Der Blick von draußen - Negative deutsche Wahrnehmungsmuster Amerikas
Enthaltend eine Untersuchung der Berichterstattung über die US-Präsidentschaftswahl 2000 in drei deutschen Tageszeitungen
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Jörg Ratzsch
- Abgabedatum: Dezember 2001
- Umfang: 127 Seiten
- Dateigröße: 799,1 KB
- Note: 2,5
- Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-6661-9
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-6661-9 P - ISBN (CD) :978-3-8324-6661-9 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Ratzsch, Jörg Dezember 2001: Der Blick von draußen - Negative deutsche Wahrnehmungsmuster Amerikas, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Antiamerikanismus, Amerikabild, Vorurteile, Amerikakritik, USA
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Magisterarbeit von Jörg Ratzsch
Zusammenfassung:
Kann man nun entlang der untersuchten geschichtlichen Linie einen Roten Faden erkennen, der die negative Wahrnehmung Amerikas in Deutschland charakterisiert? Erhalten und erneuern sich traditionelle negative deutsche Wahrnehmungsmuster der USA innerhalb des kultur-geschichtlichen Prozesses? Dieser Grundanahme der vorliegenden Untersuchung ist zuzustimmen. Vielleicht ist das Bild vom Baumstamm mit den Jahresringen dabei aber passender als das vom Roten Faden. Denn es hat sich gezeigt, dass sich das Amerika-Ressentiment zu einem komplexen kulturellen Gebilde entwickelt hat, für dessen Wirkungsmechanismus heute die Grundlagen von vor über 200 Jahren immer noch wichtig sind. Diese greifen jedoch tief im Inneren an und sind inzwischen verdeckt und überlagert von neu hinzu gekommenen Wahrnehmungen, die den Entwicklungen und Zäsuren der eigenen deutschen Kulturgeschichte unterliegen.
Im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sich das bis heute gültige zugespitzte positiv-negativ-Schema unter dessen Wirkung Amerika in Deutschland wahrgenommen und bewertet wird. Im größeren Rahmen hat erstmals Gottlieb Mittelberger im Jahre 1756 mit seiner warnenden Schrift vor den Gefahren der Übersiedlung nach Amerika dem weitgehend mythisch verklärten Bild vom gelobten Land und El Dorado ein Gegenstück gesetzt. Damit etablierte sich eine Art Generalabrechnungsgenre in der Literatur, mit dem Anspruch, ein „wahres“, nämlich schlechtes Amerika zu entlarven. Wie gezeigt wurde, werden Bücher im Stile eines Dietrich von Bülow (1797) bis heute geschrieben (Rolf Winter). Wo konnten die ersten Amerika-Schmäher ansetzen? Sie konnten zuerst den Enttäuschungsreflex ausspielen und Amerika die Nichterfüllung ihrer selbst in Europa produzierten idealisierten Amerika-Bilder anlasten. Außerdem entwickelte sich in Amerika ein Bewusstsein für eine neue Art von Gemeinwesen, basierend auf aufklärerischen und staatsphilosophischen Ideen, denen europäischer Standesdünkel und damit verbundene Elitebegriffe fern lagen. Diese Ideen manifestierten sich in der amerikanischen Verfassung und der Schaffung einer offenen Gesellschaft. Das neue Staatswesen legte den Anspruch an sich selbst unter größtmöglicher Zurückhaltung den Mitgliedern der Gemeinschaft im Sinne eines Gesellschaftsvertrages nur so viele Freiheiten zu nehmen, wie es für eine funktionierende Gemeinschaft und für das Gemeinwohl nötig war. Dieser Liberalismus war Europa suspekt, da er unkalkulierbar in seiner eigenen Verwirklichung und Ausprägung schien. Er löste bekannte gesellschaftliche Klassifizierungsschemen auf und vermittelte an obrigkeitshörige Europäer das Bild eines haltlosen Daseins. Ein philosophisch begründetes Gemeinschaftsgefühl konnten Leute wie Bülow nicht erkennen, sie mussten andere Kriterien anwenden, um zu erklären was Amerika zusammenhält und charakterisiert. So wird der Grundgedanke in der Unabhängigkeitserklärung, der auf freiheitlichen Idealen basierende Selbstverwirklichungsanspruch, zur reinen Versicherungspolice degradiert. Amerika wird zur Zivilisation selbstsüchtiger Gewinnstreber ohne einen organisch gewachsenen, weil nicht mit einer zweitausendjährigen Kulturgeschichte verbundenen, tieferen Daseinssinn. Amerika hat keinen Adel und damit fehlen ihm im europäischen Sinne die Träger der Kultur und des guten Geschmacks. Dass Menschen, wie in Amerika, ohne ererbten hohen Sozialstatus an die Spitze der Gesellschaft kommen und es nur durch ihren Willen und mit Hilfe einer protestantischen Arbeitsethik zu großem wirtschaftlichen Erfolg bringen können, ist dem europäischen Betrachter unverständlich und unlogisch. Das kann keine echte Elite, kein Träger des guten Geschmacks und der Hochkultur sein. Dazu fehlt ihnen das soziale und kulturelle Kapital (Bourdieu), was sie nicht vererbt bekommen haben. Das hat nur echter Adel. So entwickelt sich ein Denken vom Amerikaner ohne Kultur, was auf fruchtbaren Boden gefallen sich schnell verselbstständigt und zum wesentlichen Baustein negativer Amerika-Wahrnehmung in Deutschland wird.
