Der Schein und die Ästhetik der Macht bei Machiavelli und Nietzsche
- Art: Bachelorarbeit
- Autor: Robert Bauer
- Abgabedatum: März 2009
- Umfang: 50 Seiten
- Dateigröße: 377,1 KB
- Note: 2,3
- Institution / Hochschule: Universität Ulm Deutschland
- Bibliografie: ca. 31
- ISBN (eBook): 978-3-8366-3073-3
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Bauer, Robert März 2009: Der Schein und die Ästhetik der Macht bei Machiavelli und Nietzsche, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Machiavelli, Nietzsche, Ästhetik, Macht, Fürst
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Bachelorarbeit von Robert Bauer
Einleitung:
Das Wissen um Macht:
Heute werden im Namen Niccolò Machiavellis Handbücher und Abhaklisten der Macht zum alltäglichen Gebrauch für jeden daher gelaufenen Manager vertrieben. Seine Aussagen polarisieren – und das treibt die Absatzzahlen in die Höhe. Gleichzeitig beschäftigen sich selbst Philosophen und Politikwissenschaftler häufig nur mit seinem »Il Principe«, dem Werk, das nachhaltig das politische Denken der nachfolgenden Generationen geprägt hat. Neben der Bibel ist es eines der meistverbreiteten Bücher der Weltliteratur.
In der Geschichte der Philosophie werden Machiavellis Konzeptionen allerdings öfter kritisiert als verstanden und gerade deshalb ist es ratsam, wenn man neben den weiteren vielen Texten dieses großen Denkers der Renaissance auch einen Blick auf sein Leben als Politiker und Staatsmann wirft. Denn dort lernt er in Theorie und Praxis das Wesen moderner Macht kennen.
Gerade zu Beginn der Neuzeit ist Machiavelli einer der ersten, der begreift, dass die Todesstunde für ein transzendentes Weltverständnis zur Legitimierung des Machtanspruchs bereits geschlagen hat. In einer solchen Welt muss sich Macht behaupten und zwar ohne Hilfe durch eine höhere Gewalt und gegen die stets volatilen Einzelinteressen der Beteiligten. »Dem Blick des Publikums ausgesetzt, gerät die Macht unter die Vielzahl der Perspektiven. „Der Fürst“ muss allen alles scheinen, aber nichts mehr sein« (Hoeges Klappentext). Für diese Zwecke muss sich der Herrscher der Ästhetik der Macht bedienen. Der damit inszenierte Schein wird zur Grundlage jeder realistischen Politik.
Niccolò dient etliche Jahre lang dem Stadtstaat Florenz – seiner Republik – als jemand, der die Heimat mehr als alles andere liebt. Sein Ziel ist es, die inneren und äußeren Schwierigkeiten der italienischen Staaten zu überwinden, um sein Heimatland stabilisiert und in neuem Glanz zu sehen.
Dabei stößt er auf folgende Fragen: Wie ergreift man die Macht, wie erhält man sie? Wann und aus welchen Gründen verliert man sie? Wie wird aus Gewalt Macht, aus Macht Herrschaft und aus Herrschaft Staat? Er analysiert die Tropfen der menschlichen Begebenheiten, um daraus auf das Ganze der politischen Welt zu schließen. Denn das Wissen um die Macht – und nicht die Macht – ist seine bohrende Leidenschaft bis zu seinem Tod. Es bildet sein ganzes Wesen. Sie ist die Speise, die ihm allein gebührt und für die er geboren ist.
Das Entscheidende ist allerdings, dass Machiavelli einer der wenigen Philosophen ist, der die Menschen so beschreibt, wie sie wirklich sind und nicht so, wie sie sein sollten. Und damit haben viele Leser bis in die heutige Zeit hart zu kämpfen.
Friedrich Nietzsche hingegen ist gute 350 Jahre später geradezu begeistert von solchen Konzeptionen jenseits von Gut und Böse. Er greift einige Aspekte des Florentiners auf und entwickelt sie in seiner Theorie vom Übermenschen weiter. Freilich: ihm geht es weniger um das Wissen um die Macht als vielmehr um den oft zitierten Willen zur Macht, der gewissermaßen als tief greifender Instinkt dem Menschen inne wohnt. Den genauen Zusammenhang erhält der Leser im sechsten Kapitel dieses Textes, doch zuvor widmen wir uns ausführlich dem Schein und der Ästhetik der Macht bei Machiavelli.
