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Yan Fu (1854-1921)

Übersetzung und Moderne

Yan Fu (1854-1921)
Über dieses Buch
  • Art: Dissertation / Doktorarbeit
  • Autor: Huizhong Zheng
  • Abgabedatum: Juli 2008
  • Umfang: 191 Seiten
  • Dateigröße: 1,1 MB
  • Note: 1,6
  • Institution / Hochschule: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Deutschland
  • Bibliografie: ca. 74
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-2616-3
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Zheng, Huizhong Juli 2008: Yan Fu (1854-1921), Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Yan Fu, Übersetzung, China, Aufklärung, Liberalismus

Dissertation / Doktorarbeit von Huizhong Zheng

Einleitung:

Übersetzen wurde und wird als ein Medium zum Gedankenaustausch in verschiedensten Kulturen und Epochen thematisiert. In der chinesischen Geschichte haben wir bisher insgesamt vier Höhepunkte in der Übersetzungstätigkeit erlebt: erstens die buddhistischen Sutraübersetzungen von der Östlichen Han- (25-220) bis zur Nördlichen Song-Zeit (960-1126); zweitens die technischen und wissenschaftlichen Übersetzungen vom Ende der Ming- (1368-1644) bis zum Beginn der Qing-Zeit (1644-1911) sowie vom Ersten Opiumkrieg (1839-1842) bis zur neuen Kulturbewegung (1919), um vom Westen zu lernen; drittens die Einführung von Marxismus, Leninismus und anderer kommunistischer bzw. literarischer Werke, vorwiegend aus Russland, mittels Übersetzungen seit Beginn der neuen Kulturbewegung; viertens die vielfältigen Übersetzungen seit Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhundert bis heute. Die drei letzten Höhepunkte der Übersetzungstätigkeit in China konzentrieren sich auf die letzten zweihundert Jahre. Ihr Hauptanliegen besteht darin, vom Westen zu lernen. Während dieses Entwicklungsprozesses hat sich die chinesische Gesellschaft von einer traditionellen zu einer modernen Gesellschaft entwickelt. Dementsprechend kann man in gewissem Sinne sagen, dass die Moderne in China eine ‘übersetzte Moderne’ ist.

In diesem Zusammenhang soll die Moderne als erster Begriff in der vorliegenden Arbeit definiert werden. Die ‘Moderne’ ist bis heute ein interdisziplär umkämpftes Feld; die Pluralisierung der Semantik von ‘Moderne’ erschwert es, sie im allgemeinen Sinne zu definieren. Häufig werden Begriffe wie ‘Moderne’, ‘Modernität”, ‘Modernisierung” und ‘Modernismus’ miteinander vermischt oder verwechselt und auf verschiedensten Gebieten angewendet. Die Moderne nur mit den Erläuterungen im Wörterbuch zu definieren, nämlich ‘neuzeitlich’ oder Bezeichnung des seit ca. 1890 entstandenen ‘Naturalismus’ als Kunstrichtung zu definieren, reicht offensichtlich nicht aus. Bisher haben die ‘Moderne’ und ‘Modernisierung’ in allen Künsten und Wissenschaften stattgefunden. Sozialgeschichtlich betrachtet, kann die Moderne im Westen z. B. mit der Französischen Revolution (1789-1799) oder der Aufklärung (17.-18. Jh.) beginnen. Nach dem chinesischen historischen Verständnis beginnt die Moderne in China mit der chinesischen neuen Kulturbewegung (1919). Auf solche Definitionen hat die Soziologie kein Monopol. Aber worauf bezieht sich die ‘Moderne’ inhaltlich im Rahmen der Sozialwissenschaft? Ohne den Begriff näher zu bestimmen, ist eine allgemeine Definition nicht möglich oder sinnvoll. In China spricht man in dem Kontext eher von Modernisierung. Im Allgemeinen versteht man in China unter ‘Moderne’ oder ‘Modernisierung’ die gesellschaftliche Erneuerung im Gegensatz zur Tradition in der Antike. Aber die Erneuerung hat sowohl Vorteile als auch Nachteile. Die Auffassung von Max Weber (1864-1920) über den modernen Staat erscheint plausibel und logisch. In seiner Herrschaftssoziologie, vornehmlich in Wirtschaft und Gesellschaft, vertritt er die These, dass der moderne Staat rational ist. Für den einheitlich normativen Begriff von ‘Moderne’ kann die Gleichsetzung mit westlicher neuzeitlicher Rationaliät nach Max Weber stehen. Ein evolutionstheoretisch verallgemeinerter Begriff von ‘Modernisierung’ hat in den Geschichts- und Sozialwissenschaften weitgehend die Orientierung am Weberschen Moderne-Begriff ersetzt. Der Begriff ‘Moderne’ stammt aus dem Westen, dementsprechend sollte sich die Definition für die Moderne in China auch am Weberschen Moderne-Begriff orientieren. In diesem Kontext bezieht sich die Moderne nach Ansicht der Verfasserin für China im Rahmen der Geschichts- und Sozialwissenschaft ebenfalls im gleichen Sinne wie im Westen auf die Rationalität einer Gesellschaft in der neuzeitlichen Zivilisationsentwicklung, im Gegensatz zur Tradition in der Antike.

