Gewalt in der frühen Kindheit und die Folgen für Bindungsverhalten und Bindungsfähigkeit
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Anna Käser
- Abgabedatum: Februar 2009
- Umfang: 191 Seiten
- Dateigröße: 9,7 MB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg Deutschland
- Bibliografie: ca. 150
- ISBN (eBook): 978-3-8366-4181-4
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Käser, Anna Februar 2009: Gewalt in der frühen Kindheit und die Folgen für Bindungsverhalten und Bindungsfähigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Bindung, Kindheit, Gewalt, Bowlby, Mutter Kind Beziehung
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Diplomarbeit von Anna Käser
Einleitung:
‘Wenn Menschen anfangen etwas zu schreiben, glauben sie, dass sie etwas Bestimmtes schreiben müssen ... ich glaube, dass diese Haltung fatal ist. Die Einstellung, die man zum Schreiben haben sollte, lautet: ‘Ich habe eine ziemlich interessante Geschichte zu erzählen. Ich hoffe, jemand interessiert sich dafür. Jedenfalls ist es das Beste, was ich zur Zeit leisten kann.’ Wenn man sich nach diesen Zeilen richtet, überwindet man sich und legt los’.
Welches besondere Band hält Mutter und Kind zusammen? Was passiert, wenn es zu einer Trennung kommt? Was genau ist Bindung? Auf der Suche nach Antworten entwickelte der englische Kinderpsychiater und Psychoanalytiker John Bowlby Ende der 50er Jahre die sogenannte Bindungstheorie. Er arbeitete mit Mary Ainsworth zusammen, wobei Bowlby selbst die wesentlichen Grundzüge dieser Theorie unter Einbeziehung der empirisch-wissenschaftlichen Ansätze der Ethologie, Entwicklungspsychologie, Psychoanalyse und Systemtheorie formulierte.
Im Zentrum der Bindungstheorie steht die Mutter-Kind-Dyade. Dabei wird davon ausgegangen, dass ein Säugling die angeborene Neigung hat, sich an eine primäre Bindungsperson, meist die Mutter, zu binden.
Zur Zeit Bowlbys lag der Fokus der Bindungsforschung auf der Beobachtung normal entwickelter Kinder, obwohl Bowlby seine Theorie auf der Basis klinischer Daten und Beobachtungen entwickelte. Er untersuchte also hauptsächlich ‘kranke’ Kinder, um die gewonnenen Daten auf ‘gesunde’ Kinder zu übertragen und so die Bindungstheorie zu entwickeln.
Erst seit 1980 werden vermehrt ‘high-risk-samples’ erforscht, also Kinder, die in Hochrisikofamilien aufwachsen. Darunter fallen Kinder, die depressive oder schizophrene Mütter haben, aber auch solche, die aus Familien stammen, in denen sie physischer oder psychischer Gewalt, sexueller Misshandlung oder Vernachlässigung ausgesetzt sind. Heute prägt die Bindungstheorie mehr denn je Forschung und Praxis in Psychologie, Psychotherapie und und Pädagogik.
Das Thema ‘Gewalt gegen Kinder’ ist dagegen nicht nur ein aktuelles, wie vielfach angenommen wird. Wahrscheinlich wurden Kinder misshandelt seit die Menschheit existiert. Nur die Gründe, weshalb dies geschah, veränderten sich im Laufe der Zeit. Erst ab dem 18. Jahrhundert setzte eine stetig zunehmende Verbesserung in der Behandlung von Kindern ein. Doch erst seit den 80er Jahren wird auf die verheerenden Folgen von körperlicher und psychischer Misshandlung, sexuellem Missbrauch sowie Vernachlässigung auf die aktuelle, aber auch auf die zukünftige Situation betroffener Kinder aufmerksam gemacht. Erst seit diesem Zeitpunkt wird nach wirksamen Präventions- und Interventionsmöglichkeiten für solche Kinder und ihre Familien geforscht.