Inhaltsverzeichnis:
| Inhaltsübersicht | 3 | |
| 1. | Das Wissen um Macht | 5 |
| 2. | Der Begriff der politischen Macht | 7 |
| 3. | Machiavelli und seine Zeit | 9 |
| 3.1 | Machiavellis Kindheit und die Medicis | 9 |
| 3.2 | Savonarola - eine Sünde gegen die Gelegenheit | 10 |
| 3.3 | Caterina Sforza und die List einer Mutigen | 11 |
| 3.4 | Machiavelli bei Cesare Borgia, dem Meister des Verrats | 12 |
| 4. | Der Schein und die Ästhetik der Macht | 15 |
| 4.1 | Konfrontation mit anderen Philosophen | 15 |
| 4.1.1 | Thukydides und die Politik jenseits von Gut und Böse | 15 |
| 4.1.2 | Platon und die Philosophenkönige | 17 |
| 4.1.3 | Aristoteles und der Hass der Bevölkerung | 19 |
| 4.1.4 | Cicero und der Irrtum über die Heuchelei | 21 |
| 4.1.5 | Das Neue an Machiavellis Gedanken | 23 |
| 4.2 | Machiavellis Menschenbild | 24 |
| 4.2.1 | Die menschliche Kleingläubigkeit | 24 |
| 4.2.2 | Egoismus als Grundprinzip | 25 |
| 4.2.3 | Virtù - die Fürstentugend | 26 |
| 4.3 | Die Religion als Stütze der Zivilisation | 27 |
| 4.4 | Die Ästhetik der Macht | 29 |
| 4.4.1 | Die Bedeutung der Perspektive | 29 |
| 4.4.2 | Die Rolle der Darstellung und der Medien | 30 |
| 4.5 | Der Schein der Macht | 31 |
| 4.5.1 | Der Schein als Bindemittel zwischen Wirklichkeit und Image | 32 |
| 4.5.2 | Mehr Schein als Sein | 33 |
| 4.5.3 | Der Fürst als Täuscher und Heuchler | 33 |
| 5. | Reaktionen und Einflüsse | 35 |
| 5.1 | Machiavellismus | 35 |
| 5.2 | Eine konstruktive Auseinandersetzung mit Machiavelli | 37 |
| 5.2.1 | Botero, Bodin und Bacon | 37 |
| 5.2.2 | Thomas Hobbes und der Preis der Menschen | 38 |
| 5.2.3 | Mandeville und die Laster der Gesellschaft | 39 |
| 5.2.4 | Helvétius und die Liebe zur Macht | 39 |
| 6. | Nietzsche und der Wille zur Macht | 41 |
| 6.1 | Menschliches | 41 |
| 6.2 | Die Macht des Scheins | 42 |
| 6.3 | Der Wille zur Macht | 43 |
| 6.4 | Herrenmoral und Sklavenmoral | 45 |
| 6.5 | Vom schöpferischen Übermenschen | 46 |
| 7. | Wege jenseits von Gut und Böse | 48 |
| Abkürzungen und Quellenverzeichnis | 50 | |
| Primärliteratur | 50 | |
| Sekundärliteratur | 51 |
Textprobe:
Kapitel 4, Der Schein und die Ästhetik der Macht:
Nun ist es an der Zeit, die Gedanken Machiavellis, die sich im Laufe seiner Lehrjahre in der politischen Praxis entwickelt haben, auf seine philosophischen und staatstheoretischen Konzeptionen zu übertragen. Mit dieser Berufserfahrung im Gepäck kann er selbstbewusst zu den Lehrmeistern der damaligen Zeit Stellung beziehen. Wir werden anschließend in diesem Kapitel sehen, dass gerade auch sein Menschenbild einen entscheidenden Einfluss auf seine Ästhetik und Inszenierung der Macht haben wird.
Konfrontation mit anderen Philosophen:
Aller Wahrscheinlichkeit nach ist Niccolò bereits in seiner Kindheit mit griechischer und römischer Literatur in Verbindung gekommen. Bücher gehören zu Machiavellis Repertoire und Selbstdarstellung. Seine Argumentationstechnik lässt erkennen, dass er durch Ausbildung und Beruf eine auf Aristoteles, Cicero und anderen Texten gegründete Schulung erfahren haben muss. Sein Bezug zur Antike ist pragmatisch: Sein Ausgangspunkt und sein Adressat ist immer die eigene Zeit. »Machiavellis Humanismus ist gegenwartszentriert«. Im Florenz des Quattrocento sind die »Ethik« Aristoteles´ und »De officiis« Ciceros aktuell wie früher, wenn nicht sogar brennender. Das Verhältnis und die Einheit von Politik und Moral ist das Thema des einen wie des anderen und diese Themen werden auch im »Discorsi« und im »Fürsten« diskutiert.
