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Zur Bedeutung interkultureller Kompetenz in der Beratung

Zur Bedeutung interkultureller Kompetenz in der Beratung
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Anke von Heiden
  • Abgabedatum: Oktober 2008
  • Umfang: 91 Seiten
  • Dateigröße: 447,1 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Fachhochschule Frankfurt am Main - University of Applied Sciences Deutschland
  • Bibliografie: ca. 77
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3246-1
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: von Heiden, Anke Oktober 2008: Zur Bedeutung interkultureller Kompetenz in der Beratung, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: interkulturell, Kompetenz, Beratung, Sozialarbeit, Interkulturalität

Diplomarbeit von Anke von Heiden

Einleitung:

Ich glaube, dass tatsächlich wir es sind, die uns selber Schranken setzen, indem wir fälschlicherweise und über Gebühr Nachdruck legen auf das, was der menschlichen Gesellschaft wichtig ist, und das Wie kaum in Betracht ziehen. Allzu oft wird übergangen, wie dem einzelnen zu seiner Einmaligkeit zu verhelfen wäre, dass er einmalig werden könnte in seinem Beitrag und seiner Bedeutung sowohl für sich selbst als auch für die Gesellschaft’.

(Moshé Feldenkrais) Moshé Feldenkrais spricht in diesem Zitat von der Erhaltung und der Bedeutung der Einmaligkeit eines jeden Menschen für sich selbst und für die Gesellschaft. Das beinhaltet auch den Menschen so anzunehmen, wie er ist und ihn in seiner Würde nicht zu verletzen. Er hat ein Recht auf Integration in einem Land, welches sich 2004 politisch zu einem Einwanderungsland bekannt hat. Die veränderte Einwanderungsrealität in Deutschland, womit sich auch die Soziale Arbeit und somit die Dienste der Regelversorgung konfrontiert sehen, stehen vor neuen Herausforderungen. Die Akteure der Sozialen Arbeit müssen mit diesen Umwandlungsprozessen umgehen, haben sie doch den Anspruch, auf sozioökonomischer und rechtlicher Basis Gerechtigkeit und Fairness für jedenMenschen, gleich seiner Herkunft, zu schaffen. Migranten, zu denen beispielsweise Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlinge, Spätaussiedler, EU-Binnenmigranten, Asylzuwanderer, Werksvertrags- undSaisonarbeitnehmer und dessen Familienangehörige zählen, sind zu einem festen Bestandteil der deutschen Gesellschaft und infolgedessen zu einem weitaus heterogeneren Klientel geworden, als dass es die Soziale Arbeit gewöhnt war. 6.744.879 Ausländer zählte das Jahr 2007in Deutschland. Das macht einen Ausländeranteil von 8,2 Prozent aus. Der Begriff der Integration stellt eine der großen Herausforderungen an die Bundesrepublik dar.

Auf rechtlicher Basis genießt jeder Migrant mit oder ohne deutschen Pass einen gleichberechtigten Zugang zu sozialen, sowie gesundheitlichen Versorgungsstrukturen.

Doch wie kommt es, dass gerade Migranten, die zweifelsohne einen gewissen Frage- und Informationsbedarf haben, nur sehr geringen Zugang zu Beratungsdiensten finden? Diese Frage wirft auf, inwiefern sich Beratungsdienste und Versorgungsstrukturen ändern müssen, damit sie Menschen unterschiedlicher Herkunft besser erreichen können. So werden interkulturelle Kompetenzen, im Folgenden i.K. genannt, in der sozialarbeiterischen Berufswelt verlangt, die dazu beitragen sollen, die Zusammenarbeit von Migranten und Mitarbeitern (nicht nur) der sozialen Praxis integrativer, aufbauender, verständnisvoller und wohlwollender zu gestalten. Der Bedarf nach i.K. verstärkt sich sukzessiv, aber welcher Anspruch geht damit eigentlich einher?

In dieser Arbeit soll herausgearbeitet werden, inwiefern i.K. in der sozialen Beratungspraxis vonnöten ist. Dabei geht es darum, eine differenzierte Position einzunehmen. Äußerungen, Meinungen und Beurteilungen von Autoren werden in vielen Fällen immer auch kritisch betrachtet. Der Leser soll ein fundiertes Wissen über Ansätze, Meinungen, Unstimmigkeiten und Schwierigkeiten im Umgang mit Kultur und einer kulturell-sensiblen Arbeit erhalten. Dabei wird der Standpunkt vertreten, dass interkulturelle Interaktion und somit der Anspruch nach i.K. nicht nur auf der Basis von persönlichen Fähigkeiten, sondern auch auf institutioneller Ebene geschieht und umgesetzt werden kann. Moshé Feldenkrais erwähnt die Erhaltung der Individualität des Menschen. Wenn man sich mit einem solchen Thema befasst, bleiben Zuschreibungen und kollektive Pauschalisierungen nicht aus. Inwiefern geschieht dies unter dem Aspekt von i.K.? Begründet sich i.K. auf der Basis einer Fokussierung von kulturellen Unterschieden oder begründet sie sich auf einer universellen Haltung und Einstellung anderer Länder Kulturen gegenüber? Wie wichtig sind interkulturelle Fähigkeiten im Umgang mit Migranten, ganz besonders in Beratungseinrichtungen? Diese Fragen sollen hier beantwortet werden.