Bei meinem Praktikum in der Erziehungsberatungsstelle auf dem Heuchelhof in Würzburg hatte ich mit Kindern zu tun, die Gewalt in jeder Form und jeglichem Ausmaß erlebt haben. Dort lernte ich Möglichkeiten der Bindungstheorie im Bezug auf Diagnostik und Intervention kennen und schätzen. Umso mehr war ich überrascht, als ich erfuhr, dass sich die Bindungsforschung erst sehr spät mit dem Thema ‘Kindesmisshandlung und ihre Auswirkungen auf das Bindungsverhalten von Kindern’ konfrontiert sah. Meiner Meinung nach hängt das mit der vorher noch nicht existierenden gesellschaftlichen Akzeptanz dieses Themas zusammen. Bis in die 80er Jahre hinein war sexueller Missbrauch in allen gesellschaftlichen Bereichen, einschließlich der Medizin und der Psychologie, ein Tabuthema, das erst durch das Aufkommen der Frauenbewegung und damit verbundenen populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen ins Licht der Öffentlichkeit trat. Dies hatte zur Folge, dass die Gesellschaft für dieses brisante Thema sensibilisiert wurde und somit erst in der Lage war, die Misshandlungsproblematik zu sehen und ihre ganze Tragweite anzuerkennen.
‘Seit der Wiederentdeckung der modernen Misshandlungsproblematik [...] hat sich weltweit ein deutlicher Trend ergeben, das Scheitern im Verhältnis zum Kind, das Misshandeln, die vielfältige Zurichtung von Kindern sowie das Fehlen einer für die Entwicklung von Kindern notwendige Pflege, Förderung und Erziehung immer mehr zu einem Problem der einzelnen Eltern zu machen’.
An dieser Stelle möchte ich mit meiner Diplomarbeit anknüpfen und anhand von Literaturrecherchen die bisher erforschten Folgen körperlicher und psychischer Misshandlung, sexuellen Missbrauchs sowie Vernachlässigung von Kindern auf ihr Bindungsverhalten und ihre Bindungsfähigkeit aufzeigen. Weiterhin ist es mein Ziel, die Einsatzmöglichkeiten der Bindungstheorie in Prävention und Intervention aufzuzeigen, durch die meiner Meinung nach die wichtige Bedeutung dieser Theorie deutlich wird.
In der Diplomarbeit wird ersichtlich werden, wie eine unsichere Bindung oder gar eine Bindungsstörung aufgrund von Misshandlung in der frühen Kindheit die Lebensqualität eines Kindes oder auch Erwachsenen zerstören kann. Dabei wird deutlich, wie eine sichere Bindung als Schutzfaktor wirken kann, um der betroffenen Person eine neue Perspektive aufzuzeigen, ihm so zu neuem Lebensmut zu verhelfen und möglicherweise die intergenerationale Weitergabe des ‘Misshandlungssyndroms’ zu durchbrechen. Dies ist in den meisten Fällen allerdings ‘nur’ durch intensive präventive Maßnahmen oder gezielte Therapie möglich.
Die Diplomarbeit ist in vier Hauptkapitel eingeteilt. Das erste Kapitel beleuchtet die Bindungstheorie von John Bowlby und Mary Ainsworth. In einem historischen Überblick werden zunächst die Werdegänge der beiden Autoren aufgeführt, sowie ihre Gründe, sich mit dem Thema ‘Bindung’ auseinander zu setzen, um letztendlich die Bindungstheorie zu entwickeln. Daraufhin folgt ein Abriss über die Entwicklung der Bindungstheorie. Bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Bindungstheorie erklärte die psychoanalytische Welt die Mutter-Kind-Bindung anhand von Triebtheorie und Objektbeziehungstheorie. Doch Bowlby zufolge wiesen die beiden von Sigmund Freud entwickelten Theorien Mängel auf, und so versuchte er, das Band zwischen Mutter und Kind mit Hilfe anderer wissenschaftlicher Ansätze als der Psychoanalyse zu entschlüsseln.
Als nächstes folgen die Grundannahmen der Bindungstheorie mit den wichtigsten Aussagen und Begrifflichkeiten der Theorie, die als Grundlage dieser Arbeit dienen und im weiteren Verlauf immer wieder auftauchen. Zunächst werden die vier Phasen der Entwicklung der Bindung eines Säuglings an seine Mutter anhand eines Modells von Bowlby aufgezeigt. Daraufhin werden die Begriffe ‘Bindung’ und ‘Bindungsverhalten’ definiert und voneinander abgegrenzt. Dem Bindungsverhalten eines Kindes ist sein Explorationsbedürfnis entgegengesetzt. Bindungs- und Explorationsverhalten werden mit Hilfe innerer Arbeitsmodelle eines Kindes gesteuert.
