit? Auf diese Problematik soll sich diese Arbeit beziehen.
Zahlreiche Auswirkungen aufgrund von Erwerbslosigkeit sind zu vermuten. Tatsache ist, dass viele von ihnen unerwartet, widersprüchlich und/oder wenig abgesichert sind. Wenig abgesichert ist eine politische Radikalisierung, Fremdenfeindlichkeit oder Kriminalität. Der eigenständige Einfluss der Erwerbslosigkeit gilt als nicht abgesichert. Die Auswirkungen auf die Familie sind ebenfalls wenig abgesichert und zudem widersprüchlich. Bezüglich der Thematik des Suizids ist der statistische Zusammenhang zumindest in Deutschland nicht gesichert. Fest steht jedoch auch, dass soziale Isolation und/oder emotionale Labilität das Risiko des Suizids verstärken. Der Punkt des Alkoholmissbrauchs ist ebenfalls wenig abgesichert. Hinsichtlich somatischer Erkrankungen sind die Befunde widersprüchlich und wenig abgesichert. Ebenso sind die Ergebnisse über geschlechtsspezifische Reaktionen wenig abgesichert und widersprüchlich. So ist z.B. die positive ‘Alternativrolle Hausfrau’ für Frauen nicht bestätigt, da die Datenbasis hierfür bisher zu gering ist. Auch über die Zeitgestaltung- und das Zeiterleben Erwerbsloser kann man noch nichts Genaues sagen, da auch hier die Befunde wenig abgesichert sind. Es ist zu vermuten, dass die freie Zeit nur dann positiv erlebt werden kann, wenn die Erwerbslosigkeit befristet und kurzfristig ist und nur als nützlich empfundene Aktivitäten sollen sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Schließlich sind die Ergebnisse der Arbeitsorientierung anders als zu erwarten wäre, denn eine mittlere Arbeitsorientierung wirke sich positiver aus als eine hohe.
Die Rahmenbedingungen, unter denen Jugendliche heute versuchen, einen Fuß in der Arbeitsgesellschaft zu fassen (Teil A), bildet den Anfang meiner Arbeit; gefolgt von der Thematik der psychosozialen Folgen, die im Falle einer Jugenderwerbslosigkeit auftreten (Teil B). Im zweiten Teil der Arbeit geht es zunächst darum, welche Jugendliche denn überhaupt überproportional gefährdet sind, keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu erhalten. Daraufhin wird ein möglicher Zusammenhang von Erwerbslosigkeit und psychischer Gesundheit thematisiert, um folgend viele (jedoch nicht sämtliche) psychosoziale Aspekte bzw. Folgen von Erwerbslosigkeit näher zu betrachten. Anschließend geht es um die Frage, ob mögliche Folgeschäden der Erwerbslosigkeit reversibel oder irreversibel sind. Hiernach folgt ein knapper Vergleich zwischen den Auswirkungen der Erwerbslosigkeit Jugendlicher auf dem Land und der Folgen auf dem Land, um schließlich verschiedenste Bewältigungsstrategien ins Blickfeld zu rücken. Im Nachstehenden impliziert der Begriff der ‘Jugendarbeitslosigkeit’ ebenso Jugendausbildungslosigkeit und umgekehrt. Zwischen den Begriffen ‘Erwerbslosigkeit’ und ‘Arbeitslosigkeit’ wird keine Differenzierung vorgenommen.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 7 | |
| A | Gesellschaftliche Modernisierungen und Erwerbsarbeit | 9 |
