Hans Krása - "Brundibár"
Eine Kinderoper in Theresienstadt
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Ute Martens
- Abgabedatum: Juni 1997
- Umfang: 79 Seiten
- Dateigröße: 536,0 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Hochschule für Musik und Theater Hamburg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-2033-8
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-2033-8 P - ISBN (CD) :978-3-8324-2033-8 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Martens, Ute Juni 1997: Hans Krása - "Brundibár", Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Konzentrationslager, Theresienstadt, Kinderoper, Hans Krása
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Diplomarbeit von Ute Martens
Einleitung:
Während einer Reise nach Krakau im Jahre 1994 besuchte ich das in der Nähe liegende Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und stieß dort auf Berichte und Photographien von musizierenden Häftlingen. Von diesen Eindrücken angeregt beschloß ich, mich näher mit dem Phänomen von Musik in Konzentrationslagern auseinanderzusetzen. Ich war erstaunt, wie verbreitet das Musizieren in den Lagern war. Besonders faszinierte mich das außergewöhnlich reichhaltige kulturelle Leben Theresienstadts. Mich verwunderte, daß dort Werke aufgeführt wurden, die von den Nationalsozialisten verboten waren oder Kritik an den Deutschen zum Ausdruck brachten, wie auch die Kinderoper "Brundibár", die in Theresienstadt fünfundfünfzigmal mit großem Erfolg gespielt wurde.
Warum entstand gerade in Theresienstadt ein so vielfältiges kulturelles Angebot? Wie kam es dazu, daß in einem Konzentrationslager Werke zur Aufführung kamen, die in den übrigen Gebieten desDritten Reiches nicht gespielt werden durften, weil sie jüdischen Ursprungs waren oder zur "entarteten Kunst" gezählt wurden?
Gang der Untersuchung:
Zur Beantwortung dieser Fragen gebe ich zunächst einen kurzen Überblick über die Entstehung des Konzentrationslagers Theresienstadt und stelle die Bedingungen für die dort inhaftierten Menschen dar, da sich die Bedingungen in Theresienstadt von den Zuständen in anderen Konzentrationslagern unterschieden: Theresienstadt war als Musterlager konzipiert und wurde von den Nationalsozialisten zu propagandistischen Zwecken eingesetzt. Einige Besonderheiten Theresienstadts, wie z. B. die Freizeitgestaltung und die Selbstverwaltung, haben das kulturelle Leben in diesem Lager erst ermöglicht und sind nur aufgrund der Sonderstellung Theresienstadts zu erklären.
Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Frage, welche Möglichkeiten der Musikausübung in anderen Konzentrationslagern bestanden. Dabei erschien mir die Unterscheidung zwischen befohlenem und freiwilligem Musizieren bzw. Musikkonsum wichtig, da sich die Bedeutung der Musik für die Häftlinge dadurch wesentlich veränderte: Musik hatte je nach Anlaß und Situation positiven oder negativen Einfluß auf die Gefangenen.
Die Darstellung des Musiklebens in anderen Lagern hielt ich für notwendig, um das Musikleben in Theresienstadt mit der Situation in den übrigen Lagern vergleichen und die Sonderstellung Theresienstadts hinsichtlich seines Musikangebots herausarbeiten zu können. Aufgrund des anders gelagerten Verhältnisses von befohlener und freiwilliger Musik hatte die Musik in Theresienstadt einen anderen Stellenwert für die Häftlinge als in anderen Lagern und war oft Lebenshilfe für die Häftlinge, woraus sich u. a. auch der Erfolg von "Brundibár" erklärt.
In den Kapiteln 3.1 meiner Arbeit stelle ich die Autoren von "Brundibár", den Komponisten Hans Krása und den Verfasser des Librettos, Adolf Hoffmeister, vor. Ich schildere die Entstehung der Oper, ihren Weg ins Konzentrationslager Theresienstadt und die dortigen Aufführungen.Dabei gehe ich auch auf den Inhalt der Kinderoper ein, um das Verständnis der folgenden Kapitel zu erleichtern, in denen mir eine Kenntnis der Thematik notwendig erscheint.
Bei meinen Nachforschungen über Hans Krása trat das Problem auf, daß mir nur wenig Literatur über seine Biographie und seinen Kompositionsstil zur Verfügung stand. Beispielsweise verzögerte sich die Herausgabe eines Buches von Blanka Cervinková über den Komponistenbis heute, so daß ich diese Quelle nicht nutzen konnte.
So habe ich selbst versucht, in der Analyse charakteristische Kompositionstechniken Krásas zu erarbeiten. Eine vollständige Analyse der Oper würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Daher habe ich anhand von Beispielen wiederkehrende Prinzipien im Kompositionsstil Krásas aufgezeigt. Mir erschien es teilweise sinnvoll, die Notenbeispiele direkt in den Text einzubeziehen, wenn es sich um kurze Abschnitte handelt. Für längere Passagen verweise ich auf die Partitur, die sich im Anhang befindet. Ebenso habe ich eine Aufnahme der gesamten Oper beigelegt, um einen Gesamteindruck zu ermöglichen.
