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Erziehung zu Eigenverantwortlichkeit und Gemeinschaftsfähigkeit

Was macht stationäre Jugendhilfe erfolgreich?

Erziehung zu Eigenverantwortlichkeit und Gemeinschaftsfähigkeit
Über dieses Buch
  • Art: Bachelorarbeit
  • Autor: Sabine Hutter
  • Abgabedatum: November 2008
  • Umfang: 76 Seiten
  • Dateigröße: 454,2 KB
  • Note: 1,1
  • Institution / Hochschule: Fachhochschule Ravensburg-Weingarten Deutschland
  • Bibliografie: ca. 49
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-2860-0
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Hutter, Sabine November 2008: Erziehung zu Eigenverantwortlichkeit und Gemeinschaftsfähigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Eigenverantwortlichkeit, Gemeinschaftsfähigkeit, Jugendhilfe, Soziale Arbeit, stationäre Hilfe

Bachelorarbeit von Sabine Hutter

Einleitung:

Anna: Die 9jährige Anna fällt in der Schule durch ihr Verhalten auf, vor allem durch Aggressivität, Wutausbrüche und Stören des Unterrichts. Das benachrichtigte Jugendamt stellt eine Vernachlässigung und Verwahrlosung des Kindes fest. Die mit dem Fall beauftragte Jugendamtsmitarbeiterin spricht mit der Mutter, um Möglichkeiten der Unterstützung zu klären. Der Vater ist unbekannt verzogen. Eine Kooperation der Mutter mit den JugendamtsmitarbeiterInnen ist schwierig, da sie weitere Gespräche oft verweigert und außerdem durch ihren Job als Fernfahrerin häufig nicht erreichbar ist. Anna wird zunächst in einer Pflegefamilie untergebracht, in der sie, wie sich nachträglich herausstellt, vermutlich missbraucht wird. Sie kommt dann in ein Heim, wo sie heute, mit 17 Jahren, noch lebt. Anna zeigt Auffälligkeiten vor allem im Bindungs- und Sozialverhalten, was häufig in grenzüberschreitendem Verhalten gegenüber anderen eskaliert. Die Situation zwischen der Mutter und dem Jugendamt wird im Verlauf der Hilfe angespannter, da die Mutter sich durch die zuständige Mitarbeiterin bevormundet fühlt. Sie meldet sich nur sehr selten bei ihrer Tochter. Schließlich werden der Mutter das Aufenthaltsbestimmungsrecht und das Personensorgerecht für das Kind entzogen. Anna leidet sehr unter dem unregelmäßigen Kontakt mit ihrer Mutter. Diese ist oft viele Wochen lang für ihre Tochter nicht erreichbar, selten kommt ein Besuch zustande, der aber meist problematisch verläuft. Kontakt der Mutter mit Jugendamts- und HeimmitarbeiterInnen findet kaum mehr statt, da sie sagt, das Jugendamt habe ihr ihre Tochter weggenommen.

Anna habe ich im Rahmen meines Praxissemesters in einer Jugendhilfeeinrichtung kennen gelernt. Durch gute pädagogische und therapeutische Unterstützung ist sie heute soweit, dass für sie ein eigenverantwortliches Leben vorstellbar wird, jedoch wird Anna in jedem Fall noch viel Unterstützung für den Schritt in die Selbständigkeit brauchen. Besonders Annas Schwierigkeit im Umgang mit Beziehungen wirft einige Fragen auf, sowohl im Blick auf die Vergangenheit als auch im Blick auf Annas Zukunft. So kann hier fachliches Handeln von Seiten der Jugendhilfe im Hilfezuweisungsprozess und später während der Unterbringung in der Pflegefamilie kritisch hinterfragt werden, weiter ist zu fragen, inwieweit die Entwicklung Annas nach der Hilfe stabil bleiben kann ohne ausreichende soziale und familiäre Einbindung und welche Schritte notwendig sind, eine Stabilität nach der Hilfe zu gewährleisten.

Die zum Teil äußerst schwierigen Lebenssituationen von Jugendlichen wie Anna in einer Heimsituation machen die Notwendigkeit deutlich, Wirkungen von Jugendhilfemaßnahmen zu überprüfen, um sie optimieren zu können.