Als nächstes wird die Bindungsklassifikation dargelegt, die Mary Ainsworth auf der Grundlage der Bindungstheorie formulierte. Die verschiedenen Muster werden anhand eines Verfahrens namens ‘Fremde Situation’ ermittelt. Dabei können sich vier Muster ergeben, die in der Regel das ganze Leben lang bestehen bleiben und oft auch an die nächste Generation weitergegeben werden. Für das Erwachsenenalter kann man ebenfalls Bindungsmuster klassifizieren, die sich aus den Bindungsrepräsentationen ergeben.
Das zweite Kapitel behandelt innerfamiliale Gewalt gegen Kinder. Zunächst wird der Gewaltbegriff definiert und in einem Exkurs vom Begriff ‘Aggressivität’ abgegrenzt. Den Exkurs wurde verfasst, da die Begriffe ‘Gewalt’ und ‘Aggressivität’ häufig fälschlicherweise synonym verwendet werden und Aggressivität ein Grund von Gewalt gegen Kinder ist. Daraufhin folgt ein Abriss über Gewalt gegen Kinder in der Familie in einem geschichtlichen Kontext. Die Intention dabei ist, dem Leser zu vermitteln, dass dieses Thema damals aktuell war und es heute auch noch ist. Einzig und allein der Bedeutungsgehalt und die Rechtfertigung der Erziehungsgewalt haben sich verändert. Hierauf wird der Begriff ‘Kindesmisshandlung’ als synonymer Begriff zur Gewalt gegen Kinder eingeführt und definiert, worauf Versuche von Erklärungen von Kindesmisshandlung folgen. Als nächstes wird auf einen zentralen Punkt dieser Arbeit eingegangen, die verschiedenen Formen der Formen der Gewalt. Diese sind körperliche und psychische Misshandlung, Vernachlässigung sowie sexueller Missbrauch. Sie sind der Ausgangspunkt für die folgenden Kapitel, und auf diese werden auch die Folgen von Gewalt für Bindungsverhalten und Bindungsfähigkeit von Kindern und auch Erwachsenen bezogen.
Der letzte Teil des Kapitels beschäftigt sich mit Krankheitsbildern, die infolge körperlicher und psychischer Misshandlung, sexuellem Missbrauch und Vernachlässigung entstehen können. Dabei wird speziell auf Angsterkrankungen, Depressionen, Essstörungen und sexuelle Störungen eingegangen, welche die häufigsten und bekanntesten Folgen sind. Zudem lassen sich zum Teil Verbindungen zum Thema ‘Bindung’ knüpfen, womit dem Leser demonstriert werden soll, wie groß die Spannbreite der Auswirkungen ist.
Das dritte Kapitel behandelt den Kern der Diplomarbeit, die Folgen von Gewalt in früher Kindheit aus der Sicht der Bindungstheorie. Es wird aufgezeigt, welche Konsequenzen frühe Gewalterfahrungen auf Bindungsverhalten und Bindungsfähigkeit haben.
Zu Beginn werden Bindungsqualität und Interaktionsverhalten misshandelter Kinder anhand verschiedener Studien namhafter Bindungsforscher wie Byron Egeland und Alan Sroufe, Patricia Crittenden und Gabriele Gloger-Tippelt diskutiert. Im weiteren Verlauf werden Bindungsqualität und Interaktionsverhalten misshandelter Kinder aufgezeigt, daraufhin die Folgen von Kindesmisshandlung im Kindes- und Erwachsenenalter aus bindungstheoretischer und psychologischer bzw. sonderpädagogischer Sicht. Als nächstes wird es um Bindungsstörungen gehen, die dem Bereich der Psychopathologie zuzuordnen sind und oft nach schwerwiegenden traumatischen Erlebnissen innerhalb der Mutter- Kind-Dyade zu beobachten sind.
Im letzten Punkt dieses Kapitels wird die Bedeutung von Risiko- und Schutzfaktoren demonstriert. Risikofaktoren für die kindliche Entwicklung sind schwere oder traumatische Erfahrungen, Schutzfaktoren dagegen sind Einflussfaktoren, welche die Auswirkungen von Risikofaktoren modifizieren können, indem sie die Widerstandskraft von Kindern stärken.