Thukydides und die Politik jenseits von Gut und Böse:
Der Begründer der politischen Geschichtsschreibung Thukydides versucht mit strenger Objektivität zwischen äußeren Anlässen und tieferen Ursachen geschichtlicher Ereignisse zu unterscheiden und ist damit ganz nahe bei Machiavellis Auffassungen. Tiefere Ursachen sieht Thukydides in der Natur des Menschen: Diese »hat zwei Urtriebe, das Streben nach Freiheit und nach Herrschaft«. Beide bestimmen zwanghaft das menschliche Handeln und so lässt sich in einem Staate das unterschiedliche Agieren der einzelnen Beteiligten auf diese beiden Grundtriebe herunter brechen. Machiavelli erkennt diesen Treib nach Herrschaft ebenfalls an: »Eroberungslust ist durchaus der Menschennatur entsprechend und allgemein verbreitet«.
Unmittelbarer Anlass, die Herrschaft zu ergreifen, können Ehrgeiz, Furcht und Nutzen sein. Auch diese werden als »elementare Triebkräfte« bezeichnet. Hinzu kommt ein der Herrschaft innewohnender »Drang, sich stets weiter auszudehnen« und so wird diese Expansion die noch unabhängigen Nachbarstaaten mobilisieren, bevor sie selbst zum Opfer werden.
Niccolò spinnt diesen Gedanken weiter: »Wer in einer … fremdländischen Provinz herrscht, muss sich auch zum Haupt und Verteidiger der schwächeren Nachbarn machen und darauf bedacht sein, die der Provinz überlegene Macht zu schwächen, er muss aufpassen, dass nicht zufällig ein Nachbar dort einbricht, … denn dieser wird immer von Leuten, die aus Ehrgeiz oder Furcht unzufrieden sind, ins Land gerufen«.
Weiter teilen beide Geschichtsschreiber folgende Auffassung: Derjenige, »der einmal zur Macht gekommen ist, … ist um seiner eigenen Sicherheit willen gezwungen, die Opposition in den unterworfenen Staaten mit Gewalt niederzuhalten. Unausweichlich verwandelt sich seine Herrschaft in eine Tyrannis«. Thukydides unterstreicht immer wieder diese Zwangsläufigkeiten solcher Prozesse ohne dabei über die Tragik der Macht weiter nachzusinnen. Dazu Machiavelli: »Privatleute, die nur durch Glück Fürsten werden, … können sich kaum behaupten«. Außer sie sind in der Lage, sich durch kühne Entschlüsse, welche nicht auf Fortuna, sondern auf Tapferkeit beruhen, zu behaupten – wie zum Beispiel Agathokles von Sizilien: Dieser »schwang sich nicht nur aus dem Stand eines Privatmanns, sondern aus den tiefsten Niederungen des Lebens zum König von Syrakus empor … Er berief eines Tages das Volk und den Senat … zusammen, und … ließ … die Senatoren und die reichsten Bürger niederschlagen. Nach diesem Mord riss er die Herrschaft über die Stadt an sich und behielt sie ohne jeden Widerspruch seitens der Bürger«. Ein Fürst muss also, »wenn er sich erhalten will, lernen, schlecht zu sein und davon je nach Bedarf Gebrauch zu machen«.
Aufgrund solcher Aussagen wird Machiavelli in späteren Zeiten zur Last gelegt, alle moralischen Bindungen abzulehnen und christliche Tugenden zynisch zu verachten. Viele übersehen dabei aber den Schlüsselbegriff der »necessità« – der Notwendigkeit. Die Eigendynamik von gewissen Umständen, welche nicht direkt vom Herrscher beeinflussbar ist, muss im Zuge der Stabilität mit einbezogen werden und so »erlaubt nur die Not des Augenblicks dem verantwortlichen Staatsführer, sich von moralischen Bindungen frei zu machen«. Dabei weiß Machiavelli so gut wie Thukydides, »dass sich die politische Praxis zu allen Zeiten jenseits von Gut und Böse« vollzieht.
