Umgang mit geistig Behinderten in der Gesellschaft
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Friederike Frach
- Abgabedatum: Juni 2003
- Umfang: 94 Seiten
- Dateigröße: 262,1 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-8124-7
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-8124-7 P - ISBN (CD) :978-3-8324-8124-7 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Frach, Friederike Juni 2003: Umgang mit geistig Behinderten in der Gesellschaft, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: geistige Behinderung, Begriffsgeschichte, Michél Foucault, Europa, Religion
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Magisterarbeit von Friederike Frach
Einleitung:
Wo trifft man in der heutigen Zeit Menschen mit einer geistigen Behinderung? In der Schule oder im Arbeitsalltag? Beim Einkaufen, in der Arztpraxis, im Schwimmbad oder im Fitnessclub? Oder vielleicht im Kino?
Man muss sich in unserer Gesellschaft ganz bewusst vornehmen, in Kontakt mit „andersartigen Menschen“ zu kommen. Für einen solchen Schritt müssen Hemmungen, Vorurteile und nicht selten Ängste vor dem Fremden überwunden werden. Warum aber sollte man sich dazu entschließen? Wer würde sich freiwillig den erwarteten Unannehmlichkeiten und - für viele Menschen sogar peinlichen - Konfrontationen aussetzen? Wird man sich als „normaler Mensch“ in eine Anstalt, eine betreute Wohngemeinschaft oder eine Behindertenwerkstatt begeben? Wohl kaum. In den Köpfen wie auch in der Realität wird das Andersartige und damit scheinbar Unbequeme gemieden und verdrängt.
Und doch gibt es sie, die geistig Behinderten, in unserer Umgebung und sie haben ein gesetzlich festgelegtes Recht auf ein menschenwürdiges, also normales, Leben. Deswegen geht es um die Normalisierung der Verhältnisse, darum, dass geistig Behinderte ganz einfach ein Stück des Lebensumfeldes sind. An dieser Stelle setzen integrative Projekte an. So gibt es beispielsweise kunstgewerbliche Werkstätten in denen mit Ton, Leinwand und vielen anderen Materialien gearbeitet wird. Die dort gefertigten Produkte sind professionelle künstlerische Arbeiten und werden auch als solche verkauft. Man findet Musikgruppen, Fotoprojekte, Workshops und ganze Festivals, die eine breite Öffentlichkeit ansprechen und so auch Aufmerksamkeit in den Medien erregen. Bei diesen Aktivitäten spielt natürlich der Therapieeffekt für die Behinderten eine Rolle. Aber gleichzeitig geht es um Brücken zu jenen Menschen, deren Bewusstsein „das Fremde“ gern ausblendet, weil es unbequem ist.
Und so gibt es Theater, welche die Innenwelt ihrer Protagonisten auf die Bühne bringen und eine erste Bewegung aufeinander zu ermöglichen. Im Theater befindet sich der Zuschauer in der aufnehmenden Position und erhält einen bewegenden Einblick in die Probleme dieser Menschen. Er wird auch über das Theatererlebnis hinaus zur Auseinandersetzung mit der Lebenswelt geistig Behinderter angeregt.
Eine solche, vor allen Dingen emotionale, Beschäftigung mit dieser „anderen Welt“ fordert die Theatergruppe „RAMBA ZAMBA“ mit ihren aufrüttelnden Stücken heraus. Mit expressiven Themen und rasanten Inszenierungen schaffen es die Schauspieler und Musiker dieser Gruppe, Verbindungen zwischen ihrer Wirklichkeit und der Erlebniswelt der Rezipienten herzustellen.
