Die traditionelle Form und der aktuelle Inhalt in ausgewählten Werken von Hermann Hesse
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Richard Valentin
- Abgabedatum: Juni 1998
- Umfang: 57 Seiten
- Dateigröße: 512,0 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Univerzita Komenského Bratislava Slowakei
- ISBN (eBook): 978-3-8324-1280-7
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-1280-7 P - ISBN (CD) :978-3-8324-1280-7 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Valentin, Richard Juni 1998: Die traditionelle Form und der aktuelle Inhalt in ausgewählten Werken von Hermann Hesse, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Entwicklungsroman, Steppenwolf, Demian, Peter Camenzind
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Diplomarbeit von Richard Valentin
Einleitung:
Hermann Hesse gehört zu den Dichtern, die von unterschiedlichen Traditionen geformt wurden und sich beim Versuch einer Klassifikation jeder eindeutigen Zuordnung zu einer literarischen Richtung entziehen. Das war vielleicht der Grund, warum ich mich für Hesse entschied und versucht habe, sein Werk näher zu untersuchen.
Die Literatur ist meiner Meinung nach ein Erlebnis des Schönen. Sie entwickelt sich nicht isoliert, sondern wird oft durch die Literatur eines anderen Landes, durch das Leben und durch die Menschen geprägt, wie z.B. bei der slowakischen Romantik. Manche bekannte Persönlichkeiten unseres literarischen Lebens studierten in Deutschland und so verbreiteten sich verschiedene Strömungen und Einflüsse.
Hermann Hesse wird oft als der letzte Ritter der Romantik bezeichnet. Fast in jedem Werk treten gegensätzliche Gestalten auf, die zwei verschiedene Polaritäten darstellen. Sein Schaffen ist eine große Suche nach der Erfüllung des Lebens, nach dem eigentlichen Sinn jedes menschlichen Daseins. Es ist eine Auseinandersetzung des Körpers und des Geistes. Wenn er nicht den richtigen Pfad gefunden hat, wendet er sich an die östliche Philosophie und Religion. Das Problem der sich ausschließenden und zugleich einander ergänzenden Gegensätze im eigenen Ich hatte Hesse bereits in seinem Frühwerk Peter Camenzind angedeutet und im Demian gestaltet. Hier ist es ihm vielleicht gelungen, die Integration der Bipolarität künstlerisch umzusetzen. Nicht nur die Gegensätzlichkeit, sondern auch andere Komponenten bilden das strukturpoetologische System seines Schaffens. Wie der Titel besagt, möchte ich gerne anhand von drei Werken Hesses zeigen, wie sich Hesse als Autor entwickelt hat, was sein Schaffen geprägt hat und was Hesse eigentlich erreicht hat.
Hermann Hesse ist formal sehr mit der Tradition verbunden, obwohl er mehrmals betonte, daß er nach neuen Formen für die neuen Inhalte, die er zu sagen habe, suche. Immerhin ist der Entwicklungs- und Bildungsroman das Leitbild geblieben, der ihm als Vorlage diente, die er unaufhörlich zu modifizieren und zu erneuen suchte.
In seinen Werken vermied er auch nicht gesellschaftliche Probleme - wie den Ausbruch des 1. Weltkrieges - die aber nun einen Impuls zum Schaffen gaben und gleichzeitig als Kulisse dienten. Beachtenswert ist auch seine Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse, seine Sitzungen bei Dr. Lang, einem Schüler von C.G. Jung oder manche Kontakte mit bekannten Persönlichkeiten des literarischen und künstlerischen Lebens, die er unterhielt.
