Der Klassikstar
Untersuchung des Starphänomens und seine Ausprägung auf dem Klassikmarkt
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Hayat Issa
- Abgabedatum: April 2006
- Umfang: 109 Seiten
- Dateigröße: 1,1 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Bremen Deutschland
- Bibliografie: ca. 92
- ISBN (eBook): 978-3-8324-9953-2
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-9953-2 P - ISBN (CD) :978-3-8324-9953-2 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Issa, Hayat April 2006: Der Klassikstar, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Star, Musik, Klassik, Klassikmarkt, CD
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Magisterarbeit von Hayat Issa
Einleitung:
Was ist ein Star? Diese Frage individuell zu beantworten, dürfte kaum schwer fallen. Jeder hat schließlich seine eigene Vorstellung von dem, wer ein Star ist und was ihn ausmacht – für den einen ist der Hollywood-Schauspieler ein Star, für den anderen der europäische Charakterdarsteller, die international bekannte Popsängerin, der eloquente Politiker, der täglich auf dem Fernsehschirm erscheinende Seifenoper-Darsteller, der zeitgenössische Maler, der exaltierte Modeschöpfer oder die klassische Operndiva. Doch haben diese Menschen etwas gemeinsam? Gibt es tatsächlich Aspekte und Merkmale, die bestimmte Persönlichkeiten zum Star werden lassen und andere, vielleicht nicht weniger talentiert und ambitioniert, eben nicht? Gibt es eine einheitliche Definition vom „Star“? Was ist das Faszinierende an diesen „besonderen“ Menschen, das andere sie bewundern, verehren und ihnen nacheifern lässt?
Dies waren die Ausgangsfragen, mit denen ich mich im Vorfeld dieser Arbeit beschäftigt habe. Da ich bereits seit einigen Jahren beruflich überwiegend mit klassischer Musik und Klassik-Künstlern im Rahmen des Konzerthaus- und Festivalbetriebs zu tun habe, lag es nah, sich diese Fragen auch und insbesondere in Bezug auf den Klassikmarkt zu stellen.
Es fällt auf, dass in den letzten Jahren der Klassikmarkt immer mehr und in immer schnellerer Folge so genannte Stars hervorbringt. Immer neue Musiker, Sänger und Instrumentalisten, junge Talente, die stets als „die neue große Klassik-Sensation“ angekündigt werden – aber auch allzu häufig rasch wieder aus dem öffentlichen Blickfeld verschwinden. Ist das Phänomen des Klassikstars ein neues? Wie werden die Musiker heutzutage inszeniert? Wie gelingt es, sie einem großen Publikum nahe zu bringen und sie möglichst langfristig am Markt zu etablieren? Wer steckt hinter dieser Vermarktung?
Um diese Fragen zu beantworten, befasse ich mich in der vorliegenden Arbeit zunächst mit einem Abriss der Entwicklung des Klassikmusikmarktes seit Einführung und Verbreitung der Compact Disc bis heute. Dabei gehe ich vor allem auf die vielfältigen Probleme dieses sich zurzeit in der Krise befindenden Marktes ein. Auf eine gesonderte Analyse des Konzert- und Veranstaltungsmarktes verzichte ich an dieser Stelle bewusst. Zum einen denke ich, dass die wesentlichen Probleme des Klassikmarktes insgesamt anhand meiner Beschreibungen deutlich werden, zum anderen ist aber der Konzert- und Veranstaltungsmarkt ein ganz eigener komplexer Bereich, der einer ausführlichen Darstellung bedürfte, die den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.
Im folgenden Kapitel widme ich mich dann ausführlich der Frage „Was ist ein Star?“. Ich schildere zunächst den aktuellen Forschungsstand zum Star-Thema und gehe dann insbesondere auf die wissenschaftlich fundierte Sichtweise des Starimages als semiotisches Konstrukt ein.