Zur Zeit ist eine Wiederbelebung von Theresienstädter Kompositionen, unter anderem auch des "Brundibár", zu beobachten. Im fünften Abschnitt meiner Arbeit untersuche ich die Frage, warum eine Einstudierung dieser Kinderoper heute noch für Kinder sinnvoll sein kann.
Inhaltsverzeichnis:
| Vorwort | 1 | |
| I. | Theresienstadt - Historischer Hintergrund | |
| 1.1 | Die Entstehung Theresienstadts und seine Entwicklung bis 1941 | 4 |
| 1.2 | Antisemitische Maßnahmen und Vorbereitung der Deportationen | 5 |
| 1.3 | Die Zeit des Ghettos 1941 - 1945 | 7 |
| 1.3.1 | Transporte | 7 |
| 1.3.2 | Tägliches Leben und Verwaltung | 10 |
| 1.3.3 | Kinder und Jugendliche | 15 |
| 1.3.4 | Die Freizeitgestaltung | 18 |
| 1.3.5 | Lagerverschönerung | 19 |
| 1.3.6 | Befreiung | 21 |
| II. | Musik in Konzentrationslagern | |
| 2.1 | Einleitung | 24 |
| 2.2 | Lagerkapellen | 24 |
| 2.3 | Weitere Möglichkeiten der Musikausübung | 28 |
| 2.4 | Die Bedeutung von Musik in Konzentrationslagern | 29 |
| 2.5 | Die besonderen Bedingungen in Theresienstadt | 32 |
| 2.5.1 | Das Musikleben in Theresienstadt | 33 |
| 2.5.2 | Die Bedeutung des Theresienstädter Musiklebens für die Häftlinge | 37 |
| III. | "Brundibár" | |
| 3.1 | Die Autoren von "Brundibár" | 40 |
| 3.1.1 | Hans Krása | 40 |
| 3.1.2 | Adolf Hoffmeister | 45 |
| 3.2 | Handlung der Oper "Brundibár" | 47 |
| 3.3 | Entstehung und Aufführungen vor Theresienstadt | 47 |
| 3.4 | "Brundibár" in Theresienstadt | 50 |
| IV. | Analyse | |
| 4.1 | Die zwei Fassungen der Oper | 54 |
| 4.2 | Allgemeine Bemerkungen | 55 |
| 4.3 | Charakteristische Kompositionstechniken | 57 |
| 4.4 | Zusammenfassung | 63 |
| V. | "Brundibár" - heute wieder aktuell? | |
| 5.1 | Wiederbelebung der Theresienstädter Musik und der Kinderoper "Brundibár" | 65 |
| VI. | Schlußwort | 68 |
| Literaturverzeichnis | 70 | |
| Verwendetes Notenmaterial | 72 | |
| Anhang 1: Partitur der Kinderoper "Brundibár" | ||
| Anhang 2: Musikkassette |
dienen will, verliert der Kaiser die Kontrolle über sein Volk. Der Tod verlangt jedoch, daß der Kaiser zuerst sterben soll, bevor er seinen Dienst wieder antritt. Die Aufführung eines solch provokanten Werkes wäre im Reich undenkbar gewesen, war aber für Theresienstadt nicht untypisch. In den zahlreichen Kabarettaufführungen wurde ebenfalls Kritik an den Mißständen im Lager und politische Kritik geübt. Ullmanns Oper war nicht die einzige Opernaufführung in Theresienstadt. Als erste Oper war eine konzertante Aufführung von Smetanas „Die verkaufte Braut“ unter der Leitung von Rafael Schächter zu hören, der auch die Einstudierung des ca. fünfzigköpfigen Chors übernommen hatte. Anstelle eines Orchesters begleitete ein Klavier. Der „Verkauften Braut“ folgten Aufführungen von „Figaros Hochzeit“, „Bastien und Bastienne“ und „Die Zauberflöte“ von Mozart, „Der Kuß“ von Smetana, „La serva padrona“ von Pergolesi, „Der überlistete Kadi“ von Gluck, „Carmen“ von Bizet, „Rigoletto“ von Verdi, Puccinis „Tosca“, Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ und „Im Brunnen“ von Vilém Blodek. Außerdem gab es Opernquerschnitte mit verschiedenen Arien zu hören. Für die Theresienstädter Kinder gab es zwei Stücke: Hans Krásas Kinderoper „Brundibár“ und die „Glühwürmchen“, ein Theaterstück, das mit den Kindern nach einer Kinderbuchvorlage einstudiert wurde und viele Volkslieder und Tanzelemente enthielt. Ein Höhepunkt des Theresienstädter Musiklebens waren die etwa fünfzehn Aufführungen von Verdis „Requiem“ unter der Leitung von Rafael Schächter, der immer wieder von neuem mit der Einstudierung des hundertfünfzigköpfigen Chors beginnen mußte, da ihm die Osttransporte nach jeder Premiere viele Sänger entrissen. Schächter, der mit einem der ersten Transporten nach Theresienstadt gelangt war, übte zunächst mit etwa zwanzig Männern tschechische Volkslieder ein, die Gideon Klein für mehrstimmigen Gesang arrangierte. Schächter hatte für die Proben zunächst nur eine Stimmgabel zur Verfügung. Er baute dann zusätzlich einen Frauenchor auf, den er mit dem Männerchor zu einem gemischten Chor zusammenfaßte, nachdem es erlaubt wor- [...]