Die Interpretationen von Peter Camenzind, Demian und Steppenwolf skizzieren die literarische Entwicklung des jungen Hesse bis zum reifen Mann von 50 Jahren. Sie verzeichnen die Entwicklung des Romans als Seelenbiographie und seine Anpassung an den neuen Inhalt. In der Einleitung wird die Form des Romans in seiner literarisch-historichen Entwicklung ansatzweise beschrieben. Im zweiten Kapitel versuche ich die Form der Seelenbiographie zu definieren. Der nachfolgende Teil umfaßt drei Interpretationen der obig genannten Werke und in der Schlußfolgerung fasse ich die typischen Merkmale von Hesses Prosa zusammen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Vorwort | 2 |
| 2. | Einleitung | 4 |
| 3. | Roman als Seelenbiographie | 11 |
| 4. | Peter Camenzind | 17 |
| 5. | Demian | 28 |
| 6. | Steppenwolf | 38 |
| 7. | Schlußfolgerung | 49 |
| 8. | Resümee | 50 |
| 9. | Literaturverzeichnis | 51 |
zweier Menschen: des physisch vitalen Peter Camenzind auf der einen und des psychisch vitalen Boppi auf der anderen Seite. Camenzind ist körperlich durchaus gesund, denn sein Körper ist aus dem „Oberland“. Aber er läuft Gefahr, im „Unterland“ krank zu werden. Beim Krüppel ist es aber anders, er besitzt die gesunde Seele der „Oberländer“. Peter ist von der schönen Seele fasziniert und beeindruckt, nach der er sich so lange sehnte und die er nun gefunden zu haben glaubt, aber unter einer häßlichen, kranken Oberfläche, dem symbolischen Abbild des „Unterlandes“. Als Boppi stirbt, wird seine Seele erlöst und frei: „Ich sah einen Menschen sterben, dessen Leben nur Leiden und Liebe gewesen war. Ich hörte ihn scherzen wie ein Kind, während er die Arbeit des Todes in sich spürte. Ich sah, wie aus schweren Schmerzen heraus sein Blick mich suchte, nicht um bei mir zu betteln, sondern um mich aufzurichten und um mir zu zeigen, daß diese Krämpfe und Leiden das Beste in ihm unversehrt gelassen hatten47“. Also hat das Leiden einen Sinn, vor allem für den nicht Betroffenen. Boppi stirbt nicht, sondern bloß sein Körper. Die schöne Seele verläßt den verkrüppelten Körper, um weiterleben oder überhaupt existieren zu können. Genauso wie auch Peter Camenzind läßt seine kranke Seele im „Unterlande“ zurück. Zum Schluß sind alle Toten versorgt, weil sie „im Himmel wohnen48“. Der Protagonist kann endlich das „Unterland“ verlassen. Im Augenblick seiner Genesung mußte der Krüppel sterben, denn er erfüllte seine Funktion im Gesundungsprozeß des Helden, der dann neuen Abenteuern offensteht und seine Menschwerdung vollziehen muß. Jedem Sujet liegt immer ein Ereignis oder eine Kette von Ereignissen zugrunde. Jurij M. Lotman49 definiert das Ereignis als „Versetzung einer Figur über die Grenze des semantischen Feldes hinaus“. Solch ein semantisches Feld wird von einem sujetlosen Text gebildet, der es möglich macht, eine bestimmte Ordnung innerhalb der inneren Organisation der von ihm vertretenen Welt zu bestätigen. Der Text beruht daher auf dem Prinzip der binären Opposition der Welt, die in zwei Hälften durch eine Grenze geteilt wird. Ein Ereignis tritt somit dann ein, wenn die von der sujetlosen Struktur postulierte Ordnung verletzt wird und in dem geschlossenen System einen Bruch verursacht. Bei einem künstlerischen Text wird deutlich, daß auch hier der sujethaltige Text auf der Basis des sujetlosen Textes als dessen Verneinung aufgebaut wird. Die Kunstwelt des Werkes zerfällt in zwei einander ausschließende Hälften: den Armen stehen die Reichen gegenüber, dem „Oberland“ das „Unterland“, den Normalen die Verrückten. Aber wenn die gezogene Grenze mißachtet und überschritten wird, entsteht das Ereignis, das die unerläßliche Grundlage jeglicher Sujets ist. Jene epische Gestalt, die das Recht auf Überqueren der Grenzlinie besitzt, bezeichnet Lotman als „bewegliche Figur50“. Als solche tritt bei Hesse der Protagonist als Träger des Romanereignisses auf. In diesem Falle [...]
