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Ein politisches Tabu auf dem Prüfstand: Die Schulstruktur als Integrationshindernis in Deutschland und Frankreich

Eine Analyse struktureller Defizite der Bildungssysteme vor dem Hintergrund des Scheiterns der Schüler mit Migrationshintergrund

Ein politisches Tabu auf dem Prüfstand: Die Schulstruktur als Integrationshindernis in Deutschland und Frankreich
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Hanna Münstermann
  • Abgabedatum: April 2006
  • Umfang: 126 Seiten
  • Dateigröße: 1,5 MB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Westfälische Wilhelms-Universität Münster Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-9625-8
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-9625-8 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-9625-8 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Münstermann, Hanna April 2006: Ein politisches Tabu auf dem Prüfstand: Die Schulstruktur als Integrationshindernis in Deutschland und Frankreich, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Bildungspolitik, Bildungsforschung, PISA, Integration, Schulsystem

Diplomarbeit von Hanna Münstermann

Einleitung:

Die aktuelle Integrationsdebatte um Vorstadtaufstände und Kopftuch in Frankreich, und in Deutschland um Einbürgerungstests, Zwangsehen und die Meriten eines Schulkonferenz-Beschlusses in Berlin, die Schüler auf dem Schulgelände zum Deutsch Sprechen zu verpflichten, illustrieren, dass die im Selbstverständnis der Bürger offene Gesellschaft latent eine neue kulturelle Klassenschranke aufweist. Sie verläuft zwischen der kulturellen Mehrheit und den Arbeitsmigranten der ersten und zweiten Generation. Dabei sprechen wachsende soziale Spannungen, hohe strukturelle Arbeitslosigkeit, zunehmende Gewalt etc. eindeutig für die Dringlichkeit, mit der es darüber nachzudenken gilt, wie Frankreich und Deutschland mit der Einwanderung in einem europäischen Wirtschaftsraum mit interner Freizügigkeit und relativ offenen Grenzen zukünftig umgehen sollen.

Dazu gehört als zentraler Bestandteil die Frage nach der Gestaltung der Schulsysteme, die als gesellschaftliche Institutionen in besonderer Weise für die Zukunftschancen von allen im Land lebenden jungen Menschen entscheidend sind und damit auch eine Integrationsfunktion ausüben. Aus politikwissenschaftlicher Perspektive erscheint insbesondere eine Analyse der Schulstrukturen relevant, genauer eine Auseinandersetzung mit der Frage, ob und inwiefern sich die bildungspolitische Ausgestaltung der Schulstruktur in Frankreich und Deutschland als integrationshemmend erweist. Mit dieser Fragestellung möchte die vorliegende Arbeit als Beitrag zu der nunmehr in beiden Ländern zaghaft einsetzenden, aber noch ergebnisoffenen Debatte um institutionelle Rahmenbedingungen für Bildungssysteme, verstanden werden, die Leistungs- und Gleichheitsprinzip in ein erfolgreiches Gleichgewicht setzen.

Ein Rückblick auf die Nachkriegsjahrzehnte, in denen die Weichen für die heute bestehenden Schulstrukturen beider Länder gestellt wurden, dient der Bewusstseinsbildung für die Veränderbarkeit der heutigen Strukturen. Er verweist ferner auf nicht genutzte Möglichkeiten und verschüttete Alternativen, um letztlich zur Orientierung in der gegenwärtigen Reformdiskussion beizutragen. Die knappe historische Analyse erfolgt auf der Grundlage von Primärquellen (Analysen, Zeitungsartikeln und Zahlenmaterial aus den Nachkriegsjahrzehnten selbst) sowie von Sekundärquellen (rückblickende Analysen der Nachkriegsreformen aus den 1970er bis 1990er Jahren). Die Analyse verdeutlicht, warum das Thema Strukturreform in beiden Ländern zu einem politischen Tabu wurde.

Die anschließende Analyse der Wirkweise heutiger Schulstrukturen auf Schüler mit Migrationshintergrund zeigt, dass sich in beiden Ländern strukturelle Elemente als Integrationshindernis erweisen. Über lange Zeit gültige ausländerpolitische Positionen haben in beiden Ländern zu Formen direkter und indirekter institutioneller Diskriminierung geführt, die sich bis heute auch in den Strukturen der Bildungssysteme widerspiegeln. Dies wird deutlich durch eine Skizzierung der Wechselwirkung zwischen ausländer-politischer Positionierung und verfolgter Bildungspolitik, die auf Grundlage der Analysen ausgewählter Soziologen, bzw. Bildungsforscher des jeweiligen Landes erfolgt. Für Frankreich sind dies vor allem Texte der Soziologen Bourdieu und Weil, für Deutschland Untersuchungen der Bildungsforscher Hansen und Wenning sowie zwei entsprechende Erlasse der Kultusministerkonferenz (KMK).

