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'... und dann sollte ich halt bis 52 Kilo abnehmen'

Essstörungen im Sport – Der Einfluss des sozialen Umfeldes auf die Athleten

'... und dann sollte ich halt bis 52 Kilo abnehmen'
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Ragna Swyter
  • Abgabedatum: September 2005
  • Umfang: 112 Seiten
  • Dateigröße: 471,9 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Technische Universität München Deutschland
  • Bibliografie: ca. 89
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-9921-1
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-9921-1 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-9921-1 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Swyter, Ragna September 2005: '... und dann sollte ich halt bis 52 Kilo abnehmen', Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Leistungssport, Bulimie, Anorexie, Sportsoziologie, Anorexia Athletica

Diplomarbeit von Ragna Swyter

Einleitung:

„Garp klopfte seinem 65-Kilo-Mann auf die Schulter, fragte ihn nach seinem Gewicht, runzelte die Stirn bei der Antwort – die wahrscheinlich eine Lüge war, und trotzdem noch ungefähr zwei Kilo zuviel – und ging, um sich umzuziehen“ (John Irving: ‚Garp und wie er die Welt sah’).

In dem bekannten Buch von John Irving ist Garp, die Hauptperson des Romans, Schriftsteller und betreut nebenbei das Ringerteam eines Colleges. Das Zitat beschreibt eindringlich das Dilemma, in dem sich Trainer und Athleten gewichtsabhängiger Sportarten sehr oft befinden. Gewicht und der Körper spielen in vielen Sportarten eine Rolle. Nicht selten führt die Beschäftigung mit dem Abnehmen den Athleten in eine Essstörung.

Dies ist die brisante Thematik, mit der sich die vorliegende Diplomarbeit beschäftigt. Nicht nur in Romanen werden Anorexia nervosa und Bulimia nervosa im Zusammenhang mit Sport thematisiert. Auch die Medien beschäftigen sich immer häufiger mit dem speziellen Problem. Denn Essstörungen im Sport stellen durchaus eine Gefahr dar.

So berichtete im November 2001 der Spiegel in dem neunseitigen Artikel „Locker, Bahne, locker“ über den Ruderer Bahne Rabe, der kurz zuvor an den Folgen der Magersucht gestorben war. Eindrucksvoll beschreibt der Journalist einen der letzten Tage des abgemagerten Hünen, der kurz vor seinem Tod bei einer Größe von 2,03 Metern nur noch 60 Kilo auf die Waage brachte. In seinem Umfeld mussten alle machtlos zuschauen, wie sich der ehemalige Olympiasieger zu Tode hungerte. Damals, 1988 in Seoul, wog Rabe noch 95 Kilo.

Bahne Rabe war 37 Jahre alt, männlich und im Schwergewichtsrudern im Achter an kein Gewichtslimit gebunden – das alles sind keine typischen Eckdaten von essgestörten Sportlern. Aber er war überaus ehrgeizig, perfektionistisch und leistungsorientiert – durchaus typische Eigenschaften Magersüchtiger. Ein Beweis, dass Essstörungen jeden treffen können?

Der Werdegang von Rabe lenkt die Aufmerksamkeit auf andere Fälle von Spitzensportlern mit Essstörungen. Die deutsche Eiskunstläuferin Eva-Maria Fitze unterbrach ihre Karriere für einen freiwilligen Aufenthalt in der therapeutischen Wohngemeinschaft ANAD in München. Grund war auch bei ihr die Bulimie. Mittlerweile ist sie zurück auf der Eisfläche. Der deutsche Skispringer Frank Löffler ging vor zwei Jahren an die Öffentlichkeit und machte den deutschen Skiverband für seinen Hungerterror verantwortlich. Selbst aus der für Essstörungen eher unbekannten Sportart Golf wurde ein Fall in den Medien bekannt: die Deutsche Martina Eberl unterbrach für eine Bulimie-Therapie ihre Karriere, wagte aber ein Comeback und wurde Europameisterin. Für Aufsehen sorgte außerdem Franziska van Almsick, die sich nach Karriereende im Jahr 2004 in ihrem Buch öffentlich über ihr Hungertum äußerte.

Die Liste der bekannten Sportler und Sportlerinnen, deren Essstörungen in den Medien bekannt wurden, ist lang. Doch ist sie nur die Spitze des Eisberges. Wissenschaftler und Ärzte befürchten eine hohe Dunkelziffer, denn die Bereitschaft der Betroffenen für den Gang zum Arzt ist oft nicht vorhanden. Außerdem gibt es viel zu viele Nachwuchssportler, die aufgrund ihrer Essstörung gar nicht mehr bis an ihr Leistungslimit kommen konnten und schon frühzeitig aufgrund mangelnder Leistungsfähigkeit aus den Kadern ausschieden, also in möglichen Statistiken gar nicht mehr vorkommen können.

