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Spuren der Verfolgung

Psychische Auswirkungen des Holocaust auf die Opfer und ihre Kinder und ihre perspektivische Darstellung im israelischen Film

Die Studie wurde mit dem Studienpreis der Universität Bremen 1998 ausgezeichnet.
Spuren der Verfolgung
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Beate Hoffmann
  • Abgabedatum: März 1996
  • Umfang: 110 Seiten
  • Dateigröße: 6,1 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Bremen Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-1298-2
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-1298-2 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-1298-2 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung: Die Studie wurde mit dem Studienpreis der Universität Bremen 1998 ausgezeichnet.
  • Arbeit zitieren: Hoffmann, Beate März 1996: Spuren der Verfolgung, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Überlebende, Holocaust, 1. und 2. Generation, Kinder der Opfer, Israelischer Film

Diplomarbeit von Beate Hoffmann

Einleitung:

"Warum gerade dieses Thema?" Diese Frage wurde mir oft gestellt, wenn ich mit Freunden und Bekannten über das Thema meiner Diplomarbeit gesprochen habe. Das Interesse am Thema ging einher mit einer Vorsicht beim detaillierteren Nachfragen danach, welche seelischen Auswirkungen der Holocaust auf die Überlebenden und ihre Kinder hat. Fast so etwas wie eine "ängstliche Scheu" vor dem Leid der von dem Naziterror Verfolgten - diese Reaktion begegnete mir häufig.

Aus meiner Flüchtlings- und Asylarbeit kenne ich dieses Gefühl, diese Scheu vor der konkreten Vorstellung dessen, was verfolgten und gefolterten Menschen angetan wird. Verfolgten und gefolterten Flüchtlingen, die aus dem Iran, der Türkei oder anderen Ländern hier Asyl suchen, wird häufig mit diesem Abwehrmechanismus begegnet. Wenn sie Einzelheiten ihrer Folterung schildern (können), stellt sich manchmal eine (kalte) Stille und ein unbewußter Widerstand bei den Zuhörern ein. Dies habe ich auch bei mir bemerkt: Trotz aller Empathie blieb ein Rest von Abwehr: "Ich kann das nicht alles hören, ich will es mir nicht vorstellen können, weil nicht sein darf, was so unfaßbar grausam ist".

Während der Arbeit im Bremer Flüchtlingsrat stellten wir fest, daß es für Flüchtlinge in Bremen kein Angebot gibt, das sich mit den psychischen und physischen Folgen von Verfolgung, Folter und Flucht beschäftigt. Ein Ergebnis unserer Bemühungen darum war 1990 die Gründung des Psychosozialen Zentrums für ausländische Flüchtlinge, "Refugio". In dieser Zeit beschäftigte ich mich mit Behandlungsmethoden für Flüchtlinge und Folteropfer und bemerkte, daß nur wenig Publikationen darüber existierten. Viele Fachleute bezogen sich auf die Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Behandlung und Unterstützung von Überlebenden des Holocaust.

In diesem Kontext haben mich die Interviews von Helen Epstein, einer Tochter von Überlebenden und ihre Interviews mit anderen Töchtern und Söhnen ("Die Kinder des Holocaust", 1990) nachhaltig beeindruckt. Bis dahin war mir, obwohl ich mich eingehend mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt hatte, nicht deutlich, welche schmerzhaften Spuren das Naziregime - über Generationen hinweg - im Seelenleben von Menschen hinterlassen hat. Mir fiel auf, daß in der Erinnerungs- und Gedenkarbeit wenig über die psychischen Folgen gesprochen wurde.

Kurze Zeit später besuchte ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Bildungsreferentin bei der Bremischen Evangelischen Kirche den Ort Lidice in der tschechischen Republik. Lidice wurde 1942 von den Nationalsozialisten völlig vernichtet - eine willkürliche Vergeltung für das Attentat auf Heydrich in Prag. Marie Supikova war ein Kind, als Lidice zerstört und ihre Familie ermordet wurde. Als Überlebende und engagierte Zeitzeugin hat sie immer wieder gegen das Vergessen gesprochen. Die herzliche Begegnung mit ihr hat mich sehr berührt und mir die Schatten des Holocaust erneut deutlich gemacht.

"Die Vergangenheit läßt sich nicht von der Gegenwart trennen", sagte Marie Supikova einmal. "Der Mensch, der viel verloren hat, muß irgendwie weiterleben. Man kann nie vergessen, aber ich wollte weiterleben." Im Rahmen der Gedenkveranstaltungen zum 50. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus in Bremen, hatte ich im vergangenen Jahr die Gelegenheit, mit der israelischen Schauspielerin Gila Almagor zu sprechen (siehe Interview im Anhang). Gila Almagor gehört als Tochter einer verfolgten jüdischen Mutter zur zweiten Generation der Überlebenden. In ihrem Film Aviyas Sommer erinnert sie an ihre Kindheit. Es ist eine Kindheit die geprägt war von der Sorge um die Mutter, einer Mutter, die an den Folgen des Holocaust zerbrochen ist.