Die Analyse der Schulstrukturen erfolgt ferner auf Grundlage der PISA-Erhebung 2003 sowie zahlreicher Befunde der Bildungsforschung der 1990er Jahre bis 2006. Das spezifische statistische Material für Frankreich stammt vornehmlich aus Publikationen des Institut National de la Statistique et des Etudes Economiques (INSEE) sowie des Ministère de l’Education National (MEN). Die statistischen Angaben zu Deutschland beruhen hauptsächlich auf Befunden der beiden PISA-Erweiterungsstudien (PISA-E 2000 und 2003) des Deutschen PISA-Konsortiums sowie auf Quellen des Statistischen Bundesamtes Wiesbaden.

Auf der Grundlage der ausgewerteten Befunde der Bildungsforschung kann anschließend der gegenwärtige bildungspolitische Diskurs im Hinblick auf Anzeichen einer Enttabuisierung des Themas Strukturreform untersucht werden. Auf der Basis aktueller Gesetzestexte und diskutierter Reformvorhaben (für Deutschland werden exemplarisch die Reformmaßnahmen Bayerns und NRWs ausgewertet) wird untersucht, ob sich nunmehr eine neue Bereitschaft zu einer grundlegenden Reformdiskussion, bzw. konkreten Reformschritten abzeichnet, die auch die Frage strukturellen Reformbedarfs zur Eliminierung institutioneller Diskriminierung nicht ausblendet.

Abschließend werden die gewonnenen Befunde für den Weg zu einer integrationsorientierten Bildungspolitik zusammengefasst. Die Frage der Ausgestaltung des Reformweges in Frankreich und Deutschland ist nach wie vor offen. Die notwendigen Reformen drohen in der Auseinandersetzung über Detailfragen in den Hintergrund zu rücken.

Introduction:

Le débat actuel sur l’intégration, attisé par les émeutes des banlieues et la question du voile en France, et en Allemagne par la discussion sur les questionnaires de naturalisation et la décision d’une école berlinoise d’obliger ses élèves à parler allemand dans l’enceinte de l’école, illustre qu’au milieu de nos sociétés modernes, libérales dans leur perception d’elles-mêmes, une nouvelle classe sociale défavorisée s’est développée. Elle se compose des travailleurs immigrés de la première et deuxième génération. Les disparités sociales croissantes, les taux de chômage structurel élevés et la violence qui s’accentue montrent bien la nécessité pour la France et l’Allemagne de trouver de nouvelles solutions pour la gestion de l’immigration et l’intégration. Les systèmes scolaires constituent un point important dans cette question, dans la mesure où ils préparent les élèves à la vie professionnelle et se révèlent déterminants pour leur carrière et leur future position sociale. Ils peuvent ainsi exercer une fonction d’intégration importante.

Dans ce travail, il s’agit de se concentrer sur les structures scolaires des deux pays et de demander dans quelle mesure ces structures constituent un frein à l’intégration. En même temps, il est nécessaire de comprendre les difficultés liées au traitement de ce sujet sur les scènes politiques française et allemande. Pour ce faire, il convient dans un premier temps de faire une analyse rétrospective des trois décennies après 1945, époque à laquelle les bases des structures actuelles ont été posées. Sur cette base, il est possible dans un deuxième temps d’approcher les données actuelles que la science de l’éducation empirique fournit sur la situation des enfants d’immigrés.

Notamment l’étude PISA88 offre des données importantes montrant que les structures scolaires en France et en Allemagne se révèlent discriminatoires envers les enfants d’immigrés. Malgré la clarté des données scientifiques, le débat actuel sur l’intégration, qui constitue le troisième temps de l’analyse, reste ambigu. Le débat mené et les mesures prises récemment sont examinés à la recherche de premiers signes de ruptures du tabou qu’ont constitué les structures scolaires pendant les décennies passées.

