Die literarische Verarbeitung des Antigone-Mythos im deutschen Theater des 20. Jahrhunderts
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Birte Kulder
- Abgabedatum: September 2001
- Umfang: 138 Seiten
- Dateigröße: 964,5 KB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Philipps-Universität Marburg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-6072-3
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-6072-3 P - ISBN (CD) :978-3-8324-6072-3 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Kulder, Birte September 2001: Die literarische Verarbeitung des Antigone-Mythos im deutschen Theater des 20. Jahrhunderts, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Mythenrezeption, Widerstand gegen die Obrigkeit, Sophokles, Bertolt Brecht, Antikenrezeptiontion
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Magisterarbeit von Birte Kulder
Einleitung:
Jährlich sehen etwa 750 000 Menschen in Deutschland ein antikes Drama. Damit machen antike Tragödien etwa ein Prozent des Repertoires deutschsprachiger Theater aus. Hinzu kommt eine Reihe von modernen Bearbeitungen antiker Sujets. Antikerezeption kann man in fast allen Bereichen des kulturellen Lebens feststellen. Diese Untersuchung beschränkt sich auf die literarische Verarbeitung des Antigone-Mythos im Bereich des modernen Theaters. Dieser Mythos wurde exemplarisch ausgewählt aufgrund seiner starken Präsenz auf deutschen Bühnen und wegen der großen Anzahl und Verschiedenartigkeit der Bearbeitungen im deutschsprachigen Raum. Wichtig ist, daß die antike Tragödie des Sophokles selbst nicht Gegenstand der Untersuchung sein wird, sondern deren Rezeption und literarische Verarbeitung auf dem Theater.
Dennoch wird zunächst eine Einführung in den antiken Antigone-Mythos gegeben, wobei das Hauptaugenmerk auf der Tragödie des Sophokles liegt. Diese Informationen sind notwendig, da zwischen der literarischen Verarbeitung im 20. Jahrhundert und der antiken Vorlage intertextuelle Bezüge bestehen - das moderne Stück muß immer auf der Grundlage seiner Vorlage betrachtet werden. Andererseits üben auch die Verarbeitungen der literarischen Moderne Einfluß auf die Tragödie des Sophokles aus. Durch diese Neuinterpretationen des antiken Mythos öffnen sich auch neue Deutungsansätze für die Antigone aus dem Jahr 442 v.Chr.
Für die Untersuchung wurde ein stoffgeschichtlicher Ansatz gewählt. Die einzelnen Stücke werden in chronologischer Reihenfolge einzeln untersucht, dabei wird auch der historische, soziologische, politische und theaterpraktische Ort der Mythen-Variante erläutert.
Die untersuchten Dramen: Die untersuchten Stücke reichen von der einfachen Bearbeitung bis hin zur Veränderung des Fabelverlaufs. Zur Jahrhundertwende greift Hugo von Hofmannsthal den Antigone-Mythos auf und verfaßt ein Vorspiel zur Antigone des Sophokles. Fünfzehn Jahre später gibt der durch seine Rassentheorie bekannt gewordene Houston Stewart Chamberlain mit dem Tod der Antigone seine Deutung des antiken Mythos.
Während des ersten Weltkriegs entsteht Walter Hasenclevers Antigone als Plädoyer gegen Krieg und Despotismus. Max Mell dagegen verfolgt in den Sieben gegen Theben einen weniger kritischen Ansatz.
Als herausragendes Stück erscheint bei den deutschen Bearbeitungen die Variante von Bertolt Brecht. Auch er nimmt eine radikale Neuinterpretation des antiken Mythos vor. Danach werden zwei weitere, eher theaterpraktisch orientierte Bearbeitungen der Sophokleischen Antigone untersucht. Claus Bremer sowie Martin Walser und Edgar Selge wollen nicht die antike Fabel verändern, sondern eher eine Anpassung an modernes Theater vornehmen.
