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Neue Netzwerkstrukturen und neue Sozialkapital-Möglichkeiten am Beispiel von Internetplattformen

Neue Netzwerkstrukturen und neue Sozialkapital-Möglichkeiten am Beispiel von Internetplattformen
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Andrea Walser
  • Abgabedatum: September 2009
  • Umfang: 117 Seiten
  • Dateigröße: 432,6 KB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Universität der Bundeswehr München Deutschland
  • Bibliografie: ca. 60
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-4212-5
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Walser, Andrea September 2009: Neue Netzwerkstrukturen und neue Sozialkapital-Möglichkeiten am Beispiel von Internetplattformen, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Social Software, Online-Networking, Ronald S. Burt, Xing, Network Society

Diplomarbeit von Andrea Walser

Einleitung:

Sozialkapital, Social Networking und moderne Netzwerkstrukturen- jeder dieser Begriffe wird gerne in Zeiten des Umbruchs, der sich in der modernen Gesellschaft geradezu als Dauerzustand zu manifestieren scheint, von zahlreichen Personen wie Politikern und Experten als ‘Wunderwaffe’ im Hinblick auf die Herausforderungen der Zukunft angeführt. Auch Bettina Westle und Oscar W. Gabriel halten fest:

‘Die Debatte um Sozialkapital hat in der aktuellen Politikwissenschaft vor allem deshalb einen so hohen Stellenwert erreicht, weil der Fundus an Sozialkapital mit der Überlebensfähigkeit moderner Demokratien, der Funktionsfähigkeit sozialstaatlicher Institutionen, aber auch allgemeinen pathologischen Erscheinungen moderner Gesellschaften wie Kriminalität, Drogenmissbrauch und Selbstmordraten in Beziehung gesetzt wird’.

Doch was steckt genau hinter den eingangs erwähnten, durchaus bedeutungsschwangeren Wörtern, die zudem auf unterschiedlichste Art und Weise in verschiedenen Theorieansätzen verwendet und interpretiert werden? Welche Zusammenhänge werden bei genauerer Analyse zwischen Sozialkapital, Netzwerken und gesellschaftlicher Interaktion deutlich? Besonders interessant gestaltet sich die Beantwortung dieser Fragestellung, wenn man zusätzlich die größer werdende Anzahl an Internetplattformen mit einbezieht, die ganz eigene, neue Möglichkeiten zum Erhalt, Aufbau und zur Akkumulation von Sozialkapital bieten. Daran lassen sich vor allem die neu entstandenen Netzwerkstrukturen der heutigen Zeit anschaulich erläutern.

Dies führt auch schon zum Aufbau und der Absicht der vorliegenden Diplomarbeit mit dem Titel ‘Neue Netzwerkstrukturen und neue Sozialkapital-Möglichkeiten am Beispiel von Internetplattformen’: Mit dieser Arbeit verfolge ich allgemein zunächst einmal die Absicht, herauszufinden, welche neuen Netzwerkstrukturen sich in unserer modernen Gesellschaft herausgebildet haben und welche (neuen) Möglichkeiten zur Sozialkapitalbildung sich daraus ergeben können. Dabei werde ich versuchen, dies am Beispiel von Internetplattformen wie beispielsweise der Online-Jobbörse Xing praxisbezogen zu verdeutlichen. Somit soll erörtert werden, ob und wie die modernen Sozialkapital- und Netzwerktheorien dafür geeignet sind, aktuelle Phänomene des Internets wie Onlineplattformen zu beschreiben und mit ihren Konzepten hinreichend abzubilden.

Um dieses Ziel zu erreichen, werde ich folgendermaßen vorgehen: Zunächst werde ich mich den Theorien über Sozialkapital zuwenden und den Sozialkapitalbegriff aus mehreren Perspektiven beleuchten. Dazu beziehe ich mich insbesondere auf die Konzepte von Pierre Bourdieu, James S. Coleman und Robert Putnam. Es sollen dann also im Anschluss die Entstehungsbedingungen für Sozialkapital, dessen auftretende Formen und die Investition in Sozialkapital beleuchtet werden. Danach möchte ich den Fokus auf die Weiterentwicklung der Sozialkapitaltheorie legen und einen aktuellen, neuere Ansatz von Ronald S. Burt vorstellen und zugleich kritisch diskutieren.