Die Romantiker des 19. Jahrhunderts konnten darauf aufbauen. Unter dem Eindruck der revolutionären Umbrüche in Amerika und Frankreich schwelgten sie mit den schönen Worten ihrer starken Poesie in einer heilen Welt, verwoben primitivistische Bilder von Natur, Mensch, Seele und Heimat zu verklärten Wunschwelten. Der rationale, aufgeklärte Charakter des neuen Amerika, basierend auf der Philosophie der Vernunft, schien sie aus diesen süßen Träumereien zu reißen. Zwar standen sie zum Teil in ihrer Denkweise Amerika wohlwollend gegenüber, da sie auch Revolutionen und Neuanfängen eine romantische Seite abgewinnen konnten, jedoch waren das Hoffnungen, die sie in Amerika hineinprojizierten, und die, wie das Beispiel des Dichters Lenau zeigte, bei Nichterfüllung in blanken Amerika-Hass umschlagen konnten. Die nationalistischen Romantiker, geprägt vom Geist des Umbruchs im Vormärz füllten die Begriffe Heimat, Volk, Wald, Natur etc. mit einer neuen Bedeutung. Aufgeladen mit dieser Bedeutung waren sie jetzt erst recht nicht mehr auf Amerika anwendbar, sondern mussten als genuin deutsche Begriffe bei dem Versuch, damit Zustände in Amerika zu beschreiben zu bedeutungslosen Hüllen werden. Dinge, die in Deutschland in Verbindung mit diesen romantischen Kategorien standen, wie die Nachtigall, der Wald, der Frühlings usw. fanden Dichter wie Lenau oder Kürnberger in Amerika so nicht vor. Also folgerten sie: Hier gibt es weder Natur noch Singvögel. Der Wald ist „starr und gitterhaft“ (Kürnberger) und hat weder Gerüche noch Vogelgezwitscher. Die Romantiker vervollständigten das negative Bild vom fehlenden organisch gewachsenen kulturellen Element in Amerikas Wesen, indem sie sogar der dortigen Natur, die transzendenten Züge absprachen. Gleichzeitig war Vertretern wie Heinrich Heine der amerikanischen Gleichheitsanspruch zuwider. Ihm zerstört das klassenlose Dasein das feste Kultur- und Geschmacksträgerraster. Heine sieht darin Nivellierung und Kulturverfall. Der negative Blick auf Amerika im neunzehnten Jahrhundert ist auch gekennzeichnet von der Industrialisierung und der Marxschen Philosophie. Kapitalismus ist immanent sozial ungerecht und nur die Zwischenstufe zu einer kommunistischen Gesellschaftsordnung, so die Quintessenz dieser Philosophie. Amerika, dessen gesellschaftliches Kredo mit einer freien Marktwirtschaft einvernehmlich einhergeht, wird damit aus einem neuen negativen Blickwinkel wahrgenommen: Als ungerechtes, ausbeutendes Land. Die diffuse Ablehnung des amerikanischen Selbstdefinitionsmodells in Form des individuellen Strebens nach wirtschaftlichem Erfolg, wurde von Marxens Philosophie mit der sozialen Frage ergänzt. Jetzt konnte man sagen, dass die verwerfliche „Jagd nach dem Dollar“ auch auf Kosten anderer und somit nicht nur moralisch unakzeptabel, sondern auch gesellschaftlich ungerecht ist. Bedeutende Personen wie Hegel weigerten sich zudem, Amerika als eigenen Teil des globalen Geschichtsprozesses anzuerkennen. Amerika war für ihn nicht nötig, um Europa zu verstehen. Diese Ignoranz