Um die gegenwärtige Situation zu verstehen, muss man auch die Vergangenheit kennen. Veränderungsprozesse der Ausländerpädagogik hin zu einer kulturell- orientierten Pädagogik werden erläutert. Anschließend werden Definitionen des Kulturbegriffs, der i.K., sowie zwei unterschiedliche Herangehensweisen im Umgang mit Kultur beschrieben. Des Weiteren wird eine Übersicht über Beratung im sozialarbeiterischen- und interkulturellen Sinn dargelegt und der Frage nachgegangen, inwiefern eine interkulturelle Beratung wichtig ist. Im Anschluss daran sollen Herausforderungen auf persönlicher und institutioneller Ebene aufgezeigt werden. Es geht darum zu erkennen, an welchen Kriterien die Arbeit mit Migranten scheitern bzw. schlecht laufen kann. Zu nennen wären hierbei, neben den institutionellen-, auch die kommunikativen Faktoren. Dem Leser soll zudem die Basis einer jeden Beratung, nämlich die eigene Einstellung zur Arbeit und zum Klientel auf Grundlage des Empowerment Ansatzes erläutert werden.

Gegen Ende befasst sich die Arbeit mit einem Blick in die Zukunft einer interkulturell-sensiblen Sozialen Arbeit.

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung 1
2 Interkulturelle Kompetenz in der Sozialen Arbeit 3
2.1 Von der Ausländerpädagogik zur interkulturellen Pädagogik 4
2.2 Ansätze zur Erfassung von Kultur 7
2.2.1 Kulturstandards 11
2.2.3 Der kulturalistische und der strukturalistische Denkansatz 14
2.3 Interkulturelle Kompetenz 18
3 Von der allgemeinen zur interkulturellen Beratung 23
3.1 Beratung in der Sozialen Arbeit 24
3.2 Psychosoziale Beratung 25
3.3 Interkulturelle Beratung 27
3.3.1 Zur Bedeutung von interkultureller Beratung 31
4 Interkulturelle Herausforderungen und Handlungsansätze in der Beratung 36
4.1 Interkulturelle Beratung unter Voraussetzung einer interkulturellen Öffnung 37
4.2 Interkulturelle Kommunikation 40
4.2.1 Interkulturelle Kommunikation nach Auernheimer 43
4.3 Ethnozentrismus und Vorurteilsbildung 55
4.4 (Interkulturelles) Empowerment als Haltung in der Beratung 59
5 Zukunftsperspektiven für eine interkulturell-sensible Soziale Arbeit 67
5.1 Zukünftige Veränderungsprozesse in der Praxis der Sozialen Arbeit 68
6 Schlussbetrachtung 74
7 Anhang: Interview 77
8 Literaturverzeichnis 86

Textprobe:

Kapitel 4, Interkulturelle Herausforderungen und Handlungsansätze in der Beratung:

‘Es ist nicht genug zu wissen, man muß auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muß auch tun’.

(Johann Wolfgang von Goethe).

Wie bereits erwähnt, steht interkulturelle Beratungsarbeit vor der Herausforderung, einerseits kulturelle Unterschiede zu erkennen und gegebenenfalls im Gespräch zu verbalisieren, andererseits sich nicht zu sehr in kulturellen Deutungsmustern zu verstricken, sondern die Kultur erst dann zu gewichten, wenn diese im Beratungsgespräch eine Rolle spielt. Zudem muss sich interkulturelle psychosoziale Beratung vor dem Hintergrund einer institutionellen Öffnung behaupten. Die Öffnung von Regeldiensten spielt für Migranten eine außergewöhnliche Rolle. Gerade für Neuankömmlinge sind die in mehreren Sprachen verfassten Informationen über Angebote wichtig, da man nicht voraussetzen kann, dass sie das komplizierte Netzwerk psychosozialer Einrichtungen kennen. Sprachliche Barrieren können durch Dolmetscher verringert werden und Berater mit Migrationshintergrund stellen einen Gewinn in kulturell heterogen zusammengesetzten Teams dar. Natürlich laufen diese Öffnungsprozesse nicht ganz ohne Schwierigkeiten ab. Gerade in der Kommunikation zwischen zwei Kulturen entsteht ein starkes Machtgefälle, welches den Beratungsprozess verstärkt (negativ) beeinflussen kann.

All diese Herausforderungen gilt es wahrzunehmen und zu verbessern. Im folgenden Kapitel wird gezeigt, welche Schwierigkeiten und Herausforderungen im Beratungsprozess entstehen können.

