Das KZ-Außenlager Genshagen
Struktur und Wahrnehmung der Zwangsarbeit in einem Rüstungsbetrieb 1944/45
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Stephan Jegielka
- Abgabedatum: Oktober 2004
- Umfang: 104 Seiten
- Dateigröße: 1,0 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Technische Universität Berlin Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-8727-0
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-8727-0 P - ISBN (CD) :978-3-8324-8727-0 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Jegielka, Stephan Oktober 2004: Das KZ-Außenlager Genshagen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Nationalsozialismus, Konzentrationslager, Ludwigsfelde, Wehrmacht, Daimler Benz AG
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Magisterarbeit von Stephan Jegielka
Einleitung:
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem KZ-Außenlager Genshagen auf dem Werksgelände der Daimler Benz GmbH Genshagen. Bei der Beantwortung der Frage nach der Struktur des Konzentrationslagers stellt sich zwangsläufig die Frage der Wahrnehmung des KZ durch die Belegschaft von Daimler Benz. Die Beantwortung dieser beiden Fragen bilden die Prämisse dieser Arbeit.
Die Entwicklung der KZ-Außenlager ist eng mit der Zwangsarbeit in der deutschen Rüstungsindustrie verbunden. So ist es nicht verwunderlich, dass die Frage, Primat der Ökonomie oder Primat der Ideologie, die wissenschaftliche Diskussion bis zu den letzten Veröffentlichungen prägte. Das heißt, ob wirtschaftliche Interessen der SS den ideologischen Zweck des KZ-Systems, die Bestrafung und Vernichtung von NS-Feinden, in den Hintergrund drängte.
Der Begriff der Ökonomie geht von einer produktiven Erwerbsarbeit aus, mit dem Ziel der Produktionssteigerung und des Gewinns. Dies erfordert unter anderem den Erhalt und die Steigerung der Arbeitskraft des Arbeiters, den Schutz der „Kapitalanlage Arbeiter“. Die Herausbildung einer solide ausgebildeten und im Interesse des Arbeitgebers, produktiv arbeitenden Belegschaft gehört zu einer Säule ökonomischen Handelns.
Die Loyalität des Arbeiters, die Bindung an das Unternehmen wird durch die angemessene Bezahlung, fachliche Ausbildung und Weiterbildung sowie menschwürdige Behandlung durch den Arbeitgeber erreicht. Der Arbeiter eines SS-Unternehmens war der KZ-Häftling. Eine Loyalität des KZ-Arbeiters gegenüber seinem Arbeitgeber SS war schon angesichts des Zustandekommens des “ Arbeitsverhältnisses“ undenkbar. Seit Gründung der KZ diente die Arbeit vor allem der Qual, Erniedrigung und Tötung der KZ-Insassen.
Die unzureichende Ernährung und die katastrophalen hygienischen Bedingungen unter denen der größte Teil der Häftlinge litt, waren ebenso Bestandteil des Terrors und standen im Widerspruch zu einem ökonomischen Handeln. Die Arbeitskraft des KZ-Arbeiters wurde permanent geschwächt, der Arbeiter letztendlich vernichtet. Betrachtet man zum Beispiel die Arbeit in der KZ-Gärtnerei, so wird deutlich, wie der quälerische Aspekt der Arbeit die Häftlinge in den Selbstmord trieb oder dazu diente einen Anlass zu provozieren, sie zu töten. Die entkräfteten Häftlinge in der KZ-Gärtnerei Buchenwald mussten die für sie zu schweren Düngekübeln tragen. Zwangsläufig stürzten sie und wurden von den Wachposten erschlagen. Das Produktionsergebnis rückte in den Hintergrund.
Der KZ-Häftling war primär bemüht am Leben zu bleiben. Er musste seine Ressourcen schonen. In allen Arbeitskommandos nutzten daher die unterernährten und ausgemergelten Häftlinge jede Chance nicht produktiv zu sein, um sich zu erholen. Die Arbeitskommandos in der Gärtnerei oder im Steinbruch hatten eine sehr hohe Sterberate. Um in ein Arbeitskommando mit einer größeren Überlebenschance zu gelangen, wie zum Beispiel eine Werkstatt, täuschten KZ-Häftlinge Spezialkenntnisse vor. So arbeitete zum Beispiel eine Dolmetscherin als Dreherin. Eine produktive und qualitative KZ-Arbeit war daher nicht zu erreichen. Die Entstehung der „Kapitalanlage Arbeiter“ schloss das KZ-System aus. Diese Tatsachen spiegelte sich in der Erfolglosigkeit Oswald Pohls wieder, ein SS-Wirtschaftsimperium aufzubauen.