Anschließend werde ich zunächst allgemein auf die Netzwerkanalyse eingehen und somit den klassischen Netzwerkbegriff erläutern, um dann eine der grundlegendsten neueren Netzwerktheorien eingehender zu betrachten und typisch moderne Netzwerkstrukturen herauszuarbeiten. Dabei wird der Fokus verstärkt auf die Ausführungen von Mark S. Granovetter und seine Sichtweise auf Arbeitsvermittlungsprozesse und Interaktionen bei der Arbeitsplatzsuche in Netzwerken gelegt. Gerade seine Konzeption von Sozialkapital eignet sich in besonderem Maße dazu, die Netzwerkaktivitäten, die bei der Arbeitsplatzsuche – sei es nun offline oder möglicherweise online über Xing- in Gang gesetzt werden, zu erörtern. Eine Bezugnahme auf die so genannte ‘Network Society’ der Moderne mit den ihr eigentümlichen Strukturen und Dynamiken reiht sich an dieser Stelle an. Auch eine kritische Würdigung der vorgestellten Theorie, einschließlich dem Aufzeigen möglicher Defizite ist hier enthalten.

Es folgt eine kurze Vorstellung und Erläuterung, was generell unter Internetplattformen zu verstehen ist, welche Anbietertypen es gibt und welche Charakteristika ihnen zu Eigen sind. Hier werde ich mich schwerpunktmäßig auf Xing konzentrieren.

Im weiteren Verlauf werde ich eine Verknüpfung der Netzwerktheorien und der Sozialkapitaltheorien anstreben, indem ich die neuen Netzwerkstrukturen auf ihre Möglichkeiten, die sie zur Sozialkapitalbildung bieten, überprüfe und untersuche. Dies soll anhand von Internetplattformen als eigentlichem Untersuchungsgegenstand konkretisiert werden. Hier bietet sich eine eingehendere Betrachtung des so genannten ‘Social Networking’ an.

Abschließend werde ich Bilanz ziehen und die gefundenen Ergebnisse zur Beantwortung der Frage, ob die neuen Netzwerktheorien zur Erklärung der Sozialkapitalmöglichkeiten von Internetplattformen geeignet sind, heranziehen.

Ein kritisches Resümee mit Ausblick auf denkbare Zukunftstendenzen bezüglich Netzwerkanalyse und bezüglich der Weiterentwicklung von Internetplattformen soll den Abschluss meiner Arbeit bilden.

Die Zielsetzung der Arbeit ist es folglich, durch eine vergleichende Analyse verschiedener Netzwerktheorien die damit zusammenhängenden Einflussfaktoren von Beziehungsstrukturen auf Sozialkapital zu erfassen. Zudem sollen damit neue Online-Netzwerkstrukturen anhand der Unterschiede zu traditionellen, vormodernen Netzwerken erörtert werden. Hierzu stütze ich mich bei meinem methodischen Vorgehen vor allem auf eine komparative Methode, die allgemeine Literatur- und Dokumentenanalysen einschließt, um schließlich die Untersuchungsgegenstände aus möglichst vielen, unterschiedlichen Blickwinkeln zu thematisieren.

Für eine systematische Theoriegewinnung scheint die komparative Methode besonders geeignet, da so eine Überprüfung des Potentials neuer Netzwerktheorien, neue Sozialkapitalmöglichkeiten im Internet abzubilden, möglich wird. Der Vergleich soll also gegen Ende der Arbeit auch in einer Relativierung der theoretischen Aussagen der behandelten Vertreter resultieren. Außerdem eignet sich dieser insbesondere für die Illustration von unbekannten Erscheinungen und zur Verdeutlichung deren Besonderheiten. Schon Emile Durkheim benennt die vergleichende Methode als ‘(…) die einzige, welche der Soziologie entspricht.’. Somit dient diese vergleichende Methode nicht nur der rein formalen Beschreibung von Strukturen in Netzwerken und der Erklärung verschiedener kausaler Zusammenhänge, sondern auch einer Interpretation der sich verändernden Netzwerkarbeit von Akteuren und einer Prognose, die mögliche Zukunftsentwicklungen aufzeigen soll.