| l. | Der Arbeitsbegriff | 9 |
| ll. | Definition Jugend | 9 |
| lll. | Leitbild Lohnarbeit | 9 |
| lV. | Arbeitsbedingungen der industrialisierten Dienstleistungsgesellschaft | 11 |
| 1 | Prekäre Beschäftigungslage und brüchige Normalbiografien | 11 |
| 2 | Veränderungen in der betrieblichen Arbeitsorganisation | 11 |
| 3 | Segmentierter Arbeitsmarkt | 12 |
| 4 | Jugendarbeitslosigkeit | 12 |
| 4.1 | Das Ausmaß der Jugendarbeitslosigkeit | 12 |
| 4.2 | Ausbildung- und Beschäftigungschancen | 13 |
| 4.3 | Berufsvorbereitende Maßnahmen und Arbeitslosenstatistik | 13 |
| V. | Die Lebensphase Jugend im gesellschaftlichen und demografischen Wandel | 14 |
| 1 | Individualisierung der Lebensentwürfe | 15 |
| 2 | Entgrenzte Jugend | 16 |
| Vl. | Folgen für die Bedeutung und die Funktion der Arbeit | 17 |
| 1 | Finanzielle Entlohnung | 17 |
| 2 | Formung der Persönlichkeit | 17 |
| 3 | Zeitstrukturierung | 17 |
| 4 | Identität und Selbstwertgefühl | 17 |
| 5 | Stabilisierung der Persönlichkeit | 18 |
| 6 | Handlungskompetenz | 18 |
| 7 | Status | 18 |
| 8 | Sozialintegrative Wirkung | 18 |
| 9 | Kontakt und Interaktion | 18 |
| 10 | Soziale Anerkennung | 19 |
| B | Psychosoziale Folgen der Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen | 21 |
| l. | Strukturelle Merkmale arbeitsloser Jugendlicher | 21 |
| ll. | Theoretische Überlegungen zum Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und psychischer Gesundheit | 22 |
| lll. | Psychische und soziale Aspekte der Arbeitslosigkeit | 22 |
| 1 | Identitätsentwicklung | 26 |
| 2 | Verlust sozialer Kontakte und veränderte Familienbeziehungen | 29 |
| 2.1 | Familie | 29 |
| 2.2 | Peergroups | 32 |
| 2.3 | Partnerschaft | 34 |
| 3 | Kinderwunsch | 35 |
| 4 | Ökonomische Lage | 36 |
| 5 | Zeitbewusstsein, Zeitstrukturen und Zeithorizont | 39 |
| 5.1 | Zeitempfinden | 39 |
| 5.2 | Freizeitorientierungen | 41 |
| 6 | Auswirkungen auf die Zukunftsperspektiven | 43 |
| 7 | Delinquentes Verhalten | 44 |
| 8 | Politische Einstellungen | 45 |
| 9 | Gesundheitliche Folgen | 48 |
| 9.1 | Subjektiver Gesundheitszustand | 49 |
| 9.2 | Illegale Drogen und Alkoholkonsum | 50 |
| 9.3 | Essstörungen und Zigarettenkonsum | 51 |
| 9.4 | Suizid und selbstverletzendes Verhalten | 52 |
| 9.5 | Depressionen | 52 |
| 9.6 | Stress | 53 |
| 9.7 | Mortalität | 53 |
| 10 | Selbstbild | 53 |
| 11 | Der Antizipationseffekt von Arbeitslosigkeit | 54 |
| 12 | Der Effekt der Arbeitslosigkeitsdauer | 54 |
| 12.1 | Phasenmodelle | 54 |
| 12.2 | Körperliche und psychosoziale Befindlichkeiten | 55 |
| a) | Gesundheitlicher Zustand | 55 |
| b) | Psychosoziale Auswirkungen | 56 |
| 12.3 | Stellensuche, Bewusstseinsstrukturen und Wiederbeschäftigungschancen arbeitsloser Jugendlicher | 56 |
| 13 | Der Einfluss des Alters auf die Arbeitslosigkeit | 57 |
| 14 | Der Einfluss des sozioökonomischen Status auf die Arbeitslosigkeit | 58 |
| 15 | Geschlechtsspezifische Unterschiede der Jugendarbeitslosigkeit | 58 |
| 15.1 | Die Bedeutung der Arbeitslosigkeit für Mädchen | 59 |
