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Franz Kafkas 'Schloss' - Roman oder K's Sieg über sich selbst

Franz Kafkas 'Schloss' - Roman oder K's Sieg über sich selbst
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Björn Germek
  • Abgabedatum: Juni 2003
  • Umfang: 109 Seiten
  • Dateigröße: 891,4 KB
  • Note: 2,3
  • Institution / Hochschule: Ruhr-Universität Bochum Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-8447-7
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-8447-7 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-8447-7 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Germek, Björn Juni 2003: Franz Kafkas 'Schloss' - Roman oder K's Sieg über sich selbst, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Verhaltenspsychologie, Taoismus, Soziale Systeme, Dekonstruktivismus, Kampfkunst

Magisterarbeit von Björn Germek

Einleitung:

Die Interpretationen zum ‚Schloss’, Franz Kafkas letztem großen Werk, sind vielfältig und keine kann für sich beanspruchen, dass sie die einzige Wahrheit des Romans gefunden hat. Einer der ersten Ansätze überhaupt ist die Betrachtung des Romans aus einer theologischen Perspektive heraus, die durch Max Brod, Kafkas Freund und ersten Gesamtherausgeber, eingeleitet wird. Brod ist der Meinung, dass die Instanz des Schlosses mit der göttlichen Gnade in Verbindung gebracht werden könne und dass den Geschehnissen im Dorf ein durch das Göttliche gelenktes Schicksal innewohne.

„Dieses ‚Schloß’, zu dem K. keinen Zutritt erlangt, dem er sich unbegreiflicherweise nicht einmal richtig nähern kann, ist genau das, was die Theologen ‚Gnade’ nennen, die göttliche Lenkung menschlichen Schicksals (des Dorfes), die Wirksamkeit der Zufälle, geheimnisvollen Ratschlüsse, Begabungen und Schädigungen, das Unverdiente und Unerwerbliche, das ‚Non liquet’ über dem Leben aller. Somit wären im ‚Prozeß’ und im ‚Schloß’ die beiden Erscheinungsformen der Gottheit (im Sinne der Kabbala) - Gericht und Gnade – dargestellt.“ An Brod schließen sich noch viele weitere theologische Deutungsansätze an, über die später Heinz Politzer zusammenfassend schreibt:

„Alle diese Deutungen widersprechen einander, zeigen jedoch gerade in ihrem Widerspruch die irisierende Natur von Kafkas Visionen auf; er wirft als Spiegel die Ängste und Nöte dessen zurück, der von seinem Werk ereilt worden ist. Wo diese Nöte aber den Ängsten eines an seinem Glauben zweifelnden und verzweifelten Gewissens entsprungen sind [...] liegt die Vermutung nahe, dass hier in das Unheil Kafkas die Sinnbilder der dem Betrachter eigenen Heilslehre projiziert worden sind.“ Nach der eingehenden Auseinandersetzung mit der Theologie begibt sich die Interpretationsgeschichte des Schloss-Romans auf eine andere Spur: sie macht Sigmud Freuds Psychoanalyse zur Deutungsgrundlage. Walter Sokel etwa lässt sich intensiv auf den psychoanalytischen Zeitgeist ein. Er weist darauf hin, dass K. einer mächtigeren, ihm übergeordneten Person (Klamm) die Geliebte (Frieda) stiehlt und sie dann für den Kampf gegen Klamm benutzen möchte. Natürlich kann man hier mit Freud eine Anlehnung an das Ödipus-Motiv herausfiltern, besonders da (wie schon Walter Benjamin es erkennt) der dieselbe autoritäre Macht gegenüber dem Sohn besitzt wie das Schloss gegenüber K. Auch Klaus Wagenbach bemüht sich um die Aufschlüsselung von Kafkas Kindheit und findet auf dessen biographischen Spuren das reale Schloss im Dorf Wossek, dem Herkunftsort seines Großvaters.

