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Theaterpädagogik und Systemtheorie

Theaterpädagogik und Systemtheorie
Über dieses Buch
  • Art: Bachelorarbeit
  • Autor: Verena Münch
  • Abgabedatum: Mai 2009
  • Umfang: 66 Seiten
  • Dateigröße: 340,5 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Katholische Fachhochschule NRW Abteilung Münster Deutschland
  • Bibliografie: ca. 24
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3418-2
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Münch, Verena Mai 2009: Theaterpädagogik und Systemtheorie, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Symbolwelt, Realität, Soziale Systeme, Spielleiter, Wolfgang Nickel

Bachelorarbeit von Verena Münch

Einleitung:

Der Sozialarbeiter benötigt, um angemessen und professionell arbeiten zu können, eine umfangreiche Wissens- und Methodenbasis. Dazu werden im Folgenden professionelle Qualitäten (Wissen, Können, Haltung) herausgestellt, die sich auf die Rolle des Sozialarbeiters als Dienstleister stützen. Zuvor soll die gesellschaftliche Legitimation der ‘Sozialen Arbeit als Dienstleistung’ erfolgen.

In der heutigen modernen Gesellschaft kann Soziale Arbeit nicht mehr von ‘Problemgruppen’ ausgehen. Die Pluralisierung fordert sie auf, einzelne individuelle Problemlagen wahrzunehmen, denn jeder kann unabhängig von seinem Status von belastenden Situationen betroffen werden. Dementsprechend gehören neben den klassischen Aufgaben (Bildung, Erziehung, Problemlösung) der Sozialen Arbeit, Aufgaben und Fragen der Identitätsfindung und Lebensführung des Adressaten zum Aufgabenfeld. Konkret bedeutet das für Organisationen und für die spezielle Fallarbeit, dass sie sich an den Wünschen und Vorstellungen der Adressaten orientieren oder darüber hinaus die Bedürfnisse als Ausgangspunkt betrachten sollen. Die Wünsche sollen gemäß des ‘uno-actu-Prinzips’ gemeinsam mit ihm ausgehandelt werden. Die drei Qualitätskompetenzen Wissen, Können, Haltung bedürfen einer kurzen Beschreibung. Mit dem Begriff Wissen ist ein Theorie- und Konzeptionsbestand gemeint, der die Praxis legitimieren soll. Die vorliegende Arbeit bezieht sich auf das Wissen (Kopf) des systemisch-konstruktivistischen Ansatzes, der sich aus verschiedenen Theorieansätzen zusammensetzt. Diese werden in Kapitel Eins beschrieben und in Kapitel Drei anhand des spezifischen Arbeitsbereiches Theaterpädagogik angewendet. Das Können (Hand) beschreibt das Methodenrepertoire des Sozialarbeiters und ist im Wesentlichen erlernbar und weiter ausbaufähig. Die Methoden in der Theaterpädagogik beruhen hauptsächlich auf Spieleinheiten, die sogenannte Schlüsselkompetenzen schulen. Darunter fallen Selbstkompetenzen, Sozialkompetenzen, kulturelle Kompetenzen, Methodenkompetenzen und künstlerische Kompetenzen. Diese werden im Kapitel Zwei erläutert. Die Förderung und Entwicklung der Kompetenzen beruht im Grunde auf der Haltung (Herz) des Sozialarbeiters, die Adressaten dahingehend zu fördern, dass sie in der heutigen ausdifferenzierten Gesellschaft ein solides Selbstbewusstsein aufbauen und ihre eigene Identität herausbilden können.

Ausgehend von der Frage, welchen Beitrag die Systemtheorie für den Adressaten und den Sozialarbeiter allgemein leisten kann, werden zunächst grundlegende Paradigmen der Systemtheorie erläutert. Um in der Pädagogik Anwendung finden zu können, wird die Systemtheorie durch weitere Theoriebausteine ergänzt. In einem weiterführenden Beitrag wird das soziale System, welches die Grundlage allen Helfens in der Sozialen Arbeit ist und deren Betrachtung zur Aufdeckung von Konflikten und Störungen dienen kann, näher erklärt, um abschließend die Relevanz des systemisch-konstruktivistischen Ansatzes für die Soziale Arbeit herauszustellen. Im zweiten Kapitel möchte ich die Geschichte des Mediums Theater und ihre Veränderung bis hin zu heutigen Lernprozessen durch eigene Beteiligung für den Spieler und den Rezipienten erläutern. Anschließend sollen vielfältige Arbeitsfelder des Pädagogen kurz skizziert werden, um dann die theaterpädagogische Arbeitsweise von Nickel zu beschreiben. Die aus der Arbeit hervorgehenden Lernprozesse, die aus der theaterpädagogischen Arbeit mit einer Gruppe folgen, werden durch Hoppe eingehend beschrieben.

