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Der politische Islamismus in der Türkei

Der politische Islamismus in der Türkei
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Emel Kis
  • Abgabedatum: Januar 2003
  • Umfang: 129 Seiten
  • Dateigröße: 722,2 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Leopold-Franzens-Universität Innsbruck Österreich
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-6850-7
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-6850-7 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-6850-7 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Kis, Emel Januar 2003: Der politische Islamismus in der Türkei, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Geschichte der Türkei, Fundamentalismus, Politisches System der Türkei, Neo-Osmanismus

Magisterarbeit von Emel Kis

Einleitung:

Als bei den Parlamentswahlen am 24. Dezember 1995 die islamistische Wohlfahrtspartei Necmettin Erbakans mit 22 % als stärkste Partei hervorging, versetzte dies Europa, das türkische Militär und die westlich gesinnten TürkInnen in Aufruhr. Erst nach diesen Wahlen fingen die westlichen Medien an sich mit dem Problem des radikalen politischen Islams in der Türkei zu beschäftigen. So wurde in Europa und in der Türkei gleichermaßen befürchtet, dass die Verwestlichung der Türkei, die seit der Ausrufung der Republik durch Atatürk begonnen hatte, beendet werden würde. Zusätzlich wird der Islam im Hinblick auf die wachsende Anzahl der muslimischen Einwanderer in West- und Mitteleuropa für eines der Hindernisse des europäischen Integrationsprozesses gehalten.

In meiner Diplomarbeit möchte ich herausfinden, wie groß die Gefahr vom politischen Islamismus auf den säkularen türkischen Staat besteht. In diesem Zusammenhang möchte ich auch den Richtungskampf zwischen den Kemalisten, die eine Europabindung der Türkei beibehalten und sie durch eine EU-Mitgliedschaft vertiefen wollen und den „Neuen Osmanen“, die den pantürkischen Islamismus anstreben, untersuchen.

Im I. Teil meiner Arbeit gehe ich sehr detailliert in die osmanische und republikanische Geschichte der Türkei ein, um zu zeigen, dass Modernisierungsreformen in der Türkei nicht mit Atatürk angefangen haben. Vielmehr sehe ich die kemalistischen Reformen als die Fortsetzung der spätosmanischen Modernisierungsversuche. Meiner Meinung nach kann das Erstarken der Islamisten und die Sonderstellung der türkischen Armee nur im Zusammenhang mit dem Kennen der türkischen Geschichte verständlich werden.

Im II. Teil meiner Diplomarbeit gehe ich auf die gegenwärtigen Entwicklungen in der Türkei ein. Spätestens nach den Wahlen vom 3. November 2002 steht fest, dass der Islamismus eine politische Kraft geworden ist, die nicht mehr übergangen oder durch Verbote aus der Welt geschaffen werden kann. Der Führungsanspruch der „Neuen Osmanen“, aus dessen Lager auch der Wahlsieger Recep Tayyip Erdogan kommt, sind politische Tatsachen.

Ich versuche im II. Teil der Diplomarbeit herauszufinden, was die Islamisten wollen. Streben sie einen Gottesstaat oder ein neues Osmanisches Reich an? Oder können wir vom türkischen Islamismus als einer „islamistischen Version der Demokratie“ sprechen? Würden sich die islamistischen Parteien, wie vergleichsweise die säkularen christlich-demokratischen Parteien Westeuropas, zu Organisationen und Trägern des demokratischen Establishments werden?

In diesem gesellschaftlichen Prozess ist natürlich auch die Sonderstellung der türkischen Streitkräfte von großer Bedeutung. In Kapitel 10 werde ich mich näher mit ihrer Rolle in der türkischen Gesellschaft und Politik beschäftigen. Weiters werde ich versuchen herauszufinden, welche Rolle das Militär im Kampf gegen den islamischen Fundamentalismus und politischen Islamismus spielt.