| 15.2 | Die Bedeutung der Arbeitslosigkeit für Jungen | 60 |
| 16 | Stigmatisierung und Diskriminierung | 62 |
| 17 | Berufliche und schulische Folgeprobleme | 64 |
| 17.1 | Dequalifikation und sinkendes Anspruchniveau | 64 |
| 17.2 | Verschulungstendenzen und Entwertung der formalen Bildungsabschlüsse | 66 |
| 18 | Exklusion | 67 |
| 18.1 | Exklusion vom Arbeitsmarkt | 68 |
| 18.2 | Ökonomische Exklusion | 68 |
| 18.3 | Gesellschaftliche Exklusion | 68 |
| 19 | Moralische Entwicklung | 69 |
| 20 | Positive Begleiterscheinungen | 70 |
| lV. | Reversibilität | 70 |
| V. | Jugendarbeitslosigkeit in der Stadt und auf dem Land | 70 |
| 1 | Soziale Kontakte, Stigmatisierung und Diskriminierung | 70 |
| 2 | Ökonomische Situation | 71 |
| 3 | Sozialbeziehungen | 72 |
| Vl. | Verarbeitungs- und Abwehrstrategien | 72 |
| 1 | Bewältigung und Geschlecht | 74 |
| 2 | Bewältigungsformen nach Vonderach, Siebers und Barr | 76 |
| 2.1 | Arbeitslosigkeit als Biografieblockierung | 76 |
| a) | Wiederherstellung berufsbiografischer Normalität | 76 |
| b) | Herstellung erwerbsbiografischer Normalität | 76 |
| 2.2 | Arbeitslosigkeit als eigener Biografieabschnitt | 77 |
| 2.3 | Arbeitslosigkeit als Übergang zu neuen Biografieabschnitten und Lebensformen | 78 |
| 3 | Bewältigungsformen nach Alheit und Glaß | 79 |
| 3.1 | Schwierige Sozialisationskarriere | 79 |
| 3.2 | Biografische Bruchstelle | 79 |
| 3.3 | Surrogatkarriere | 79 |
| 3.4 | Subkarriere | 80 |
| a) | Subkulturen | 80 |
| b) | Subökonomie | 80 |
| 3.5 | Kollektive Betroffenheit | 80 |
| 4 | Bewältigungsformen nach Ulich | 81 |
| 5 | Bewältigungsformen nach Jahoda | 82 |
| 5.1 | Frustration und Resignation | 82 |
| 5.2 | Ausstieg und Umorientierung | 82 |
| 5.3 | Gewaltsame und organisierte Revolte extrem rechter oder linker Gruppierungen | 82 |
| 5.4 | Tumulte und Plünderungen | 83 |
| 6 | Proaktive Bewältigung | 83 |
| C | Resümee | 85 |
| Quellenverzeichnis | 88 |
Textprobe:
Kapitel lll, Psychische und soziale Aspekte der Arbeitslosigkeit:
‘Dass ein Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und psychischer Belastung existiert, wird heute von kaum einem Wissenschaftler noch ernsthaft in Zweifel gezogen.’ Nach Häfke gibt es allerdings keine aktuellen und kaum empirische Untersuchungen zu den psychosozialen Folgen der Jugendarbeitslosigkeit, aber auch er bestreitet das Vorhandensein eines Zusammenhangs von Erwerbslosigkeit und psychosozialen Folgen nicht: ‘Systematische Untersuchungen über die Folgen von Arbeitslosigkeit im Erleben und im Bewusstsein von Jugendlichen liegen nur in analytischer, nicht aber in empirischer Form vor. … Unbestritten ist es auch, dass die Arbeitslosigkeit massive Auswirkungen auf die Persönlichkeit des Menschen zeigt.’ Eine finnische Untersuchung kommt dagegen zu dem Ergebnis, dass die Auswirkungen der Jugendarbeitslosigkeit eher gering sind: ‘Youth unemployment was shown not to have such a dramatic largescale detrimental effect as was suggest in public opinion and expert articles’.