Die Relevanz dieser gesamten Thematik scheint gerade heute durchaus gegeben zu sein. ‘Eine Liste der Anforderungen, die an moderne Staaten gestellt werden, ist mittlerweile kaum mehr zu überblicken. Sie reicht von der Sicherstellung wohlfahrtsstaatlicher Leistungen bis zur Unterstützung lokaler Faschingsumzüge. Dabei werden die Möglichkeiten, dass die Staaten den kollektiven Ansprüchen gerecht werden können, zunehmend pessimistischer eingeschätzt.’). Hinzu kommen in vielen Staaten finanzielle Engpässe, die den Handlungsspielraum zur Erreichung bestimmter Ziele des Weiteren einschränken. Aus diesem Grund wird eine Beschäftigung mit alternativen, Kosten reduzierenden Möglichkeiten zur Gewährleistung bestimmter gesellschaftlicher Standards zusehends unabdingbar. Ein sehr beliebter Lösungsansatz ist mit dem Stichwort ‘Sozialkapital’ verknüpft. Indem sich die Menschen gegenseitig Hilfeleistungen erbringen, sich für gemeinsame Belange engagieren und ein weitreichendes, möglichst weitläufiges Beziehungsnetzwerk ausbauen, sollen vorhandenen Ressourcen besser ausgeschöpft werden, um das Wohlergehen aller zu sichern und zu steigern. Diese Vorstellung kommt vielen Politikern äußerst gelegen, da auch sie längst erkannt haben, dass der Erfolg einer modernen Demokratie von der Beteiligung und Kooperation aller Involvierten entscheidend abhängt. Bereits ‘der neu gewählte deutsche Bundespräsident Köhler, ehemals Chef des Internationalen Währungsfonds, sprach in seiner Antrittsrede davon, dass es in Umbruchphasen wie der in der sich Deutschland und die Welt derzeit befinde besonders auf Sozialkapital ankomme (…)’.

Gerade jetzt, wo unsere Gesellschaft vor noch mehr neuen Problemen und Herausforderungen steht, wie der Finanzkrise, der Übergang zur Wissensgesellschaft und dem allgemeinen technologischen Wandel, scheint eine verstärkte Investition in Netzwerkarbeit lohnenswert, um so wertvolles Sozialkapital anhäufen zu können. Dafür muss jedoch vorher eine tiefer gehende Beschäftigung mit den Strukturen und Dynamiken, die soziales Kapital und das so genannte ‘Netzwerken’ auszeichnen - vor allem in Hinsicht auf bisher noch nicht völlig ausgenutzte Potentiale des Internets- erfolgen. Einen kleinen Beitrag dazu möchte ich mit meiner Diplomarbeit leisten, wobei ich allerdings längst nicht alle Facetten dieser umfassenden Thematik beleuchten kann. Um zunächst ein grundlegendes Verständnis von Sozialkapital zu erlangen, möchte ich mit der Vorstellung klassischer Sozialkapitaldefinitionen und –theorien beginnen.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
2. Hauptteil 5
2.1 Sozialkapital 5
2.1.1 Klassische Sozialkapitaltheorien 5
2.1.1.1 Der Sozialkapitalbegriff nach Pierre Bourdieu 8
2.1.1.2 Der Sozialkapitalbegriff nach James S. Coleman 12
2.1.1.3 Der Sozialkapitalbegriff nach Robert D. Putnam 19
2.1.2 Entstehungsbedingungen und auftretende Formen von Sozialkapital 28
2.1.3 Weiterentwicklung in der Sozialkapitaltheorie: Ronald S. Burt 31
2.1.4 Kritische Reflexion der neueren Theorie über Sozialkapital von Burt 37
2.2 Netzwerktheorie und Netzwerkanalyse 41
2.2.1 Der Netzwerkbegriff 41
2.2.2 Eine grundlegende Netzwerktheorie: der Ansatz von Granovetter 44
2.2.3 Die ‘Network Society’ 51
2.2.4 Kritische Würdigung der vorgestellten Netzwerktheorie Granovetters 56
2.3 Internetplattformen 662
2.3.1 Internetplattformen als moderne Austauschmedien 62
2.3.2 Charakteristika von Social-Software-Plattformen und gängige Anbietertypen 67
2.3.3 Die Internetplattform Xing: ein globales Netzwerk für Geschäftskontakte 72
2.4 Neue Netzwerkstrukturen und daraus resultierende neue Möglichkeiten zur Sozialkapitalbildung 78
2.4.1 Auswirkungen des Internets auf soziale Netzwerkstrukturen 78
2.4.2 Die neue Zusammensetzung sozialer Beziehungen: neue Möglichkeiten zur Sozialkapitalbildung 88
2.4.3 Das Phänomen ‘Online-Networking’: Die neuen Sozialkapital- und Netzwerktheorien als geeignete oder ungeeignete Erklärungsformen für neue Sozialkapitalmöglichkeiten in Internetplattformen? 94
3. Resümee 104

