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Körper machen Leute

Zum Zusammenhang der gesellschaftlichen Wertestrukturen und des gegenwärtigen Fitness- und Körperkults

Körper machen Leute
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Martin Steinberg
  • Abgabedatum: Juni 2001
  • Umfang: 168 Seiten
  • Dateigröße: 9,0 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Ruhr-Universität Bochum Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-4645-1
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-4645-1 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-4645-1 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Steinberg, Martin Juni 2001: Körper machen Leute, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Fitnessideologie, Gesundheit als Wert, Wertewandel, Körperkult, Fitnesskult

Diplomarbeit von Martin Steinberg

Einleitung:

Wie schlank ist gesund? — fragt der STERN [Nr. 20/Mai 2001] in einer Reportage über die ” Grenzen des Körperkults“, während der SPIEGEL [reporter Nr. 3/März 2001] über den ” Kilo-Krieg“ in Deutschland berichtet. Und auch das Fernsehen hat mit ” Abnehmen in Essen“ [WDR] bzw. ” Big Diet“ [RTL 2] zwei Formate in das Rennen um die höchsten Einschaltquoten geschickt, die sich mit der Lust und dem Frust am eigenen Körper befassen. Beim großen Finale des ” Arabella-Diät-Wettbewerbs“ [Pro 7] schlägt in der Talk-Show die Stunde der Wahrheit, wenn die sechs Kandidatinnen während der Sendung auf die Waage steigen müssen.

Diese Beispiele ließen sich fortsetzen und sie zeigen, dass der Wunsch schlank zu sein mittlerweile nicht mehr nur die Frühjahrsausgaben diver- ser Frauenzeitschriften bestimmt, sondern zu einer öffentlichen Angelegenheit geworden ist.

Zur gleichen Zeit verzeichnen Fitness-Studios einen regen Zulauf auch derer, die nicht darauf aus sind, ihr Körpergewicht zu reduzieren, sondern den einen oder anderen subjektiv empfundenen ” Makel“ an ihrem Körper zu bearbeiten.

Diese Veröffentlichung des Körperthemas, verbunden mit einer öffentlichen Belohnung für den Verlust ” überflüssiger Pfunde“ hat mittlerweile zu der Einsicht geführt, dass auch ” Körper Leute machen“. Damit tritt das Ideal eines schlanken und sportlich durchtrainierten Körpers aus dem Schatten persönlicher Präferenzen in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses.

Die vorliegende Arbeit soll Aufschluss darüber geben, inwieweit dieses Körperideal auf die gesellschaftlichen Wertestrukturen einwirkt und welche Konsequenzen drohen, wenn der soziale Wert eines Menschen tatsächlich immer deutlicher über seine Erscheinung, sein Körperbild bestimmt wird. Eine besondere Berücksichtigung erfährt in diesem Zusammenhang die Rolle des Sports; und zwar aus folgenden Gründen: Zum einen gibt es durch den Bodybuilding-Sport eine Tradition, ausschließlich unter dem Aspekt der Körperformung aktiv zu werden, die in der heutigen Fitness-Bewegung ihre Fortsetzung findet.

Auf der anderen Seite gilt der Sport als wertevermittelnde und stabilisierende Institution, die für das Gemeinwesen unverzichtbare Leistungen erbringt.

Der Sachlogik folgend beginnt diese Arbeit mit einem allgemeinen Überblick über die unterschiedlichsten Dimensionen moderner Körperlichkeit (Kapitel 2). In diesem Kapitel erfolgt neben einer einführenden Betrachtung der Merkmale des Körperkults ein Überblick über die Entwicklung der Fitness-Branche, als jene Industrie, die von dem Ideal des jugendlich wirkenden, schlanken und durchtrainierten Körpers am meisten profitiert.

Desweiteren beinhaltet es eine Analyse des vermeintlichen Widerspruchs zwischen der kultartigen Körperaufwertung und dem gleichzeitigen Bedeutungsverlust körperlicher Präsenz in Alltagssituationen, wie z.B. der modernen Arbeitswelt. Als Beispiel für seine Bedeutungs-und Symptomfülle folgt schließlich die Betrachtung des Körpers in seiner Funktion als Statussymbol.