Gang der Untersuchung:

In der Wissenschaft gibt es kaum Studien, die sich aus soziologischer Sicht mit dem Thema Essstörungen im Sport beschäftigen. Das ist der Grund, weshalb die vorliegende Arbeit mit dem Ziel konzipiert wurde, betroffene Athleten zu interviewen und sie zu ihrem Umfeld zu befragen bzw. sie darüber erzählen zu lassen. Dabei wurde darauf geachtet, dass die Teilnehmer möglichst unterschiedliche Sportarten vertreten. Insgesamt meldeten sich sieben freiwillige Teilnehmer, wovon am Ende nur sechs ausgewertet wurden. All diese Athleten haben aufgrund ihres Erfolges im Sport auffälliges Essverhalten an den Tag gelegt, bei dreien endete dies in einer Essstörung, die anderen konnten teilweise nach oder noch während der sportlichen Karriere das Essverhalten wieder normalisieren. Diese Arbeit soll nachforschen, was die Athleten dazu gebracht hat, ihren Körper derart zu quälen.

Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit dem Stand der wissenschaftlichen Forschung und legt dar, wie, warum und auf welche Art und Weise Sportler und Nicht-Sportler in eine Essstörung gelangen können. Die geschichtliche Entwicklung und die medizinischen Diagnosekriterien der klassischen Essstörungen Anorexia nervosa und Bulimia nervosa, sowie die der Essstörungen im Sport, werden in den Kapitel 3 und 4 ausführlich dargestellt. Wer, wo und wie viele Personen in unserer Gesellschaft von Essstörungen betroffen sind, damit beschäftigt sich das Kapitel 5.

Doch was ist der Grund, warum Sportler sich in eine Essstörung zurückziehen. Was sind die Ursachen oder die Auslöser? Die vorliegende Arbeit versucht, durch Interviews mit Betroffenen mögliche Faktoren einzugrenzen und aufzuzeigen. Dabei fokussiert sie das soziale Umfeld des Athleten. Dass familiäre Probleme oft als Auslöser gelten, ist bekannt. Für die vorliegende Arbeit viel interessanter ist jedoch das direkte Umfeld des Athleten im Sport, d.h. Trainer, Wettkampfregeln und Medien. Ihr Einfluss auf das Essverhalten des Athleten wird hier untersucht. So ist zum Beispiel wissenschaftlich bereits bewiesen, dass Trainer eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf ihre Schützlinge haben und mit Äußerungen über Leistung oder Figur manchmal mehr schaden als motivieren.

Des Weiteren werden in der vorliegenden Arbeit bestimmte Wettkampfregeln, wie zum Beispiel die Gewichtsklasseneinteilung im Judo, beleuchtet und ihre Wirkung auf den Athleten dargestellt. Dass die Medien einen großen Einfluss auf das Rollenverständnis in unserer Gesellschaft haben, ja dieses sogar prägen können, wird in dieser Arbeit ebenso dargestellt wie die Individualisierung unserer Gesellschaft. All diese Einflussfaktoren und gesellschaftlichen Entwicklungen werden zunächst theoretisch in Kapitel 7 aufgezeigt.

Im zweiten, empirischen Teil der Arbeit sollen diese dann anhand der beispielhaften Interviews begründet bzw. nachgewiesen werden (Kapitel 9-11).

Inhaltsverzeichnis:

1. Überblick 03
2. Wissenschaftliche Relevanz des Themas und Ziel der Arbeit 06
3. Die klassischen Essstörungen 08
3.1 Geschichtliche Entwicklung der Essstörungen innerhalb der Gesellschaft 08
3.1.1 Magersucht - Anorexia nervosa 08
3.1.2 Ess-Brech-Sucht - Bulimia nervosa 12
3.2 Begriffsbestimmung der Anorexia nervosa 13
3.3 Begriffsbestimmung der Bulimia nervosa 15
4. Essstörungen im Leistungssport 16
4.1 Anorexia athletica 19
4.2 Exzessives Sporttreiben - eine Art Anorexia nervosa? 22
5. Epidemiologie von Essstörungen in der Gesellschaft 25
5.1 Alter und Geschlecht 25
5.2 Soziale Schichten und geographische Verteilung 27
5.3 Berufsgruppen 29
6. Ätiologie der Essstörungen 31
6.1 Soziokulturelle Faktoren 32
6.1.1 Individualisierung der Gesellschaft 35
6.1.2 Der zivilisierte Körper 37
6.1.3 Veränderung der Rolle der Frau 39
6.2 Psychosoziale und familiäre Faktoren 40
6.3 Biologische und genetische Faktoren 43
7. Sport als Auslöser von Essstörungen? 44
7.1 Mögliche Ursachen bei der Entstehung von Essstörungen im Sport 44
7.2 Das Ursachen-Wirkungs-Problem bei Essstörungen im Sport 47
7.3 Auslösende Faktoren aus dem sozialen Umfeld des Athleten 51
7.4 Einfluss der Medien 53
8. Methodische Vorgehensweise 56
8.1 Datenerhebung 57
8.2 Datenauswertung 59
9. Kurzdarstellung der Fälle 63
9.1 Julia (Judo) 63
9.2 Marco (Ringen) 65
9.3 Katrin (Volleyball) 66
9.4 Flo (Judo) 68
9.5 Britta (Schwimmen) 69
9.6 Lisa (Gerätturnen) 71
9.7 Tom (Marathon +American Football) 73
10. Der Einfluss des sozialen Umfeldes - Darstellung der Ergebnisse 74
10.1 Rolle des Trainers 74
10.2 Rolle des Reglements 76
10.3 Rolle der Leistungssteigerung 77
10.4 Rolle des Körpers 79
10.5 Rolle der Familie / Freunde 80
10.6 Rolle der Medien 84
10.7 Zusammenfassung 85
11. Gemeinsamkeiten und Unterschiede 86
11.1 Geschlechtsspezifischer Vergleich 86
11.1.1 Internalisierter Druck 87
11.1.2 Aussehen 90
11.2 Sportartspezifischer Vergleich 92
11.2.1 Gewicht 94
11.2.2 Essstörungen 97
12. Fazit und Ausblick 101
13. Literaturverzeichnis 104
14. Erklärung zur Urheberschaft 111

Automatisiert erstellter Textauszug:

Der Trainer ist für jeden Sportler, der seine Sportart ernsthaft betreibt, ein wichtiger Ratgeber. Er ist die Person, die einen großen Anteil an dem Erfolg des Athleten hat. Er ist oft der Nächste im sozialen Umfeld des Sportlers. Demzufolge spielt er für die meisten Athleten eine wichtige Rolle. Doch inwieweit kann er sie so sehr beeinflussen, dass diese ungeachtet der gesundheitlichen Schäden ihm Folge leisten? Bei den sechs Interviews kam zum Vorschein, dass vor allem die Mädchen, bei denen eine Essstörung diagnostiziert wurde, ihrem Trainer stark vertrauten bzw. ihm teilweise eine Art Vaterrolle zugedachten. Das führte bei Julia sogar soweit, dass der Trainer die Autoritätsperson in ihrem Leben wurde, vor der sie neben Achtung oft auch Angst hatte. Ihr Selbstvertrauen schöpfte sie nur aus dem Lob des Trainers. Sie wollte ihm alles recht machen und verließ sich vollkommen auf ihn. [...]

9.7 Tom (American Football und Marathon) Tom ist 35 Jahre alt und mit Abstand der älteste Teilnehmer der Studie. Bei ihm konnte keine Essstörung und auch kein sonderlich gestörtes Essverhalten festgestellt werden, weshalb er auch nicht mit in die Auswertung genommen wird. Sein Fall wird hier nun kurz dargestellt. Tom meldete sich für die Studie, weil er für einen Marathon ein wenig abgenommen hatte. Er hatte sein Essverhalten aber nicht eingeschränkt. Während des Gesprächs stellte sich heraus, dass er in früheren Jahren sehr erfolgreich American Football gespielt hatte. Im Alter von 16 bis 19 war er mit seinem Verein in der Bundesliga, vier bis fünf Mal in der Woche hatte er Training. Das Gewicht spielt in dieser Sportart in sofern eine Rolle, als dass er Gewicht zunehmen musste. [...]

Lisa: „Wir hatten Trainingslager einmal im Jahr vier Tage. Und da gab es schon, also es gab dann am Abend Nudeln und tagsüber sozusagen nichts. Die anderen haben ja auch nichts gegessen. Also da hat dann keiner plötzlich die Schokolade ausgepackt. Weil das traut man sich dann ja auch nicht. Also das... da wurde jetzt nicht von außen, sondern sich gegenseitig halt so. Am Abend beim Essen gehen beim Chinesen, weiß ich noch, so wenig hat ein Chinese noch nie an einer Mannschaft verdient...(lacht) Aber das war dann so... ja das hatte eine Gruppendynamik, die wir nicht ausgesprochen haben, würde ich jetzt mal so sagen“ (Interview 6, S.8) [...]

Arbeit zitieren:
Swyter, Ragna September 2005: '... und dann sollte ich halt bis 52 Kilo abnehmen', Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Leistungssport, Bulimie, Anorexie, Sportsoziologie, Anorexia Athletica

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