Inhaltsverzeichnis:

1. EINLEITUNG 1
1.1 PROBLEMSTELLUNG UND RELEVANZ 1
1.2 POLITIKWISSENSCHAFTLICHE EINORDNUNG 2
1.3 METHODIK UND AUFBAU DER ARBEIT 3
2. WARUM SIND DIE SCHULSTRUKTUREN IN FRANKREICH UND DEUTSCHLAND EIN BILDUNGSPOLITISCHES TABU? 5
2.1 DIE BILDUNGSPOLITIK DER NACHKRIEGSZEIT: MODERNISIERUNG UNTER WAHRUNG DER STRUKTUREN 6
2.1.1 Die Strukturreform von 1959 in Frankreich: Wahlmöglichkeiten innerhalb einer selektiven Schulstruktur 6
2.1.2 „Restauration statt Neuaufbau“ - die strukturkonservative Prämisse der bildungspolitischen Reformdebatte der alten Bundesrepublik 9
2.2 DIE VERPASSTE CHANCE ZUR STRUKTURREFORM 12
2.2.1 Einzelmaßnahmen in Frankreich vermindern die soziale Selektion nicht, sie zementieren sie 12
2.2.2 Die Gesamtschuldebatte der 1970er Jahre in Deutschland – ideologische Polarisierung verdrängt die empirische Bildungsforschung 16
3. BEFUNDE DER BILDUNGSFORSCHUNG: DIE SCHULSTRUKTUREN DISKRIMINIEREN SCHÜLER MIT MIGRATIONSHINTERGRUND 20
3.1 DIE FRÜHE SELEKTION SORGT FÜR AUSGRENZUNG DER SCHÜLER MIT MIGRATIONSHINTERGRUND 21
3.1.1 Die Selektion im französischen System erfolgt versteckt 22
3.1.2 Ausgrenzung trotz universalistischer Bildungsideologie 23
3.1.3 Diskriminierung der Migrantenkinder als Folge der ‚Gastarbeiter’-Ideologie 27
3.2 DIE FRÜHE SELEKTION REDUZIERT DIE BILDUNGSCHANCEN FÜR SCHÜLER MIT MIGRATIONSHINTERGRUND 33
3.2.1 Die Selektion im französischen Bildungssystem bewahrt die Privilegien der Eliten 33
3.2.2 Die soziale Selektion im Deutschen Bildungssystem erfolgt durch Wahl des Schultyps 39
3.3 Mangelnde Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den Arbeitsmarkt 46
3.3.1 Überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit in Frankreich bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund 46
3.3.2 Hauptschüler mit Migrationshintergrund in Deutschland - ein Weg ins soziale Abseits 47
4. REALITÄTSSCHOCK? BEGINN EINES GESELLSCHAFTSPOLITISCHEN DISKURSES ÜBER DIE INTEGRATION DER MIGRANTEN 51
4.1 DURCH DIE JÜNGSTEN SCHULGESETZE WERDEN EINZELNE STRUKTURELLE REFORMMAßNAHMEN AUF DEN WEG GEBRACHT 51
4.1.1 Die Schule im 21. Jahrhundert – neue Fokussierung des Kernproblems des französischen Bildungssystems 52
4.1.2 Der PISA-Schock in Deutschland: Leistung und Integration – die Herausforderung einer mehrdimensionalen Bildungspolitik 58
4.2 ZIELE UND FÖRDERMAßNAHMEN SIND NICHT KONGRUENT 63
4.2.1 Das Schulgesetz vom April 2005 in Frankreich - eine Reform bei konstanten Strukturen 63
4.2.2 Deutschlands Politiker scheuen die Auseinandersetzung um die „Systemfrage“ Chancengleichheit versus Leistungsstand 68
5. FAZIT: FOLGERUNGEN FÜR DEN WEG ZU EINER INTEGRATIONS-ORIENTIERTEN BILDUNGSPOLITIK 73
6. ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 77
7. LITERATURVERZEICHNIS 78
8. ANNEX 87
9. RÉSUMÉ EN FRANÇAIS 103