‘Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit’ (§1 Abs.1 SGB VIII). Sobald die Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie eines jungen Menschen dieses im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) bestimmte Recht nicht ausreichend ermöglichen können, ist es Aufgabe des Staates, in Form von erzieherischen Hilfen hier unterstützend zu wirken.

Den umfassendsten Eingriff in die Lebenssituation von Eltern und Kindern stellen die stationären Hilfen zur Erziehung nach Paragraf 34 des KJHG dar. Diese Hilfen sind sehr kostenintensiv, auch im Vergleich mit ambulanten Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe. Gleichzeitig werden laut Jugendhilfe-Effekte-Studie mehr als ein Viertel dieser Hilfen vorzeitig abgebrochen. Hier stellt sich die Frage sowohl nach der Effektivität stationärer Erziehungshilfe als auch nach passgenauen Hilfezuweisungen und somit auch die Frage nach einer wirkungsorientierten und evaluationsbasierten Gestaltung von Hilfen. ‘Denn eine Maßnahme, die nicht wirksam ist, ist – unabhängig davon, wie viel sie kostet – eine teure Maßnahme. Dabei geht es (. . .) auch um die Zeit, die Arbeitskraft und das Engagement in der Regel gut ausgebildeter, kompetenter Professioneller’.

Die Erziehung eines jungen Menschen zielt auf die Entwicklung einer individuellen Persönlichkeit, sichtbar werden dabei Entwicklungsmerkmale, die in gewisser Weise subjektiv beobachtet und wahrgenommen werden. Ist es somit überhaupt möglich, allgemeingültige Kriterien für Effektivität und Erfolg von Erziehung durch die Jugendhilfe aufzustellen?

Wenn man als übergreifendes Ziel der Jugendhilfe benennt die ‘Eigenverantwortlichkeit und Gemeinschaftsfähigkeit’ eines jungen Menschen, so lässt dies immer noch - je nach Perspektive - unterschiedliche Auffassungen von Erfolg einer Maßnahme zu. Für die Gesellschaft etwa stehen im Vordergrund normative Gesichtspunkte, Fachkräfte der Jugendhilfe orientieren sich an Zielen wie der Reduzierung von Verhaltensauffälligkeiten der jungen Menschen und dem Ausgleich von Defiziten, betroffene Eltern können sich wünschen eine Entlastung ihrer eigenen Situation sowie neue Möglichkeiten des Umgangs mit ihrem Kind. Die Kinder und Jugendlichen selber messen den Nutzen einer Hilfe eher am individuellen Erleben ihrer Lebenssituation und der unterstützenden Wertschätzung durch Beziehungen. Jede dieser Sichtweisen hat ihre Berechtigung, der Versuch also, stationäre Erziehungshilfen auf Wirksamkeit zu überprüfen, kann erst ein ganzheitliches Bild ergeben unter Einbeziehung der unterschiedlichen Erwartungen an eine Hilfe.

Mehrere Studien mit unterschiedlichen Ansatzpunkten und Zielsetzungen haben Wirkungen erzieherischer Hilfen untersucht, indem der Entwicklungsverlauf eines jungen Menschen während einer Jugendhilfemaßnahme in Zusammenhang mit bestimmten Einflussfaktoren sichtbar gemacht wurde.

Ziel meiner Arbeit ist es, durch Analyse dieser Wirksamkeitsstudien aufzuzeigen, welche Bedingungen für das Gelingen einer stationären Erziehungshilfe förderlich sind mit Blick auf die Indikation der Hilfezuweisung und die Gestaltung einer Hilfemaßnahme.

Hintergrund dieser Zielsetzung ist das Anliegen des Jugendamtes Ravensburg, Hilfezuweisungen und –prozesse zu optimieren, indem auf der Grundlage bisheriger Erhebungen eine langfristig angelegte eigene Studie Aufschluss geben soll über Faktoren gelingender und nicht gelingender Hilfen. Geplant ist eine Längsschnittuntersuchung unter Einbeziehung der AdressatInnenperspektive, die sowohl zu Beginn und während der Hilfe im Zusammenhang mit Hilfeplangesprächen als auch nach Hilfebeendigung durchgeführt werden soll.