Das vierte und letzte Hauptkapitel behandelt Präventions- und Interventionsmöglichkeiten von Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung. Das Kapitel hat nicht den Anspruch, ganzheitlich auf präventive oder interventive Maßnahmen einzugehen, sondern bezieht sich auf Angebote aus bindungstheoretischer Perspektive. Dabei wird grundsätzlich zwischen indirekten, direkten und erweiterten bindungsorientierten (präventiven) Bindungsinterventionen unterschieden.
Im ersten Unterpunkt dieses Kapitels wird zunächst auf die Definitionen von Beratung und Therapie eingegangen, um die beiden Begriffe voneinander abzugrenzen, da sie im weiteren Verlauf nicht mehr differenziert werden.
Im nächsten Unterpunkt wird die Videoanalyse vorgestellt, die einen wichtigen Stellenwert innerhalb von Diagnostik, Beratung und Therapie inne hat.
Im folgenden Unterpunkt werden Präventionsprogramme behandelt. Zunächst werden die Begriffe ‘Beratung’ und ‘Therapie’ definiert und voneinander abgegrenzt, um daraufhin die Bedeutung der Videoanalyse für Diagnostik, Beratung und Therapie aufzuzeigen. Daraufhin wird die Notwendigkeit früher Prävention bei Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung demonstriert. Als nächstes werden die Perspektiven der Prävention psychischer Störungen thematisiert, wobei zwischen zwei Ebenen der Prävention unterschieden wird. Der nächste Punkt behandelt das ‘STEEP-Programm’ exemplarisch für eine bindungsorientierte präventive Maßnahme. Dabei handelt es sich um eine Frühprävention, die Eltern durch beziehungsorientierte Interventionen dazu verhelfen soll, den emotionalen und sozialen Bedürfnissen ihrer Kinder gerecht zu werden.
Der nun folgende Punkt behandelt Interventionsprogramme. Zunächst wird aufgezeigt, wie die Bindungstheorie bisher Eingang in Beratung und Therapie gefunden hat. Wichtig ist dabei, das Konzept des Beraters als ‘sichere Basis’ darzustellen, die der Bindungstheorie zufolge einen bedeutungsvollen Stellenwert besitzt. Daneben ist es wichtig, die therapeutische Beziehung als eine reelle Beziehung anzusehen sowie die Beziehung zum eigenen Selbst und die Eltern-Kind-Beziehung innerhalb der Therapie zu analysieren.
Daraufhin folgt eine Darstellung der integrativen Funktion der Bindungstheorie in der Familientherapie, da die Gründe einer unsicheren Bindung innerhalb des Systems Familie liegen und in diese Art der Therapie die ganze Familie einbezogen wird.
Der nächste Unterpunkt handelt von der Video-Mikroanalyse-Therapie, in der die Bedeutung der Videodarstellung von Familienkonstellationen sichtbar wird. Dieser Ansatz wird als Kurzzeittherapie eingesetzt und basiert meist auf einem psychotherapeutischen Ansatz.
Im folgenden Unterpunkt wird das Projekt ‘Kreis der Sicherheit’ exemplarisch für ein Interventionsprogramm vorgestellt. Dieses bindungsgeleitete Programm richtet sich an Eltern-Kind-Paare, deren Kinder im Vorschulalter und mit hohem Entwicklungsrisiko behaftet sind. Die Intervention wird besonders bei misshandelten, missbrauchten und vernachlässigten Kindern angewendet.
Im letzten Unterpunkt des vierten Kapitels wird er Versuch unternommen, einen Bezug der Bindungstheorie zur Sonderpädagogik zu knüpfen, an dessen Lehrstuhl die vorliegende Diplomarbeit verfasst wird.
Die vorliegende Diplomarbeit orientiert sich an der Oxford-Zitatation. Direkte Zitate werden wortwörtlich aus der Vorlage übernommen, Fehler der Autoren unverbessert wiedergegeben, Satzzeichen unverändert übernommen. Änderungen innerhalb eines Zitats werden durch ‘[...]’ gekennzeichnet. Um direkte und indirekte Zitate optisch voneinander abzugrenzen, wird mit dem Kürzel ‘Vgl.’ in den Fußnoten auf auf indirekte Zitate hingewiesen, bei direkten Zitaten wird darauf verzichtet.