Platon und die Philosophenkönige Eine Beziehung zwischen Platon und Machiavelli ist nicht wie bei Thukydides auf den ersten Blick zu erkennen. So wird im »Discorsi« nur einmal ein Schüler des Plato namentlich erwähnt. Dennoch sind bereits bei dieser wohl einflussreichsten Persönlichkeit der Geistesgeschichte interessante Aspekte, welche bei Machiavelli dargestellt werden, vorhanden. So entwirft Platon in seinem Hauptwerk »Politeia« eine idealistisch-utopische Staatstheorie, wo für den »obersten Stand strenge Kriterien der Auswahl und der Lebensführung« gelten müssen. Er überträgt dort die Leitung des Staates den Philosophen, weil seiner Meinung nach »derjenige Staat, in dem die zur Herrschaft Bestimmten am wenigsten darauf erpicht sind zu herrschen, … unbedingt am besten verwaltet [sei] und … am sichersten vom Bürgerkrieg verschont [bliebe] … Denn jeder von ihnen wird das Herrscheramt nur als eine ganz unerlässliche Pflicht übernehmen«. Nur in einer solchen Staatskonzeption kann das zentrale Anliegen der Idee der Gerechtigkeit als übergeordnete Tugend verwirklicht werden. Nur Philosophen haben laut Platon das nötige Wissen um die Idee des Guten, da bei ihnen der vernünftige Anteil neben Muthaftigkeit und Begierde im Dreigespann der menschlichen Seele überwiegt.
Machiavelli hat eine ebenso klare, wenn auch völlig anders positionierte Vorstellung vom Staat. Im »Fürsten« geht es ihm um den »principe nouvo«, den wahren tugendhaften Fürsten und so wird dieser als Typus zu einem humanistischen Konstrukt, welcher nur in der Vergangenheit und Zukunft platziert werden kann. Viele Staatsmänner erfüllen einige Voraussetzungen, aber eben nicht alle. Mehr dazu später.
Interessanterweise gesteht Platon den Herrschenden ebenfalls zu, in gewisser Weise den Schein und die Ästhetik der Macht für sich zu verwenden: Als Führer der Bürger zum gerechten Staat in innerer Einheit und Harmonie – sei es mit Güte oder mit Gewalt – »sind den Regenten im allgemeinen Interesse … auch Lügen und Täuschungen erlaubt«. Eine bedeutende Rolle spielt dabei die angemessene und glaubwürdige Verpackung: Wichtig ist, »dass den Gesetzen Proömien vorangestellt werden, die deren Notwendigkeit erläutern und die Bürger zu williger Zustimmung und Befolgung veranlassen«.
Freilich befriedigen solche Maßnahmen nur die politisch notwendigen Erfordernisse in der Polis, denn im Grunde unterscheiden sich Platon und Machiavelli an dieser Stelle sehr deutlich von einander. Platon beschreibt den Gerechten als eine Person, die nicht nur gut scheinen, sondern auch tatsächlich gut sein will. Entsprechend ist die größtmögliche Ungerechtigkeit die, gerecht zu scheinen, ohne es wahrhaftig zu sein. Vor der Gründung eines gerechten Staates »wird der Gerechte gegeißelt, gefoltert, in Ketten gelegt … und schließlich wird er … so zu der Einsicht gebracht werden, dass es nicht das Richtige ist, gerecht sein zu wollen, sondern es scheinen zu wollen«. Denn »jeder, der sich stark genug fühlt zum Unrechttun, der tut es auch, wo sich Gelegenheit dazu bietet«. An dieser Stelle driftet nun die Konzeption des Florentiners von der des Atheners ab. Während der Grieche diesen ungerechten Zustand um der Idee des Guten und der Notwendigkeit der Vernunft willen durch Einsetzung von Philosophenkönigen entkommen will, integriert der Italiener diese natürliche Gegebenheit des menschlichen Egoismus auf geschickte Weise in seine Konzeption. Die Begründung hierfür wird in Kapitel 4.2 geliefert.
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Bauer, Robert März 2009: Der Schein und die Ästhetik der Macht bei Machiavelli und Nietzsche, Hamburg: Diplomica Verlag
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Machiavelli, Nietzsche, Ästhetik, Macht, Fürst