Eine weitere Deutungsrichtung, die auch in der nachfolgenden Romananalyse berücksichtigt wird, beschäftigt sich mit dem Aspekt des modernen, unübersichtlichen Bürokratieapparates, mit dem sich das Individuum K. konfrontiert sieht. So schreibt etwa Axel Dornemann Aufschlussreiches über das „Labyrinth der Bürokratie“, während Hans-Ulrich Derlien Kafka mit Max Webers soziologischem Standpunkt in Verbindung bringt und Ulf Abraham das „Verhältnis von Rechtsordnung und Ordnungsmacht“ bei Kafka aufschlüsselt.

Die nun folgende Analyse widmet sich einem bisher noch nicht eingehend untersuchten Motiv, über das Klaus Kunißen 1985 schreibt: „Das Motiv des Kampfes prägt Kafkas Werk und bezeichnet die Gespaltenheit der Perspektivfiguren.“ Kunißens Beitrag zur Kafka-Forschung heißt Kampfbeschreibungen. Ihm geht es dabei primär um die „Zerissenheit des Daseins“ und das „melancholische Niemandsland, (die) schiziode Eigenwirklichkeit“, die Personen wie Kafkas Figuren aber auch Kafka selbst in seiner Doppelexistenz zwischen Büro und nächtlichem Schreiben entwickeln und die dauerhaften innerlichen Kämpfe, die diese Personen in einer modernen, entfremdenden Weltordnung mit sich selbst führen. In loser Anknüpfung an linksintellektuelle Deutungstraditionen wie denen Adornos oder Deleuzes/Guattaris wird diese literarische Methode dann auch zum angemessenen „Widerstand gegen kategorisierende Einordnungen“ der modernen Welt erklärt. Doch das Motiv des Kampfes ist schon etwa zwanzig Jahre früher angesprochen worden, und zwar von dem schon im Zusammenhang mit der Freud’schen Psychoanalyse erwähnten Interpreten Walter Sokel. Sokel schreibt:

„Franz Kafkas erstes Werk heißt Beschreibung eines Kampfes. Das Grundthema seiner Dichtung, das in faszinierenden Variationen sein gesamtes Werk beherrscht, erscheint hier zum ersten mal in jugendlich unreifer Form. Wer sind die Kämpfer? In welcher Beziehung stehen sie zueinander? Worum wird gekämpft? Wodurch wird der Sieg errungen und worin besteht er?“ Etwa vierzig Jahre dauert es, bis – hier, in der vorliegenden Arbeit – diese Fragen beantwortet werden. Es wird dargestellt, dass es sich nicht um irgendeinen Kampf handelt, sondern dass dieser Kampf einer bestimmten Logik folgt, die sich ständig wiederholt. Es ist die Logik eines Protagonisten, der mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften gegen einen Gegner antritt, der auch mit der höchsten Kraftanstrengung nicht zu besiegen ist. Denn dieser Gegner besitzt eine Strategie, die es für den starken Protagonisten unmöglich macht, kräftemäßig überlegen zu sein: Es gibt auf der gegnerischen Seite keine Kraft (jedenfalls keine Kraft, welche der angreifenden Kraft Widerstand entgegensetzt), so dass es für den Angreifer so aussieht, als existiere der Gegner gar nicht. Der Gegner nimmt die Kraft des Angreifers in sich auf, gibt ihr nach und leitet sie an sich vorbei - der Angreifer muss das Gefühl haben, in einen luftleeren Raum zu schlagen, und er bringt sich durch seine eigene Kraft immer weiter aus dem Gleichgewicht, bis er am Ende, durch sich selbst entkräftet, am Boden liegt. Die Protagonisten in Kafkas Texten sind Meister der Selbstsabotage, weil ihnen der Weitblick fehlt zu begreifen, dass mit jedem kraftvollen Schlag ins Nichts ein Teil der eigenen Kampfenergie verloren geht.