Zur Beschreibung der Arbeit in den KZ bis zu der Entstehung von Außenlagern ist daher nicht der Begriff der Ökonomie zu verwenden, sondern der Begriff der Auspressung, die unökonomische Auspressung der Arbeitskraft des Häftlings bis zu dessen Tod. Diese Handlungsweise der SS spiegelte sich in der Aussage „Vernichtung durch Arbeit“ wieder.
Nachdem das Vorhaben Himmlers und Pohls gescheitert war, die deutschen Rüstungsbetriebe in das KZ-System einzugliedern, wurde die SS eine Art Verleihorganisation von Arbeitskräften. Das KZ-System in Form der Außenlager wurde in die freie Wirtschaft exportiert, das KZ in die Werksstruktur integriert. Die Einnahme der Verleihgebühr für die KZ-Häftlinge wurde für die SS ein lukratives Geschäft. Zur Steigerung der Einnahmen inhaftierte die SS immer mehr Menschen und brachte sie ins Konzentrationslager.
Das KZ-System nahm offenbar Einfluss auf das wirtschaftliche Umfeld und ließ in vielen Fällen die Belegschaft zu Trägern des Terrors und der Vernichtung werden. In dieser Arbeit soll die Frage beantwortet werden, wie das KZ-System und das wirtschaftliche Umfeld der Daimler Benz GmbH Genshagen einander beeinflussten. Von ökonomischen Handeln kann angesichts der Arbeitsverhältnisse in den Konzentrationslagern bis zum Einsatz der Häftlinge in der Kriegsproduktion nicht die Rede sein.
Es stellt sich daher die Frage, ob die Arbeit im Außenlager Genshagen mit dem Begriff der Ökonomie beschrieben werden kann? Welche Erwartungen hatte die Daimler Benz GmbH Genshagen vom Einsatz der Häftlinge? Konnten die durch die KZ-Arbeit produzierten Güter qualitativ und quantitativ überzeugen? Welchen Wert hatte die Arbeitskraft der Häftlinge für das Unternehmen?
Die Geschichtswissenschaft der DDR basierte auf der Geschichtstheorie des historischen Materialismus. Trotz diesem dogmatischen Hintergrund wurden einige bis heute relevante Darstellungen zur Wirtschaftspolitik und Zwangsarbeiterpolitik des Dritten Reiches geliefert. Eine Veröffentlichung, die sich direkt mit dem Daimler-Benz Werk beschäftigt, ist die Arbeit von Gerhard Birk. Das regionalgeschichtliche Thema der Arbeit lässt die historisch-materialistische Geschichtsauffassung des Autors in den Hintergrund treten und die Arbeit gibt somit mehrere informative Ansatzpunkte für die weitere Recherche.
Die Geschichtsschreibung der BRD über die Zwangsarbeit bei der Daimler Benz AG kann als Politikum bezeichnet werden. Sie muss im Kontext der Entschädigungsforderungen von ehemaligen Zwangsarbeitern an deutsche Unternehmen gesehen werden. Bis Anfang der achtziger Jahre war dieses Thema für die beteiligten Unternehmen ein moralisches und besonders finanzielles Problem, weshalb die Auseinandersetzung mit diesem Thema vermieden wurde. 1986 veröffentlichte Hans Pohl eine Dokumentation über die Daimler Benz AG von 1933-1945. Diese durch die Daimler Benz AG finanzierte Veröffentlichung der Zeitschrift für Unternehmensgeschichte erwähnte erstmals den Einsatz von KZ-Häftlingen, nachdem die Unternehmensführung noch 1969 dem Vorsitzenden des Auschwitz-Komitees, Hermann Langbein, mitgeteilt hatte, es haben keine KZ-Häftlinge für die Daimler Benz AG gearbeitet.
Problemstellung:
Diese Arbeit stellt die Struktur und die Organisation des Außenlagers Genshagen sowie die in diesem Zusammenhang handelnden Personen dar. Dazu gehört eine kurze Entwicklungsgeschichte der Daimler Benz GmbH Genshagen. Folgend wird auf die Problematik des Arbeitskräftemangels im Dritten Reich eingegangen, der zum Einsatz von KZ-Häftlingen in der Rüstungsindustrie führte. In diesem Zusammenhang erfolgt eine begriffliche Erklärung der KZ-Typen Außenlager und Außenkommando. Die geschichtliche Darstellung der Struktur und Organisation des KZ Genshagen beinhaltet eine soziostrukturelle Analyse über die Tätergruppe, das Wachkommando und die Gruppe der Aufseherinnen.