Das persönliche Theatererlebnis hat für mich eindringlich die Bedeutung solcher Initiativen im Bemühen um eine Normalisierung gezeigt. Nach wiederholten Aufführungsbesuchen und der ersten Kontaktaufnahme sind menschliche Beziehungen zu den Betroffenen und ihren Bezugspersonen entstanden, die zum Hintergrund meiner theoretischen Beschäftigung gehören und meine Arbeit begleitet haben. Um einen lebendigen Einblick in den Theateralltag der Schauspieler und Musiker von „RAMBA ZAMBA“ zu geben, besteht ein Teil der Magisterarbeit aus einer Videodokumentation. Dieser Film spricht für sich selbst und bedarf daher keiner gesonderten Einleitung.
Im schriftlich-theoretischen Teil befasse ich mich mit der Frage nach der Position geistig behinderter Menschen im sozialen Gefüge. Bis heute wurde zur Stellung Behinderter allgemein schon sehr viel geforscht. Was mir fehlte, war ein historischer Überblick und eine Zusammenstellung von Aspekten des heutigen Umgangs mit geistig Behinderten. Außerdem ist es mir wichtig, diesen Blick „von außen“ in Beziehung zum Erleben der Betroffenen zu setzen. Bisher wurden beide Bereiche zumeist getrennt voneinander besprochen. Aus diesem Grund habe ich den Text wie folgt gegliedert:
Die Geschichte des Umgangs mit geistiger Behinderung ist auch eine Geschichte ihrer Interpretation. Zur Verdeutlichung dieser Tatsache stelle ich am Anfang der Arbeit Gesichtspunkte zu einem historischen Überblick zusammen. Die ersten beiden Kapitel setzen sich unter anthropologischen Gesichtspunkten mit dem Phänomen geistige Behinderung auseinander. Dabei geht es zunächst um den Wandel der Bezeichnungen, mit denen geistige Behinderung umschrieben wurde und wird. An dieser Stelle werde ich auf die Diskussion um die moralisch richtige Verwendung der Termini eingehen. Im Anschluss daran sollen Textbeispiele aus der philosophischen Literatur und Beschreibungen von Zeitzeugen eine Annäherung an das Bild von der geistigen Behinderung durch die Jahrhunderte ermöglichen. Dabei werde ich jene Kulturen und sozialen Systeme berücksichtigen, auf die sich unsere Gesellschaft beruft.
Um den Umgang mit geistig Behinderten in verschiedenen Ethnien zu erläutern, habe ich im dritten Kapitel Beispiele für Modelle und gesellschaftliche Konstruktionen in archaischen Kulturen und in nichtchristlichen Religionen zusammengetragen.
Im Vergleich dazu lassen sich Reaktionen und Verhaltensweisen gegenüber geistig Behinderten in unserer heutigen Kultur einordnen. So benenne ich im vierten Teil gesellschaftstheoretische Definitionen. Außerdem werde ich Erklärungsmuster für den Umgang mit geistig Behinderten und Prinzipien der Kategorisierung vorstellen. Daran schließt sich fünftens eine Darstellung der tatsächlichen Situation in der Bundesrepublik Deutschland an. Der Focus dieses Kapitels liegt auf den Lebensumständen geistig behinderter Menschen. Hier berufe ich mich auf die neuesten Quellen zum Thema. Die Darstellung der Sachlage aus der Sicht der Pädagogen, Betreuer und Wissenschaftler bildet ein Gegengewicht zu den eigenen Ansichten der eingeschlossenen Menschen.
So besteht der sechste Teil der Arbeit hauptsächlich aus Beispielen. Es geht um die Innensicht der Betroffenen. In Form von Interviews und literarischen Quellen kommen hier geistig Behinderte mit ihrer ganz persönlichen Sicht zu Wort.
Im siebten und letzten Teil werde ich die aufgestellten Thesen mit den gewonnenen Eindrücken vergleichen. Aus der Zusammenstellung der Arbeit ergeben sich die wichtigsten Leitfragen. Der historische Hintergrund bietet eine Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem Thema. Hier stellt sich die Frage nach dem Wandel der Bezeichnungen und nach dem Umgang mit geistig Behinderten durch die Jahrhunderte. Den zusammengetragenen Beispielen und der daraus gewonnenen Quintessenz stehen Umgangsformen aus jenen Kulturen gegenüber, die nur wenig von den monotheistischen Weltreligionen geprägt worden sind. Gibt es heute Rückkopplungen zwischen den Gesellschaftssystemen? Zu guter Letzt möchte ich die Außensicht der Betreuer und Forscher mit den Reflektionen der Betroffenen in Beziehung setzen.