Diese Logik zieht sich als ein roter Faden durch Kafkas gesamtes Werk: Nicht ohne Grund ist die Beschreibung eines Kampfes Kafkas erster Romanversuch. Durch die Lektüre dieses Textes erfährt man, dass hier der Kampf des Bewusstseins gegen seine Außenwelt - gegen die „Dinge“ - beschrieben wird, was impliziert, dass es sich um einen vergeblichen Kampf handelt. Vergeblich ist auch der Kampf, den K. im Proceß führt, denn je verkrampfter er versucht, seine Unschuld (an einem nicht bekannten Verbrechen) zu beweisen, desto hilfloser ordnet er sich einer Macht unter, die ihn von Anfang an für schuldig erklärt. In die Reihe sinnloser Kämpfe fällt auch der Text Die Verwandlung, in dem der zu einem Käfer mutierte Gregor Samsa vergebliche Anstrengungen unternimmt, trotz seines hässlichen Käferdaseins von seiner Familie geliebt zu werden - Anstrengungen, die ihn schließlich eines einsamen Todes sterben lassen.

Die folgende Analyse hat das Ziel, diese Logik der Selbstsabotage und des zwecklosen Kampfes am Beispiel des Schloss-Romans zu verdeutlichen und zu zeigen, warum K.s Kraftanstrengungen ihm nicht dabei helfen können, dem Schloss in irgendeiner Weise näher zu rücken, sondern ihn ganz im Gegenteil in höchst konsequenter Weise so lange am Schloss vorbeileiten, bis er entkräftet aufgibt. Um dieses Ziel zu erreichen, benutzt die Analyse fünf Theorien aus verschiedenen Gebieten und mit unterschiedlicher Herkunft, die jedoch große Strukturanalogien aufweisen. Die hier benötigten Aspekte entstammen der Theorie des WingTsun (eine etwa 300 Jahre alte chinesische Kampfkunst), Niklas Luhmanns Systemtheorie, der Theorie über Lösungen erster und zweiter Ordnung von Paul Watzlawick und dem Taoismus. In diesen ersten vier Theorien geht es darum, einen Gegner (einen körperlichen Gegner; die Umwelt eines sozialen Systems, die sich, den Fortbestand des Systems gefährdend, ständig verändert; oder eine Schwierigkeit im individuellen Leben) nicht durch größere Kraft zu besiegen, sondern seine Kraft aufzunehmen, ihr nachzugeben und sie ungefiltert wieder an ihn zurückzuleiten – so dass er entweder durch sich selbst besiegt wird oder zumindest ein Zusammenleben mit ihm möglich ist, ohne dass seine Angriffe Schaden ausrichten können.