Kapitel 4.1, Interkulturelle Beratung unter Voraussetzung einer interkulturellen Öffnung:

Beratungsdienste stehen in der Regel jedem Menschen offen und machen keinen Unterschied zwischen den Herkunftsländern der zu Beratenden. Auch Migranten steht jede Beratungseinrichtung faktisch offen, jedoch werden diese, wie bereits erwähnt, nach wie vor von Migranten geringer beansprucht. Dies gilt für Erziehungsberatungsstellen, sowie allgemeine und besondere soziale Dienste der Jugendämter. Vor allem in Beratungsdiensten für Erwachsene wie psychologische Ehe- und Lebensberatungsstellen, Suchtberatungsstellen und Sozialpsychiatrische Anlaufstellen sind Migranten unterrepräsentiert. Dennoch tauchen sie, und das ist ein wichtiges und interessantes Phänomen, wieder verstärkt in den sogenannten ‘Endstationen’ der Versorgung auf: Teil- und vollstationäre Jugendhilfeeinrichtungen, Frauenhäuser, Heime und Justizvollzugsanstalten. Woran liegt es, dass Migranten in der (präventiven) Beratung weniger häufig vertreten sind? (Quantitätsfrage) Gaitanides schreibt dieses Phänomen den Zugangsbarrieren von Migranten zu sozialen und psychosozialen Diensten zu. Unter anderem entstehen diese Barrieren durch:

Informationsdefizite - über Vorhandensein, Struktur und Nutzwert der Angebote, sprachliche Verständigungsschwierigkeiten, mangelhaftes Vertrauen in die interkulturelle Verständigungsmöglichkeit, Erwartung von Vorurteilen und Akzeptanzmangel gegenüber Migranten, kulturell vermittelte Tabus (Scham, Familienehre, Angst vor Stigmatisierung), soziokulturell vermittelte hohe Leidensbereitschaft und Stolz, Zuschreibung von externen Gründen und geringes Bewusstsein von eigenen, psychischen Anteilen (Begründung durch Schicksals- und Gotteszuschreibung), Wohnortferne, Komm-Strukturen, Öffnungszeiten, Vorbehalte gegenüber fremdkulturell ethischen Positionen der Beratungsdienste, Unterstellung von Kolonialisierungsabsichten (‘hetzen die Kinder gegen die Eltern, die Frauen gegen die Männer auf’).

Angst vor aufenthaltsrechtlichen Folgen bei Inanspruchnahme - z.B. von Jugendhilfsangeboten, Reserviertheit von Muslimen gegenüber christlich-orientierten Einrichtungen.

Die Frage lautet nun: Wie kann man diese Barrieren abbauen? Wie schafft man es, Migranten im Beratungsangebot stärker zu integrieren? Eine weitere Frage wäre: Wie wichtig ist i.K. in Beratungseinrichtungen, ist sie effizient genug, Migranten produktiv und ergebnisorientiert zu beraten und wenn ja, wie kann dies erfolgreich umgesetzt werden?

Gleichzeitig beschäftigt man sich auch mit der Qualität einer erbrachten Beratungsleistung, die sich auf den Beratungsprozess und auf die im Anschluss folgenden Ergebnisse bezieht (Qualitätsfrage): Verfügen die Beratungsfachkräfte einer psychosozialen, interkulturellen Beratung über i.K. und wie erfolgreich arbeiten sie mit einem heterogen kulturellen Klientel? Diese Überprüfung der Effektivität und der Effizienz ist bei deutschen Fachkräften ebenso umzusetzen, wie bei Mitarbeitern mit Migrationshintergrund.

Unabhängig davon, wie man sich persönlich zur Zuwanderung und migrationspolitischen Fragen positioniert, macht eine immer größer und komplexer werdende Vielfalt von Werten und Lebenshaltungen in unserer Bevölkerung ein Bewusstwerden über den Umgang mit kulturellen Diversitäten in sozialen Einrichtungen unumgänglich. Der Bedarf an kultursensiblen Beratungsangeboten ist da. Und hier liegt auch die Antwort: Die Anforderung liegt in einer verstärkt interkulturellen Öffnung der Beratungsdienste. Interkulturelle Öffnung ‘ist ein Prozess der Organisationsentwicklung, der die Zugangsbarrieren für Migranten beseitigt und ihnen das breite Spektrum aller sozialen Dienste erschließt’.

Migranten können besondere sprachliche, kulturelle, soziale und migrationsspezifische Merkmale aufweisen, die in der Beratung erkannt und berücksichtigt werden müssen. Nur so können sie adäquat und effektiv erreicht und bedient werden.

Um der Forderung nach der Quantitätsfrage nachzugehen, haben einige Beratungseinrichtungen, insbesondere Erziehungsberatungsstellen ab den 1980er Jahren und später auch Suchtberatungsstellen und sozialpsychiatrische Dienste, verstärkt Personal mit Migrationshintergrund eingestellt.

Viele Autoren sind jedoch der Meinung, dass Berater mit Migrationshintergrund noch immer unterrepräsentiert sind, obwohl dies ein notwendiger Baustein der interkulturellen Öffnung darstellt.

Arbeit zitieren:
von Heiden, Anke Oktober 2008: Zur Bedeutung interkultureller Kompetenz in der Beratung, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
interkulturell, Kompetenz, Beratung, Sozialarbeit, Interkulturalität

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