Die Begegnung mit Gila Almagor hat mich sehr beschäftigt, weil sie mir, auf sehr persönliche Weise, die Folgen der Verfolgung für die zweite Generation vor Augen führte und auch eine Möglichkeit der Aufarbeitung zeigte.

Mit dem Aufschreiben und der Verfilmung ihrer Biographie hat sie einerseits einen Weg der individuellen Aufarbeitung gefunden, andererseits hat sie damit, vor allem in Israel, einen gesellschaftlichen Reflexionsprozeß über die tiefen seelischen Wunden, die der Holocaust in den Familien hinterlassen hat, initiiert.

Dies hat mein Interesse an israelischen Filmen, ihrer besonderen Perspektive geweckt und der Frage, wie die psychischen Auswirkungen von Verfolgung und Ermordung dargestellt und vermittelt werden können. So ist, auf dem Hintergrund meiner Erfahrungen in der Flüchtlingsarbeit, sowie der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und der Begegnung mit Überlebenden der ersten und zweiten Generation eine Arbeit entstanden, die versucht, aufzuzeigen und daran zu erinnern, welches schmerzliche Erbe der Völkermord eines faschistischen deutschen Nationalsozialismus' bei den Überlebenden und ihren Kindern hinterlassen hat.

Die exemplarische Analyse der israelischen Filme im zweiten Teil der Arbeit, kann auch als Anregung oder Arbeitshilfe für die Bildungs- und Erinnerungsarbeit genutzt werden. Ich halte diese Filme deshalb für sehr geeignet, weil sie beeindruckend-eindringlich sind, ohne "aufgesetzt-pädagogisch" zu wirken.

Während des Schreibens wurde mir die Schwierigkeit bewußt, das "Unfaßbare" zu begreifen, sowie die Grenzen des Verstehens und die eigenen Trauer- und Ohnmachtsgefühle angesichts des Grauens und der Schmerzen zu akzeptieren - und sich dennoch dem Erinnern nicht zu verschließen.

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort
1. Einleitung 1
2. Zum Problem des sprachlichen Umgangs mit dem Holocaust 4
3. Die Konspiration des Schweigens 6
3.1 Die Praxis der Entschädigungsverfahren - eine Fortsetzung der Verfolgung 8
4. Die Überlebenden der ersten Generation 11
4.1 Verfolgung und Konzentrationslager 11
4.1.2 Die Gefühlsversteinerung 11
4.1.3 Die Identifikation mit dem Aggressor 13
4.2 Das Überlebendensyndrom 15
4.2.1 Unverarbeitete Trauer 17
4.2.2 Die Überlebensschuld 18
4.3 Die Bedeutung der Nachkommen 19
5. Die zweite Generation - Töchter und Söhne von Überlebenden 22
5.1 Verschiedene Aspekte des "Überlebendenkomplexes" der zweiten Generation 22
5.2. "Der eiserne Kasten" - vermitteltes und reales Trauma 25
5.3 Konflikt und Autonomie 26
5.4 Probleme mit der Aggression 28
5.4.1 Die Überbehütung 28
5.4.2 Emotionale Erstarrung 29
5.4.3 Aggressionsblockade 29
5.5 Trauer- und Erinnerungsarbeit 31
6. Erinnerung und Identität - Zur Wahrnehmung des Holocaust in der israelischen Gesellschaft 34
6.1 Verdrängung und Konspiration des Schweigens 34
6.2 Der Eichmann-Prozeß - Das Schweigen wird gebrochen 37
6.3 Wachsende Einfühlungsbereitschaft in die Holocaust-Problematik 38
6.4 Existentielle Einstellung 39
7. Perspektiven des israelischen Films 42
7.1 Seelische Auswirkungen des Holocaust auf die Opfer und ihre Kinder - Filme der zweiten Generation 43
8. Spuren der Verfolgung - Aufarbeitung und perspektivische Darstellung im israelischen Film - Exemplarische Analyse 46
8.1 "Aviyas Sommer" 46
8.2 Inhaltsübersicht 47
8.3 Exemplarische Filmsequenzen 48
8.3.1 Emotionale Erstarrung 48
8.3.2 Unverarbeitete Trauer 51
8.3.3 Stigmatisierung 53
8.3.4 Erregungs- und Angstzustände 54
8.4 "Wegen dieses Krieges" 58
8.4.1 Inhaltsübersicht 60
8.4.2 Verschränkte Zeitperspektiven - Die Gegenwärtigkeit der Vergangenheit 61
8.4.2.1 Grenzen der Mitteilbarkeit und des Verstehens 68
8.4.2.2 Grenzen der Darstellbarkeit 72
9. Schlußbetrachtung 75
Literatur 78
Anhang 83

Arbeit zitieren:
Hoffmann, Beate März 1996: Spuren der Verfolgung, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Überlebende, Holocaust, 1. und 2. Generation, Kinder der Opfer, Israelischer Film

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