Die vorliegende Arbeit will somit relevante Wirkfaktoren in der stationären Erziehungshilfe anhand ausgewählter Studien identifizieren als Grundlage für die Erstellung von Fragebögen durch das Jugendamt Ravensburg, die in überschaubarer Weise Erfolgs- oder Misserfolgsaspekte einer Hilfe beleuchten können.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 3
2.1. Erziehungshilfe aus unterschiedlichen Perspektiven 5
2.2. Überprüfen von Wirkungen 7
3. Untersuchung ausgewählter Studien 9
3.1. Baur et al. 2002: Leistungen und Grenzen von Heimerziehung 11
3.1.1. Ergebnisse der Studie 13
3.1.2. Kriterien für gelingende Hilfen 14
3.2. Schmidt et al. 2002: Effekte erzieherischer Hilfen und ihre Hintergründe 14
3.2.1. Ergebnisse der Studie 15
3.2.2. Kriterien für gelingende Hilfen 15
3.3. Klein et al. 2003: Die Kinderdorf-Effekte-Studie 16
3.3.1. Ergebnisse der Studie 17
3.3.2. Kriterien für gelingende Hilfen 18
3.4. Kufeldt; Simard; Vachon 2000: Looking after Children in Canada 19
3.4.1. Ergebnisse der Studie 20
3.4.2. Kriterien für gelingende Hilfen 22
3.5. Barber; Delfabbro 2004: Children in Foster Care 22
3.5.1. Ergebnisse der Studie 23
3.5.2. Kriterien für gelingende Hilfen 24
3.6. Hartnett; Bruhn 2006: The Illinois Children Well-Being Study 25
3.6.1. Ergebnisse der Studie 26
3.6.2. Kriterien für gelingende Hilfen 26
3.7. Kurz-Adam 2001: Umbau statt Ausbau 27
3.7.1. Ergebnisse der Studie 28
3.7.2. Kriterien für gelingende Hilfen 29
3.8. ÜBBZ 2000: Würzburger Jugendhilfe-Evaluationsstudie 30
3.8.1. Ergebnisse der Studie 31
3.8.2. Kriterien für gelingende Hilfen 31
3.9. Macsenaere; Hermann 2004: Evaluationsstudie erzieherischer Hilfen (EVAS) 32
3.9.1. Ergebnisse der Studie 33
3.9.2. Kriterien für gelingende Hilfen 34
3.10. Hansen 1994: Die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern in Erziehungsheimen 34
3.10.1. Ergebnisse der Studie 35
3.10.2. Kriterien für gelingende Hilfen 36
3.11. Lambers 1996: Heimerziehung als kritisches Lebensereignis 37
3.11.1. Ergebnisse der Studie 38
3.11.2. Kriterien für gelingende Hilfen 38
3.12. Walter Gehres 1997: Das zweite Zuhause 39
3.12.1. Ergebnisse der Studie 40
3.12.2. Kriterien für gelingende Hilfen 41
3.13. Normann 2003: Erfahrungsprozesse in institutioneller Erziehung 42
3.13.1. Ergebnisse der Studie 43
3.13.2. Kriterien für gelingende Hilfen 44
3.14. Osborn; Delfabbro 2006: National Comparative Study for Children and Young People with High Support Needs in Australian Out-of-Home Care 45
3.14.1. Ergebnisse der Studie 46
3.14.2. Kriterien für gelingende Hilfen 47
3.15. IFCO; FICE; SOS-Kinderdorf 2007: Quality4Children 48
3.15.1. Ergebnisse der Studie 48
3.14.2. Kriterien für gelingende Hilfen 49
4. Aspekte gelingender Hilfen 50
4.1. Beteiligung 51
4.2. Elternarbeit 53
4.3. Hilfebeendigung und Vorbereitung auf Selbständigkeit 56
4.4. Prozessqualität in der Jugendhilfeeinrichtung 58
5. Schlussfolgerung 61
ANHANG: Tabellarische Zusammenfassung 65
LITERATURVERZEICHNIS 70

Textprobe:

Kap. 3, Untersuchung ausgewählter Studien:

Die Auswahl der in der vorliegenden Arbeit untersuchten Studien umfasst 15 Forschungsarbeiten, die aufgrund ihres Ansatzes geeignet erschienen, relevante Aspekte der stationären Erziehungshilfe so zu beleuchten, dass Wirkfaktoren der Fremdunterbringung sichtbar werden.