Statistische Häufungen von Depressiven, Kontaktarmen und psychosomatisch Gestörten unter den Arbeitslosen werden oft damit erklärt, dass diese Menschen eher arbeitslos werden. Dagegen spricht allerdings, dass es bei Massenentlassungen zu gleichen psychosozialen Folgen kommt. Seelisches Leid kann sowohl eine mögliche Wirkung als auch eine Ursache von Arbeitslosigkeit sein. ‘Es kann also belegt werden, dass Erwerbslosigkeit eine Verschlechterung des Befindens bewirkt, dass aber bei einigen Menschen eine bereits vorhandene psychische Labilität die Erwerbslosigkeit begünstigt.’ Dabei sind die ‘… Auswirkungen der Erwerbslosigkeit auf die psychische Gesundheit … deutlich stärker als die Auswirkungen der psychischen Gesundheit auf den Erwerbsstatus’.
Bei den psychischen und sozialen Auswirkungen infolge der Arbeitslosigkeit handelt es sich um ein komplexes Wirkungsgefüge. ‘Den’ arbeitslosen Jugendlichen gibt es nicht, daher kann auch nicht über ‘die’ Auswirkungen schlechthin gesprochen werden. Erwerbslosigkeit wird immer individuell anders erlebt. Dabei müssen soziale und zeitbedingte Variablen berücksichtigt werden, die be- oder entlastend wirken können. Jugendarbeitslosigkeit ist also nicht als isolierter Belastungsfaktor zu betrachten, denn sie steht im Zusammenhang mit sich gegenseitig verstärkenden Benachteiligungen wie z.B. Problemen in der Familie, demotivierende Erfahrungen in der Schule, beengende Wohnverhältnisse oder das Leben in strukturschwachen Wirtschaftsregionen. Art und Ausmaß der während der der Arbeitslosigkeit empfundenen psychosozialen Belastungen hängen stark von der sozialen Herkunft und dessen Unterstützung und den finanziellen Ressourcen bzw. dem faktischen Ausmaß der finanziellen Belastungen ab. Geschlechtsspezifische Rollenerwartungen und Verhaltensweisen spielen ebenfalls eine Rolle. Wichtige Unterschiede sind in den Bedingungen wie Stadt/Land-Unterschiede, Familienhintergrund, Persönlichkeitsmerkmale (Alter, Geschlecht, Ressourcen, Gesundheitszustand), Erziehungs- und Sozialisationseinflüsse, Kontaktmöglichkeiten und Bindungen, Qualität der persönlichen und sozialen Ressourcen, persönliche Ausprägungen bzw. Dispositionen für die Bewältigung von Belastungen, allgemeines Aktivitätsniveau des Betroffenen und dessen Berufsorientierung, Ethnie sowie bisherige berufsbiografische Erfolge und Kontinuitätserfahrungen zu beachten. Allerdings haben die ‘… bisherige Berufstätigkeit und Dauer der Arbeitslosigkeit … einen geringeren Einfluss auf das Ausmaß der … Belastungen als ursprünglich angenommen. Generell gilt, dass die Belastungen umso höher sind, je geringer die Qualifikation der Jugendlichen und der Sozialstatus des Elternhauses sind. Am wenigsten durch Arbeitslosigkeit tangiert sind Kinder von Selbständigen.’ Die Bewältigung der Arbeitslosigkeit gelingt umso besser, je stabiler die vorherige Erwerbskarriere war, was nur selten auf junge Menschen zutreffen kann, aber auch Jugendliche, die die Schule erfolgreich abgeschlossen haben, blicken optimistischer in die Zukunft und haben mehr Selbstvertrauen als jene ohne Abschluss. Das Ausmaß der Belastungen ist ferner von Vorhandensein alternativer Rollen wie z.B. als Student oder Ehrenamtlicher, die dem Erwerbslosen ähnliches soziales Ansehen geben wie durch die Erwerbstätigenrolle, abhängig. Schließlich ist es für das Empfinden der Arbeitslosigkeit entscheidend, ob sie in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs oder Aufschwungs stattfindet, ob die Grundstimmung pessimistisch oder hoffnungsvoll ist. Mitentscheidend über das Ausmaß der Folgen der Arbeitslosigkeit ist ebenso die regionale Infrastruktur, d.h. die Struktur des Arbeitsmarktes sowie die gegebenen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Wichtig ist zudem wer nach Ansicht der Betroffenen verantwortlich ist sowie das soziale Klima in der Bevölkerung und deren Ansprüche, Werte, Hoffnungen, Ängste, Bedürfnisse und Überzeugungen.