erfüllt -Camenzinds Einführung in die Gesellschaft - kommt er beim Baden um. Weitere Begleitperson auf Peters Weg stellt die Malerin Aligietti dar, die er bei jenem Sommerfest trifft und der er auf jener Bootsfahrt seine Liebe gesteht. Erminia erscheint als „schicksalhafte Unglück bringende demi-femme-fatale“, die ihn in eine tiefe Krise stürzt, weil „die Salon-Kultur der Boheme letztlich eben nur neurotische Schwermut, Melancholie und Trunksucht verbreitet43“. Zu den großen Themen gehört auch der Tod. Peter Camenzind genießt den Tod als ein Naturerlebnis. In ihm verbindet sich der Mensch mit Gott und Natur. Er ist die schönste Metamorphose des Lebens, in der Mensch erlöst und in den Schoß der Natur zurückgenommen wird. Camenzind beobachtet den Tod seiner Mutter, ohne den Vater darauf aufmerksam gemacht zu haben. Es sei ihm nicht eingefallen, „den Vater wecken zu müssen“, der „nebenan mit hartem Atem schlief44“. Den Tod traf er auch später. Zuerst ist es das Sterben der kleinen Agnes und der Tod wird als Anfang einer märchenhaften Reise in ein unbekanntes, aber schönes Land geschildert: „Alsdann standen wir ängstlich und traurig dabei und sahen, wie der kleine magere Körper noch einmal Kräfte sammelte, um mit dem starken Tode zu kämpfen, der sie schnell und leicht bezwang.[...] Es kam die schlichte, kurze Feier der Beerdigung, und die beklommenen Abende, da die Kinder nebenan in ihren Betten weinten. Es kamen die schönen Gänge auf den Friedhof, wo wir das frische Grab bepflanzten und ohne zu sprechen beieinander auf der Bank in den kühlen Anlagen saßen und an die Agi dachten und mit anderen Augen als sonst die Erde betrachteten, in der unser Liebling lag, und die Bäume und den Rasen, die darüber wuchsen, und die Vögel, deren Spiel ungehemmt und fröhlich durch den stillen Friedhof klang. Daneben ging der strenge Werktag seinen Lauf, die Kinder sangen wieder, balgten sich, lachten und wollten Geschichten hören, und wir alle gewöhnten uns unvermerkt daran, unsre Agi nimmer zu sehen und einen schönen, kleinen Engel im Himmel zu haben45“. Das Sterben eines Menschen bereichert die Hinterbliebenen um ein schönes Erlebnis und neue Erfahrung. Gleich darauf können sich alle wieder dem Alltag zuwenden. Bei der Familie Schreiner begegnet Peter Camenzind eine weitere Gestalt, die sein Leben beeinflußte. Das ist der Krüppel Boppi, der sich kaum bewegen kann und gänzlich auf Hilfe anderer angewiesen ist. Es ist merkwürdig, wie gerade der Krüppel den geliebten Richard und alle begehrten Frauen zugleich ersetzen kann, und zwar zum ersten Mal in einer erfüllten Liebe: „Als starke Schneefälle eintraten und der Winter vor den Fenstern seine reinliche Schönheit entfaltete, spannen wir uns mit knabenhafter Wollust beim Ofen in ein heimeliges Stubenidyll ein46“. Hier bietet Hesse Peter eine neue Identifikation mit dem Ausgestoßenen an, weil beide in einer verkehrten Welt des „Unterlandes“ das Gute, Wahre und Schöne repräsentieren. Diese Identifikationsebene konstruiert der Autor aus der Opposition [...]