In meiner Analyse möchte ich zunächst das gesellschaftliche Teilsystem Theaterpädagogik skizzieren. Dem folgt eine Untersuchung allgemeiner Wissensbestände, Aufgaben und Haltungen des Theaterpädagogen größtenteils anhand der Beschreibungen von Nickel und Hoppe. Diese haben über die Grenzen theaterpädagogischer Praxis hinaus nach Auswirkungen und Lerneffekten gefragt, um den von Kleve und Reich konstatierten entscheidenden Theorie-Praxistransfer zu gewährleisten. Daraus ergeben sich die obengenannten Anforderungen an einen professionellen Theaterpädagogen, die sich auch unter den Begriffen Wissen, Können, Haltung in der Sozialen Arbeit etabliert haben. Damit möchte ich zum einen den Universalitätsanspruch der Systemtheorie anhand eines Funktionssystems überprüfen. Zum anderen möchte ich Möglichkeiten und Chancen eines systemisch-konstruktivistisch orientierten Ansatzes für die Theaterpädagogik und im speziellen für den Theaterpädagogen in der heutigen Gesellschaft herausstellen. Die Theorie- und Praxislandschaft in der Theaterpädagogik präsentiert sich als unübersichtlich und komplex. Die vorliegende Arbeit versucht nicht, die Debatte zu klären. Sie versucht einen Überblick der Anforderungen an einen systemisch-konstruktivistischen arbeitenden Theaterpädagogen zu formulieren, unabhängig davon, welche Ziele denn nun tatsächlich erreicht werden. Die Beantwortung hebt sich mit der Idee des Ansatzes auf, da die Aneignung von Lernprozessen individuell ist. In dieser Arbeit geht es um die Frage, wie in der heutigen Gesellschaft professionell gearbeitet werden muss, um einen Lerneffekt, sei dieser künstlerisch-ästhetischer, sozialer oder persönlicher Natur, zu bewirken. Dazu wird das Konzept von Nickel als Untersuchungsgegenstand herangezogen. Das Produkt einer Aufführung wird eher am Rande bearbeitet, da die Spieleinheiten für die Entwicklung im Vordergrund stehen. Mit der Systemtheorie lässt sich die professionelle Theaterpädagogik strukturiert aufzeigen und wird gleichzeitig dem Menschen in seiner Ganzheitlichkeit gerecht.

Im Gegensatz zu trivialen Systemen, die einem Kausalitätsprinzip folgen, treten systemische Modelle dort auf, wo es sich um zirkuläre Prozesse, um Interaktion handelt. Aus diesem Grunde sind systemisch-konstruktivistische Ansätze für die Beschreibung einer Theatergruppe geeignet, da es sich um Kommunikation mit und in der Gruppe handelt und darüber hinaus individuellen Nutzen für den Einzelnen zeigt. In manchen theaterpädagogischen Fortbildungen wird die Beziehungsebene oft ignoriert, was dann auf einen Erlebnisprozess abzielt, der jedoch nicht reflektiert wird. Dies führt zu einer unbefriedigenden willkürlichen Handhabung theaterpädagogischer Methoden.

Da Theaterpädagogik eine fördernde Wirkung hat, die auf die Persönlichkeitsbildung des Einzelnen abzielt, jedoch nicht unbedingt lebensnotwendig ist, wird dieser Bereich der Pädagogik nicht unbedingt finanziell bezuschusst. Umso mehr besteht der Bedarf einer professionellen Theaterpädagogik durch eine systemisch-konstruktivistische Fundierung, um eine dem Adressaten gerechte Vorgehens- und Wirkungsweise der Arbeit aufzuzeigen und um in der Gesellschaft anerkannt zu werden.

