Traumatische Erfahrungen in der Kindheit und die Auswirkungen auf die Bindungsfähigkeit
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Nicole Börner
- Abgabedatum: Dezember 2008
- Umfang: 123 Seiten
- Dateigröße: 724,6 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Philipps-Universität Marburg Deutschland
- Bibliografie: ca. 78
- ISBN (eBook): 978-3-8366-3046-7
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Börner, Nicole Dezember 2008: Traumatische Erfahrungen in der Kindheit und die Auswirkungen auf die Bindungsfähigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Kindheit, Trauma, Bindungsfähigkeit, Missbrauch, Misshandlung
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Diplomarbeit von Nicole Börner
Einleitung:
„Wenn ein Kind auf die Welt kommt, braucht es von den Eltern Liebe, das heißt Zuwendung, Beachtung, Schutz, Freundlichkeit, Pflege und die Bereitschaft zu kommunizieren. Mit diesen Gaben fürs Leben ausgestattet, behält der Körper die gute Erinnerung, und der Erwachsene wird später die gleiche Liebe seinen Kindern weitergeben können.“ Dieses Zitat von Alice Miller macht deutlich, welche Grundbedürfnisse eines Säuglings bzw. eines Kindes erfüllt werden müssen, damit es sich sowohl physisch als auch psychisch gesund entwickeln kann. Gleichzeitig wirkt sich ein liebevoller und feinfühliger Kontakt innerhalb der Eltern-Kind-Beziehung nicht nur positiv auf die kindliche Entwicklung aus, sondern ebnet auch den Weg seinen eigenen Kindern später wiederum eine gesunde psychische und physische Entwicklung ermöglichen zu können.
Aber welche weitreichenden Folgen hat es für das Kind, wenn ihm gerade von den Menschen, die es über alles liebt und von denen es Liebe, Schutz und Geborgenheit erwartet, diese Grundbedürfnisse verwehrt bleiben? Was löst es in einem Kind aus, wenn es statt Sicherheit und Geborgenheit, Schläge und Missachtung erfährt? In welcher Form wird das Kind geprägt, wenn es misshandelt, missbraucht und/oder vernachlässigt wird? Und welche Chancen hat ein Kind, wenn es in seiner Kindheit traumatisiert wurde, überlebenswichtige Bindungen aufzubauen und ein gesundes Bild von sich und von anderen zu entwickeln? Denn heutzutage ist klar: „Von der Hirnentwicklung bis zu seiner Beziehungsgestaltung, von der Leistungsfähigkeit bis zur Identität – alle Bereiche der kindlichen Entwicklung können [durch frühe traumatische Erfahrungen; N.B.], zum Teil sehr erheblich, beeinträchtigt werden.“ Bei der menschlichen Spezies liegt eine der Besonderheiten darin, dass sie „als ‚extrauterine Frühgeburt’ [...] in einem Zustand von Hilflosigkeit zur Welt kommt“. Erst nach ungefähr einem Jahr, wenn sich die motorischen Fähigkeiten des Säuglings weiterentwickelt haben, beginnt der menschliche Säugling langsam aus der überlebenswichtigen Abhängigkeit, bzw. der Angewiesenheit auf die Unterstützungsleistungen durch die primären Bindungspersonen, herauszukommen. Aufgrund der frühen notwendigen Abhängigkeit „ergibt sich eine Verletzlichkeit der Entwicklung und eine Bedeutsamkeit der Bezugspersonen“.
Innerhalb der Bindungsbeziehung geht es vor allem um die Qualität der Interaktion zwischen der Bezugsperson und dem Kind. Bindung ist daher „eine Frage der Intimität, des unmittelbaren liebevollen körperlichen, seelischen und sozialen Umgangs zwischen Erwachsenem und Kind.“ Die Bedeutung und Auswirkungen von traumatischen Erfahrungen in der Kindheit haben in den letzten Jahrzehnten erheblich an Aufmerksamkeit gewonnen. Laut hat folgende Entwicklung stattgefunden: „Die früher bestehende ‚Trauma-Blindheit’ hat einer neuen Sensibilität und einem wachsenden Wissen über die Verletzlichkeit der kindlichen Psyche Platz gemacht.“ Es ist ein deutlicher Rückgang dieser sogenannten professionellen Trauma-Blindheit zu verzeichnen, allerdings ist sie immer noch in manchen Bereichen ansatzweise vorhanden.