Die Beantwortung der Leitfragen schlägt den Bogen zum filmischen Beispiel dieser Arbeit, dem Porträt der Theatergruppe „RAMBA ZAMBA“.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 4 | |
| 1. | Zur Etymologie des Begriffs Geistige Behinderung | 8 |
| 1.1 | Definition des Begriffs Behinderung | 9 |
| 1.2 | Verbale Kennzeichnung Geistiger Behinderung | 11 |
| 2. | Zur Geschichte des Umgangs mit geistig Behinderten im europäischen Kulturkreis | 17 |
| 2.1 | Die Urzeit | 18 |
| 2.2 | Mesopotamien | 19 |
| 2.3 | Das Alte Ägypten | 20 |
| 2.4 | Griechische Antike | 22 |
| 2.5 | Römisches Reich | 23 |
| 2.6 | Frühes Christentum | 25 |
| 2.7 | Das Mittelalter | 25 |
| 2.8 | Renaissance | 28 |
| 2.9 | Aufklärung | 32 |
| 2.10 | Industrialisierung | 34 |
| 2.11 | 20. Jahrhundert | 36 |
| 3. | Die Anderen und das Anderssein: Über den Umgang mit geistig Behinderten in verschiedenen Religionen und Ethnien | 41 |
| 3.1 | Afrika | 42 |
| 3.1.2 | Beispiel Senegal | 43 |
| 3.2 | Amerika | 45 |
| 3.2.1 | Indianische Kulturen | 45 |
| 3.3 | Asien | 46 |
| 3.3.1 | Hinduismus am Beispiel Indien | 46 |
| 3.3.2 | Buddhismus | 48 |
| 3.3.3 | Buddhisten, Christen und Konfuzianer in Süd-Korea | 50 |
| 3.3.4 | Judentum | 51 |
| 3.3.5 | Islam – angesiedelt sowohl in Asien als auch in Nordafrika | 52 |
| 3.4 | Australien | 54 |
| 3.4.1 | Polynesische Kulturen am Beispiel Tonga | 54 |
| 3.4.2 | Polynesische Kulturen am Beispiel Samoa | 55 |
| 3.5 | Zusammenfassung | 56 |
| 4. | Zum Umgang mit Geistiger Behinderung heute: Einstellungen und Verhalten gegenüber geistig Behinderten in der westlichen Kultur | 57 |
| 5. | Zur Situation geistig Behinderter in der Bundesrepublik Deutschland | 62 |
| 5.1 | Geistig behinderte Kinder | 62 |
| 5.1.1 | Der Elementarbereich | 62 |
| 5.1.2 | Während der Schulzeit | 62 |
| 5.2 | Geistig behinderte Jugendliche und Erwachsene | 64 |
| 5.2.1 | Zur Wohnsituation | 64 |
| 5.2.2 | Das Arbeitsleben | 68 |
| 5.2.3 | Freizeit im Leben geistig behinderter Menschen | 71 |
| 6. | Erfahrungen: Der Blick von Innen | 76 |
| 6.1 | Kreative Freizeitgestaltung | 77 |
| 6.2 | Produktives Reisen | 79 |
| 6.3 | Texte und Bilder | 80 |
| Fazit | 84 | |
| Abbildungsnachweis | 87 | |
| Literatur | 88 |
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832481247
Arbeit zitieren:
Frach, Friederike Juni 2003: Umgang mit geistig Behinderten in der Gesellschaft, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
geistige Behinderung, Begriffsgeschichte, Michél Foucault, Europa, Religion