Ich beleuchte außerdem weitere Dimensionen des Starphänomens, wobei der Frage der Rezeption ein besonderer Stellenwert zukommt. Hier spielen u.a. psychologische Aspekte eine wichtige Rolle. Mit einer kurzen Darstellung der „Zuhörer-Typologie nach Adorno“ möchte ich den Bezug zur Klassik wieder herstellen. Zur Verdeutlichung des Mythos-Aspekts habe ich aus demselben Grund den Dirigenten als Beispiel für einen „typischen“ mythischen Helden gewählt. Im darauf folgenden Kapitel beschäftige ich mich ausführlich mit dem spezifischen Phänomen des Klassikstars. Ich beginne hier mit einer historischen Darstellung und stütze mich vor allem auf die „Theorie des öffentlichen Ausdrucks“ von Richard Sennett. Um deutlich zu machen, wie und von wem Klassikstars heute hauptsächlich vermarktet werden, stelle ich in einem Exkurs einige Unternehmen und Manager vor, die sich insbesondere der Vermarktung klassischer Musik und Künstler verschrieben haben.
Im Folgenden beleuchte ich die vielfältigen Möglichkeiten, die in der Vermarktung von Klassikstars heutzutage existieren. Ich gehe beispielsweise darauf ein, wie Klassik-Künstler üblicherweise geschickt und wirksam am Markt etabliert werden und welche Publikumsschichten mit welchen Auftrittsformen gezielt angesprochen werden sollen. Ich konzentriere mich bei der Darstellung hauptsächlich auf den deutschen Markt.
Abschließend stelle ich zwei etablierte Stars der klassischen Musikszene vor. Ich analysiere zum einen die erst vor wenigen Jahren international bekannt gewordene Sängerin Anna Netrebko und zum anderen die Violinistin Anne-Sophie Mutter, die bereits seit dem Kindesalter als Klassikstar gilt. Ich habe diese Künstlerinnen ausgewählt, weil sie sich oberflächlich betrachtet ähneln – sie sind junge Frauen, modebewusst und offensichtlich vermarktungswillig. Trotzdem repräsentieren sie sehr unterschiedliche Frauentypen und in der Art, wie sie sich vermarkten lassen und öffentlich wahrgenommen werden sind deutliche Differenzen erkennbar. Ich gehe jeweils kurz auf ihren Werdegang ein und beschreibe wesentliche Facetten ihrer Images sowie die Vermarktungsstrategien, die helfen sollen, gerade diesen Star über alle anderen zu erheben und ihn einem möglichst großen Publikum bekannt zu machen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 3 |
| 2. | Abriss über die Entwicklung des Klassikmarktes seit Einführung der CD | 6 |
| 2.1 | Die erste CD war eine Klassik-CD | 6 |
| 2.2 | Siegeszug der CD – Euphorie in der Musikindustrie | 7 |
| 3. | Gründe für die Krise | 8 |
| 3.1 | Klassikhörer sind zu alt | 8 |
| 3.2 | Der Fachhandel verschwindet | 8 |
| 3.3 | Große Labels und Billiganbieter | 10 |
| 3.4 | Ein Werk – Einhundert Interpretationen | 13 |
| 4. | Stars – Forschungsstand | 14 |
| 4.1 | Was ist ein Star? Erklärungsversuche | 14 |
| 4.2 | Das Starimage | 18 |
| 4.2.1 | Der Star als Zeichenkomplex | 18 |
| 4.2.2 | Rollenimage und Privatimage | 21 |
| 5. | Weitere Dimensionen des Starphänomens | 25 |
| 5.1 | Kontinuität | 25 |
| 5.2 | Der Star als Zeichen der Zeit | 26 |
| 5.3 | Erfolg und Rezeption | 27 |
| 5.3.1 | Wirtschaftlicher Erfolg | 27 |
| 5.3.2 | Rezeption | 29 |
| 5.3.3 | Psychologische Ansätze zur Erklärung des Starkults | 32 |
| 5.3.4 | Zuhörer-Typologie nach Adorno | 35 |
| 5.4 | Die rätselhafte Dimension – der Mythos | 38 |
| 5.5 | Beispiel: Der Dirigent als mythischer Held | 40 |
| 6. | Der Klassikstar | 47 |
| 6.1 | Der Klassikstar – ein neues Phänomen? | 47 |
| 6.2 | Exkurs – das Geschäft mit den Klassikstars | 56 |
| 6.2.1 | Ronald Wilford und CAMI | 56 |
| 6.2.2 | Mark McCormack und IMG | 58 |
| 6.2.3 | Neuer Manager-Typus: Jeffrey Vanderveen | 62 |
| 6.2.4 | Vermarktungsmöglichkeiten von Klassik-Künstlern | 63 |
| 7. | Kleine Typologie der Klassikstars | 75 |
| 7.1 | Anna Netrebko | 75 |
| 7.2 | Anne-Sophie Mutter | 84 |
| 8. | Schlussbemerkung | 92 |
| Literaturverzeichnis | 96 | |
| Anhang | 106 |
Kapitel: 2.1. Die erste CD war eine Klassik-CD:
Ihre Weltpremiere feierten die ersten serienmäßig gefertigten Audio Compact Discs 1982 in einem Presswerk in Hannover-Langenhagen. Die Firmen Bayer und Polygram produzierten gemeinsam zwei Tonträger: die Walzer von Frédéric Chopin, interpretiert von Claudio Arrau, und das ABBA-Album „The Visitors“.