Bis in die fünfziger Jahre wurde die Misshandlung von Kleinkindern und Säuglingen in der Fachliteratur nur als ein selten auftretendes Phänomen behandelt und erwähnt.
Heutzutage berichten die Medien fast jede Woche über erschütternde Fälle im Zusammenhang mit Kindesmisshandlung und Kindstötung. Im Jahre 2007 wurden dementsprechend 3373 Fälle von Kindesmisshandlung in Deutschland durch das Bundeskriminalamt registriert.
Zum elterlichen Gewaltverhalten konnte Bussmann eine positive Veränderung in der Einstellung zu Erziehung und dem erzieherischen Verhalten verzeichnen. Dies könnte u. a. an der von 2000 veränderten Gesetzgebung hinsichtlich des §1631 BGB liegen, in dem es nun heißt „Kinder sind gewaltfrei zu erziehen. Körperliche Bestrafung und seelische Verletzung und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig“. Nichtsdestotrotz sind die Anzahl und das Ausmaß an gewalttätigem elterlichem Verhalten, das auch häufig noch unter dem Deckmantel der Erziehung stattfindet, noch zu hoch.
Während anfangs die Bedeutung der Auswirkungen traumatischer Erfahrungen hauptsächlich bei Verfolgten und schwer misshandelten oder gefolterten Opfern – zum Beispiel die Überlebenden des Holocaust, Kriegsopfer und ehemalige KZ-Insassen – gesehen worden sind, wurden erst spät die negativen Auswirkungen von gewalttätigem und missbrauchendem Verhalten auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen wahrgenommen und anerkannt.
Heutzutage wird davon ausgegangen, dass sowohl belastende Erlebnisse als auch schwerwiegende Interaktionserfahrungen in der Kindheit zu „Mikrotraumatisierungen“ führen und negative Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung zur Folge haben können.
Die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen sind insgesamt sehr komplex und es ist kaum möglich sie auf allgemeingültige Folgeerscheinungen zu reduzieren. Um den Rahmen der Diplomarbeit einzugrenzen, erfolgt daher hier die Betrachtung der Auswirkungen traumatischer Erfahrungen vor allem aus der Perspektive der Bindungstheorie.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Die Bedeutung früher Bindungs- und Beziehungserfahrungen | 7 |
| 2.1 | Die Grundbedürfnisse des Kindes | 7 |
| 2.2 | Grundlegende Aspekte der Bindungstheorie und der Bindungsentwicklung | 9 |
| 2.2.1 | Bindung und Bindungsverhalten | 11 |
| 2.2.2 | Das Konzept der Feinfühligkeit | 13 |
| 2.2.3 | Das Konzept der „sicheren Basis“ | 14 |
| 2.2.4 | Das Konzept der „internalen Arbeitsmodelle“ | 15 |
| 2.3 | Die Bindungsentwicklung | 17 |
| 2.4 | Die Entwicklung und Bedeutung von Bindungsqualitäten | 19 |
| 2.4.1 | Der „Fremde-Situations-Test“ | 19 |
| 2.4.2 | Die Bindungsqualitäten | 21 |
| 2.4.3 | Interpretation der Bindungsqualitäten | 23 |
| 2.4.4 | Kontinuität und Diskontinuität von Bindungsqualitäten | 25 |
| 2.5 | Die Entwicklung des Selbst und die Bedeutung der Mentalisierungsfähigkeit | 26 |
| 2.5.1 | Mentalisierungsfähigkeit - das Verständnis von mentalen Zuständen | 27 |
| 2.5.2 | Die Entwicklung des Selbst | 32 |
| 3. | Traumatische Erfahrungen in der Kindheit | 35 |