Die aufgeführten Punkte können unter dem Begriff der Makrogeschichte zusammengefasst werden, die Strukturen, kollektive Mechanismen und langfristige Entwicklungsprozesse berücksichtigt. Sie bilden jedoch nur die „halbe Wahrheit“ der Geschichte. Ebenso wichtig sind auch die Fragen nach mikrogeschichtlichen Aspekten, die eine differenzierte Betrachtung der vielfältigen Sichtweisen, Einstellungen und Handlungsmotive der einzelnen Personen erfordern. Die Beantwortung dieser Fragen begründet sich auf ereignisnahe, persönliche Aussagen, Tagebücher, Briefe, Postkarten der betreffenden Personen vor und während der NS-Zeit.
Ereignisnahe Aussagen der Personen sind aus den bereits angeführten methodischen Problem von höchstem Wert, jedoch nur splitterweise in den Quellen zu finden. Relativ ereignisnahe Zeugenberichte der Opfer und Täter vor Gericht sind in den Aussagen der Schiedsspruchverfahren der Gerichte in den ersten Nachkriegsjahren zu finden. Es besteht der Nachteil, dass diese Aussagen juristischen Fragestellungen zu Grunde liegen und die Verteidiger bzw. Opferperspektive der Zeugen implizieren. Vernehmungssausagen und Interviews, die erst Jahrzehnte nach dem Ereignis durchgeführt wurden, sind abwägend zu betrachten. Wegen der problematischen Quellenlage können daher nur sehr eingeschränkt geltende Antworten gegeben werden.
Die Frage nach der Wahrnehmung von KZ-Zwangsarbeit betrifft makro- bzw. mikrogeschichtliche Aspekte. So muss gefragt werden, wie die KZ-Arbeit in den strukturenbildenden Institutionen des NS-Regimes gesehen wurde, wie die Wirtschafts- und Terrorpolitik im NS-Regime die KZ-Arbeit steuerte. Weiter interessieren die Handlungen der Genshagener Betriebsführung. Wie wurde die KZ-Arbeit im Produktionsprozess integriert? Welche Institutionen regelten den KZ-Betrieb. Wie war die Aufgabenverteilung zwischen der SS und der Daimler Benz GmbH Genshagen? Institutionalisierten sich Schnittstellen zwischen dem KZ-System und Daimler Benz GmbH Genshagen? Ebenso stellt sich die Frage, wie die SS und die deutsche Belegschaft den Einsatz von KZ-Häftlingen am Arbeitsplatz wahrnahm und umgekehrt. Welche Einstellungen und Handlungsmotive lagen den betreffenden Personen zu Grunde?
Bei der Archivrecherche zu Informationen über das Außenlager Genshagen wurde daher nach zwei Aspekten recherchiert. Der erste Aspekt betrifft die makrogeschichtliche Ebene. Darunter fallen die Quellen, die die Wirtschafts- und Terrorpolitik des Dritten Reiches auf ministerieller und gleichwertiger Ebene dokumentieren.
Dazu gehören die Bestände des Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion (R3), SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt (NS), Reichssicherheitshauptamt (R58) und der Konzentrationslager (NS4) im Bundesarchiv und in Publikationen des Bundesarchivs, Splitterbestände in den Gedenkstätten Sachsenhausen und Ravensbrück sowie die Bestände im Unternehmensarchiv Daimler Benz AG in Untertürkheim.
Die Akten der Verwaltung der Konzentrationslager wurden größtenteils am Ende des Krieges durch die SS vernichtet. Daher sind die Bestände der Gedenkstätten Sachsenhausen und Ravensbrück vor allem durch Sammlungen nach dem Krieg entstanden. Die wichtigsten Bestandteile dieser Archive sind die schriftlich festgehaltenen Aussagen von ehemaligen KZ-Häftlingen. Ebenso konnten wichtige Dokumente während der NS-Herrschaft durch die Widerstandsgruppen innerhalb der KZ für die Nachwelt gesichert werden.
Für die sozialstrukturelle Studie sind die Personalakten der SS im ehemaligen Berlin Document Center (BDC) im Bundesarchiv relevant. Weiterhin bilden die Untersuchungsakten der ermittelnden westdeutschen Staatsanwaltschaften eine wichtige Quelle. Diese lagern in der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg (ZStL). Die Akten der in NS-Sachen ermittelnden ostdeutschen Justiz lagern in den Beständen des Ministeriums des Innern (DO1) sowie der Generalstaatsanwaltschaft der DDR (DP3) im Bundesarchiv.