Die Bezeichnung weiblicher und männlicher Personen durch die jeweils maskuline Form entspricht nicht der anzustrebenden Gleichstellung von Mann und Frau. In der vorliegenden Arbeit wird auf die Verwendung von Doppelformen und anderen Kennzeichnungen für die weibliche bzw. männliche Form verzichtet, um Lesbarkeit und Übersichtlichkeit zu wahren. Es werden nur Unterschiede gemacht, wenn das Geschlecht für die Darstellung einer Tatsache eine Rolle spielt.
Inhaltsverzeichnis:
| Einleitung | 4 | |
| 1. | Bindung | 11 |
| 1.1 | Historischer Überblick | 11 |
| 1.2 | Entwicklung der Bindungstheorie | 15 |
| 1.3 | Grundannahmen der Bindungstheorie | 18 |
| 1.3.1 | Ontogenese der Bindung: Das Vierphasenmodell nach Bowlby | 18 |
| 1.3.2 | Konzept Bindung | 21 |
| 1.3.3 | Bindungsverhalten | 22 |
| 1.3.4 | Explorationsverhalten | 27 |
| 1.3.5 | Innere Arbeitsmodelle | 29 |
| 1.3.6 | Konzept der Feinfühligkeit | 32 |
| 1.4 | Die Bindungsqualität | 33 |
| 1.4.1 | Mary Ainsworth und die ‘Fremde Situation’ | 34 |
| 1.4.2 | Die Bindungsqualität am Ende des ersten Lebensjahres | 36 |
| 1.4.3 | Beziehungsrepräsentanzen der Bindungspersonen | 42 |
| 2. | Gewalt | 49 |
| 2.1 | Exkurs: Aggressivität | 51 |
| 2.2 | Gewalt gegen Kinder in der Familie | 58 |
| 2.3 | Kindesmisshandlung | 61 |
| 2.4 | Erklärung von Kindesmisshandlung | 62 |
| 2.4.1 | Aggressivität als Grund der Kindesmisshandlung | 63 |
| 2.4.2 | Psychopathologisches Erklärungsmodell | 64 |
| 2.5 | Formen der Misshandlung | 66 |
| 2.5.1 | Körperliche Misshandlung | 67 |
| 2.5.2 | Psychische Misshandlung | 70 |
| 2.5.3 | Vernachlässigung | 72 |
| 2.5.4 | Sexueller Missbrauch | 74 |
| 2.6 | Krankheitsbilder infolge von Misshandlung | 79 |
| 2.6.1 | Angsterkrankungen | 80 |
| 2.6.2 | Depressionen | 82 |
| 2.6.3 | Essstörungen | 84 |
| 2.6.4 | Sexuelle Störungen | 87 |
| 3. | Folgen von Kindesmisshandlung aus bindungstheoretischer Sicht | 90 |
| 3.1 | Bindungsqualität und Interaktionsverhalten misshandelter Kinder | 91 |
| 3.2 | Folgen von Kindesmisshandlung im Kindes- und Erwachsenenalter | 94 |
| 3.2.1 | Folgen aus der Sicht der Bindungstheorie | 95 |
| 3.2.2 | Folgen körperlicher und psychischer Misshandlung sowie Vernachlässigung | 97 |
| 3.2.3 | Folgen sexuellen Missbrauchs | 99 |
| 3.2.4 | Folgen im Erwachsenenalter | 104 |
| 3.3 | Bindungsstörungen | 104 |
| 3.3.1 | Bindungsstörungen und Traumata | 105 |
| 3.3.2 | Typologie von Bindungsstörungen | 110 |
| 3.4 | Risiko- und Schutzfaktoren | 116 |
| 4. | Prävention und Intervention | 122 |
| 4.1 | Beratung und Therapie | 124 |
| 4.2 | Videoanalyse in Diagnostik, Beratung und Therapie | 129 |
| 4.3 | Präventionsprogramme | 132 |
| 4.3.1 | Notwendigkeit früher Prävention bei Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung | 133 |
| 4.3.2 | Perspektiven der Prävention psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter | 135 |
| 4.3.3 | Handlungsbereiche der Prävention | 138 |
| 4.3.4 | Das STEEP-Programm | 140 |
| 4.4 | Interventionsprogramme | 144 |
| 4.4.1 | Bindungstheorie in Beratung und Therapie | 144 |
| 4.4.2 | Beiträge der Bindungsforschung zur Familientherapie | 152 |
| 4.4.3 | Video-Mikroanalyse-Therapie | 155 |
| 4.4.4 | Das Projekt ‘Kreis der Sicherheit’ | 158 |
| 4.5 | Folgerungen für die Sonderpädagogik | 162 |
| 5. | Zusammenfassung und Ausblick | 166 |
| 6. | Literaturverzeichnis | 172 |
| 7. | Internetquellennachweis | 188 |
| 8. | Abbildungsnachweis | 189 |
| 9. | Tabellennachweis | 191 |
Kapitel 2.1, Exkurs Aggressivität:
Mit Aggression ist nicht ein bestimmtes Verhalten gemeint, sondern die ‘momentane oder überdauernde Neigung einer Person zu bestimmten (aggressiven) Verhaltensweisen’.