| 3.1 | Das Trauma - eine Verletzung von Seele und Körper | 36 |
| 3.2 | Frühe Traumatisierung durch Kindesmisshandlung | 41 |
| 3.2.1 | Das Phänomen Kindesmisshandlung | 41 |
| 3.2.2 | Formen der Kindesmisshandlung | 45 |
| 3.2.2.1 | Vernachlässigung | 45 |
| 3.2.2.2 | Psychische Misshandlung | 49 |
| 3.2.2.3 | Physische Misshandlung | 51 |
| 3.2.2.4 | Sexueller Missbrauch | 53 |
| 4. | Traumatische Erfahrungen in der Kindheit aus der Perspektive der Bindungstheorie | 58 |
| 4.1 | Auswirkungen traumatischer Erfahrungen auf die Bindungsfähigkeit | 58 |
| 4.1.1 | Bindungsentwicklung bei traumatisierten Kindern | 58 |
| 4.1.2 | Bindungsstörungen | 62 |
| 4.2 | Auswirkungen traumatischer Erfahrungen auf die Selbstentwicklung | 68 |
| 4.3 | Die intergenerationale Transmission von Bindung | 73 |
| 4.3.1 | Die Bindungsrepräsentanzen | 73 |
| 4.3.2 | Intergenerationale Transmission von Bindungsqualitäten und der Einfluss der Mentalisierungsfähigkeit | 77 |
| 4.3.3 | Auswirkungen unbewältigter Traumata der Eltern auf die Bindungsfähigkeit ihrer Kinder | 80 |
| 4.3.4 | Intergenerationale Transmission von Bindungsqualitäten im Zusammenhang mit Misshandlung - Waren misshandelnde Eltern selbst misshandelte Kinder? | 82 |
| 4.4 | Bindung als Schutz- und Risikofaktor | 85 |
| 5. | Die Anwendung der Bindungstheorie in der therapeutischen Praxis | 90 |
| 5.1 | Die therapeutische Arbeit aus der Perspektive der Bindungstheorie | 91 |
| 5.2 | Die therapeutische Arbeit mit Kindern aus der Perspektive der Bindungstheorie | 96 |
| 6. | Resümee | 100 |
| 7. | Literaturverzeichnis | 112 |
Textprobe:
Kapitel 4.1.1, Bindungsentwicklung bei traumatisierten Kindern:
Es ist zunächst anzumerken, dass sich traumatische Situationen gravierender auf die Entwicklung eines Kindes auswirken, wenn diese durch eine Bindungsperson stattgefunden haben, als wenn das Kind durch andere Personen traumatisiert wurde. Grossmann und Grossmann vergleichen eine traumatische Erfahrung durch die Bindungsperson mit dem „Verrat am Kinde [...]“. Bei traumatischen Erfahrungen durch andere Personen können die Bindungspersonen hingegen noch eine protektive Rolle einnehmen. Des Weiteren erhöht sich die Entwicklung einer pathologischen Störung erheblich, wenn dem Kind innerhalb der Bindungsbeziehung kein Glaube geschenkt wird bzw. wenn wichtige Bezugspersonen weitere traumatische Erfahrungen durch Eingreifen nicht verhindern. Das bedeutet, dass die Kinder weder Schutz noch Sicherheit von ihren Bezugspersonen erwarten können, sondern davon ausgehen müssen, dass diese nicht als verlässliche und sichere Basis fungieren. Diese Kinder schwanken zwischen Bindungswunsch und Fluchtbedürfnis. Unter diesen Umständen wird die Entwicklung einer sicheren Bindung erheblich erschwert.
Diese Feststellungen werfen die Frage auf, inwiefern sich traumatische Erfahrungen insgesamt auf die Bindungsentwicklung bzw. auf die Bindungsqualitäten auswirken.
Viele Ergebnisse der Bindungsforschung führten zu dem Schluss, dass die Ursache für die individuellen Unterschiede der Auswirkungen von traumatischen Erfahrungen mit den unterschiedlichen Bindungsqualitäten erklärbar ist.