Im dritten Kapitel stehen dann die gesellschaftlichen Wertestrukturen im Vordergrund, wobei die Konstitutions- und Veränderungsfaktoren nur in der zum allgemeinen Verständnis notwendigen Quantität angesprochen und mit einigen Beispielen aus der aktuellen Werteforschung belegt werden.

Dem Versuch, trotz vieler sich widersprechender Aussagen, Werte zu ermitteln, die den gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahrzehnte überdauert haben, folgt dann eine detaillierte Untersuchung des Leistungsethos‘, dem in der postindustriellen Gesellschaft eine eher nachrangige Bedeutung zugesprochen wird. Dabei wird der Versuch unternommen, die Nähe des Körperkults zum (protestantischen) Leistungsdenken aufzudecken.

Im vierten Kapitel geht es um potentielle wie konkrete Gefahren des Körperkults. Sie sollen zunächst aus der individuellen Perspektive beleuchtet werden, bevor mögliche gesellschaftliche Konsequenzen zur Sprache kommen, die eine Idealisierung des schlanken und trainierten Körpers nach sich ziehen könnte.

Aus der Gewissheit, dass diese Entwicklung ein gesamtgesellschaftliches Gefahrenpotential birgt, drängt sich die Frage nach probaten Gegenmaßnahmen auf. Dazu soll unter besonderer Berücksichtigung des von Eurich geprägten Begriffs der ”Verantwortungsethik“ ein möglicher Lösungsansatz zur Diskussion gestellt werden.

Im fünften Kapitel werden die wichtigsten Kernaussagen noch einmal zusammengefasst und mit einem Ausblick auf die zukünftige Entwicklung des Körperkults verbunden.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
2. Dimensionen moderner Körperlichkeit 5
2.1 Merkmale des Körperkults 5
2.1.1 Die Fitness-Industrie 17
2.1.2 Segmentierung 31
2.2 Körperaufwertung versus Entkörperlichung 44
2.2.1 Der menschliche Körper in der digitalen Arbeitswelt 49
2.2.2 Sportkörper und sozialer Körper 54
2.2.3 Der Körper als Statussymbol 58
3. Zur gesellschaftlichen Wertestruktur 63
3.1 Zu Konstitution, Funktion und Wandel von Normen und Werten 65
3.2 Merkmale der nachindustriellen Gesellschaft 78
3.2.1 Zur Bedeutung der Leistungsethik in der ”Spaßgesellschaft“ 99
3.2.2 Der Sport als Träger gesellschaftlicher Werte 105
3.3 Körperideale in der Imagegesellschaft 109
4. Von der Idealisierung zur Ausgrenzung 119
4.1 Individuelle Folgen einer übertriebenen Körpermoral 120
4.2 Das Problem der Tabuisierung 129
4.3 Zum Begriff der Verantwortungsethik nach C. Eurich 135
5. Schlussbetrachtung 142
6. Literaturverzeichnis 146

Automatisiert erstellter Textauszug:

Zieht man nun zum Vergleich ein weiteres Ordnungssystem hinzu, werden die bereits erw¨hnten definitorischen Schwierigkeiten evident. Klaa ges [zit. n. Sutor 1997, 80] verwendet die Kategorien der Pflicht- und Akzeptanzwerte (z.B. Gehorsam, Pflichterf¨llung, Fleiß) einerseits, sou wie der Selbstenfaltungswerte (z.B. Autonomie, Genuss, Selbstverwirklichung) andererseits. Die jeweiligen Kategorien sind weder definitorisch noch inhaltlich identisch und somit nur begrenzt vergleichbar. Da eine vollst¨ndige analytische Auseinandersetzung mit den Problemen der a Werteforschung im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden kann, erfolgt die weitere Bearbeitung des Themas auf der Grundlage folgender Annahmen: Vor allem pluralistische Gesellschaften sind, da sie keine Glaubens¨berzeugungen und Antworten auf die Frage nach dem Sinn u des Lebens (mehr) transportieren, auf einen Konsens von Grundwerten angewiesen. Sie (die moderne Gesellschaft, Anm. d. Verf.) muß also ihr Miteinander ” in einer politischen Ordnung gleichsam auf vorletzte gemeinsame Werte gr¨nden, die geeignet sind, den Wertpluralismus auszuhalten“ [Sutor u 1997, 82]. In unseren westlichen Demokratien ist demnach der Verfas- [...]