‘Heute müssen wir wieder über Massenarbeitslosigkeit sprechen. Im Vergleich zur Arbeitslosigkeit in den dreißiger Jahren ist hervorzuheben, dass es auch ein Erfolg der Arbeiterbewegung ist, wenn Arbeitslosigkeit heute bei uns nicht gleichzeitig Hunger und Elend bedeutet. Was jedoch bleibt, was jetzt noch deutlicher in den Vordergrund tritt als damals, sind die psychischen Folgen der Arbeitslosigkeit …’, die eindeutiger und bedeutsamer als die körperlichen Auswirkungen sind. Erwerbslose ‘… leiden an einer Unterforderungssituation und den Auswirkungen durch den Wegfall der Erlebniskategorien (i. S. Jahoda’s) , die sich oft verheerender auswirken als die Stresssymptome der Erwerbstätigen.’ ‘Arbeitslosigkeit bewirkt nicht selten dramatische Veränderungen alltags- und lebenszeitlicher Gewohnheiten; soziale Bezüge werden brüchig; Identitätsverlust, psychische Depression, Handlungs- und Lernunfähigkeit, sogar manifeste körperliche Beschwerden sind eindeutige Symptome bei Betroffenen.’ ‘Im Sinne von Wechselwirkungen demotiviert sie zunehmend, dequalifiziert faktisch, verschärft gesundheitliche Probleme, steht nicht selten im Zusammenhang mit Alkohol- und Drogenproblemen, Wohnungs- und Obdachlosigkeit, Kriminalität (letztere nicht allgemein und zwingend, aber regional abgegrenzt oder in kleinen Räumen – Stadtviertel – denkbar und nachweisbar) …’ Schließlich sind Untersuchungen zufolge Arbeitslose regelmäßig sehr unglücklich: ‘… unglücklicher noch als Personen, die eine Scheidung hinter sich haben’.
Es muss berücksichtigt werden, dass Arbeitslosigkeit von Jugendlichen grundlegend anders erlebt wird als von Erwachsenen und dass ‘… Arbeitslosigkeit für Jugendliche und Erwachsene jeweils spezifische Folgen hat, kann als sicher gelten.’ ‘Die mit der Arbeitslosigkeit einhergehenden Erfahrungen für die Persönlichkeitsentwicklung des Jugendlichen sind weitaus negativer als für die Erwachsenen.’ Der wesentliche Unterschied zu arbeitslosen Erwachsenen besteht darin, dass arbeitslose Jugendliche zuvor selten Arbeitserfahrungen sammeln konnten. ‘Bei ihnen geht es in der Regel nicht um den unerwarteten Wegfall von Arbeit, sondern um Probleme der Integration in den Erwerbsprozess verknüpft mit der Erfahrung der Arbeitslosigkeit.’ Erwerbslosigkeit ist zudem für Jugendliche ein besonderes Problem, da ihnen wesentliche entwicklungsfördernde Funktionen der Arbeit entgehen. Sie können nicht zeigen, was sie können und ihnen entgeht die Erfahrung, zu sehen, was sie nicht können. ‘Sie können ihre eigenen Grenzen nicht erfahren, was ebenfalls einen Rückstand in der Entwicklung gegenüber gleichaltrigen Erwerbstätigen zur Folge haben kann.’ Mit einem verpassten Berufseinstieg wird jungen Erwachsenen die Chance, in die Erwachsenen- und Berufsrolle hineinzuwachsen, verweigert, denn in der Jugendphase vollzieht ‘… sich über das Erlernen eines Berufes die soziale Platzierung. … Ungünstige berufliche Einstiegschancen lassen sich im gesamten Berufsverlauf verfolgen und werden auch durch Bewährung, Leistung, Seniorität und Loyalität in späteren Berufsjahren nicht mehr voll ausgeglichen.’ ‘In den späteren Lebensjahren ist es außerordentlich schwer, die Benachteiligungen, die beim Einstieg in das Beschäftigungssystem entstanden sind, wieder auszugleichen.’ Erwerbsarbeit bedeutet demnach die Integration in die Gesellschaft sowie die Zuordnung eines im Leben zu erreichenden Positionsspektrums. Dabei wird das Ausüben eines Berufs von den Jugendlichen selbst als wichtig eingestuft. ‘Die berufliche Ausbildung trägt zudem entscheidend zur Entwicklung der personalen Identität bei, sie vermittelt Handlungskompetenz und ermöglicht die Erfahrung des eigenen Selbstwerts und die Selbstachtung, besonders wenn keine realen Alternativen zur Berufsausbildung offen stehen. Wem aber diese Ausbildung längere Zeit vorenthalten wird, wird in diesen persönlichkeitsprägenden Erfahrungen schwer beeinträchtigt. Jugendarbeitslosigkeit beschneidet Hoffnungen und Wünsche und schränkt Entwicklungsmöglichkeiten ein, die später selten mehr nachgeholt werden können’.
Jugendliche bewältigen ihre Erwerbslosigkeit meistens schlecht. ‘Bedeutsam bei der Bearbeitung des Themas Jugendarbeitslosigkeit aus psychologischer Sicht ist die spezifische Lebensphase, in der sich Jugendliche befinden. Diese Phase ist durch bestimmte Veränderungen gekennzeichnet, in der Veränderungsleistungen, so genannte Entwicklungsaufgaben erbracht werden müssen. Dazu gehört z.B. der Aufbau einer eigenständigen Berufs- und Lebensperspektive. Die Erfahrung von Arbeitslosigkeit wird von Jugendlichen in dem Zusammenhang als Frustrations- und Verlusterfahrung wahrgenommen. Dadurch werden ihre Erwartungen auf berufliche Qualifizierung enttäuscht und damit jene von den Sozialisationsinstanzen vermittelten zentralen Lebensziele rückblickend entwertet.’ ‘Hinsichtlich der individuellen und gesellschaftlichen Folgen von Arbeitslosigkeit im Jugendalter besteht außerdem breiter Konsens in der sozialwissenschaftlichen Diskussion, dass der unfreiwillige Wegfall von Arbeit bzw. die Chancenlosigkeit, eine Arbeitsstelle zu bekommen, zu einer Vielzahl psychosozialer und ökonomischer Problemlagen führt, die einen destabilisierenden Einfluss auf das soziale und gesundheitliche Befinden der Jugendlichen haben können.’ Aufgrund der auch zukünftig steigenden Zahl arbeitsloser Jugendlicher und der verschlechterten beruflichen Perspektiven ist mit einer Verschlimmerung psychosozialer Auswirkungen zu rechnen. ‘Arbeitslosigkeit beeinträchtigt im Jugendalter die psychosoziale Entwicklung von Heranwachsenden. Zugleich werden Jugendlichen die entwicklungsfördernden Funktionen von Arbeit (Sinnstiftung, Zeitstrukturierung, Identitätsbildung, soziale Kontaktmöglichkeiten) vorenthalten. Es öffnet sich eine Entwicklungsschere zwischen arbeitslosen und erwerbstätigen Jugendlichen, die darin besteht, dass Arbeitslosigkeit zur Häufung von Alltagssorgen führt und gleichzeitig die individuelle Entwicklung lähmt. Erwerbstätigkeit sorgt für größere Unabhängigkeit und schafft die Möglichkeit, eigene Erfahrungen und Fertigkeiten einsetzen zu können’.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842819948
Arbeit zitieren:
Pietsch, Wenke Januar 2010: Über die psychosozialen Folgen der Jugendarbeitslosigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Erwerbsarbeit, Lohnarbeit, Demografischer Wandel, Jugend, Jugendarbeitslosigkeit