Die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen werden vor allem in unsicheren und desorganisierten kindlichen Bindungsqualitäten deutlich. Die Entwicklung unsicherer Bindungsmuster hat folgende Funktion für traumatisierte Kinder: Mit der unsicher vermeidenden Bindungsstrategie ist es für die Kinder möglich auf Kosten ihrer eigenen Wünsche und Bedürfnisse und trotz einer Distanz den Kontakt zur Mutter zu bewahren. Dies scheint sowohl für die Mutter (bzw. Eltern) als auch für das Kind die beste Möglichkeit zu sein, den Stress durch die traumatisierenden und abweisenden Erfahrungen zu minimieren. Disstress wird von den Kindern, die ein unsicher vermeidendes Bindungsmuster aufweisen, sozusagen ausgeblendet. Damit versuchen sie sich vor weiteren inneren Verletzungen zu schützen. Mit der vermeidenden Strategie sind sie bemüht weiteren Misshandlungen aus dem Weg zu gehen. Aufgrund dessen nehmen sie sich mit ihren Wünschen und Ängsten eher zurück. Dies führt dazu, dass sie nach einer gewissen Zeit selbst nicht mehr ihre eigenen Gefühle wahrnehmen können. Dieses Bindungsmuster entwickelt sich häufig bei der körperlichen und/oder emotionalen Vernachlässigung. Dementsprechend resultiert das vermeidende Bindungsmuster aus der Zurückweisung und aufgrund der emotionalen wie körperlichen Unerreichbarkeit der Bindungsperson. Weiterhin wird dieser Bindungstyp auch oft bei Opfern des sexuellen Missbrauchs gefunden. Dies ist damit zu erklären, dass die seelischen Verletzungen so tiefgehend sind, dass keine Bindungsdesorganisation zur Stande kommt, in der es ein Wechselspiel zwischen Annäherung und Vermeidung gibt. Die Vermeidung ist die einzige Strategie, durch die das Kind „überlebt“.
Die unsicher ambivalent gebundenen Kinder passen sich weniger an ihre Umgebung an, sondern konzentrieren sich vielmehr auf das was sie empfinden. Die Interpretation und Wahrnehmung der Umgebung erfolgt dabei durch ein aus den frühen Kindheitserfahrungen geprägtes Bild. Durch dieses Bild werden sie verunsichert, so dass sie nicht mehr fähig sind, sich über ihr Verhalten und deren Folgen im Klaren zu sein. Van der Kolk beschreibt die Auswirkung dieses Verhaltens folgendermaßen: „Diese Ausrichtung auf die innere Realität, weg von der sozialen Realität, verurteilt sie zu weiterer sozialer Isolation.“ Häufig sehnen diese Kinder sich nach sozialen Kontakten und Unterstützungen und werden dabei erneut zu Missbrauchsopfern.
Meistens entwickelt sich die ambivalente Bindung bei den Kindern, die nicht kontinuierliche Misshandlungserfahrungen machen. Dies liegt darin begründet, dass die Bindungsperson ab und zu doch dem Bindungsbedürfnis des Kindes nachkommt. Diese Situation ergibt sich beispielsweise bei Bindungspersonen, die „nur“ gewalttätig werden, wenn sie alkoholisiert sind und ansonsten ebenfalls eine fürsorgliche Seite zeigen können.
Aus bindungstheoretischer Perspektive müsste die Kindesmisshandlung allerdings überwiegend zu einem desorganisierten Bindungsmuster führen, vor allem wenn sie besonders furchterregend und beängstigend für das Kind ist. Der sexuelle Missbrauch und die körperliche Misshandlung zählen dabei in erster Linie zu den angsterfüllten Situationen.
Cichetti und Beeghly haben dementsprechend nachweisen können, dass 80% der Kinder, die ein desorganisiertes Bindungsmuster aufwiesen, traumatische Erfahrungen gemacht hatten. Auch in der Metaanalyse von van IJzendoorn et al. hat sich herauskristallisiert, dass die Kindesmisshandlung am häufigsten das desorganisierte Bindungsmuster zur Folge hat. Dieses Bindungsmuster erhöht wiederum das Risiko eine psychosoziale pathologische Störung zu entwickeln.
Die Eltern aggressiver oder überforderter Kinder haben diesen keine sicheren verlässlichen Basis geboten. Sie sind, einzeln oder zusammen, für das Kind oder den Säugling zugleich unberechenbare Angst- als auch mögliche Schutzquelle. Aber die Kinder können sich auf keine der beiden Möglichkeiten verlassen, was wiederum mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Folge hat, dass sich ein desorganisiertes internales Arbeitsmodell entwickelt.
Die desorganisierten Kinder sind nicht fähig ihre inneren emotionalen Zustände zu regulieren. Gleichzeitig verlieren sie das Vertrauen zu anderen Personen, von denen sie Hilfe und Zuwendung erwarten könnten. Sie reagieren mit der Flight-oder-Fight-Bewältigungsstrategie, die allerdings dazu führt, dass andere und neue Informationen nicht wahrgenommen und angepasst werden können.