In Theresienstadt gab es ein sehr vielfältiges Musikleben; besonders in der Zeit der Stadtverschönerung und der Filmaufnahmen wurde viel musiziert und für die erwartete Kommission und die Filmaufnahmen geprobt. Täglich gab es ein oder mehrere Konzerte zu hören, wobei neben Solodarbietungen von hochkarätigen Sängern oder Instrumentalisten auch Kammermusikabende angeboten wurden. In Theresienstadt gab es mehrere Streichquartette, die sich im Lager gegründet hatten, z. B. das Ledec-Quartett oder das Theresienstädter Quartett, dessen Musiker (Karel Fröhlich, Heinrich Taussig, Romuald Süssmann und Friedrich Mark) schon vorher zusammengespielt hatten und auch Gründer vieler anderer Ensembles im Ghetto waren. Der Primgeiger Karel Fröhlich trat oft solistisch auf. Für die sogenannte Verschönerung wurden auch Klaviere nach Theresienstadt transportiert, so daß Kammermusik mit Klavierbegleitung möglich wurde.45 Berühmte Pianisten waren in Theresienstadt inhaftiert und gaben regelmäßig Konzerte, darunter Alice Herzová-Sommerová, Renée GaertnerGeiringer, Bernhard Kaff, Carlo Taube (ein Busoni-Schüler) und Gideon Klein. Carlo Taube und Gideon Klein waren gleichzeitig Komponisten. Neben Carlo Taube und Gideon Klein waren noch weitere jüdische Komponisten in Theresienstadt, die bekanntesten sind Viktor Ullmann, Pavel Haas und Hans Krása. Alle komponierten auch während ihrer Theresienstädter Zeit (meist für dortige Ensembles), und ihre Werke wurden dort uraufgeführt. Viktor Ullmann gründete und leitete das Studio für Neue Musik. Ein Programm dieser Konzertreihe widmete sich ausschließlich der Musik von Theresienstädter Komponisten. Viktor Ullmanns Oper „Der Kaiser von Atlantis oder Der Tod dankt ab“ wurde von Rafael Schächter, einem Komponisten und Dirigenten, einstudiert und aufgeführt. In der Oper wird Hitler allegorisch als Kaiser Überall dargestellt, der nur mit Hilfe des Todes sein korruptes Volk regieren kann. Als der Tod aber abdankt und dem Kaiser nicht mehr [...]
Feierabend noch für Kultur aufnahmebereit zu sein oder sich selbst an Aufführungen zu beteiligen. Die Abteilung der Freizeitgestaltung gestattete es, daß viele Theresienstädter Häftlinge als Angestellte der Freizeitgestaltung im Ghetto die Musik zu ihrem Beruf machten und diesen auch nach der Befreiung beibehielten, also einen völligen Neuanfang wagten. Es gab sogar sogenannte „Untergrundkonservatorien“.43 Einige begabte Kinder erhielten von namhaften Musikern Instrumentalunterricht und gaben selbst weniger fortgeschrittenen Schülern Stunden. Dieser Musikunterricht sollte die Kinder auf eine eventuelle spätere Musikerausbildung vorbereiten. Auch das Organisieren von Noten und Instrumenten war in Theresienstadt leichter als in anderen Lagern. Viele Berufsmusiker brachten ihr Repertoire mit, Theresienstädter Komponisten komponierten oder arrangierten für die gewünschte Besetzung, und die Bibliothek stellte einen reichen Fundus an Notenmaterial zur Verfügung. Da in Theresienstadt Kontakt mit der Außenwelt bestand, konnte man sich Noten schicken lassen. Ein weiterer Vorteil in Theresienstadt war die Möglichkeit, seine Familienangehörigen und Freunde besuchen zu können, so daß die Musiker ohne Schwierigkeiten proben konnten. Kultur, die in vielen anderen Lagern nur den privilegierten Häftlingen oder der SS zugänglich war, war in Theresienstadt jedem Ghettoinsassen offen. Die SS kümmerte sich nur wenig um die internen Angelegenheiten und überließ diese fast völlig der Selbstverwaltung. Die Lagerkommandantur interessierte sich hauptsächlich für den reibungslosen Ablauf der Transporte in den Osten und die Unterbindung von Fluchtversuchen. Bis auf wenige Ausnahmen gab es daher von der SS keine Zensur, nur der Ältestenrat unterband manchmal Beiträge, die ihm zu gewagt erschienen.44 [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832420338
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Martens, Ute Juni 1997: Hans Krása - "Brundibár", Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Konzentrationslager, Theresienstadt, Kinderoper, Hans Krása