stehen jedoch in engem Zusammenhang mit . . . komplexen Mensch” Umwelt-Verh¨ltnissen, die vor allem dem Wandel von Wissen, Techa nik, Wirtschaft, Herrschaft und interkulturellen Beziehungen unterworfen sind“ [ebd., 62]. Die Tatsache, dass sich die Urspr¨nge der Wertentwicklung histou risch nicht eindeutig verorten lassen, darf jedoch nicht dar¨ber hinu wegt¨uschen, dass Werthaltungen und Wertsysteme f¨r Individuen von a u praktischer Relevanz sind. Sie besitzen f¨r den Einzelnen eine basau ” le Steuerungs- und Rechtfertigungsfunktion“ [ebd., 55]. Maag [1991, 23] ¨ spricht in Ubereinstimmung dazu von einer Orientierungsfunktion f¨r u ” die Selektion bei der Einstellungsbildung und bei der Entscheidung uber ¨ Handlungsalternativen.“ Infolge gesellschaftlicher Differenzierungsprozesse und der damit verbundenen Auspr¨gung individueller Wertentwicklungen wird es notwendig, a sich den Organisationsgrad von Werten zu verdeutlichen. Wie schon anhand der Dimensionalit¨t von Werten gezeigt wurde, gibt es durchaus a unterschiedliche Auffassungen dar¨ber, wie ein ethisches Koordinatenu ” system“ auszusehen h¨tte. Zwei Entw¨rfe sollen hier kurz skizziert wera u den. Hillmann spricht in Anlehnung an Rokeach von sogenannten Terminalwerten sowie instrumentellen Werten: Die obersten R¨nge eines Wertsystems werden von den a ‘h¨chsten’, ‘letzten’ Werten bzw. von den Grundwerten eingeo nommen. . . . Die terminalen Werte bilden die die allgemeinsten und zentralsten Handlungsdeterminanten. . . . Auf den [...]

¨ Ubereinstimmungen zu kennzeichnen, so haben Normen Verpflichtungscharakter, indem ihre Nichtbefolgung sanktionierbar ist, w¨hrend Werte sich aus W¨nschbarkeit konstituieren. a u In dieses Verst¨ndnis f¨gt sich ein, Werte als relativ generelle a u oder auch gesellschaftliche Erwartungs¨ußerungen zu verstea hen und Normen als relativ spezielle Erwartungs¨ußerungen a zu definieren [Opp zit. n. Maag 1991, 22]. An dieser Stelle darf jedoch nicht der Hinweis darauf fehlen, dass es die einzig richtige Definition des Wertbegriffs nicht geben kann. Je nach Perspektive und Verwendung lassen sich theologische, philosophische, anthropologische, politische oder auch ¨konomische Deutungen finden. F¨r o u das vorliegende Thema ist nach der Definition von Opp auch weiterhin die soziologische Betrachtungsweise maßgebend. Von dem in der Psychologie gebr¨uchlichen Terminus der Einstellung . . . werden Werte dadurch aba ” gegrenzt, daß sie als allgemeiner, stabiler, in der Anzahl begrenzter und nicht notwendigerweise objektbezogen charakterisiert sind“ [ebd.]. Die Frage nach der Entstehung von Werten ist nicht ohne weiteres zu beantworten, . . . weil Werte schon so lange existieren, wie Menschen im Rahmen soziokultureller Gemeinschaften zusammenleben. Weil sich Werte dementsprechend vor relativ langen Zeitr¨umen in Verflechtung mit dem Entstehen solcher soziaa ler Lebensformen allm¨hlich herausgebildet haben [Hillmann a 1986, 91]. Sowohl die Entstehung als auch der Wandel gesellschaftlicher Werte [...]

Arbeit zitieren:
Steinberg, Martin Juni 2001: Körper machen Leute, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Fitnessideologie, Gesundheit als Wert, Wertewandel, Körperkult, Fitnesskult

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