Automatisiert erstellter Textauszug:

werden. In Annex 8 wird der Einfluss verschiedener familiärer Hintergrundmerkmale auf die Mathematikleistungen dargestellt. Zu den Merkmalen zählen die berufliche Stellung der Eltern, der Bildungsabschluss der Eltern (umgerechnet in Bildungsjahre), mit „klassischer“ Kultur verbundene Besitztümer, die Familienstruktur, die Staatsangehörigkeit der Schüler und ihrer Eltern sowie die im Elternhaus gesprochene Sprache. In Frankreich sind demnach insgesamt 18,6% der Varianz der Mathematikleistungen auf den kombinierten Effekt dieser Variablen zurückzuführen, was einem Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Hintergrundfaktoren und Schülerleistungen entspricht, der deutlich über dem OECD- Durchschnittswert von 17% liegt. Der Zusammenhang zeigt den Einfluss externer, schulfremder Faktoren auf den Schulerfolg, anders ausgedrückt das Maß, in dem es der Schule misslingt, den Einfluss unterschiedlicher Startvoraussetzungen zu kompensieren. Besonders negativ wirkt sich das Fehlen „klassischer“ Kulturgüter47 im Elternhaus aus. 3,7% der Varianz der Schülerleistungen sind auf diesen Faktor zurückzuführen, womit die Stärke des Zusammenhangs sowohl deutlich über dem OECD Durchschnitt von 2,3% liegt als auch absolut gesehen in nur vier OECDLändern stärker ausfällt als in Frankreich. Ein zweiter Faktor, der mit 3,8% der Leistungsvarianz stark ins Gewicht fällt, ist die berufliche Stellung der Eltern. Die Wahrscheinlichkeit, im unteren Bereich der Mathematikleistungen zu liegen, ist in Frankreich 2,2mal so hoch, wenn die Eltern einen geringen beruflichen Status besitzen (OECD 2004: 188). Auch der Zusammenhang zwischen Schülerleistungen in Mathematik und dem Migrationshintergrund ist mit 0,6% deutlich stärker als im Durchschnitt der OECD-Staaten (0,1%). Da besonders bei Schülern mit Migrationshintergrund mehrere der genannten Hintergrundfaktoren zusammentreffen, die den Bildungserfolg negativ beeinflussen, treten besonders hohe Leistungsdifferenzen zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund auf (siehe Annex 9). Die Kinder der ersten Ausländergeneration erreichen durchweg einen erheblich niedrigeren Mittelwert als Schüler mit mindestens einem im Inland geborenen Elternteil. [...]

Diese Vorbereitungsklassen, die für den Zugang zu den karriereträchtigen grandes écoles – der Spitze der französischen Bildungspyramide – ausbilden, setzten sich 2004/ 2005 im ersten Jahr der Ausbildung zu 95,1% aus den 52% des Jahrgangs zusammen, die ein baccalauréat général absolvierten. Während der technologische Zweig, dessen Abschlussprüfung immerhin 29% des Jahrgangs absolvierten, mit nur 4,1% vertreten ist, haben die 18,9% des berufsbildenen Abiturtyps praktisch keine Chance, in eine der Vorbereitungsklassen aufgenommen zu werden. Die Absolventen des naturwissenschaftlichen Abschlusses (26%) haben mit Abstand die besten Chancen, in eine CPGE aufgenommen zu werden. Sie stellen 72,6% der Teilnehmer. Ausgehend von dieser Wertigkeit des Abschlusses der Sekundarstufe II, ist in Hinblick auf zukünftige Berufschancen ein Blick auf die Verteilung der Schüler mit Migrationshintergrund aufschlussreich und beunruhigend zugleich. [...]

Wirkung auf Schüler mit Migrationshintergrund erfordert für Frankreich eine Fokussierung auf den Selektionsgrad interner Strukturen – der externe Aufbau suggeriert seit der Reform Haby eine formale Gleichheit – während im Blick auf Deutschland der Selektionsgrad des externen Aufbaus der Strukturen im Vordergrund steht. Obgleich dabei zunächst die Frage interessant erscheint, in welchem System die fokussierte Schülergruppe stärker von Selektion betroffen ist, so erscheint es wenig sinnvoll, den Selektionsgrad in einer konkreten Zahl beziffern zu wollen, die weder Auskunft gibt über das Selektionskriterium, den Zeitpunkt der Selektion, noch über die Endgültigkeit der Selektionsentscheidungen. Entscheidend ist daher die Frage, durch welche Mechanismen selektiert wird und wie sich diese Selektion auf das Leistungsniveau der Schüler mit Migrationshintergrund auswirkt. [...]

Arbeit zitieren:
Münstermann, Hanna April 2006: Ein politisches Tabu auf dem Prüfstand: Die Schulstruktur als Integrationshindernis in Deutschland und Frankreich, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Bildungspolitik, Bildungsforschung, PISA, Integration, Schulsystem

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