Inhaltsverzeichnis:

0 Einleitung 1
1 Beschreibung des Analyseinstrumentariums: Die Systemtheorie 5
1.1 Grundannahmen 6
1.2 Soziale Systeme 9
1.3 Systemisch-konstruktivistische Pädagogik 10
1.3.1 Gründe für eine systemisch-konstruktivistische Pädagogik 11
1.3.2 Voraussetzungen systemisch-konstruktivistischer Beobachtung 12
1.3.3 Kommunikationstheorien 13
1.3.4 Unterscheidung zwischen Beziehungs-, Inhalts- und Weltebene. Die pädagogische Beobachtung 14
1.3.5 Symbolwelten, Imagination und Realität 17
1.3.6 Neutralität und Allparteilichkeit 18
1.3.7 Konstruktion, Rekonstruktion und Dekonstruktion 19
2 Beschreibung des Analysegegenstandes: Die Theaterpädagogik 20
2.1 Entstehung der Theaterpädagogik 20
2.1.1 Das Medium Theater 20
2.1.2 Ziele und deren Gewichtung in theaterpädagogischen Feldern 21
2.2 Der Spielleiter nach Nickel 23
2.2.1 Reflektierend-intellektuelle Aufgaben des Theaterpädagogen 23
2.2.2 Konkret-gestaltende Aufgaben des Theaterpädagogen 26
2.2.3 Lernerfahrungen oder Transfer in die Realität 29
3 Systemisch-konstruktivistische Theaterpädagogik 34
3.1 Abgrenzung zu anderen Systemen 34
3.1.1 Reflektierend-intellektuelle Aufgaben eines systemisch-konstruktivistischen Theaterpädagogen 37
3.1.2 Konkret-gestaltende Aufgaben eines systemisch-konstruktivis-tischen Theaterpädagogen 40
3.1.3 Unterscheidung zwischen Beziehungs-, Inhalts und Weltebene. Die pädagogische Beobachtung 46
3.1.4 Die systemisch-konstruktivistische Theaterpädagogik und Kommunikationstheorien 49
3.1.5 Symbolwelt, Imaginäres und Realität 51
3.1.6 Neutralität und Allparteilichkeit 53
3.1.7 Schlüsselkompetenzen oder die Haltung des Theaterpädagogen 53
3.1.8 Das Zeichensystem der Theaterpädagogik 57
4 Fazit 59
Literaturverzeichnis 62

Textprobe:

Kapitel 1.3.4, Unterscheidung zwischen Beziehungs-, Inhalts- und Weltebene. Die pädagogische Beobachtung:

Pädagogische Beobachtungen bedienen sich zum einen der Beziehungskommunikation, die von einer Zirkularität in Prozessen ausgeht, zum anderen beziehen sie sich auf die inhaltliche Ebene der Kommunikation.

Inhalts- und Beziehungsebene sind immer unmittelbar miteinander verknüpft. Der Beobachter wird auf Beziehungs- und Inhaltsebene immer auch durch die Welt- und/oder Produktionsebene beeinflusst.

Eine Person nimmt eine Beobachterperspektive ein, wenn er die Welt erkennen und wahrnehmen will. Darüber hinaus beobachtet er die Welt, um sein Handeln zu reflektieren und mit anderen Wahrnehmungen zu vergleichen. Dabei selektiert jeder Mensch aus der gegebenen Welt die für ihn relevanten Informationen. Er beobachtet aus seiner ‘engen Beobachtungswelt’ und reduziert damit die Komplexität der Welt. Die Komplexitätsreduktion lenkt die inhaltlichen Informationen in für die Person überschaubare, gewohnte Bahnen. Die Komplexitätsreduktion findet also zunächst einmal auf der Inhaltsebene statt. Wir nehmen alles das wahr, was uns nicht fremd scheint, was uns bekannt ist. Auf diese Art gelangt der Mensch zu einer recht einheitlichen Sicht der Dinge.

Grundsätzlich befindet sich der Mensch immer in Beziehung zu anderen Menschen. Dies geschieht auf direktem Wege (durch ein Gespräch) oder auf indirektem Wege zum Beispiel über Erfindungen oder Bücher.

Reich nennt die dritte Ebene, in der sich ein Mensch bewegt, Welt- oder auch Produktionsebene. Die Produktionsebene wird durch Reich deshalb hervorgehoben, da Erzeugnisse der Menschen nicht mehr von einer unbeeinflussten Natur zu unterscheiden sind. Sie sind unmittelbar miteinander verknüpft, da der Mensch immer häufiger in die Welt eingreift. Mit Produktion ist in der (post-) modernen Gesellschaft die zur Realität gewordene Konstruktion gemeint. Während wir konstruieren, kann der Mensch sich alles möglich erdenken. Durch die Produktion schränkt er nachfolgende Konstruktionen und damit einhergehende Optionen ein.