Inhaltsverzeichnis:

1. EINLEITUNG 4
I. TEIL 6
2. DAS OSMANISCHE REICH 6
2.1 DIE GRÜNDUNG DES OSMANISCHEN REICHES 6
2.2 DIE TANZIMAT-ZEIT 8
2.3 DIE HOHEITLICHE VERORDNUNG 11
2.3.2 Die Alleinherrschaft Abdülhamits II. 15
2.4 EINE TÜRKISCHE NATIONALIDEE ENTSTEHT 17
2.5 DIE JUNGTÜRKEN: „EINHEIT UND FORTSCHRITT“ 20
2.5.1 Die jungtürkische Revolution 22
3. DAS REICH GEHT UNTER 24
3.1 DER TÜRKISCHE BEFREIUNGSKAMPF GEGEN DIE ENTENTE-MÄCHTE UND DEN SULTAN 24
3.2 DIE REFORMEN MUSTAFA KEMALS 26
3.3 DER ZENTRUM-PERIPHERIE-GEGENSATZ 28
4. DIE IDEOLOGIE DES KEMALISMUS 31
3.1 ANALYSE DER KEMALISTISCHEN PRINZIPIEN 31
4.2 DIE IDEOLOGIE IN DER KEMALISTISCHEN TÜRKEI 1919-1939 34
5. DIE TÜRKEI NACH DEM ZWEITEN WELTKRIEG 43
5.1 DER ÜBERGANG VOM EINPARTEIEN- ZUM MEHRPARTEIENSYSTEM 43
5.2 DIE POLITISCHE WENDE DES JAHRES 1950 44
5.3 DER MILITÄRPUTSCH VOM 27. MAI 1960 45
5.4 DAS MEMORANDUM VOM 12. MÄRZ 1971 47
5.5 DER MILITÄRPUTSCH VOM 12. SEPTEMBER 1980 UND SEINE FOLGEN 49
5.6 DIE ÄRA TURGUT ÖZAL 51
6. DIE TÜRKEI IM AUFBRUCH: DIE HERAUSFORDERUNG DURCH DIE „NEUEN OSMANEN“ - WOHIN TREIBT DIE KEMALISTISCHE REPUBLIK? 52
5.1 DIE RAHMENBEDINGUNGEN ZUM AUFSTIEG ERBAKANS 52
6.2 NECMETTIN ERBAKANS POLITISCHE LAUFBAHN 55
6.3 DER STURZ ERBAKANS DURCH DAS MILITÄR 57
6.4 WAS HAT ERBAKAN ERREICHT? 60
6.5 DIE TÜRKEI UND IHRE NACHBARN: DIE ERFINDUNG DES NEO-OSMANISMUS 62
II. TEIL 64
7. RELIGION UND STAAT 64
7.1 DAS AMT FÜR RELIGIÖSE ANGELEGENHEITEN 64
7.2 STAATLICHE IMAM-HATIP-SCHULEN 66
8. WIRD DIE TÜRKEI ENTWESTLICHT ODER DE-SÄKULARISIERT? 70
8.1 VON DER WESTORIENTIERUNG ZUM ISLAMISMUS 70
8.2 ENTWESTLICHUNG DER TÜRKEI? 73
8.2.1 Die vergangenen säkularen Reformen 73
8.2.2 Die Wiedergeburt des Islamismus 73
8.3 EINE VERBINDUNG VON ISLAMISMUS UND NEO-OSMANISMUS 76
9. VOM SÄKULAREN KEMALISMUS ZUM PANTÜRKISCHEN ISLAMISMUS 79
9.1 DIE POLITISIERUNG DES ISLAM IST KEINE RE-ISLAMISIERUNG 79
9.2 ISLAMISIERUNG UND „TARIKAT“-ORDEN 80
9.2.1 Der Nakschibendi-Orden 82
9.2.2 Der Nurcu - Orden 83
9.2.3 Der Süleymanci - Orden 84
9.2.4 Die Haltung des Militärs zu den Orden 85
9.3 SÄKULARISIERUNG VON OBEN - DESÄKULARISIERUNG VON UNTEN 86
9.3.1 Auf dem Weg zu einer modernen Gesellschaft? 89
10. DIE TÜRKEI IM LICHTE DES ISLAMISCHEN ERBES 91
10.1 DIE OSMANISCHE GESCHICHTE IM NEUEN LICHT 91
10.1.1 Die deprimierende Gegenwart 92
10.1.2 Der idealisierende Blick auf die Geschichte 93
11. DER KAMPF DES MILITÄRS GEGEN DEN FUNDAMENTALISMUS 96
11.1 DER NATIONALE SICHERHEITSRAT (MILLI GÜVENLIK KURULU, MGK) 96
11.2 DER EINFLUSS DES MILITÄRS AUF DIE TÜRKISCHE INNENPOLITIK 97
11.3 DIE WIRTSCHAFTLICHE MACHT DES MILITÄRS 98
11.4 DIE VERFASSUNGSÄNDERUNG VOM OKTOBER 2001 99
12. DIE VORGEZOGENEN PARLAMENTSWAHLEN VOM 3. NOVEMBER 2002 101
12.1 ANALYSE DER WAHLEN 101
12.2 DIE REAKTIONEN DER EU UND DER TÜRKISCHEN ARMEE 107
12.3 WER IST RECEP TAYYIP ERDOGAN? 108
13. PROBLEME UND PERSPEKTIVEN IN DER TÜRKISCHEN POLITIK UND GESELLSCHAFT 110
13.1 PROBLEME IN DER TÜRKISCHEN POLITIK UND GESELLSCHAFT 110
13.2 DIE ROLLE DES ISLAM 112
13.3 PERSPEKTIVEN IN DER TÜRKISCHEN POLITIK UND GESELLSCHAFT 114
14. RESÜMEE UND KRITISCHE REFLEXIONEN 118
15. ANHANG 120
15.1 ABKÜRZUNGEN UND KURZMERKMALE VON IM TEXT ERWÄHNTEN PARTEIEN 120
16. LITERATURVERZEICHNIS 122