nennt Henningsen Verdrängungsmechanismus. Was nicht verstanden wird, wird konsequent ausgeblendet, um das in sich schlüssige Bild der europäischen Geschichte nicht zu stören. Das 19. Jahrhundert gab dem Amerika-Ressentiment seinen grundlegend komplexen und fast unfassbaren Charakter. Dabei spielten Marxsche Kapitalismus-Ablehnung, romantische Verklärung von Kulturbegriffen, Verdrängung und wachsende Angstgefühle vor einem industriell-kraftvollen und sendungsstarken Amerika eine wesentliche Rolle. Die zuletzt angesprochenen Angstgefühle drückten sich in dem Wort Amerikanisierung aus. Die Diskussion stand angesichts der industriellen Leistungskraft der USA in Deutschland zusehends unter diesem Thema, weil Vertreter wie Goldberger (Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten) Amerika auf gewissen Gebieten einen uneinholbaren Vorsprung und Vorbildcharakter zugestanden. Es folgten reflexartige Abwehrreaktionen, in denen Amerika zwar industrielle Stärke zugestanden dafür aber, um den eigenen Unterlegenheitskomplex zu kompensieren, kulturelle, moralische oder geistige Schwäche unterstellt wurden. Man konnte ja mit den abstrakten Begrifflichkeiten der Romantiker arbeiten und gleichzeitig Marxsche Argumentationen anbringen, die „amerikanische Zustände“ in Deutschland nicht wünschenswert erscheinen ließen. Herzinger und Stein haben diese gefühlte Bedrohung so beschrieben.
„Amerika“ ist ein universales Schreckbild: Metapher für eine unheimliche, unfassbare Bedrohung. Auf den „Amerikanismus“ werden alle Ängste vor Zersetzung, Orientierungsverlust, Selbstentfremdung und Selbstauflösung projiziert, die den modernen Menschen plagen, seit er die vermeintliche Harmonie der Stammes- oder Ständegemeinschaft verlassen hat. „Amerika“ ist das Symbol eines Aufbruchs ins Ungewisse. Es ist eine Projektionsfläche für Selbstzweifel, von denen die Moderne auf ihrer Reise ohne Wiederkehr immer wieder befallen wird.
Das Amerika-Ressentiment wurde erweitert um ein neues Element. Denkweisen im jungen 20. Jahrhundert orientierten sich zunehmend an rassisch-völkischen Ideen. Rassismus wurde quasi auf pseudonaturwissenschaftlicher Basis legitimiert. Amerikas Gesellschaft konnte durch ihre geschichtlich bedingte Rassenmischung mit diesen Theorien eine Minderwertigkeit unterstellt werden. Gleichzeitig spielte man immer wieder den deutschen Menschenfreund, der sich gern über die Ungerechtigkeiten, die den Afroamerikanern in den USA widerfuhren, echauffierte. Hinzu kam ein nationalistisches Überlegenheitsgefühl. Unter dem Eindruck der direkten Rivalität der Nationen auch zwischen Deutschland und Amerika, wurden altbekannte und als wahr anerkannte Vorzüge deutschen Wesens besonders gern hervorgehoben. Geist, Seele, Kultur und Tiefsinn, die romantisch verklärten Kategorien der Dichter- und Denker-Deutschen. Amerika wurde im Gegensatz ganz auf seine wirtschaftliche Effizienz und Kraft reduziert. Damit war es umso leichter, dem Land einen mechanischen, geistig armen und oberflächlichen Charakter zuzuschreiben.