Schicksal erfahren wird. Außerdem stellt die Heimat einen mystischen Raum dar, der dem Menschen zur Integration verhilft. Eine große Rolle sprach Hesse der Natur zu, die oft personifiziert und als Mit- oder Gegenspieler des Menschen verstanden wird. Zwischen ihr und dem Menschen läuft ein Austauschprozeß ab und es existiert eine Art Symbiose. So leben die Bewohner Nimikons mit der Natur im Einklang. Die Welt in den Bergen gilt als ahistorisch, zeitlos, sogar ewig-gültig. Das Jahreszeitmotiv belegt die Metamorphose des Lebens im ewigen Kreis der Natur. „[...] jeder spielt so lang er kann seine Rolle mit, tritt dann zögernd in den Kreis der Unbrauchbaren und taucht schließlich ins Dunkle unter, ohne daß viel Aufsehens davon gemacht würde. Wer nach jahrelanger Fremde zu uns heimkehrt, findet nichts verändert, als daß ein paar alte Dächer erneut und ein paar neuere alt geworden sind, die Greise da, welche die gleichen Hütten bewohnen, die gleichen Namen tragen, dasselbe dunkelhaarige Kindervolk bewachen und an Gesicht und Gebaren sich von den indessen Weggestorbenen kaum unterscheiden40“. Peter Camenzind gehört in diese eigenartige Welt, obwohl er sich von ihr trennt, um etwas Neues erfahren zu können. Solange er in seiner bekannten Umgebung ist, fühlt er sich gesund, aber sobald er in die Stadt verschlagen ist, wird er krank an Leib und Seele. Er kann erst nach der Rückkehr zu seinen Ursprüngen gerettet werden. Anstatt seinen Helden scheitern zu lassen, ermöglicht ihm Hesse zurückzukehren, denn Nimikon hat für seine Sonderlinge immer einen Platz. Außer dem Schema des Heimatromans weicht Hesse der neuromantischen Tradition nicht aus. Er stellt die immer ‘großen Themen’ - Tod, Liebe, Leben, Freundschaft, Kunst, Natur - auf. Sehr große Bedeutung schreibt Hesse der Freundschaft und Liebe zu, die dann beinahe alle seine Dichtungen durchziehen. Die erste Gestalt, der Peter Camenzind begegnete, war Richard. Die relativ banale homoerotische Neigung wird zur klassischen Männerfreundschaft stilisiert: „>Sie kennen das, nicht wahr?< Nickte er herüber und sah prachtvoll aus, wie er so vom Spiegel weg den hübschen Kopf herüberbog und mich glänzend ansah. >Nein<, sagte ich, >ich kenne nichts<. >Es ist Wagner<, rief er zurück, >aus den Meistersingern<, und spielte weiter. Es klang leicht und kräftig, sehnsüchtig und heiter, und umfloß mich wie ein laues, erregendes Bad. Zugleich betrachtete ich mit heimlicher Lust den schlanken Nacken und Rücken des Spielers und seine weißen Musikerhände, und dabei überlief mich dasselbe scheue und bewundernde Gefühl von Zärtlichkeit und Achtung, mit dem ich früher jenen dunkelhaarigen Schüler betrachtet habe, zusammen mit der schüchternen Ahnung, dieser schöne, vornehme Mensch würde vielleicht wirklich mein Freund werden und meine alten, nicht vergessenen Wünsche nach einer solchen Freundschaft wahr machen41“. Durch Richard wird Peter in die Gesellschaft der jungen Boheme und jene „intime Salons des fin de siécle42“ eingeführt. Sobald Richard seine Aufgabe [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832412807
Arbeit zitieren:
Valentin, Richard Juni 1998: Die traditionelle Form und der aktuelle Inhalt in ausgewählten Werken von Hermann Hesse, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Entwicklungsroman, Steppenwolf, Demian, Peter Camenzind