Die Studien sollten möglichst nicht nur die fachliche Perspektive beinhalten, wichtig war hier vielmehr, ein umfassendes Bild der Heimunterbringung zu gewinnen durch Einbeziehen der AdressatInnenperspektive.

Die Studien ‘Umbau statt Ausbau’, die ‘Würzburger Jugendhilfe-Evaluationsstudie (WJE)’ sowie die ‘Evaluationsstudie erzieherischer Hilfen (EVAS)’ wurden in die Auswahl aufgenommen, obwohl nur aus fachlicher Sicht erhoben wird. Die Studie ‘Umbau statt Ausbau’ als Totalerhebung mit einer sehr hohen Fallzahl versteht sich als Ergänzung und Erweiterung der beiden großen repräsentativen Studien ‘Leistungen und Grenzen von Heimerziehung’ und ‘Effekte erzieherischer Hilfen und ihre Hintergründe’. Die ‘WJE’ ist ebenfalls eine Totalerhebung, darüber hinaus ist sie interessant aufgrund der nachgewiesenen Erfolge in der Elternarbeit. Die Dokumentation von Hilfeverläufen durch EVAS stellt mit einer Stichprobengröße von n=10.300 die größte Evaluationserhebung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe dar und ist somit relevant aufgrund ihrer Repräsentativität.

Die in Deutschland im Moment am meisten diskutierten Studien zu Wirkungen in der Jugendhilfe sind die ‘Jugendhilfe-Effekte-Studie’ mit einem prospektiven Forschungsansatz sowie die Forschung zu ‘Leistungen und Grenzen von Heimerziehung (JULE-Studie)’. Beide nutzen unterschiedliche Forschungszugänge und erschließen in ihren Ergebnissen vielfältige Zusammenhänge der Hilfen zur Erziehung. Die JULE-Studie wird hier in der Fassung der 2. Auflage von 2002 verwendet.

Die ‘Kinderdorf-Effekte-Studie’ nutzt den Forschungszugang der Jugendhilfe-Effekte-Studie, um in vergleichbarer sowie ergänzender Weise Wirkungen stationärer Erziehungshilfe im Bereich der Kinderdörfer zu erfassen.

Die Untersuchung von HANSEN über ‘Die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern in Erziehungsheimen’ gewichtet stark die Selbstwahrnehmung der Kinder und Jugendlichen in schriftlichen Befragungen. Die verhältnismäßig große Stichprobe von n=489 wird hier noch in Beziehung gesetzt zu einer befragten Vergleichsgruppe von 384 Kindern und Jugendlichen.

Einige ausgewählte Forschungen aus Kanada, Australien und den USA werden hier vorgestellt, um bestimmte Blickwinkel und Aspekte zu vertiefen, zu differenzieren und zu ergänzen. Der Begriff der stationären Erziehungshilfe wurde für die englischsprachige Forschung etwas weiter gefasst, da die meisten dieser Studien sich mit Kindern und Jugendlichen in Erziehungsstellen und Pflegefamilien befassen.

Hervorzuheben ist hier die kanadische Studie ‘Looking after Children’, die mit dem in England entwickelten gleichnamigen Qualitätsentwicklungsverfahren arbeitet. Die ‘Looking after Children’-Initiative bietet ein Instrumentarium, das unter Beteiligung der betroffenen jungen Menschen genutzt wird für eine sorgfältige und umfassende, am Einzelfall orientierten Hilfeplanung.

Die drei Forschungsarbeiten von LAMBERS, GEHRES und NORMANN sind qualitative Studien, die die Perspektiven der jungen Menschen in den Vordergrund der Betrachtung stellen. An vielen Stellen werden hier Aspekte vertieft, die in den quantitativen Studien aufscheinen. Auch liefern die Perspektiven im Rückblick der jungen Menschen ergänzende Informationen zu Wirkungen der erfahrenen Hilfe auf den weiteren Lebensweg der Betroffenen.

