Fußball als Zuschauersport
Entstehung und Entwicklung von Fankulturen
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Christoph Bremer
- Abgabedatum: Juli 2002
- Umfang: 107 Seiten
- Dateigröße: 15,9 MB
- Note: 1,6
- Institution / Hochschule: Universität Hamburg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-6427-1
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-6427-1 P - ISBN (CD) :978-3-8324-6427-1 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Bremer, Christoph Juli 2002: Fußball als Zuschauersport, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Sozialgeschichte, Subkultur, Jugendkultur, peer-groups, Sportgeschichte
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Magisterarbeit von Christoph Bremer
Einleitung:
Kaum ein Feld der deutschen Sozialgeschichte wurde von der etablierten Geschichtsschreibung lange Zeit so vernachlässigt wie der Sport. Das ist vor allem daher verwunderlich, handelt es sich hierbei doch nicht um ein gesellschaftliches Randphänomen, sondern um eine Massenbewegung mit einer mehr als einhundertjährigen Geschichte. Bis heute blieb das Feld weithin Sportwissenschaftlern und Soziologen überlassen, was nur zu unbefriedigenden Ergebnissen führen konnte. So beschränkten sich Untersuchungen zur Geschichte rund um den Fußball in erster Linie auf ein reines Aufzählen und Darstellen von Erfolgen und Großereignissen. Lediglich der Arbeitersport wurde in den 1960/70er Jahren im Zuge der detaillierten Forschung zur deutschen Arbeiterbewegung einigermaßen ausgiebig behandelt. Die Konzentration auf diesen Teil der Sportbewegung führte allerdings zu einer weitgehenden Überschätzung des Arbeitersports. Tatsächlich waren selbst in dessen Hochphase, in der Weimarer Republik, weit mehr Arbeiter in den bürgerlichen Sportvereinen organisiert als im Arbeiter- Turn- und Sportbund (ATSB). Sein Wirkungskreis blieb größtenteils auf den gewerkschaftlich und parteipolitisch organisierten Teil der Arbeiterschaft beschränkt. Dem von der Mehrheit betriebenen bürgerlichen Sport hingegen, der nicht in den unmittelbaren Bannkreis der Parteien- und Ideologiegeschichte einzuordnen war, blieb eine systematische historische Erforschung vorenthalten. Er galt offenbar als zu trivial für eine ernsthafte wissenschaftliche Thematisierung. Die Mehrzahl der Historiker scheute indes das Risiko sich in die von Fachkollegen häufig belächelten Niederungen der Sportgeschichte zu begeben.
Ungeachtet dessen hat der Sport einen hohen Stellenwert in unserer freizeitorientierten Gesellschaft erreicht. Er ist ein vielschichtiges, soziales Phänomen, ja gar ein Massenphänomen, das in der ganzen Welt verbreitet ist. Es liegt nahe, dass wissenschaftliche Analysen sich in erster Linie mit dem aktiven Sportgeschehen beschäftigen oder ihr Augenmerk auf die Organisatoren des Sports richten. Weit weniger Beachtung, da auch wesentlich schwieriger zu erfassen, finden diejenigen, die den sportlichen Aktivitäten beiwohnen.
Obwohl der Sport noch immer als die schönste Nebensache der Welt gilt, ist er doch nicht nur in der Freizeit für viele zur Hauptsache geworden. Das gilt nicht nur für diejenigen, die den Sport aktiv betreiben, sondern bestätigt sich auch bei Sportzuschauern. Besondere Anziehungskraft und Faszination geht dabei vor allem vom Spitzensport aus: Leistungen wie die perfekte Körperbeherrschung, Harmonie und Ästhetik der Bewegung und sensationelle Höchstleistungen, sind für den Freizeitsportler unerreichbar und üben daher einen besonderen Reiz aus. Es wäre jedoch falsch, den Zuschauer nur auf eine passive Rolle einzugrenzen. Beobachtet man die Bewegung, die durch eine Zuschauermenge strömt, das Rufen und Applaudieren, überhaupt die Art und Weise wie das Sportpublikum verschiedener Sportarten versucht, mit Stimmung die Sportler zu unterstützen, wird deutlich, dass auch die Zuschauer aktiv am Geschehen teilnehmen.