Nach dem ersten Weltkrieg und seiner auf Klischees reduzierten antiamerikanischen Propaganda, fand sich Deutschland in einer Demokratie wieder. Diese war jedoch reine Fassade und entsprach nicht der wirklichen Geisteshaltung des Landes. Die Rolle des Kriegsverlierers mit all seinen Bedingungen wollte ein Großteil der Bevölkerung nicht spielen und lief links- oder rechtsradikalen Sammelbewegungen und Parteien in die Arme, die mit revanchistischer oder antikapitalistischer Stimmungsmache emotionale Kompensation boten. Mit der demokratischen Ordnung und ihren Grundprinzipien identifizierten sich wenige, was negative Amerika-Wahrnehmungen begünstigte. Die radikalen Ansichten auf linker, wie rechter Seite waren immanent Amerika-feindlich. Rechts rassistisch, antisemitisch und antikapitalistisch, links, antikapitalistisch und kommunistisch. Aber auch die geistige Elite und gemäßigte Mitte konnte sich nicht von Ressentiments freisprechen, sondern griff auf den bürgerlichen Kanon negativer Amerika-Wahrnehmungen zurück. Außenminister Rathenau konnte in Amerikas Wesen nichts Positives erkennen, außer einem klaren und pragmatischen Denken, das jedoch nur aufs Materielle ausgerichtet ist. Kultur und Geist, so meinte Rathenau, fehlen dem Land.
Alle bisher genannten Elemente gingen auf in der wahnsinnigen Ideologie des Nationalsozialismus. Hier zeigten sich romantisch verklärte Heimatideen, völkisch-rassistische und antisemitische Überlegenheitsgefühle, aristokratisches Obrigkeitsdenken, antikapitalistischer und antiliberalistischer Kulturkonservatismus und revanchistische Rachegelüste. Der Blick auf Amerika unter all diesem geistigen Ballast konnte nur negativ ausfallen. Die NS-Propaganda konzentrierte sich darauf Amerika als dekadente, kulturlose und rassisch minderwertige Gesellschaft darzustellen.
Nach dem Krieg gab es die Sondersituation einer amerikanischen Dauerpräsenz in Deutschland. Alte Amerika-Ressentiments traten vorerst zurück, da in (West-) Deutschland eine gewisse Verbundenheit mit den USA entstand, weil man sich auf der richtigen Seite fühlte und eine Dankbarkeit für amerikanischen Aufbauhilfe eine positive Amerika-Wahrnehmung in den Vordergrund rückte. Das war jedoch nur vorübergehend und oberflächlich. Das Amerika der Kultur- und Geistlosigkeit, dass kannte man in Deutschland immer noch genauso gut, man traute sich vorerst nur nicht, es offen auszusprechen. Amerika zu kritisieren, war ein unausgesprochenes soziales Tabu, so lange bis Amerikas demokratische Vorbildrolle, die man sich als Flucht aus der eigenen Vergangenheit geschaffen hatte, zu bröckeln begann, hauptsächlich wegen des Vietnam-Krieges. Jetzt etablierte sich eine völlig neue Wahrnehmung Amerikas. Die eigene von der Eltergeneration ererbte nicht wiedergutzumachende Schuld am Genozid des Nazi-Regimes, wird auf Amerika übertragen. Der Nationalsozialismus wird enthistorisiert (Dan Diner) und als Faschismus den USA zugeschoben. Gesine Schwan beschreibt diesen Wirkungsmechanismus in ihrer Untersuchung Antikommunismus und Antiamerikanismus in Deutschland – Kontinuität und Wandel nach 1945:
Beschwiegene - [...] verdrängte bzw. in ihren Ursachen nicht durchschaute – Schuldgefühle beeinträchtigen demnach Selbstwertgefühl und Selbstachtung, sowohl bei den Tätern als auch, über Identifikationsprozesse, bei deren Nachkommen. Sie rufen Angst, Aggression, Strafbedürfnis, Projektion und Sündenbocksuche hervor, begünstigen Unheilserwartungen, machen realitätsuntüchtig bzw. befördern Verleugnung und Derealisierung [...] Dieser Entlastungsmechanismus spielt übrigens in unfassbarer und zugespitzter Form auch oft bei der deutschen Bewertung israelischer Politik gegenüber den Palästinensern eine Rolle. In Bezug auf Amerika legitimierte er in seinem wiederholten und unbewussten Gebrauch eine negative Wahrnehmung der USA, die dem Land eine kriegstreiberische, rassistische und aggressive Grundhaltung unterstellt.