Textprobe:

Kapitel 2.4.2, Die neue Zusammensetzung sozialer Beziehungen: neue Möglichkeiten zur Sozialkapitalbildung:

Soziale Netzwerke sind die Grundlage für Sozialkapital. Dieser Sachverhalt trifft nach wie vor ungeachtet des Aufkommens neuer Internettechnologien unverändert zu. Allerdings haben sich durch damit einhergehende Entwicklungen wie der Individualisierung, den größer gewordenen Möglichkeiten zur freien Netzwerkwahl und der gezielten Netzwerkarbeit mit Profitisierungsabsichten neue Mechanismen der Sozialkapitalbildung herauskristallisiert.

Die eben angesprochene Individualisierung ist zwar kein Phänomen, das explizit auf die Existenz des Internets zurückzuführen ist, jedoch haben sich die Individualisierungstendenzen mit Hilfe des Internets beschleunigt, so dass diese durchaus im Zusammenhang stehen mit den erweiterten Möglichkeiten zur Sozialkapitalbildung eines Akteurs. Die moderne Gesellschaft erlaubt es dem Akteur, seine Identität nach eigenen Vorstellungen zu formen. Dies bedeutet, dass heutzutage für die wenigsten Menschen noch Standard- oder Normalbiographien vorgegeben sind, die das Leben und das Netzwerk eines Akteurs maßgeblich vorstrukturieren. Vielmehr hat der Akteur zahlreiche Wahlmöglichkeiten bei der Gestaltung seines Lebensentwurfs und auch bei der Bestimmung der Kontakte, die ihn umgeben sollen. Dies erläutert Diewald folgendermaßen:

‘Zum einen wird ein Wandel der informellen sozialen Beziehungsstrukturen hin zu einer größeren Vielfalt von möglichen und auch tatsächlich praktizierten Arrangements festgestellt; die Verbindlichkeit tradierter Lebensformen habe abgenommen. Infolgedessen sei die Vielfalt der Familien- und Haushaltsformen gewachsen, und die individuellen Lebensverläufe haben sich differenziert’.

Damit lässt sich also erklären, dass die Wichtigkeit von räumlicher Nähe bei verwandtschaftlichen und familiären Beziehungen abgenommen hat und Interessen, Hobbies sowie andere Gemeinsamkeiten für den Bestand sozialer Netzwerkbeziehungen bedeutsamer geworden sind. Die Gestaltung von Beziehungen ist nunmehr nicht mehr vorgegeben sondern eine individuelle Angelegenheit des einzelnen Menschen. Die Beziehungspflege erfolgt somit strategischer, da sie neuen Werten wie dem der ‘Selbstverwirklichung’ untergeordnet wird. Der Akteur fügt sich also nun weniger in Netzwerkstrukturen ein, die sich durch bestimmte Lebensumstände ergeben, wie beispielsweise dem monatlichen Stammtisch einer Kollegengruppe vom Arbeitsplatz. Vielmehr findet eine gezielte Suche nach Beziehungsmustern statt, die genau den individuellen Bedürfnissen des Akteurs entgegenkommen und demnach das soziale Kapital bereithalten, das der Akteur momentan benötigt. ‘Verschiedene Arrangements sozialer Beziehungen können in dieser Sichtweise als ´Antworten` auf unterschiedliche bzw. veränderte Umweltkonstellationen, als Teilstrukturen umfassender Lebensarrangements zur Bewältigung verschiedener Bedürfnislagen verstanden werden’.