Unter den zahlreichen Sportarten ist Fußball der Sport, der weitaus am meisten Interesse auf sich zieht, der die meisten Zuschauer anlockt und der in den meisten Teilen der Welt Bestandteil einer nationalen Identität geworden ist. Fußball gilt gemeinhin als harter Sport, der oft mit Rowdytum, Gewalt und Schlägereien in Verbindung gebracht wird. „Vor nur zwanzig Jahren gab es keinen Intellektuellen, der es gewagt hätte, sich öffentlich zum Fußball zu bekennen“. Das Bild von einem von Männern dominierten Sport hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Er trifft mehr und mehr den Geschmack der breiten Öffentlichkeit, und so steht der Fußball auch immer öfter im Mittelpunkt wissenschaftlicher Untersuchungen, nicht zuletzt deshalb, weil Alltagsgeschichte momentan hoch im Kurs steht.
In dieser Arbeit steht das Fußballpublikum und hier vor allem der ‚Fan’ und die ‚Fankultur’ im Vordergrund, denn sie sind heute ein fester, nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des modernen, kommerziellen Profifußballs. Sie sind ein Teil des Spiels geworden, unverzichtbar zum einen für die Spieler in ihrer Funktion als anfeuernde, motivierende, lautstarke externe Unterstützung von den Rängen und - in weit höherem Maße - unverzichtbar zum anderen für die Medien, sowie als zahlende Konsumenten und wichtige Zielgruppe der ‚Fußballindustrie’. Ohne Zuschauer und Fans, ohne ihr Interesse am Spiel, wäre der Fußball für die Sponsoren und die Medien ökonomisch uninteressant und nicht rentabel. Das ‚Millionengeschäft’ Fußball ist demnach auf Fans und Zuschauer angewiesen.
Zunächst wird ein historischer Überblick des aktiv betrieben Sports Fußball, beginnend mit dessen ‚Mutterland’ England, geliefert. Im Anschluss daran folgt eine Betrachtung der Entwicklung in Deutschland, welches im weiteren Verlauf auch im Mittelpunkt der Untersuchung stehen wird. Danach steht das Fußballpublikum im Fokus der Analyse. Hierzu wird die Beschreibung von der Entstehung und Entwicklung des Fußballs als Zuschauersport vorangestellt. Nach einer allgemeinen Definition des Sportzuschauers und einer näheren Definition der Fußballfans, soll Anhand der Begriffe Kultur und Subkultur, mit speziellem Augenmerk auf die Subkultur der Jugendlichen, geklärt werden, wie, wann und warum die Fankulturen entstanden sind. Hierzu wird im Weiteren ein Überblick über die bisherigen Studien und den Stand der Zuschauerforschung geliefert. Im letzten Kapitel wird dann der Wandel der Fankulturen aufgrund sozialer, wirtschaftlicher und politischer Hintergründe geklärt und ein detailliertes Bild der Zusammensetzung und Motivation der Fußballzuschauer bis in die heutige Zeit aufgezeigt.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 1 | |
| 1. | Die Geschichte des Fußballsports | 4 |
| 1.1 | Fußball in Großbritannien | 5 |
| 1.1.1 | Die vorindustrielle Phase - ‚Volksfußball' | 5 |
| 1.1.2 | Fußball an den Public-Schools | 8 |
| 1.1.3 | Trennung der Spielvarianten | 9 |
| 1.1.4 | Fußball wird professionalisiert | 10 |
| 1.2 | Die globale Ausbreitung des Fußballs | 12 |
| 1.3 | Fußball in Deutschland | 13 |
| 1.3.1 | Fußball als Schulspiel | 14 |
