Vom kollektiven Volkskörper zur Individualität - Patrick Süskinds Roman 'Das Parfum' vor dem Hintergrund der grotesken Tradition und des Diskurses der Moderne
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Johanna Macher
- Abgabedatum: April 2002
- Umfang: 110 Seiten
- Dateigröße: 477,5 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Westfälische Wilhelms-Universität Münster Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-9338-7
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-9338-7 P - ISBN (CD) :978-3-8324-9338-7 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Macher, Johanna April 2002: Vom kollektiven Volkskörper zur Individualität - Patrick Süskinds Roman 'Das Parfum' vor dem Hintergrund der grotesken Tradition und des Diskurses der Moderne, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Genie, Nihilismus, Ästhetik, Postmoderne, Künstler
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Magisterarbeit von Johanna Macher
Zusammenfassung:
Die Amoralität eines Ästheten ist ein Thema, das vielfach literarisch umgesetzt worden ist. Was es aber im Falle von Patrick Süskinds Parfum ungewöhnlich macht, ist das Gebiet, auf dem das ästhetische Prinzip zur Entfaltung kommt. So ephemer wie die Spuren, die der geniale Frauenmörder Grenouille laut Erzähler in der Geschichte hinterlässt, ist auch das Feld seiner schöpferischen Tätigkeit, „das flüchtige Reich der Gerüche“.
Mit dem Schöpferischen und dem Amoralismus sind hier bereits zwei Anknüpfungspunkte der vorliegenden Untersuchung benannt, die gleichzeitig in Richtung des Genie-Gedankens und desjenigen Denkers weisen, der sie aufs nachhaltigste zu einander in Beziehung setzte: Friedrich Nietzsche, für den allein der „Gaumen“ über den ästhetischen Wert entschied und der das Geschmacksurteil vom Ballast der Historie sowie der kanonischen Tradition befreit wissen wollte. In Süskinds Roman wird der Gaumen durch die Nase substituiert, der Effekt bleibt jedoch derselbe, ein Genie, das die Welt instinktiv und zugleich ästhetisierend wahrnimmt, ohne auf die durch einen Wertehorizont gegebenen Koordinaten zu rekurrieren.
Damit ist der Raum für eine Auseinandersetzung mit der Künstler-Thematik, die zweifelsohne das ‚Herzstück’ des Romans bildet, geöffnet und Das Parfum zeigt sich als eine intertextuelle Reise durch die Literatur- und Philosophiegeschichte der Moderne am Leitfaden der Genie-Ideologie. Süskinds parodistische Kritik am Genie-Begriff ergibt sich dabei aus der Darstellung von dessen fortschreitendem Verfall.
Der Roman zeichnet die Entwicklung des Genie-Gedankens von seinen Anfängen als schöpferische Potenz, die jedoch bereits das Stigma der Abnormität in sich trägt, über Monomanie bis hin zur artifiziellen Scharlatanerie nach. Unter einem historischen Blickwinkel betrachtet ist das achtzehnte Jahrhundert, die Zeit, in die Grenouille hineingeboren wird, ein Jahrhundert des Wandels, eines Wandels, der den Nährboden für das Aufkommen des Genie-Gedankens bildet. Während die Säkularisierung einerseits die Entzauberung der Welt mit sich bringt, führt sie andererseits zur Aufwertung des Menschen, der fortan die dem Göttlichen vorbehaltenen Prädikate auf sich selbst überträgt. War er traditionellerweise nur Geschöpf, die Schöpferwürde hingegen allein Gott vorbehalten, bezeugt das (Selbst-)Verständnis des Genies als Schöpfer die neue Autonomie des Individuums.
Auch der Empirismus sowie der Sensualismus stehen in einer engen Beziehung zum Genie-Gedanken. Sie tragen zu dessen Ausformung bei, indem sie der aus subjektiver sinnlicher Erfahrung gewonnenen Erkenntnis einen Vorrang vor spekulativer Vernunft und klassischer Metaphysik einräumen. Was aus beiden Autoritätsverlagerungen, der Säkularisierung auf der einen sowie der Hinwendung zur Sinneswahrnehmung auf der anderen Seite deutlich hervorgeht, ist das Gestalt annehmende Prinzip der Subjektivität als des Hauptmerkmals der Moderne.