Kaum auf dem Markt, entthronte die CD die Schallplatte. Sie erschien im kleineren Format, bot einen problemlosen Zugriff auf Einzeltitel, wies zudem eine wesentlich verbesserte Abspielqualität auf und entwickelte sich sehr schnell zum meistverkauften Tonträger. Bereits 1988 wurden 100 Millionen Audio-CDs pro Jahr hergestellt.
An der Entwicklung der Compact Disc arbeiteten seit Mitte der 1970er Jahre der niederländische Philips- und der japanische Sony-Konzern – zunächst als Konkurrenten, später dann gemeinsam. Der Durchmesser der Speicherplatte von genau zwölf Zentimetern ist wahrscheinlich auf den ehemaligen Sony-Präsidenten Norio Ahga zurückzuführen.
Der in Deutschland ausgebildete Opernsänger und Freund Herbert von Karajans forderte nämlich als großer Verehrer von Beethovens Neunter, dass seine Lieblingssinfonie in einem Stück auf eine CD passen sollte. Deshalb einigten sich die Unternehmen schließlich bei der Festlegung des Standards auf den Durchmesser von zwölf Zentimetern, was eine Spieldauer von rund 74 Minuten und damit genug Platz für die Neunte Sinfonie bedeutete.
Im Gegensatz zur analogen und kratzempfindlichen Tonspur einer Schallplatte wird auf einer CD die Musik digital Bit für Bit gespeichert. Zur Wiedergabe tastet der Laser im CD-Player die auf einer verspiegelten Fläche als mikroskopisch kleine Vertiefungen (so genannte „Pits“) eingeprägten Tonsignale auf dem optischen Massenspeicher berührungslos ab.
Mittlerweile ist die CD nicht nur der vorherrschende Tonträger, sondern in der CD-Rom-Variante auch für die Computertechnik einer der wichtigsten Datenträger.
6. Der Klassikstar 6.1. Der Klassikstar – ein neues Phänomen? Klassikstars sind keineswegs ein neues, erst im 20. und 21. Jahrhundert aufgetauchtes Phänomen, was beispielsweise deutlich wird, wenn man sich mit Richard Sennetts „Theorie des öffentlichen Ausdrucks“137 beschäftigt. Er schildert, wie sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge allgemeiner gesellschaftlicher Veränderungen auch das Verhältnis von öffentlich agierenden Künstlern und Rezipienten gewandelt hat. Sennett beklagt den allmählichen Verfall und die Zerstörung des öffentlichen Lebens, einen Verlust kollektiver Werte, verursacht durch einen allgemein um sich greifenden Narzissmus und ein Vordringen der „Persönlichkeit“ ins öffentliche Leben: „Der Intimitätskult wird in dem Maße gefördert, wie die öffentliche Sphäre aufgegeben wird und leer zurückbleibt.“138 Für ihn ist die Schlussfolgerung falsch, dass soziale Nähe Intimität voraussetze, wie es dem Mythos von der Gemeinschaft entspricht oder auch der Vorstellung einer kosmopolitischen Stadt bei Rousseau, der sich ein gesellschaftliches Leben erhoffte, in dem aus den sozialen Masken Gesichter und aus den äußeren Erscheinungen Charakterzeichen würden. Gerade das „Streben nach gegenseitiger Selbstenthüllung“139 verursache laut Sennett einen Mangel an Selbst-Distanz und schließlich einen qualitativen Verlust der sozialen Interaktion. Begonnen hat die „Krise des öffentlichen Lebens“140 nach Sennett Mitte des 19. Jahrhunderts in Metropolen wie London, Paris und später auch in anderen westlichen Hauptstädten. Hier wandelte sich das Verhalten des Einzelnen in der Öffentlichkeit und damit auch das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft grundlegend. Der Sinn des Prinzips der Öffentlichkeit als moralisch legitime Sphäre wird langsam ausgehöhlt und verliert zusehends an Bedeutung: Sowohl die Mittel der Kleidung als auch der Sprache werden vereinheitlicht, eingeschränkt und durch Fantasie und Projektion ersetzt. Anders als bei der großstädtischen Bevölkerung des 18. Jahrhunderts ist im 19. Jahrhundert der gesellschaftliche Status von Personen nicht mehr allein an der äußeren Erscheinung erkennbar. Perücken und Schminke verschwanden, Privat-, Bühnen- und Straßenkleidung wurden sich immer ähnlicher, wodurch das Modeprin- [...]