Automatisiert erstellter Textauszug:

6.4 Was hat Erbakan erreicht? Erbakan war in erster Linie bestrebt seinen politischen Kurs durch einen Marsch durch die Institutionen und durch den Ausbau der von den Islamisten dominierten Imam-Hatip-Schulen durchzusetzen. In diesen Imam-Hatip-Schulen wird die Rekrutierung der neuen türkischen Eliten der Zukunft betrieben, die langfristig durch Unterwanderung des Staatsapparates die kemalistischen Führungskräfte ersetzen sollen. So war auch eines der ersten Schritte der Regierung unter Mesut Yilmaz die Imam-Hatip-Schulen unter staatliche Kontrolle zu bringen, und den Zulauf nach der fünfjährigen Grundschule zu unterbinden, deshalb wurde die Pflichtschuldauer auf acht Jahre verlängert. Bassam Tibi glaubt nicht, dass die Türkei jemals ein zweites Iran werden könnte. "In Wirklichkeit sind beide Länder derart grundverschieden, dass ein Vergleich auf diesem sensationshungrigen Niveau unzulässig ist. Einen Gottesstaat wird es in der Türkei nicht geben, auch wenn es den Fundamentalisten gelänge, erneut die politische Macht zu erobern. Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, dass die Türkei ihre europäische Orientierung aufgibt. Aber selbst, wenn dies je passieren sollte, bleibt die Türkei der geopolitischer Gegner und Konkurrent des Iran. Dies war während der osmanischen Geschichte der Fall und ist ebenso in der Geopolitik der Zeit nach dem OstWest-Konflikt gültig."68 Es besteht jedoch der gefährliche Trend, dass die islamistischen [...]