Zwischen Prometheus, der Symbolfigur ungebrochener schöpferischer Kraft und dem steril-artifiziellen Ästhetizismus der Décadence erfährt der Genie-Begriff mehrere Umgestaltungen. Diesen Umgestaltungsprozess, der stets auch den geschichtlichen und ideologischen Wandel der jeweiligen Zeit transportiert bzw. in einer Wechselwirkung mit diesem steht, stellt der Roman exemplarisch an der Figur des „Geruchsgenies“ Grenouille dar. Wie die Geschichte des Abendlandes als eine Bewegung auf die Autonomie des Subjekts zu gelesen werden kann, so ist auch die Lebensgeschichte Grenouilles ein Streben nach Subjektivität.
Die Nase, ein im Zuge des Zivilisationsprozesses immer mehr in den Hintergrund rückendes, da zu sehr ins Tierische und Instinkthafte verweisendes Organ, spielt bei diesem Streben die zentrale Rolle. Darüber hinaus ist sie aufs engste mit der Ästhetik des Grotesken verknüpft. Neben Mund, Bauch und Phallus konstituiert sie den sich stets transformierenden, über sich selbst hinauswachsenden grotesken Körper. Innerhalb der Romanhandlung stellt sie das Verbindungsglied zwischen der Tradition des Grotesken und dem Gedankengut der Moderne dar. Sie bildet den Mittelpunkt, an welchem sich die verschiedenen, von Süskind zusammengefügten Traditionslinien überschneiden, über die unterschiedliche Diskurse der Moderne abgerufen werden, wobei die Leitideen dieser Epoche durch die grotesken Elemente eine Verzerrung und Verformung erfahren.
An der Figur des Anti-Helden Grenouille wird der Übergang von der vormodernen Zeit in die Moderne, vom mittelalterlichen völkischen Kollektiv zur Individualität simuliert. So finden sich in der Ausgestaltung der Hauptfigur und ihrer Biographie Elemente, die auf Aufklärung, Sturm und Drang, Romantik, und die Philosophie Nietzsches verweisen. Doch stets erscheinen sie in einer Verschränkung mit dem Grotesken.
Obgleich es Grenouille gelingt, sich in einem leitmotivischen Akt der Umkehrung von Leben und Tod dem Schoß, der ihn hervorbrachte, zu entringen und den langen Weg zur Individuation anzutreten, bleibt er sein Leben lang durch diesen stigmatisiert und trägt dieses Stigma in all die Sphären modernen Gedankenguts hinein, welche der Autor ihm eröffnet. Die Verformung, die diese dabei erfahren, basiert auf einem der Figur anhaftenden Manko: „Recht, Gewissen, Gott, Freude, Verantwortung, Demut, Dankbarkeit usw. – was damit ausgedrückt sein sollte, war und blieb ihm schleierhaft.“ Der Bereich der Ethik und Moral bleibt damit außen vor, und Grenouille hinterlässt in allen modernen Diskursen, die der Verfasser ihn durchlaufen lässt, eine nihilistische Spur. Ausgestattet mit für den modernen Menschen symptomatischen Denk- und Verhaltensweisen, stellt er dessen groteskes Zerrbild dar, eine Kunstfigur, an welcher der Wechsel der Gezeiten in der abendländischen Kultur, der Übergang von der vormodernen in die moderne Lebenswelt mit ihren zwei tragenden Prinzipien, der Rationalität und dem Schöpferischen, unter Ausblendung des moralischen Wertehorizonts simuliert wird.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 3 | |
| I. | Das Groteske | 6 |
| 1. | Seine Darstellungsart und Funktion | 6 |
| 2. | Das Groteske in Süskinds Roman | 12 |
| 2.1 | Die groteske Körperkonzeption | 15 |
| 2.1.1 | Geburt und Tod als Kreislauf | 15 |
| 2.1.2 | Deformation des Körpers | 26 |
| 2.2 | Karnevalisierung | 31 |