Aufgenommen in diese Auswahl wurden auch die Quality4Children-Standards, die keine Wirkungsforschung im Sinne der übrigen Studien darstellen, jedoch als Qualitätsinstrument der Jugendhilfe entwickelt wurden, indem die Wirkfaktoren im Unterbringungsprozess durch die Beteiligten der Hilfe benannt und herausgearbeitet wurden.

Im Folgenden werden für jede Studie das Erkenntnisinteresse und der Forschungsansatz kurz dargestellt, die Ergebnisse, soweit sie die stationäre Erziehungshilfe betreffen, zusammengefasst, anschließend wird versucht, die Kriterien, die auf erfolgreiche Erziehungshilfen verweisen, aus den Studien herauszulesen. In einer Übersicht sind die relevanten Daten und Kriterien aus allen untersuchten Studien noch einmal tabellarisch zusammengefasst und als Anhang dieser Arbeit beigefügt.

Leistungen und Grenzen von Heimerziehung:

‘Die Grundannahme, die Schwierigkeiten von Kindern und ihren Familien als Ausdruck von individuellen Lösungsversuchen, von Anstrengung und Auseinandersetzung, mit den gegebenen Anforderungen und Lebensumständen sich arrangieren zu können, zu sehen, bildet den Bezugspunkt einzelner Erhebungsbereiche'.

Die Untersuchung zu ‘Jugendhilfeleistungen’ hat das Ziel, einen Überblick zu geben über Leistungen und Erfolge der drei stationären und teilstationären Erziehungshilfen ‘Tagesgruppe’, ‘Heim’ und ‘Betreutes Jugendwohnen’. Durch unterschiedliche Forschungszugänge wurde versucht, Fragen der Lebenssituation der betroffenen jungen Menschen und der Qualität pädagogischen Handelns zu beleuchten und aufeinander zu beziehen. Dazu wurden alle 284 Akten der im Jahr 1994 aus der Erziehungshilfe entlassenen Jugendlichen aus sechs verschiedenen ausgewählten Jugendämtern analysiert. 197 junge Menschen waren davon stationär untergebracht.

Die Analyse wurde nach vier Schwerpunkten durchgeführt: Situation der Kinder und Jugendlichen sowie ihrer Familien zu Hilfebeginn, Prozess der Hilfegewährung und –entscheidung, Hilfeverlauf und Betreuungsgestaltung sowie die Situation der jungen Menschen am Ende der Hilfe.

Zusätzlich zur standardisierten Erfassung erfolgte eine Dokumentation der Einzelfallverläufe in ihren individuellen Besonderheiten und Zusammenhängen. Anhand der Kategorien ‘Schul- und Ausbildungssituation’, ‘Legalverhalten’, ‘soziale Beziehungen’, ‘Alltagsbewältigung’, ‘Persönlichkeitsentwicklung’, ‘familiärer Hintergrund’ und ‘zentrale Problemkonstellationen’ wurde so die ‘positive Gesamtentwicklung des jungen Menschen’ bilanziert, ebenso anhand ausgewählter professioneller Standards ‘das fachlich qualifizierte Handeln im Jugendamt bzw. in der Jugendhilfeeinrichtung’.

Als weiterer Baustein der Studie dienten 45 leitfadengestützte Interviews mit jungen Menschen, davon 11 mit Beteiligung der Eltern(teile), aus den Abgangsjahrgängen 1993/94 der beteiligten Jugendämter. Gleichzeitig wurde für diese Befragten ebenfalls eine Aktenanalyse durchgeführt. 27 der InterviewteilnehmerInnen waren in einer stationären Unterbringungsform betreut worden.

Ergebnisse der Studie:

Das Aufnahmealter liegt bei den Fällen von Heimunterbringung deutlich höher als bei den anderen Untersuchungsgruppen. 44,7% aller betroffenen jungen Menschen werden erst im Alter zwischen 15 und 18 Jahren aufgenommen, das durchschnittliche Aufnahmealter beträgt 14 Jahre. Die Geschlechterverteilung ist fast gleichmäßig, bei einem etwas höheren Anteil an Jungen.