Aus der mikrogeschichtlichen Perspektive sind die Personalakten der SS im BDC sowie die Aussagen der Häftlinge relevant. Im Bestand des BDC finden sich Splitter persönlicher Aussagen, Lebensläufe, dienstliche und private Briefe, Zeugenaussagen zu Straftaten während der SS-Mitgliedschaft oder andere zufällig überlieferte persönliche Quellen. Des weiteren existiert ein Personalaktenbestand der Daimler Benz GmbH in Genshagen im Brandenburgischen Landesarchiv (RP75), aus dem sich die Reflektion der Wahrnehmung der KZ-Arbeit im Werk der deutschen Belegschaft ableiten lässt. Auch liegt ein Bestand von Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeitern darunter KZ-Häftlingen im Unternehmensarchiv der Daimler Benz AG sowie in Publikationen vor.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 3 |
| 2. | Eine wehrwichtige Anlage | 11 |
| 3. | Arbeitskräftemangel und Rüstungsindustrie | 19 |
| 4. | Begriff Außenlager, Außenkommando | 26 |
| 5. | Daimler Benz Genshagen GmbH fordert KZ-Häftlinge an | 28 |
| 6. | Das Lager | 31 |
| 7. | Die KZ-Arbeit, Ökonomie oder Auspressung? | 44 |
| 8. | Die Häftlingsgesellschaft | 48 |
| 9. | Die SS | 51 |
| 10. | Werkschutzleiter William Knoll | 81 |
| 11. | Das Ende des Lagers | 89 |
| 12. | Schlussbetrachtung | 90 |
| 13. | Quellen- und Literaturverzeichnis | 96 |
| 14. | Abkürzungsverzeichnis | 102 |
Die Ideologen verstanden das KZ-System als Konsequenz ihres rassistischen Gefühlsmusters. Für die Opportunisten hatte die persönliche Karriere einen höheren Stellenwert als eine eventuell bestehende Kritik an den Verbrechen: „Ich ahnte das Herrmann [Vorarbeiter eines Häftlings A. d. A] der Typ eines Deutschen war ... gelähmt in seinem vielleicht ansonsten aufrechten und großzügigen Wesen durch den Egoismus eines Mannes, der eine gute Arbeit oder ein einträgliches Amt besitzt, die er aufs Spiel setzten würde.“168 Die politisch Naiven empfanden dieses System als von Oben verordnete Normalität und versuchten sich in ihrer Staatsgläubigkeit zu beruhigen: “Eine deutsche Arbeiterin dachte von uns, daß wir Diebe und Einbrecher wären. Daß man uns einfach weggeschleppt hatte, konnte sie nicht glauben.“169 Es gab Belegschaftsangehörige, die dem Gefühl ihrer Machtstellung erlagen und das Schicksal der ihnen ausgelieferten KZ-Frauen in ihre privaten Animositäten mit den SS-Aufseherinnen unheilvoll verstrickten: “Als eine Aufseherin seine Zigaretten versteckt hatte, beschuldigte er eine Frau vom kleinen Band des Diebstahls, verlangte, daß man uns für diese Woche das Brot entziehen sollte, und hatte damit Erfolg.“170 Ein Unrechtsbewusstsein war in jeder Gruppe unterschiedlich stark ausgeprägt.171 Letztendlich wurde vom größten Teil der Belegschaft das rassistische Handlungsmuster aktiv oder inaktiv akzeptiert. Nur wenige zeigten Nächstenliebe und Solidarität und halfen den Häftlingen durch kleine menschliche Gesten: “Kontakt hatte ich nur zu einer hochgewachsenen Deutschen aus Berlin. Sie arbeitete neben mir als Vorarbeiterin. Sie hat mir öfters ein Stück Brot in den Mantel gesteckt.“172 Dieses Verhalten ist um so höher einzuschätzen. Das KZ-System, die letztendliche Konsequenz des NS-Staates, war mitten in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ab dem Monat Dezember 1944 liegen von der Daimler Benz GmbH Genshagen keine Produktionszahlen an Motoren mehr vor. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurden seit Dezember keine Motoren mehr zur Abnahme durch die Luftwaffe produziert. Die Montage wurde um ihrer selbst Willen zur Aufrechterhaltung des Produktionscharakters durchgeführt. Durch den akuten Treibstoffmangel in Deutschland wurden mindestens seit Februar keine Testläufe der Motoren mehr durchgeführt. Die Luftwaffe nahm daher keine Motoren von Daimler Benz in Genshagen ab. [...]