In den meisten Definitionen heißt es, Aggression ist ein ‘Verhalten, welches [...]’. Häufig sind damit Erscheinungsformen gemeint, die eine innere Bereitschaft oder aggressive Impulse meinen. ‘Aggressivität’ hingegen bedeutet nach Nolting die ‘individuelle Ausprägung bei einem einzelnen Menschen’.
Es gibt eine Vielzahl allgemeingültiger Definitionen des Begriffs ‘Aggression’, da die verschiedenen Wissenschaftler bei ihren Umschreibungen unterschiedliche Akzente setzen. Grundsätzlich kann man nicht sagen, was Aggression ist, sondern nur ihre Phänomene benennen. Es gibt weite und enge Definitionsversuche von Aggression. Der weite Aggressionsbegriff wird in der wissenschaftlichen Psychologie von nur wenigen, meist triebtheoretisch orientierten Autoren vertreten, da er ‘unbrauchbar und überdies überflüssig’ und synonym zu verwenden ist mit dem Begriff ‘Aktivität’. Der enge Begriff setzt die Worte ‘Tatkraft’ und ‘Destruktion’ gleich, so dass man sich praktisch immer aggressiv verhält, was man auch tut. Bei einer weiten Definition bleibt verschwommen, welche Phänomene erklärt werden sollen.
Zu den engen Definitionen zählen diejenigen Verhaltensweisen, die mit Schädigung, Verletzung und Zufügung von Schmerzen zu tun haben und mit einer deutlichen Intention, Absicht oder Zielsetzung ausgeführt werden: ‘Unter aggressiven Verhaltensweisen werden hier solche verstanden, die Individuen oder Sachen aktiv und zielgerichtet schädigen, sie schwächen oder in Angst versetzen’.
Viele Eltern haben gar nicht das Ziel, ihr Kind zu schädigen, wenn sie es schlagen. Meist ist ihr primäres Ziel, das Verhalten des Kindes ‘zum Positiven’ zu verändern.’ Doch auch ohne die Absicht der Schädigung muss man von aggressivem Verhalten sprechen, da die Erzeugung von unangenehmen Empfindungen beim Kind beabsichtigt ist, wenn auch nur als Mittel zum Zweck.
Textprobe:
‘Aggression wird […] definiert als eine Handlung, mit der eine Person eine andere Person zu verletzen versucht oder zu verletzen droht, unabhängig davon, was letztendlich ihr Ziel dieser Handlung ist’.
Selg bevorzugt anstatt der Intention im Sinne von ‘klarer Absicht’ den Begriff der ‘Gerichtetheit’. Bei Intention im Sinne von klarer Absicht könnte sich nämlich das Problem ergeben, dass diese im Fall von massiver Gewaltausübung wie Tötung aus Unzurechnungsfähigkeit fraglich sein könnte. Nach Selg besteht Aggression in ‘[...] einem gegen einen Organismus oder ein Organismussurrogat gerichtetes Austeilen schädigender Reize; [...] eine Aggression kann offen (körperlich oder, verbal) oder verdeckt (phantasiert), sie kann positiv (von der Kultur gebilligt) oder negativ (mißbilligt) sein’.
Nach dem eben genannten Zitat richtet sich Aggression gegen einen ‘Organismus oder ein Organismussurrogat’, das heißt, dass sie nur gegen Lebewesen eingesetzt werden kann. Es kann durchaus als aggressiv angesehen werden, wenn jemand ein Foto eines untreuen Partners zerreißt. Oder würde man das Verhalten eines Kindes, das seine Puppe schlägt, als nicht aggressiv einstufen?