Diese Arbeit belegt die aktuelle Gültigkeit des antiken Mythos von Antigone. Verglichen mit den zeitgenössischen Bearbeitungen des Stoffes besticht dieser gerade durch seine Zeitlosigkeit.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 4 |
| 2. | Benutzte Übersetzungen | 7 |
| 3. | Warum werden antike Mythen rezipiert? | 9 |
| 4. | Der Antigone-Mythos | 14 |
| 1) | Inhaltsangabe der Antigone des Sophokles | 14 |
| 2) | Stammbaum der Antigone | 18 |
| 3) | Der Antigone-Mythos vor Sophokles | 19 |
| 4) | Der innovative Charakter der Antigone des Sophokles | 21 |
| 5) | Weitere antike Versionen des Antigone-Mythos | 22 |
| 6) | Der Grundmythos | 23 |
| 7) | Die Rezeption des antiken Antigone-Mythos | 25 |
| 5. | Hugo von Hofmannsthal: Vorspiel zur Antigone des Sophokles | 27 |
| 1) | Entstehungskontext | 27 |
| 2) | Inhalt und Aufbau | 28 |
| 3) | Der Genius als Verbindung zwischen dem Vorspiel und der Antigone | 29 |
| 4) | Hofmannsthals Verhältnis zur Antike | 30 |
| 5) | Hofmannsthals Sicht des Antigone-Mythos | 32 |
| 6) | Mittel der Erkenntnis im Vorspiel | 35 |
| 6. | Houston Stewart Chamberlain: Der Tod der Antigone | 38 |
| 1) | Entstehungskontext | 38 |
| 2) | Chamberlains Griechenbild | 39 |
| 3) | Inhalt und Aufbau | 40 |
| 4) | Heldentum und Genialität | 42 |
| 5) | Tragischer Konflikt und Handlungsmotivation | 43 |
| 6) | Kritik am Tod der Antigone | 46 |
| 7. | Walter Hasenclever: Antigone | 48 |
| 1) | Entstehungskontext | 48 |
| 2) | Inhalt und Aufbau | 49 |
| 3) | Die Orientierung an Sophokles als Möglichkeit für politisches Engagement | 50 |
| 4) | Pazifismus | 52 |
| 5) | Sozialkritik | 55 |
| 6) | Christliche Motive | 59 |
| 8. | Max Mell: Die Sieben gegen Theben | 63 |
| 1) | Entstehungskontext | 63 |
| 2) | Inhalt und Aufbau | 64 |
| 3) | Antigones Handlungsmotive | 67 |
| 4) | Willensfreiheit versus Schicksalsglauben | 68 |
| 5) | Das Motiv der Erde | 70 |
| 9. | Bertolt Brecht: Die Antigone des Sophokles. Nach der Hölderlinschen Übertragung für die Bühne bearbeitet | 71 |
| 1) | Entstehungskontext | 71 |
| 2) | Brecht und die literarische Tradition | 72 |
| 3) | Inhalt und Aufbau | 73 |
| 4) | Aktuelle Bezüge: Vorspiel und Prolog | 75 |
| 5) | „Durchrationalisierung“ des Mythos | 78 |
| 6) | Sozialkritik und Politisierung des Mythos | 81 |
| 7) | Antigonemodell 1948 | 85 |
| 10. | Claus Bremer: Antigone von Sophokles | 89 |
| 1) | Entstehungskontext | 89 |
| 2) | Bremers Übersetzungsansatz | 89 |
| 3) | Chor und Kommos | 91 |
| 4) | Die Inszenierung | 95 |
| 11. | Sophokles: Antigone. Übersetzt von Hölderlin. Bearbeitet von Martin Walser und Edgar Selge | 97 |
| 1) | Entstehungskontext | 97 |
| 2) | Inhalt und Aufbau | 98 |
| 3) | Der Prolog | 100 |
| 4) | Antigone oder die Unvernunft des Gewissens | 101 |
| 12. | Vergleichende Untersuchung der Chorlösungen | 103 |
| 13. | Schlusswort | 110 |
| 14. | Anhang: Die literarische Verarbeitung des Antigone-Mythos im internationalen Theater des 20. Jahrhunderts | 114 |
| 15. | Literaturverzeichnis | 116 |
| 1) | Werke aus der Antike | 116 |
| 2) | Zum antiken Drama allgemein | 116 |
| 3) | Zu Mythenrezeption allgemein | 117 |
| 4) | Zum Antigone-Mythos | 119 |
| 5) | Zu Hugo von Hofmannsthal | 121 |
| 6) | Zu Houston Stewart Chamberlain | 124 |