Mit surrealen Methoden versuchte die Betriebsführung die Müdigkeit der Häftlinge zu bekämpfen: “Ich erinnere mich daran, daß im Februar oder März 1945 junge Luftwaffensoldaten mit Akkordeons zwischen den Motorenreihen hindurchgingen und spielten, damit wir nicht einschliefen.“ Als diese Maßnahme die Häftlinge nicht vom Schlafen abhielt musste ein Häftling, eine ausgebildete Sängerin, Opernarien und Lieder singen.165 Die KZ-Häftlinge arbeiteten als Hilfsarbeiter unter der Anleitung eines Belegschaftsangehörigen. Die SS-Aufsehrinnen, die theoretisch mit der Beaufsichtigung der Arbeitsleistung der Häftlinge beauftragt waren, wurden in der Arbeitszeit in ihrer Funktion durch die Belegschaftsangehörigen ersetzt, die als Spezialisten für die Motorenmontage die Arbeitsleitung einschätzen konnten: „Während der Arbeit waren wir der SS und den deutschen Meistern unterstellt.“166 Die Macht über die Häftlinge musste die SS in dieser Zeit mit den Belegschaftsangehörigen teilen. Diese konnten den KZ-Alltag der Häftlinge erleichtern. Mit dem Einsatz der KZ-Häftlinge an einem Arbeitsplatz in der Privatindustrie, wurden jedoch „ganz normale Vertreter“ der deutschen Gesellschaft Träger des KZ-Systems. Die Machtteilung verlief nicht unproblematisch: “Eines Tages hatte er [Vorarbeiter A. d. A.] einen Wortwechsel mit einer Aufseherin. Sie war ein junges Mädchen von etwa zwanzig Jahren, die offensichtlich nichts von Montage verstand. Sie wollte in rüder Weise Vorschläge erteilen; Hermann bat sie kühl, nicht ihre Kompetenzen zu überschreiten. Als sie ihm den Rücken gekehrt hatte, blieb ihm nicht mehr Zeit, einen Blick voll tiefer Verachtung der ihr galt, vor uns zu verbergen.“167 Kam es zum Streit zwischen SS und Daimler Benz um Produktionsmethoden, ein versuchter Eingriff der SS-Aufseherin in den Arbeits- und somit Machtbereich des Belegschaftsangehörigen, so konnten dieser sich gegenüber der SS durchsetzen. Für eine bessere Behandlung oder gar Beendigung der KZ-Arbeit der Häftlinge setzte sich kein „Gefolgschaftsmitglied“ mit dieser Konsequenz ein. In der Halle 24 arbeiteten neben den 200 Zivilarbeitern von Daimler Benz ca. 1100 Häftlinge. Jeden Tag sahen die Daimler-Angestellten die ausgezehrten Häftlinge an ihrem Arbeitsplatz, sahen ihre unmenschliche Behandlung durch die SS. Jeden Abend kamen sie von der Arbeit nach Hause und erzählten im Kreis ihrer Familie von der KZ-Arbeit. Es gab aus den Reihen der Belegschaft keinen öffentlichen Protest an diesem Einsatz, es gab keine Forderungen dieses offensichtliche Verbrechen einzustellen. Viele Motive spielten für dieses Verhalten eine Rolle. [...]
DP 3 2014 , Aussage SS- Aufseherin Ida Kühn. SH: LS221-11, Tagesmeldung Landeskriminalamt Mark-Brandenburg 19.April 1947. 163 SH: LS221-11, Landeskriminalpolizeistelle Kriminaldiensstelle Teltow an das Spruchgericht in Bielefeld, 16.6.1947. 164 Setkiewicz, Monowitz, S. 587-591, Setkiewicz legt dar wie das IG Farben Management die terroristische Behandlung der Häftlinge nicht grundlegend ablehnte. Alle Maßnahmen der IG Farben zeigten das letztendlich die Häftlinge an sich keinen Wert für die Betriebsführung hatten. Das Ziel der Produktionssteigerung war nicht zu erreichen, da das KZ-System eine bessere Behandlung der Häftlinge nicht zu ließ. Das IG Management unterschied sich in den Auspressungsmethoden der Häftlinge nicht wesentlich von der SS., Siehe auch, Wagner , Produktion, S. 76. [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832487270
Arbeit zitieren:
Jegielka, Stephan Oktober 2004: Das KZ-Außenlager Genshagen, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Nationalsozialismus, Konzentrationslager, Ludwigsfelde, Wehrmacht, Daimler Benz AG