Bowlby sieht den Ursprung von Aggressivität in einer unsicheren Bindung einen Kompromiss darstellt zwischen dem Bedürfnis des Kindes nach Sicherheit und der Unfähigkeit der Eltern, eine sichere Basis zu bieten. Ähnlich werden Verzweiflung oder Wut als Teil der Trauerreaktion auf eine Trennung als verzweifeltem Versuche gesehen, die Bindungsperson wieder herbei zu holen.
Für die Erklärung von Aggressivität gibt es eine Vielzahl von Theorien und Ansätzen, besondere Bedeutung wird jedoch lernpsychologischen Erklärungen zugewiesen, insbesondere operanten Konditionieren und Modelllernen. Eine ebenso wichtige Bedeutung hat auch die Frustrations-Aggressions-Theorie. Diese drei Theorien werden im folgenden erklärt. Durch operantes Konditionieren erwirbt man Tendenzen oder Bereitschaft zu aggressivem Verhalten, das heißt, dass aggressive Verhaltensweisen durch Erfolg oder andere positive Faktoren verstärkt werden. Belschner konstruierte 1971 ein Beispiel, welches das Denkmodell der positiven Verstärkung von aggressivem Verhalten verdeutlichen soll:
Ein hungriger Junge kommt an einen Obststand. Wenn er kein Geld besitzt oder noch nicht gelernt hat, einzukaufen, kann es passieren, dass er einen Apfel nimmt, ohne dass der Händler dies merkt. Der Apfel schmeckt dem Jungen und stillt seinen Hunger. Dadurch wird der Diebstahl für den Jungen zu einem vollen Erfolg. Heimliches Wegnehmen erfährt so eine Bekräftigung. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass er sich künftig in einer ähnlichen Situation ähnlich verhält. Sobald der Junge mehrmals Erfolg mit dem Mundraub oder ähnlichen Verhaltensweisen hat, wird er wahrscheinlich eine überdauernde Erwartung von Erfolg durch heimliches Wegnehmen aufbauen und bald einen umgreifenden aggressiven Verhaltensstil entwickeln. Sicher wird der Junge dabei auch Misserfolge nach Aggressionen erleben. Seine aggressive Tendenz wird jedoch nur abgebaut werden, wenn er konsequent Misserfolge erlebt oder durch einen starken Misserfolg geschockt wird. Erlebt er jedoch Erfolge und Misserfolge in bunter Reihenfolge, wird der Junge sein Fehlverhalten besonders hartnäckig erlernen und seine Techniken verfeinern. Lernpsychologen nennen ein solches Phänomen eine ‘intermitierende Bekräftigung’.
Durch operantes Konditionieren lernt man nur mit Mühe neue Verhaltensweisen. Meist lernt man dabei sogar nur, Verhalten regelmäßig in bestimmten Situationen zu zeigen oder zu lassen. Wirklich neue Verhaltensweisen entstehen meistens entweder spontan oder durch Beobachtung anderer, also durch Modelllernen. Das Lernen von aggressivem Verhalten am Modell konnte Hicks 1965 in einem Experiment mit etwa fünfjährigen Kindern aufzeigen. Er zeigte ihnen einen kurzen Film mit aggressiven Inhalten, auf welche die Schauspieler mit kurzer Frustrationssphase reagierten und aggressives Verhalten zeigten. Es wurde deutlich, dass die Kinder nach dem Film die Aggressionen imitierten, besonders Jungen. Kinder der Kontrollgruppe, in der es keine Aggressionen gab, zeigten kein Imitationsverhalten. Nach einem halben Jahr wurden die Kinder in eine Frustrationsphase gebracht. Dabei zeigte sich, dass die als imitativ eingestuften Aggressionen beträchtlich zurückgegangen waren. Dennoch konnten sich die Kinder nach der Filmvorführung nach einer relativ kurzen Beobachtungszeit von 20 Minuten an etwa sechs Aggressionen erinnern und hätten sie bei entsprechender Motivierung auch ausführen können. Auffällig war, dass insbesondere Kinder, die im Film einen männlichen aggressiven Erwachsenen gesehen hatten, imitative aggressive Verhaltensweisen zeigten.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836641814
Arbeit zitieren:
Käser, Anna Februar 2009: Gewalt in der frühen Kindheit und die Folgen für Bindungsverhalten und Bindungsfähigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Bindung, Kindheit, Gewalt, Bowlby, Mutter Kind Beziehung