In der Stresssituation der Trennungs- und Wiedervereinigungsphase in der Fremden Situation wird deutlich, dass sie scheinbar keine adäquate Strategie für diese stressbelasteten Momente entwickelt haben. Dieses Bindungsmuster ist daher keine Strategie sich den gegebenen Umständen anzupassen, um Nähe aufrechtzuerhalten, wie es bei dem vermeidenden und ambivalenten Bindungsmustern der Fall ist.
Die für dieses Bindungsmuster typischen Stereotypien – einfrierendes und stehenbleibendes und wieder umkehrendes Verhalten – könnte als psychopathologisch gedeutet werden. Der desorganisierte Bindungstyp hat zusätzlich eine bedeutende Relevanz für den klinischen Bereich, weil dieser im Kontext steht mit „kontrollierenden Verhaltensweisen gegenüber den Bezugspersonen, aggressiven und ängstlich getönten Beziehungen zu Gleichaltrigen, Problemen mit Internalisierung und Externalisierung im Vorschul- und Grundschulalter und mit dissoziativen Symptomen und Psychopathologie im Jugendalter.“ Dadurch, dass die Kinder kein kohärentes internales Arbeitsmodell aufbauen können, weisen sie zusätzlich erhebliche Defizite in der Empathiefähigkeit auf. Dies wurde auch in einigen Studien nachgewiesen, in denen Kinder, die in der Fremden Situation mit ein- bzw. eineinhalb Jahren als sicher oder desorganisiert gebunden eingeordnet worden waren, später noch einmal mit sechs Jahren in einer Spielsituation beobachtet wurden. In dieser Situation sollten sie sich eine Trennungsszene von den Eltern vorstellen und in einer Geschichte weiter ausführen. Während die Kinder, die als sicher gebunden eingestuft worden waren, adäquate Reaktionen auf die Trennung erzählten, wie Trauer und Trost, und insgesamt auch zu einem positiven Ende der Geschichte gelangten, erzählten die desorganisiert gebundenen Kinder gewalttätige und feindselige Horrorgeschichten im Zusammenhang mit Tod, Mord oder Suizid. Bei ihnen gab es kein „Happy-End“.
Der desorganisierte Typ kann insgesamt sowohl „als direkte Auswirkung von Traumata“ als auch „als ein „second-generation effect“ des elterlichen Traumas“ gedeutet werden. Mit dem second-generation effect im Zusammenhang mit der Entwicklung des desorganisierten Bindungstyps ist gemeint, dass Eltern noch unter unbearbeiteten eigenen traumatischen Erfahrungen leiden und sich ihr Verhalten dementsprechend auf ihre Kinder auswirken. Dadurch entwickeln die Kinder nicht aufgrund von eigenen traumatischen Erfahrungen den D-Bindungstyp, sondern durch die Erfahrungen mit ihren traumatisierten Eltern.
Es ist resümierend festzuhalten, dass sich oftmals vor allem bei misshandelten und/ oder vernachlässigten Kindern das desorganisierte Bindungsmuster ausbildet oder ein Muster, dass sich sowohl aus vermeidenden als auch aus ambivalenten Verhaltensweisen zusammensetzt (A/C-Bindungstyp). Nach Ansicht der Bindungsforschung ist eine unsichere Bindung als ein anfälliger Faktor für psychopathologische Störungen zu betrachten. Allerdings ist zu betonen, dass diese nicht als Psychopathologie per se angesehen werden darf.
Im Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen wie Misshandlung, Missbrauch oder Vernachlässigung ist es nachvollziehbar, dass sich das Konzept der unsicheren und desorganisierten Bindungsqualität mit einem Konzept der Bindungsstörung überschneiden kann, jedoch existieren dafür noch keine empirischen Belege. Das empirisch besser geprüfte Konzept des desorganisierten Bindungsmusters kann allerdings dazu beitragen, dass das Phänomen der Bindungsstörung besser erklärt und erfasst werden kann.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836630467
Arbeit zitieren:
Börner, Nicole Dezember 2008: Traumatische Erfahrungen in der Kindheit und die Auswirkungen auf die Bindungsfähigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Kindheit, Trauma, Bindungsfähigkeit, Missbrauch, Misshandlung