| 2.2.1 | Das Motiv der Maske | 32 |
| 2.2.2 | Das Prinzip der Inversion | 35 |
| 2.2.3 | Das Bachanal | 38 |
| II. | Die Moderne als Simulationsraum | 44 |
| 1. | Historische Einbettung der Geruchsthematik: Corbins Pesthauch und Blütenduft | 45 |
| 2. | Die Genese psychischer Vermögen ausgehend vom Geruchssinn: der Sensualismus Condillacs | 57 |
| 3. | Der Roman als Parodie auf die Genie-Ideologie | 66 |
| 3.1 | Das Originalgenie | 68 |
| 3.2 | Das romantische Genie | 75 |
| 3.3 | Das Genie der Décadence | 82 |
| 3.4 | Das Genie in der Philosophie Nietzsches | 89 |
| 4. | „Und dann geschah ein Wunder“ - die messianische Komponente | 95 |
| 5. | Grenouille als Zerrbild des modernen Menschen - ein Resümee vor dem Hintergrund von Taylors Das Unbehagen an der Moderne | 100 |
| Literaturverzeichnis | 106 |
Selbstverfallenheit und Selbstgenuss den zentralen Anknüpfungspunkt für die Einflechtung messianischer Elemente. In dieser Verbindung kehren sie noch mehrere Male wieder, etwa wenn Grenouille nach der bestandenen Aufnahmeprüfung bei Baldini „in seiner inneren Festung [...] eine gigantische Orgie mit Weihrauchqualm und Myrrhendampf, zu Ehren seiner selbst“ (S. 114) feiert. Während Weihrauch und Myrrhe hier auf die Gaben der drei Könige an den Messias240 verweisen, werden mit dem Motiv der „inneren Festung“ sowie der „Orgie“ sowohl die Allmachtsphantasien in der Einsiedlerhöhle als auch das Bachanal vorweggenommen, wodurch die in die christliche Tradition gehörenden Elemente als artifiziell überformt und dionysisch verschoben erscheinen. Ferner wird die Nacht des letzten Mordes als „Heilige Nacht“ (S. 279) bezeichnet, womit abermals eine Verbindung zum Selbsterschaffungstopos hergestellt wird, denn mit der Inbesitznahme dieses letzten Duftes, des Duftes von Laure Richis, der fortan seine eigene Aura bestimmen soll, gelangt Grenouille endlich „ans Ziel seiner Wünsche“ (S. 278). All diese Elemente weisen auf die Nähe zum heilsgeschichtlichen Kontext hin; das zentrale Motiv unter ihnen ist jedoch das des Wunders, über welches zudem die Verbindung zwischen der messianischen und der Genie-Thematik geschaffen wird. Es soll im folgenden näher betrachtet werden. Der Begriff „Wunder“ durchzieht den gesamten Text, erstmals wird er im Rahmen der Darstellung von Grenouilles erstem Auftritt in Baldinis Werkstatt verwendet. Die Vorstellung, die dieser dort geboten bekommt, und die er „zunächst mit spöttischer Distanz, dann mit Verwirrung und schließlich nur noch mit hilflosem Erstaunen“ beobachtet, erscheint ihm zuletzt als „schieres Wunder“ (S. 104), das der Erzähler mit folgendem Nachtrag kommentiert: „Und die Szene ätzte sich so in sein Gedächtnis ein, dass er sie bis ans Ende seiner Tage nicht mehr vergaß.“ (S. 104) Bezeichnenderweise leitet die Konfrontation Baldinis mit dem „olfaktorische[n] Genie“ (S. 99) die Vernachlässigung seiner religiösen Andacht ein: „Er ging auch nicht mehr hinüber nach Notre-Dame, um Gott zu danken [...] Ja, er vergaß an diesem Tag sogar zum ersten Mal, zur Nacht zu beten.“ (S. 112) Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet verkörpert Grenouille in der Tat das „antigöttliche Prinzip“, den „teuflischen Antitypus des Messias“241, was durch seine diabolischen Attribute zusätzlich gestützt wird. Er erscheint demnach von Anfang an nicht als Messias, sondern als der schon entlarvte [...]