Durch eine im folgenden Kapitel herzuleitende Theoriesynthese ist es möglich, die verschiedenen Kämpfe (persönliche Kämpfe oder Kämpfe mit der Schlossverwaltung, die eher in den systemtheoretischen Bereich fallen) zu analysieren und festzustellen, dass es im Roman eine immer gleiche - am Ende zerstörerische - Struktur gibt, in deren Kreislauf sich der Protagonist durch seine eigene Kraft hineinbegibt. Als fünfter theoretischer Aspekt wird schließlich noch die auch von Kunißen angerissene Tradition linksintellektueller Kafka-Lektüre von Adorno bis Deleuze/Guattari angeführt und aufgezeigt, inwiefern deren Begeisterung für das „rhizomatische Schreiben“, den „ent-differenzierenden Blick“ oder die Verweigerung eines Eintretens in die „symbolische Ordnung“ strukturell ebenso mit WingTsun und dem Taoismus an dieser Stelle zu tun hat.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
2. Theorien 5
2.1 WingTsun 5
2.1.1 Selbstverteidigung 5
2.1.2 Begriffe 6
2.1.3 Zentrallinie 6
2.1.3.1 Verschiedene Bedeutungen der Zentrallinie 6
2.1.3.2 Energie 6
2.1.3.3 Zeit 7
2.1.3.4 Fotos zur Verdeutlichung 8
2.1.3.5 Komplexitätsreduktion durch den eigenen Angriff 9
2.1.4 Kampfprinzipien 9
2.1.4.1 Vorstoßen 10
2.1.4.2 Klebenbleiben 10
2.1.4.3 Nachgeben 11
2.1.4.4 Fotos zur Verdeutlichung 13
2.1.4.5 Vorteil des Nachgebens 14
2.1.5 Man-Sao und taktiles Frühwarnsystem 15
2.1.5.1 Man-Sao 15
2.1.5.2 Taktiles Frühwarnsystem 15
2.2 Soziale Systeme und ihre Abgrenzungsmechanismen 17
2.2.1 Vertrauen als Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität 17
2.2.2 Bestandssicherung 18
2.2.3 Beispiel: Jugendkultur 19
2.2.4 Keine zufällige Vorwegnahme der Zukunft 20
2.2.5 Systemerhaltung und Abgrenzung gegen die Umwelt 21
2.2.6 Der Einfluss des psychischen Systems auf die Abgrenzung eines sozialen Systems 22
2.2.7 Zusammenfassung 24
2.3 Paul Watzlawicks Lösungen 25
2.3.1 Lösungen erster Ordnung 25
2.3.2 Lösungen zweiter Ordnung 26
2.3.3 Watzlawicks Beispiele für Lösungen zweiter Ordnung 27
2.4 Taoismus 30
2.4.1 Warum Taoismus? 30
2.4.2 Die Grundlagen des taoistischen Denkens 30
2.4.3 Kafkas Beschäftigung mit dem Taoismus 31
2.5 Das rhizomatische Schreiben 34
2.6 Strukturanalogien in den Theorien und Ausblick auf die Anwendung im Text 38
2.6.1 Aufrechterhaltung 38
2.6.2 Handlungen ohne Umwege 38
2.6.3 Wahrnehmung von Veränderungen 39
2.6.4 Nachgeben als Verformung der Vorwärtsbewegung 40
2.6.5 Textbezug 41
3. Der Text 42
3.1 Gedanken zu K.s Gegner 42
3.1.1 Mehrere Gegner 42
3.1.2 Warum das ‚Wir’ kein ‚Ich’ braucht 44
3.1.3 Jeder arbeitet für sich selbst 46
3.2 Schwarzer (Kapitel 1) 48
3.2.1 Schwarzers Kampfprovokation 48
3.2.2 Die (Un-)Wichtigkeit der Erlaubnis 48
3.2.3 Vorgriff auf das fünfte Kapitel: Schwarzer dient als Man-Sao 51
3.2.4 Bezug zum Tao 52
3.3 Fußweg zum Schloss (Kapitel 1) 54
3.3.1 Kraft und Gegenkraft 54
3.3.2 Beschreibung der mühsamen Wanderung 55
3.3.3 Unsicherer (Still-)Stand 58
3.4 Barnabas (Kapitel 2) 59
3.4.1 Einem Besitz nachlaufen 59
3.4.2 Das Problem, besitzen zu wollen 60
3.4.3 Aufnehmen, Nachgeben, Weiterleiten 61
3.5 Frieda (Kapitel 3) 63
3.6 Die Wirtin (Kapitel 4) 68
3.7 Der Vorsteher (Kapitel 5) 70
3.8 Das Warten auf Klamm und der Kampf gegen das Verhör (Kapitel 8 und 9) 76
3.9 Verlust von Barnabas (Kapitel 10 und 16) 79
3.10 K sucht den Kampf (Kapitel 23) 84
4. Schluss 87
4.1 Wer sind die Kämpfer? 87
4.2 In welcher Beziehung stehen die Kämpfer zueinander? 87
4.3 Was ist der Gegenstand der Kämpfe? 88
4.4 Wodurch wird der Sieg errungen? 88
4.5 Worin besteht der Sieg? 88
4.6 Der rote Faden der hier vorgestellten Romananalyse 89
4.7 Was diese Arbeit nicht beantwortet hat 89
4.8 Schlusszitat 89
5. Literatur 91
5.1 Primärliteratur 91
5.2 Sekundärliteratur 91
5.2.1 Kafka-Forschung 91
5.2.2 WingTsun / Selbstverteidigung 92
5.2.3 Systemtheorie nach Luhmann 93
5.2.4 Taoismus 94
5.2.5 Watzlawicks Lösungen 94
5.2.6 Poststrukturalismus / Dekonstruktion / Rhizomatisches Schreiben 94
5.2.7 Übersetzung der Namen 95

Automatisiert erstellter Textauszug:

Dann, nach der weiteren Beobachtung des noch entfernten Schlosses, hört er auf zu laufen: „Wieder stand K. still, als hätte er im Stillstehen mehr Kraft des Urteils.“ (17). Hier benutzt Kafka das Wort Stillstehen und macht damit deutlich, was K. erreichen könnte, wenn er dieses Stillstehen für einen Moment akzeptieren könnte. Denn, wie es in 3.2. gezeigt wurde, ein Stillstand würde in der Tat bedeuten, über mehr Urteilskraft und Überblick zu verfügen. Dazu kommt K. jedoch nicht: „Aber er wurde gestört.“ (ebd.). Gestört wird er durch den Lehrer der Schule, in deren Nähe er stehen geblieben ist. Er lässt sich auf eine Unterhaltung mit dem Lehrer ein, und dadurch bleibt sein Geist an der Tätigkeit haften, die er ohnehin am liebsten ausführt: an dem Führen von Diskussionen. K. diskutiert kurz mit dem Lehrer, wonach er („So ging er wieder vorwärts“ [19]) die Diskussion auf den Weg verlagert. Ja, es handelt sich tatsächlich um eine Diskussion, in der K. auf das eingeht, was der Weg ihm vorschlägt: „Die Straße nämlich, diese Hauptstraße des Dorfes führte nicht zum Schloßberg“ – anscheinend gegen K.s Erwartung, wo immer er sie auch her hat; denn auf einer Straßenkarte hat er vorher bestimmt nicht nachgesehen – „sie führte nur nahe heran, dann aber wie absichtlich bog sie ab“. Dies ist eine Bewertung, die der Straße ein gegen K. gerichtetes Handeln unterstellt – „und wenn sie sich auch vom Schloß nicht entfernte, so kam sie ihm doch auch nicht näher. Immer erwartete [!] K., dass nun endlich die Straße zum Schloß einlenken müsse“ – wer hat ihm gesagt, dass sie das tun würde? [...]

den Fenstern der Hütten und lastete gleich wieder auf dem niedrigen Dach, aber oben auf dem Berg ragte alles frei und leicht empor“ (ebd.). Das ist eine bemerkenswerte Bewertung K.s, denn die Tatsache, dass ihm im Dorf die Last und oben auf dem Berg die Freiheit und Leichtigkeit auffällt, könnte bedeuten, dass er davon ausgeht, dass seine Erwartungen, er könnte seine Schwierigkeiten im Dorf zurücklassen, im Schloss bestätigt werden. Doch diesen Erwartungen fehlt etwas ganz Entscheidendes: der Beweis! Zu diesem Beweis gelangt K. nicht, und im Grunde ist ihm das auch selbst klar: „wenigstens schien es so von hier aus.“ (ebd.). Es ist auch keinesfalls so, dass K. beim Betrachten des Schlosses Glück empfindet, sondern es zeigt ihm nur noch mehr, wie schwierig das Leben hier im Dorf ist: [...]

„So führt die ‚Straße, die zum Schloß führt’ […], gerade nicht zum Schloß, sondern biegt immer wieder ab. K. hält jedoch die Ferne, die zwischen ihm und dem Schloß liegt, für eine räumlich zu überwindende und dies umso mehr, je ferner es ist – auch dann noch, als es ihm nur noch in den Erzählungen der Dorfbewohner begegnet, phantasiert er die Aufnahme ins Schloß. Tatsächlich aber ist K. auch hier das Zentrum der Kräfte, die von dem Schloß als dem Unerreichbaren […] ausgehen. Deshalb sind die Grenzen von K.s Radius bereits die Dorfgrenzen. Dieses dialektische Verwirrspiel ist die Macht des Schlosses wie des Gerichts. Sie wächst proportional zu K.s Ver(w)irrung. So schließt jeder Versuch K.s, weiter an das Schloß heranzukommen, die Grenzen des Dorfes nur enger um ihn.“111 [...]

Arbeit zitieren:
Germek, Björn Juni 2003: Franz Kafkas 'Schloss' - Roman oder K's Sieg über sich selbst, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Verhaltenspsychologie, Taoismus, Soziale Systeme, Dekonstruktivismus, Kampfkunst

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