| 1.3.2 | Nationaler Widerstand und Durchbruch des ‚englischen Imports' | 15 |
| 2. | Fußball als Zuschauersport | 23 |
| 2.1 | Die Entwicklung des Fußballs zum Zuschauersport 1860-1945 | 24 |
| 2.1.1 | Soziale Struktur des Fußballpublikums | 27 |
| 2.1.2 | Zuschauerverhalten | 32 |
| 2.2 | Fußball als Zuschauersport nach dem Zweiten Weltkrieg | 34 |
| 2.3 | Fußball als Zuschauersport in den 1980er Jahren | 37 |
| 2.4 | Fußball als Zuschauersport in den 1990er Jahren | 41 |
| 2.5 | Zwischenfazit | 44 |
| 3. | Theoretische Hintergründe zu Fußball-Fankulturen | 47 |
| 3.1 | Definition des Sportzuschauers | 47 |
| 3.1.1 | Definition (Fußball-)Fan | 51 |
| 3.1.2 | Ausdifferenzierung der Fan-Szenerie | 54 |
| 3.2 | Kultur und Subkultur | 56 |
| 3.2.1 | Jugendliche Subkulturen - ‚peer-groups' | 57 |
| 3.3 | Die Subkultur jugendlicher Fußball-Fans | 61 |
| 4. | Fankulturen im Wandel | 66 |
| 4.1 | Einflüsse auf die Fußball-Fankultur | 67 |
| 4.1.1 | Die Durchkapitalisierung des Fußballs | 67 |
| 4.1.2 | Die Bedeutung der Medien | 68 |
| 4.1.3 | Die Bedeutung der Polizei | 70 |
| 4.1.4 | Die Fanprojekte | 71 |
| 4.2 | Identität und Identifikation | 73 |
| 4.2.1 | Der Alterungsprozess | 74 |
| 4.2.2 | Das Stadion | 75 |
| 4.2.2.1 | Das Stadion als Spiegel sozialer Entwicklungen | 77 |
| 4.3 | Strukturelle Veränderungen der Zuschauerzusammensetzung | 79 |
| 4.3.1 | Frauen und Fußball | 79 |
| 4.3.2 | Kutten, Hooligans, ‚linke Fans' und Ultras | 83 |
| 5. | Zusammenfassung und Schlussbetrachtung | 90 |
| Literaturverzeichnis | 96 | |
| Abbildungsnachweis | 102 |
3. Theoretische Hintergründe zu Fußball-Fankulturen 3.1 Definition des Sportzuschauers Ein Zuschauer ist jemand, der etwas betrachtet bzw. beobachtet. Demnach wäre jeder ein Sportzuschauer, der anderen Menschen bei ihren sportlichen Aktivitäten zusieht. Doch der Sportzuschauer ist mehr als nur ein ‚Betrachter’. Sein Verhalten ist geplant, er befindet sich mit Gleichgesinnten in einer Halle, einem Stadion oder am Rande des Sportgeschehens. Meistens hat er auch noch Geld bezahlt, um passiv am Sport teilnehmen zu dürfen. Während der ‚Betrachter’ oft zufällig ein Ereignis vor Augen hat, betreibt der Sportzuschauer häufig einen immensen Aufwand an Zeit und Geld, um Sportveranstaltungen beizuwohnen. Die Größenordnung dieses Aufwandes, verglichen mit den individuellen Möglichkeiten, zeigt bereits, wie hoch die emotionale Bindung des Sportzuschauers zum Sport ist. Die Motivation, welche hinter dem Besuch einer Sportveranstaltung steckt, ist vielfältig und von der Sportart abhängig. Insgesamt kann man zwischen vier verschiedenen Arten von Motivationen unterscheiden: A. Die Ergebnisorientierung Der Zuschauer unterstützt den favorisierten Sportler/Verein. Sieg oder Niederlage werden als Macht oder Ohnmacht empfunden B. Die soziale Orientierung Sportveranstaltungen werden zur Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen besucht C. Die Sachorientierung Nicht Sieg oder Niederlage, nicht der Wunsch nach sozialen Kontakten, sondern die Erwartung einer der Sportart entsprechenden perfekten Ausführung stehen hier im Vordergrund [...]