96 christlichen Tradition, und daneben in der Geruchsthematik, verankern. Unmittelbar nach der Entbindung ereignet sich das Folgende: Dann aber, wegen der Hitze und des Gestanks, den sie [Grenouilles Mutter] als solchen nicht wahrnahm, sondern nur als etwas Unerträgliches, Betäubendes – wie ein Feld von Lilien oder wie ein enges Zimmer, in dem zuviel Narzissen stehen – , wurde sie ohnmächtig, kippte zur Seite, fiel unter dem Tisch hervor mitten auf die Straße und blieb dort liegen, das Messer in der Hand. (S. 8) Bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein ist die Vorstellung vom lieblichen Duft der Heiligen weit verbreitet. So besagt die Legende, dass die heilige Trévère einen Duft von Rosen, Lilien und Weihrauch verströmt haben soll, der heilige Cajétan einen von Orangen, die heilige Katharina einen Veilchenduft, und die heilige Theresia von Ávila einen von Jasmin und Schwertlilien.239 Wenn nun Grenouilles monströse, sowohl emotional als auch olfaktorisch in höchstem Maße abgestumpfte Mutter bei dem nicht minder monströsen Geburtsvorgang den sie umgebenden Fisch- und Kadavergestank als „ein Feld von Lilien“ wahrnimmt, wird allerdings schnell klar, dass die Bezüge zu mittelalterlichen Heiligenmythen mit parodistischer Absicht eingesetzt worden sind und an dem Sprössling nichts wirklich heilig oder gar messianisch ist. Der „Verwesungsbrodem“ (S. 7) wird von der degenerierten Mutter lediglich als eine Simulation von Lilien- und Narzissenduft wahrgenommen, womit sowohl auf die parfümistische Karriere Grenouilles, und damit auf seine Genialität, als auch auf die Besonderheit seines Wesens, das, weil selbst vom Tod infiziert, auf die Simulation von Leben angewiesen ist, vorausgegriffen wird. Damit ist hier zum einen eine weitere Textstelle lokalisiert, die mehrere Stränge des Romans in komprimierter Form transportiert, zum anderen wird an ihr ersichtlich, dass sich der Autor, wie schon mit Bezug auf das Groteske festgestellt, bestimmter Elemente nur zu dem Zweck bedient, ihre Aussagekraft umzukehren. So wird das Erneuernde zum Zersetzenden, das Lebendige zum Toten, und das Heilige zum Profanen. Als weiteres Indiz für Grenouilles messianischen Anspruch ist in erster Linie sein Vorname Jean-Baptiste anzuführen. Er ist jedoch nicht das einzige, was ihn mit seinem Namensgeber Johannes dem Täufer, dem Vorläufer des Messias verbindet. Wie dieser lebt Grenouille während seines siebenjährigen Höhlenaufenthalts als Einsiedler; doch auch in diesem Fall lässt der Autor an der Gegensätzlichkeit der Intentionen beider Figuren keine Zweifel offen: „Er hatte mit Gott nicht das geringste im Sinn. Er büßte nicht und wartete auf keine höhere Eingebung. Nur zu seinem eigenem, einzigen [...]
4. „Und dann geschah ein Wunder“ – die messianische Komponente Das bemerkenswerte an der Konzeption des Parfums ist die Tatsache, dass es dem Autor gelingt, unterschiedliche Ansichten von der Moderne zu präsentieren, die jedoch nicht zusammenhanglos nebeneinander stehen, sondern vielmehr auf kunstvolle Weise miteinander verflochten werden und eine aus der anderen hervorgehen bzw. sich wechselseitig spiegeln. So steht auch der messianische Sinnkomplex nicht isoliert da, sondern geht aus der Genie- und Künstler-Thematik hervor, wird eigentlich erst aus dieser heraus verständlich, wobei er aber auch über die Umkehrung von Sakralem und Profanem Bezüge zur Groteske aufweist, die bereits im ersten Teil Beachtung gefunden haben und daher im folgenden weitestgehend ausgeblendet werden sollen. Was noch nicht zur Sprache gekommen ist, sind die in Grenouilles Biographie eingeflochtenen messianischen Elemente, allen voran das Wunder, die natürlich durch die Art der Darstellung und insbesondere durch die Verbindung mit dem Grotesken in ihrem Sinngehalt verkehrt werden. Schon Hamann, welcher der Genie-Konzeption einen ins Religiöse gesteigerten Anstrich gegeben hatte, formulierte den Gedanken, der Geburtstag eines Genies sei vom Märtyrerfest unschuldiger Kinder begleitet, was die Geburt des Genies zum messianischen Wunder erhebe.237 Werner Frizen bemerkt in diesem Zusammenhang, Süskind scheine Hamanns Worte in eine Fabel umgesetzt zu haben, indem er seinen „Duft-Messias“ auf dem Cimetière des Innocents, dem Friedhof der unschuldigen Kinder zur Welt kommen lässt.238 Damit wäre schon das Geburtsereignis in der religiös besetzten Genie-Thematik verankert. Es lässt sich darüber hinaus aber auch in der [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832493387
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Macher, Johanna April 2002: Vom kollektiven Volkskörper zur Individualität - Patrick Süskinds Roman 'Das Parfum' vor dem Hintergrund der grotesken Tradition und des Diskurses der Moderne, Hamburg: Diplomica Verlag
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