Die negative Wahrnehmung Amerikas heute speist sich aus all den kulturgeschichtlich geformten Wertungselementen, die hier aufgezeigt wurden. Noch immer wird, wenn die Gelegenheit sich bietet, amerikanische Kultur als flach (Hollywood, Disney) und geistlos dargestellt. Das Bild vom Amerikaner ohne Intellekt wird auch heute gern anhand fehlender Geografie- oder Europakenntnisse bestätigt. Amerika gilt als Modell für Ungerechtigkeit und „Raubtierkapitalismus“. Politiker beschwören immer wieder in populistischer Manier, dass sie hierzulande keine amerikanischen Verhältnisse haben wollen, worin sich auch eine generelle Ablehnung liberaler Prinzipien ausdrückt. Exemplarisch ist in diesem Zusammenhang die Nachwendezeit in Deutschland. Immer wieder kommt in Umfragen im Osten Deutschlands eine große Ablehnung der Demokratie zum Vorschein. Prinzipiell handelt es hier um das gleiche Phänomen wie bei der Ablehnung Amerikas. Fehlende Nestwärme und Orientierungsverlust, Angst vor einer sich selbst nicht strikt definierenden Gesellschaftsstruktur, deren Zukunft offen ist, all das verkörpert Amerika, als Sinnbild für Moderne, Demokratie und Liberalismus.
Der Begriff Antiamerikanismus ist heute nicht mehr angebracht, da er eine bewusste und offen geäußerte Gegnerschaft impliziert, die so, außer am politischen Rand, kaum anzutreffen ist. Übrig bleiben jedoch die interessanteren negativen kulturellen Wahrnehmungsmuster, durch deren Einwirkung sich Menschen ihr Bild von den USA machen. Offen Amerika-feindliche Stimmungen werden immer nur dann laut, wenn Amerika sein hierzulande, hauptsächlich aus der eigenen deutschen Kulturgeschichte erwachsenes negatives Image, das immer in der Schublade ruht, durch bestimmte Handlungen zu bestätigen scheint. Jüngstes Beispiel ist der Krieg in Afghanistan, der völkerrechtlich legitimierte Angriff auf die Taliban. Sehr schnell waren die anklagenden Stimmen vom „wild drauflosbombenden“ Amerika in Deutschland wieder laut geworden, sogar noch bevor der Militärschlag überhaupt begonnen hatte. Ähnlich waren die Reaktionen zur US-Präsidentschaftswahl 2000, dem ursprünglichen Anstoß für diese Arbeit. Häme, Schadenfreude und europäische Besserwisserei waren an der Tagesordnung, sogar in der Tagespresse. Das konnte in dieser Arbeit nachgewiesen werden. Zwar war die überwiegende Mehrzahl der untersuchten Artikel durchaus versucht, nicht Klischees und negativen Wahrnehmungsmustern aufzusitzen. Jedoch gelang das nicht immer. Auch wenn die sehr kleine Auswahl gefundener negativer Zeitungsartikel keinesfalls für irgendwelche repräsentativen Aussagen herangezogen werden kann, zeigt doch das bloße Auftreten dieser ganz bestimmten abwertenden Einstellungen gegenüber Amerika, wie zählebig sie sind. Es ist nicht zu erwarten, dass sich daran etwas ändert. Amerika als Sinnbild für die Moderne führt im Umkehrschluss dazu, dass alle vermeintlich negativen Züge der Moderne das Attribut „amerikanisch“ bekommen. Die deutsche Vorstellung von Amerika hat letztlich nicht viel mit Amerika selbst zu tun, sondern mit kultureller Selbstfindung. Europa braucht Amerika, um sich selbst und seine Probleme besser verarbeiten zu können.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 3 | |
| Negative Wahrnehmung Amerikas im Spiegel der Zeit | ||
| Amerika, die Verheißung? Erste Abrechnungen mit dem El Dorado | 12 | |
| Amerika – Land ohne Nachtigall – Deutsche Romantiker und Denker des 19. Jahrhunderts | ||
| Angst vor der Amerikanisierung – das neue Element in der negativen Amerika-Wahrnehmung um die Jahrhundertwende | 35 | |
| Der Blick auf Amerika von Weimar bis 1945 | ||
| „Imperialisten“ und „Faschisten“ – Amerika als Folie für Schuldgefühle im deutschen Nachkriegsbewusstsein | 68 | |
| Berichterstattung heute – Deutsche journalistische Wertungen über die USA während der Präsidentschaftswahl 2000 am Beispiel der Tageszeitungen „BILD“, „taz“ und „Frankfurter Allgemeine“ | ||
| Vorgehensweise bei der Untersuchung und Untersuchungszeitraum | 90 | |