| 7) | Zu Walter Hasenclever | 125 |
| 8) | Zu Max Mell | 127 |
| 9) | Zu Bertolt Brecht | 128 |
| 10) | Zu Claus Bremer | 131 |
| 11) | Zu Martin Walser und Edgar Selge | 132 |
| 12) | Zum Chorvergleich | 133 |
| 13) | Sonstiges | 134 |
Wichtiger sind die christlichen Aspekte jedoch bei Antigone. Sie ist eine Art Prophetin mit ausgeprägtem Sendungsbewußtsein. Sie will ein Beispiel für Respekt und Hingabe zu einem Toten geben, indem sie Polyneikes bestattet. Diese Hingabe ist aber nur ein Vorwand für Antigone, ihr Kampf geht eigentlich um die Wiederherstellung von Gottes Wort. In ihrem Verhalten und in ihren Worten zeigt sie Parallelen zu Jesus Christus. Besonders deutlich sind dabei die Motive der Nächstenliebe und der Selbstopferung, um die Menschen zu erlösen. Ihre Liebe zu Polyneikes wird zur allgemeinen Nächstenliebe.297 Dieses wird in der Auseinandersetzung mit Hämon deutlich. Schon in ihrer Beziehung zueinander ist das Liebesmotiv viel stärker akzentuiert als bei Sophokles, bei dem es gar nicht erst zu einem Dialog der beiden Figuren kommt. Antigone artikuliert hier ihre Auffassung von Liebe, die zu der von Hämon, der Liebe mit Ruhm gleichsetzt, in Opposition steht. [...]
Doch wird auch angesichts solch einer harschen Kritik an Hasenclevers Darstellung des Volks deutlich, daß die Menschen in Theben Not leiden und Angst haben. Durch ihre aus einem Mangel an ethischen und moralischen Normen resultierenden Orientierungslosigkeit können sie zu einer unberechenbaren Masse werden. Das Volk wird nicht anhand von individuellen Personen dargestellt, mit denen sich der Zuschauer oder Leser identifizieren könnte, sondern eher anhand der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. So stehen etwa die Alten den Jungen gegenüber, die Frauen den Männern, die Armen den wohlhabenderen Bürgern. Zu Beginn ist das Volk extrem schwankend und beeinflußbar, es hat eine eher passive Rolle inne. Protest wird zwar geäußert, aber nur die, bei denen das Elend am größten ist, wagen es, ihren Unmut Kreon gegenüber tatsächlich auszusprechen. Kreon greift angesichts solcher „Rebellen“ zu drastischen Mittel, die die Angst des Volks erklären können: Er läßt einen „Störenfried“ kurzerhand auspeitschen. [...]
54 Auch in ihrem Urteil über den Vatermord des Ödipus drückt sich ihre pazifistische Haltung aus. Schlimm ist nicht, daß er den eigenen Vater tötete, sondern der Mord eines Menschen an sich.265 Am deutlichsten wird ihre Meinung aber in ihrer zweiten Ansprache an das Volk,266 mit der sie es letztendlich auf ihre Seite bringt. Ihre Rede muß immer vor dem Hintergrund des realen Kriegsgeschehens des Ersten Weltkriegs gesehen werden, so erhält sie eine unvermittelte Aktualität und Brisanz.267 Hierbei spricht Antigone ihre Zuhörer direkt an und macht sie auf die möglichen persönlichen Verluste durch einen neuen Krieg aufmerksam. Dabei wird die Ohnmacht der einfachen Bevölkerung verdeutlicht. [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832460723
Arbeit zitieren:
Kulder, Birte September 2001: Die literarische Verarbeitung des Antigone-Mythos im deutschen Theater des 20. Jahrhunderts, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Mythenrezeption, Widerstand gegen die Obrigkeit, Sophokles, Bertolt Brecht, Antikenrezeptiontion