Die Kinder kommen meist aus schwierigen sozioökonomischen Verhältnissen mit belasteten Beziehungen innerhalb der Familie. Unter den Einweisungsbegründungen finden sich häufig Belastungen durch Gewalt- oder Missbrauchserfahrungen, Vernachlässigung sowie Sucht oder psychische Auffälligkeiten der Eltern. 38% der stationären Hilfen geht eine ambulante erzieherische Hilfe voraus. In 39,6% der Fälle wird die Unterbringung von den Jugendlichen selbst angefragt.

Am Entscheidungsprozess zur stationären Erziehungshilfe sind 80 % der betroffenen Kinder und Jugendlichen beteiligt, jedoch werden nur in 21,3% der Fälle Alternativen zur gewählten Hilfeform oder Alternativen zur gewählten Einrichtung besprochen. Eltern werden nicht ausreichend an der Entscheidung zur Hilfe beteiligt, in 20,8% der Fälle gibt es im Vorfeld der Hilfe keinerlei Kontakte mit den Eltern.

Als übergeordnete Ziele werden zu Beginn der Hilfe in 13,2% der Fälle eine Rückkehr in die Familie und in 35,5% der Fälle eine Verselbständigung der Jugendlichen genannt, für 17,3% der jungen Menschen ist die Zielprognose zu Beginn noch unklar. 11,7% der Hilfen werden als längerfristig eingestuft, 4,6% als kurzfristige Krisenintervention.

Zusätzliche Hilfen für die Familie werden in 17,8% der stationären Erziehungshilfen angeboten. Elternarbeit – in Form von Gesprächen, Besuchen, Therapien oder Hausbesuchen – ist in etwa der Hälfte der untersuchten Akten nicht dokumentiert, bei den dokumentierten Fällen findet in 30% der Fälle keinerlei Elternarbeit statt. Deutlich sichtbar ist jedoch, dass sich Elternarbeit positiv auf die Entwicklungsverläufe der Kinder auswirkt.

Die erhobene durchschnittliche Verweildauer in Heimunterbringung beträgt 3,4 Jahre bei einer breiten Streuung. Das Gelingen der Hilfe wird maßgeblich beeinflusst durch die Verknüpfung tatsächlicher Hilfemöglichkeiten mit der Dauer der Hilfe. Hilfen, die länger als ein Jahr dauern, zeigen bei geeigneter pädagogisch-therapeutischer Unterstützung eher positive Entwicklungsverläufe, der Erfolg der Hilfe steigt dabei mit der Aufenthaltsdauer.

Für die Standards fachlichen Handelns im Jugendamt zeigt sich in 80 bis 90% der Fälle eine positive Bewertung für ‘begründete Bedarfsfeststellung’, ‘Vermittlung eines adäquaten Hilfeangebots’, ‘gezielte Auftragsformulierung an die Einrichtung’ und ‘Kooperation mit allen Beteiligten im Prozess der Hilfeklärung’ . Verbesserungsbedarf besteht jedoch für den fachlichen Umgang des Jugendamts mit Hilfeprozess und mit Hilfebeendigung, hier wird das professionelle Handeln nur in 53 bis 63% der Fälle als ausreichend eingestuft. Nicht ausreichende fachliche Standards hinsichtlich der Beendigung von Hilfen werden ebenso für die Einrichtungen festgestellt. Bei Einhaltung der fachlichen Standards verlaufen 90% der stationären Erziehungshilfen positiv.

Als Gesamtergebnis der Studie werden 53% der untersuchten Entwicklungsverläufe positiv bewertet sowie 17% in Ansätzen positiv, für 12% der Fälle lässt sich keine Veränderung feststellen, und für etwa 18% der betroffenen jungen Menschen wird eine negative Entwicklung festgestellt.

Arbeit zitieren:
Hutter, Sabine November 2008: Erziehung zu Eigenverantwortlichkeit und Gemeinschaftsfähigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Eigenverantwortlichkeit, Gemeinschaftsfähigkeit, Jugendhilfe, Soziale Arbeit, stationäre Hilfe

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