| Die „BILD“-Zeitung | 92 | |
| Die „taz“ | 95 | |
| Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ | 101 | |
| Schlussanalyse | 104 | |
| Literatur | 110 | |
| Anhang (Zuordnungstabellen) | 113 |
Was meint Brentano mit dem „Fortschritt in der Kultur?“. Die Antwort gibt er selbst: Die Europäisierung der amerikanischen Kultur. Wie die meisten der hier zitierten Zeitgenossen, gebraucht auch Lujo Brentano den Begriff Kultur falsch. Nur so lässt sich die abschätzige Behauptung, Amerika habe keine oder wenig Kultur halten. Was sollen die ihm eigenen „kulturlichen Vorzüge“ sein, die er erwähnt? Es sind die Eigenheiten seiner Heimat, die ihm vertraut sind und die er, weil er sie in dieser gewohnten Form in der US-Gesellschaft nicht erkennen kann, zur „richtigen Kultur“ erhebt. Brentano sieht Amerika nicht als eigenständige Kultur, sondern setzt voraus, dass Amerika aufgrund seiner Einwanderungsgeschichte doch eigentlich viel europäischer sein müsste. Weil gerade das aber offensichtlich nicht der Fall ist, kommen falsche Erklärungsmuster zum Tragen, wobei den USA fehlende oder unfertige kulturelle Eigenschaften unterstellt werden, die jedoch durch den Einfluss Europas behoben werden könnten. Dieser Fehlschluss lässt den Gedanken nicht zu, dass Amerika einen ganz eigenen kulturgeschichtlichen Sozialprozess durchläuft, der das Land niemals zu einem quasi-europäischen Land machen wird. Ganz beiläufig und sicher mit nicht böser Absicht, sondern mit intellektueller europäischer Gewissheit wird abwertend über eine ganze Nation geurteilt. Brentano spricht von der [...]
Über ein Land zu urteilen und zu berichten und nie da gewesen zu sein, das kann eigentlich nicht glaubwürdig erscheinen. Doch wie schon der Erfolg von Karl May in der Populärliteratur gezeigt hatte, war das mit Amerika offenbar möglich, ohne dass sich jemand daran störte. Brentano macht sich an den Versuch die amerikanische Wirtschaftshegemonie biologischanthropologisch zu erklären. Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen steht der „amerikanische Mensch“ den Brentano als „das Wichtigste für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Vereinigten Staaten“95 sieht. Er stellt Kausalketten auf, an deren Ende erneut kulturelle Negativ-Klischees stehen. So kommt Brentano von der Größe des Landes, die eine Massenproduktion für Massenmärkte zulässt auf den Massenabsatz, der die Wirtschaft belebt, der allerdings einen „standardisierten Mensch“96 voraussetzt, dessen Grundlage im Puritanismus liegen soll. Der „standardisierte Mensch“ - damit unterstellt Brentano den Amerikanern, die er nie persönlich kennen gelernt hat etwas Negatives, Maschinelles. Das Bild vom technischfortschrittlichen, wirtschaftlich erfolgreichen Amerika wird in die darin lebenden Menschen projiziert.. Die Argumentation läuft nach bekanntem Muster: Amerikanische Zivilisation steht deutscher Kultur gegenüber. Brentano spricht es auch direkt aus. Das Beispiel reiht sich nahtlos in die bisher zitierten Personen ein: [...]
Ich selbst bin nie in Amerika gewesen. Wenn ich mir trotzdem darüber zu schreiben erlaube, so ist der Grund, dass vor mir vier Bücher über die Vereinigten Staaten liegen, die besser, als es mir bei einem doch nur flüchtigen Besuche möglich gewesen wäre, instand setzen, eine Anschauung von den dortigen Zuständen zu gewinnen. [...] gerade dem durch keinerlei persönliche Erlebnisse Befangenen [ist es] möglich, sich auf Grund ihrer Berichte von dem Amerika, wie es ist und wie es zu werden sich anschickt, ein Bild zu machen und auch in der Frage, ob die Zukunft eine Amerikanisierung Europas oder eine Europäisierung Amerikas bringen wird, Stellung zu nehmen.94 [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832466619
Arbeit zitieren:
Ratzsch, Jörg Dezember 2001: Der Blick von draußen - Negative deutsche Wahrnehmungsmuster Amerikas, Hamburg: Diplomica Verlag
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Antiamerikanismus, Amerikabild, Vorurteile, Amerikakritik, USA