An dieser Stelle spielt nun das Internet eine entscheidende Rolle: Verschiedenste Arten von Internetgruppen und Internetplattformen stellen eine Fülle von Angeboten bereit, die alle denkbaren Beziehungsarrangements ermöglichen. Das Sozialkapital des Einzelnen steigt somit enorm an, wenn er jederzeit ohne größere Zugangsbarrieren in die jeweils für ihn passgenaue Netzwerkstruktur eintreten kann und dort benötigte Ressourcen, sei es in Form von Expertenwissen, emotionaler Unterstützung oder der näheren Bekanntschaft von beruflichen Entscheidungsträgern, abrufen kann. Eine neuartige Einbindung in Netzwerke und eine neuartige Beziehungsstruktur entsteht:’ ´Ich tue etwas für andere und dabei etwas für mich´ und ´wir tun eine gewisse Zeit lang etwas füreinander´- mit dieser Motivik ließe sich ein unpathetischer, aus traditionellen Sozialmilieus entpflichteter, von Zwangsbindungen befreiter, auf den jeweiligen Akteur zurückzeigender Sozialengagementtypus beschreiben (…).’ Folglich können viele Internetangebote als vorläufige soziale Herbergen betrachtet werden, die nicht selten nach Erfüllung ihres vorgesehenen Zwecks auch wieder vom bestreffenden Akteur verlassen werden.

Ebenso bietet die durch das Internet wesentlich freier ausgeprägte Netzwerkwahl neue Optionen zur Sozialkapitalakkumulation. Im Gegensatz zum ‘real-life’ bestehen im Internet kaum gesellschaftliche Zwänge, die einen Akteur dazu drängen, bestimmte soziale Kreise zu meiden und den Kontakt zu anderen Kreisen verstärkt zu suchen. Wie ich bereits schon anklingen lassen habe, kommt sozialen Schichtunterschieden und Rollenzuweisungen, die befolgt werden sollten, in der Online-Kommunikation eine zu vernachlässigende Rolle zu. Der Akteur kann also bei Interesse für ein Internetangebot nahezu ohne Gefahr einer sozialen Missbilligung durch die Gesellschaftsmitglieder ‘außerhalb des Internets’ dieses wahrnehmen und sich aktiv an einer Community beteiligen. Durch die Möglichkeit, sich eine fiktive Identität zu erstellen oder vollkommen anonym zu bleiben, können auch Vorlieben, die sonst eher Subkulturen zugeordnet werden, wahrgenommen werden.

Selbst wenn man sich mit der korrekten eigenen Identität im Netz bewegt, ist die Toleranz bezüglich Ungewöhnlichem weitaus größer als in der durchschnittlichen Offline-Bevölkerung. Das Individuum hat dadurch die Option, aus dem Alltagsleben ‘auszubrechen’ und sich mit Menschen auszutauschen, die er ‘unter öffentlicher Beobachtung’ sozusagen niemals ansprechen würde. Helmbrecht umschreibt die neu gewonnene Freiheit bei der Beziehungsgestaltung wie folgt: Aus dem geschlossenen Kosmos einer umfangenden Gemeinschaft, wird das Individuum in den luftigeren Raum des Universums als einem Multi-Kosmos verbannt. Dort kann es in größerer Freiheit von (sic) den je Anderen sein, von dort kann und muss es aber sich neu in Bezug zu (sic) den je Anderen setzen’.