In der ersten Phase ist der Fußball eine Unterhaltung für ein Publikum, welches sämtliche Bevölkerungsschichten repräsentiert. Zwar wurde dieser Sport in Großbritannien zunächst durch die Arbeiterklasse geprägt, doch das Beispiel Deutschland zeigt, dass dies für die Entwicklung zu einem Massenphänomen nicht zwangsläufig Grundvoraussetzung war. Fußball schied schon damals wie heute die Geister. Entweder man war begeistert, oder man verhielt sich ablehnend. Welcher Bevölkerungsschicht man angehörte, war zumeist nebensächlich. Allerdings war der Fußball als Zuschauersport eindeutig männlich dominiert. Frauen spielten auf den Rängen kaum eine Rolle. In der zweiten Phase, die in den 1960er Jahren einsetzt und Ende der 80er Jahre ihren Höhepunkt findet, wird der Fußball vor allem durch das Fernsehen verändert. Es entsteht der ‚Fernsehsportler’, der sich nicht mehr auf zugigen Stehplätzen in teils maroden Stadien aufhalten will, sondern ein Fußballspiel lieber gemütlich vom heimischen Sofa aus verfolgt. Das Stadion wird dem ‚Harten-Kern’ überlassen. Dem Teil des Publikums, welches stets den Fußball als Lebensmittelpunkt hatte. Mit dem Abwandern vieler, vor allem gebildeterer Zuschauer, nimmt das Gewaltproblem in den Stadien zu. Es entsteht der Hooliganismus, den das Fernsehen dankbar in seine Berichterstattung aufnimmt. Dadurch werden noch mehr Teile des klassischen Fußballpublikums abgeschreckt, ein Stadion zu besuchen – ein Teufelskreis. Nicht zuletzt aus dieser Entwicklung heraus entstanden die Fankulturen, wie wir sie heute kennen, denn um eine Stimmung herzustellen, wie man es von den einst gut gefüllten Stadien kannte, versammelten sich die übrig gebliebenen Zuschauer auf den Stehplätzen in bestimmten ‚Blöcken’. Der lautstark unterstützende Zuschauer, der ‚Fan’, wurde dadurch vom Rest des Publikums separiert. In der dritten Phase, der Zeit nach Hillsborough, wird Fußball zum dritten Mal nach den 1920er Jahren und der Nachkriegszeit zu einem Massenphänomen, welches zahlreiche Zuschauer sämtlicher Bevölkerungs45 [...]
Fußball in einem anderen Licht. Nicht ein Hauch von Bratwurst und vollurinierten Toiletten wehte durch die Stadien, sondern der einer fantastisch inszenierten Oper. Die italienischen ‚Verhältnisse’ wurden durch die WM zum Leitbild anderer europäischer Fußballnationen. Die WM in den USA 1994 verstärkte den Trend zur ‚Eventkultur’. Die aus den US-Sportprofiligen des Basketballs, Baseballs, Footballs und Eishockeys praktizierte totale Vermarktung, hielt nun verstärkt auch im Fußball Einzug. Zum ersten Mal wurde eine WM ohne öffentliche Gelder durchgeführt, und in den Stadien waren erstmals verstärkt Zuschauer vertreten, die sich eigentlich kaum für diesen Sport interessierten – so genannte ‚Event-Snobs’. Die WM wurde von Zuschauern geprägt, die lediglich auf Großereignisse fixiert sind. Der Fußball entwickelte sich zu einem kulturellen Ereigniss wie Kino, Theater oder der Oper und wurde so für Sponsoren wieder interessant. Das ‚Familienereignis’ Fußball musste somit stets in einem positiven Licht präsentiert werden, damit sich Geld gebende Firmen nicht wieder zurückzogen. Zudem stellten die Sponsoren nun natürlich auch Ansprüche und wollten bei Laune gehalten werden. So gingen bei der WM in Frankreich lediglich 41,5 % der Eintrittskarten in den freien Verkauf. Der Rest wurde kostenlos an die Sponsoren verteilt und das, obwohl die Nachfrage nach Karten auf dem freien Markt 16mal höher gewesen war als die gesamt Kapazität der Stadien. So ging die WM in Frankreich zum größten Teil am Volk vorbei. Doch wie sehr sich der Fußball dem ‚Kommerz’ verschrieben hat, wird besonders an der Struktur der UEFA-Champions-League, dem europäischen Wettbewerb für die ‚besten’ Vereinsmannschaften, deutlich. Die Champions-League ist so angelegt, dass mit Italien, Frankreich, Spanien und Deutschland die großen fünf Wirtschaftsnationen bevorteilt werden. [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832464271
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Bremer, Christoph Juli 2002: Fußball als Zuschauersport, Hamburg: Diplomica Verlag
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Sozialgeschichte, Subkultur, Jugendkultur, peer-groups, Sportgeschichte