Die Armee hatte ihr Ziel erreicht. Nicht sie forderte Erbakan zum Rücktritt auf, sondern Ciller forderte eine frühere Rotation im Ministerpräsidentenamt als jene, die im Koalitionsabkommen vorgesehen war. Sie war eine Marionette der Armee, die ihr Ziel erreicht hat. Erbakan hingegen wollte keinen Tausch, sondern Neuwahlen Doch Präsident Demirel beauftragte mit der Bildung der Regierung nicht wieder Erbakan, sondern den Vorsitzenden der kleineren Fraktion im Parlament, Mesut Yilmaz. Yilmaz brachte im Juli 1997 eine Koalitionsregierung unter hauptsächlicher Beteiligung der Demokratischen Linkspartei (Demokratik Sol Partisi, DSP) Ecevits zustande. Eine ihrer ersten Maßnahmen war die Schließung der Mittelstufen der Imam-Hatip-Schulen. Auch die Beziehungen zu Europa, die unter Erbakan sehr schlecht waren, wollte die Regierung Yilmaz wieder normalisieren. Im Jänner 1998 wurden Erbakan und zwei weitere führende Refah-Politiker für schuldig befunden gegen die säkulare Verfassung gehandelt zu haben. Dies bedeutete automatisch ein politisches Wiederbetätigungsverbot für fünf Jahre. Am 18. April 1999 wird die DSP bei den Wahlen mit 22,1 Prozent stärkste Fraktion. Die MHP erreicht 18,1 Prozent, die Tugendpartei (Fazilet Partisi, FP, Nachfolgepartei der RP) 15,2 Prozent, ANAP 13,2 Prozent und die DYP 12,1 Prozent. Ab dem 9. Juni 1999 wurde die Türkei von einer Koalition bestehend aus DSP, MHP und ANAP regiert. Am 10. Mai 2000 wurde Ahmet Nejdet Sezer zum 10. Staatspräsidenten der Türkei gewählt. Offensichtlich ist, dass der politische Islam durch drei deutliche Phasen gegangen ist: "First (1924-1972) it was permitted to operate not at all, or in only brief bursts of activity. Secondly (1972-1991) it became a sustained, tolerated minority group, playing a part in power for the early part of this period, contributing considerably towards the general growth of Islam, but with no real hope of gaining an electoral majority. They did, however, succesively establish, rethink, 59 [...]

einberufen und ein 18 Punkte umfassender Forderungskatalog wurde der Regierung vorgelegt. Im Mittelpunkt stand die signifikante und rasche Zurückdrängung der islamistischen Elemente in der Regierungsführung. Diese Forderung war mit einem ultimativen Realisierungsbefehl verbunden. Dies bedeutete auch den Auftakt zum Sturz der Regierung. Die Armee suchte sich gezielt das schwächste Glied in der Regierung: Tansu Ciller. Mit ihrem Seitenwechsel, ihrer Erpressbarkeit aufgrund laufender Korruptionsanschuldigungen und ihrem unverhohlenen Machtstreben war sie die ideale politische Zielscheibe. Die Folge der Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates war eine deutliche Beschneidung der Regierungskompetenzen und der Zwang, sich wieder auf die Linie Atatürks zu begeben. Die Aufweichung der klaren Trennung zwischen Staat und Religion und die Abweichung von Grundprinzipien des kemalistischen Einheitsstaates wurde so auf Druck der Armee rückgängig gemacht. Die Frage der Erziehung wurde zu einem Schlüsselthema. Das Militär forderte die Einschränkung der religiösen Erziehung. Vor allem in den letzten Jahrzehnten wurde die religiöse Erziehung von allen konservativen Regierungen Ankaras offen oder halboffen gefördert. So ist auch die Zahl der Imam-Hatip Schulen stark gestiegen. Diese Schulen waren ursprünglich für die Ausbildung von Predigern und Vorbetern gedacht. 1949 gab es 50 Absolventen der Imam-Hatip Schulen, 1993/94 bereits eine halbe Million. Turgut Özal hatte auch den Zugang zu den Universitäten für Imam-Hatip Absolventen geöffnet. Ministerpräsident Erbakan stand jetzt unter starkem Druck. Die Erziehungsfrage wurde zu einem nationalen Sicherheitsproblem hochstilisiert. Die Regierung wurde in diesem Bereich entmachtet. Ein Großteil der Bevölkerung, Opposition und andere öffentliche Institutionen befürworteten die Vorschläge der Armee. Mit diesem markanten Ziehen an den politischen Zügeln hat die Armeeführung einen offenen Staatsstreich umgangen. Neben dem Druck der Armee gab es auch innerhalb der DYP deutliche Absprungstendenzen. Rücktritte von DYPMinistern schwächten die Koalition, und es gab keine ausreichende Stimmenmehrheit mehr im Parlament. Tansu Ciller wechselte laufend die [...]

Arbeit zitieren:
Kis, Emel Januar 2003: Der politische Islamismus in der Türkei, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Geschichte der Türkei, Fundamentalismus, Politisches System der Türkei, Neo-Osmanismus

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