Aus diesen drei komplexen Ebenen, die sich gegenseitig beeinflussen und nur analytisch voneinander trennen lassen, ergeben sich Anforderungen an den Pädagogen. Wissenschaftliche Annahmen aus verschiedenen Disziplinen bilden eine rationale Wissensbasis für die Beziehungsarbeit des Sozialarbeiters. Dabei bietet die Umwelt dem Beobachter eine Vielzahl von Standpunkten, wobei keiner einen objektiven Gültigkeitsanspruch hat. Es macht einen Unterschied aus ‘ob praktisch gehandelt oder theoretisch reflektiert wird.’ Demnach ermöglichen Praxiserfahrungen die Anwendung oder die Ablehnung theoretischer Grundannahmen. In ihr wird die komplexe Beziehungsebene deutlich, denn sie ist nie ganz durch Theorie zu erfassen. Der Pädagoge muss somit Sach- und Beziehungsebene unterscheiden können. Sie sollten jedoch nicht isoliert voneinander betrachtet werden, denn diese bedingen sich gegenseitig: Aus pädagogischer Perspektive konstruieren der Pädagoge und der Adressat in einer vorstrukturierten Umwelt. Sie konstruieren aber nicht nur, sondern produzieren auch und wirken damit auf die Umwelt, im speziellen auf Beziehungen ein.

Der informationsverarbeitende Prozessor muss, um handlungsfähig zu bleiben, aus der komplexen Welt das für ihn Relevante herausfiltern. Da die Kybernetik von einer konstruierten Beobachterperspektive ausgeht, schließt dies die Selektion von (Un-) Brauchbarem mit ein. Aufgrund dessen entstehen immer blinde Flecke, im Sinne von etwas Unbeachteten.

Die Beobachtung menschlicher Prozesse innerhalb eines Systems bergen Risiken, auf die der Pädagoge grundsätzlich achten muss. Die Grundhaltung gegenüber menschlichem Verhalten ist in der systemischen Pädagogik vornehmlich durch die Wahrnehmung zirkulärer Prozesse auf der Beziehungsebene geprägt. Diese beeinflussen sich gegenseitig und wirken unmittelbar auf den Beobachter zurück (Rückkopplung). Dies erschwert die Beschreibung von sozialen Systemen, da Kommunikation sehr vielfältig ist. Komplexität lässt sich nur dann reduzieren, wenn alle Beobachter eines Systems sich an der Problem- und Lösungsfindung beteiligen, da alle Einflussfaktoren berücksichtigt werden müssen, um eine Gesamtzufriedenheit herzustellen. Des Weiteren besteht die Gefahr der Vereinseitigung sozialer Prozesse durch die Suche nach handfesten Techniken. Gerade in der Pädagogik, in der es im Besonderen um die komplexe Beziehung von Menschen geht, kann jedoch nicht eine Theorie die Welt vereinfachen und für valide gehalten werden. Der Pädagoge muss offen und kritisch gegenüber eigenen und anderen konstruierten Beobachtermodellen bleiben, um nicht in eigenen Modellen zu stagnieren. Dies erfordert einen distanzierten Blickwinkel des Pädagogen durch Selbstreflexion, kollegiale Beratung u. a., um somit der komplexen Lebenssituation des Menschen gerecht zu werden. Nur ein professionelles Helferteam hat die nötigen Informationen und Ideen über den weiteren Verlauf des konkreten Einzelfalls. Dies leitet sich zwangsläufig von der Annahme der Autopoiesis ab. Die Pädagogik muss versuchen, ‘ihre Praktiken theoretisch zu reflektieren und (…) Theorien praktisch zu integrieren’.

Ein weiteres Risiko stellt die Ignoranz des Pädagogen gegenüber gesellschaftlichen Prozessen dar, die durch Produktionen und damit verbundenen Einschränkungen immer auch Auswirkungen auf das System haben. Umgekehrt jedoch ist das System nicht ohnmächtig gegenüber der Weltebene, sondern es produziert ebenfalls.

Arbeit zitieren:
Münch, Verena Mai 2009: Theaterpädagogik und Systemtheorie, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Symbolwelt, Realität, Soziale Systeme, Spielleiter, Wolfgang Nickel

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