Durch diese Freiheit, auch entferntere soziale Kreise zu kontaktieren, erhöht sich auch das potentielle soziale Kapital des betreffenden Individuums. Es kann Kontakt zu Personen aufnehmen, die völlig neue Ideen, Anschauungen und sozial mobilisierbare Ressourcen in Bereitschaft halten. Strukturelle Löcher können so ein weiteres Mal überbrückt werden und zusätzlich bieten derartige Kontakte neue Informationen und Wissensbestände. Der Zugriff auf einen neuen Wissenspool, der in der realen Welt mit sozialen Sanktionen von Mitgliedern anders gelagerter Netzwerke verbunden werden würde, erscheint nun unproblematischer und realisierbar. Diese freie Netzwerkwahl ermöglicht es somit dem Akteur, für jedes spezifische Anliegen den jeweils geeignetsten Kontaktpartner auszuwählen. ‘Kennzeichen moderner Netzwerke ist, daß (sic) die Menschen nicht mit denselben Personen eine Serie von Aktivitäten unternehmen, sondern daß (sic) sie die Interaktionspartner wechseln, wenn sie sich von Aktivitätskontext zu Aktivitätskontext bewegen’.

Soziale Beziehungen und die meist daraus resultierende Sozialkapitalanhäufung erfahren aber auch insofern durch das Internet eine Veränderung, als dass dadurch die strategische Netzwerkarbeit mit konkreten Profitisierungsabsichten stärker in Erscheinung tritt.

Weil Internetplattformen über sehr effektive Suchfunktionen verfügen, kann ein Internetuser gezielt zu denjenigen Netzwerkmitgliedern Kontakt aufbauen, die eine besonders günstige Makler- oder Mittlerrolle besetzen. In Xing sind dies meist Personen, die eine eigene Xing-Gruppe gegründet haben und selbst wiederum viele bedeutsame Kontakte besitzen.

Vor allem bei Business-Netzwerken ist der Profitisierungsgedanke offensichtlich. Schließlich stellen solche Online-Plattformen nicht nur Kontaktbörsen zur Arbeitsplatzvermittlung dar, sondern sie bietet auch eine Basis zur Akquise neuer Geschäftskontakte und –beziehungen. Laut einer internen Studie der XING AG konnten bereits 2007 18,4% der befragten Xing-Nutzer Umsätze durch Neugeschäfte dank Xing generieren. Des Weiteren erwarten 39,1% für die Zukunft, dass ihnen Xing zu neuen Umsätzen und Geschäftsabschlüssen verhilft (vgl. Xing: 2007, Zugriff am 30. August 2009). Hinzu kommt die Tatsache, dass geschäftlich orientierte Internetplattformen überwiegend dafür ausgelegt sind, beruflich verwertbare Kontaktbeziehungen herzustellen. Es geht weniger um soziale Unterstützung und ‘weichere’ Thematiken als um das ‘harte’, an Finanzen orientierte Geschäftsleben. ‘Unterstützungen im Sinne von familiärem Rückhalt der ,strong ties´ sind im Folgenden ausgeblendet’.

Außerdem muss der Aspekt beachtet werden, dass laut Bourdieu die verschiedenen Kapitalsorten konvertierbar sind. Damit ist es möglich, akkumuliertes soziales Kapital in ökonomisches Kapital umzuwandeln. Folglich entsteht durch online-basierte Plattformen mit ihren effektiven, unkomplizierten Vernetzungstechnologienein besonderer Anreiz, soziales Kapital anzuhäufen. Neue Kontakte werden also mit neuem Sozialkapital und neues Sozialkapital wiederum mit neuem ökonomischen Kapital gleichgesetzt. Viele Nutzer vertreten deshalb die Meinung, dass man nie genügend Kontakte besitzen kann und streben daher eine möglichst hohe Kontaktanzahl in ihren Online-Netzwerken an. So wurde bereits schon von einem regelrechten Handel mit bestätigten Kontakten und Freundschaften berichtet:

‘In Social Networks versuchen viele, eine möglichst hohe Anzahl an Freundschaften zu schließen. Mehrere tausend ´Freunde´ sind hier keine Seltenheit. Kürzlich hat ein New Yorker die Kontakte seiner Onlinefreunde sogar über eBay zum Verkauf angeboten. Für seine 1.500 Kontakte bekam er fast 2.500 Dollar, berichtet die Schweizer Sonntagszeitung’.

Arbeit zitieren:
Walser, Andrea September 2009: Neue Netzwerkstrukturen und neue Sozialkapital-Möglichkeiten am Beispiel von Internetplattformen, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Social Software, Online-Networking, Ronald S. Burt, Xing, Network Society

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