Man kann nicht behaupten, dass sich alle Dirigentinnen vehement dagegen wehren, so oder ähnlich beschrieben zu werden. Einige spielen sogar sehr effektiv mit ihrem Image, indem sie – wie Simone Young – beispielsweise Modefotos veröffentlichen, die den über sie verbreiteten Klischees entsprechen. Sie sind sich ihres Sonderstatus durchaus bewusst und nutzen ihn mitunter zielgerichtet, um den eigenen Bekanntheitsgrad in einer möglichst breiten Öffentlichkeit zu erhöhen. Andererseits leugnen die Dirigentinnen ihren Sonderstatus gern, wenn es um die mit ihm verbundene Vorbildfunktion geht – gern werden sie nämlich auch als „emanzipatorische Speerspitze in einer Männerbastion“136 beschrieben. Eine Rolle, mit der sie selbst meist wenig anfangen können, weil sie dann wiederum hauptsächlich als (Einzel-)Künstlerin und aufgrund ihrer Leistung wahrgenommen werden möchten. Es bleibt abzuwarten, ob Frauen sich trotz der kurz dargestellten Probleme als Dirigentinnen auf die Dauer und in größerer Zahl etablieren können. [...]
In Bezug auf den Dirigentenberuf vollzieht sich seit einigen Jahren eine interessante Entwicklung: Immer mehr Frauen wagen sich an die Pulte der mittleren und großen Orchester dieser Welt. Trotzdem ist die „Maestra“ insgesamt gesehen immer noch eine Rarität. In 2002 gab es beispielsweise in Deutschland 76 Opernhäuser mit regelmäßigem Spielbetrieb. Gerade zwei von 76 Generalmusikdirektoren waren weiblich: Catherine Rückwardt, seit 2000 Generalmusikdirektorin am Mainzer Staatstheater, und Karen Kamensek, seit 2002 in gleicher Position am Opernhaus Freiburg. Daneben gibt es 34 eigenständige Sinfonieorchester, von denen eines von einer Frau geleitet wird: Romely Pfund, seit 1998 Generalmusikdirektorin der Bergischen Symphoniker Solingen/Remscheid. Die Verpflichtung von Simone Young, die seit 2005 – und bis jetzt durchaus erfolgreich – als neue Generalmusikdirektorin der Hamburger Staatsoper und Chefdirigentin der Philharmoniker Hamburg fungiert, ist deshalb durchaus als Silberstreif am Horizont zu bezeichnen. Die Australierin war künstlerische Direktorin der Oper in Sydney und ist eine der bekanntesten Frauen in der internationalen Dirigentenszene.132 Doch auch sie hat damit zu kämpfen, als Frau in einem von starken männlichen Vorbildern geprägten Beruf zu arbeiten. So wird sie in der Presse gern als „Männerdompteuse“133 dargestellt – eine Vorstellung, die sie mit entsprechenden Fotos offenbar bereitwillig bedient.134 [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832499532
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