An dieser Stelle sind definitorische Probleme in Bezug auf andere Begriffe, z. B. Freiheit, Liberalismus und Demokratie u. a., in der vorliegenden Arbeit darzustellen. Als Theorie hat z. B. der Liberalismus seit seiner Entstehung bereits drei Entwickungsphasen, nämlich den klassischen Liberalismus, den modernen Liberalismus und den Neoliberalismus erlebt, wobei zahlreiche Definitionen je nach verschiedenen Prinzipien und Ansätzen entstanden sind. Zusätzlich gibt bzw. gab es noch verschiedene Schulrichtungen in den jeweiligen Entwicklungsphasen. Angesichts dieser Situation ist die Entscheidung für eine einzige Definition z. B. von Freiheit oder Demokratie nicht möglich. Daher können in der vorliegenden Arbeit nur repräsentative Definitionen an den betreffenden Stellen je nach den verschiedenen Ansatzpunkten vorgestellt werden.

In der Entwicklung von der Tradition zur Moderne sind die Chinesen nicht zuletzt durch das westliche Gedankengut unterstützt worden. Sie haben in den letzten hundert Jahren zahllose gesellschaftspolitische Experimente versucht, wobei Yan Fu 严复 (1854-1921) als Übersetzer und eigenständiger Denker der modernen chinesischen Geistesgeschichte seinen einzigartigen Stempel aufgedrückt hat. Er hat das chinesische Tor für westliches Gedankengut wie Evolutionstheorie, Darwinismus, Liberalismus, Demokratie, Szientismus u. a. geöffnet, so dass die Chinesen zum ersten Mal die durch ihr eigenes Kulturerbe einige tausend Jahre lang eingeschränkten Gedanken erweitern konnten. Aufgrund der herausragenden Verdienste in der modernen chinesischen Geistesgeschichte wird Yan Fu in China als ‘der Vater des chinesischen Liberalismus’, ‘der Vater der chinesischen Soziologie’ und ‘der Vater der modernen chinesischen Übersetzungstheorie’ verehrt. Aber zugleich wird Yan Fu von den westlichen Beobachtern aufgrund seiner problematischen Übersetzung von westlichem Gedankengut wie Evolutionstheorie, Freiheit u. a. kritisiert. Benjamin Schwartz (1916-1999), der bekannteste Kritiker Yan Fus, hat in seinem Werk In Search of Wealth and Power: Yen Fu and the West (1964) darauf hingewiesen, dass Yan Fu die Kernbedeutung oder das Hauptanliegen der Freiheit von Mill geändert habe, und zwar habe Yan Fu die Freiheit des Individuums nicht als Ziel, sondern als Mittel zur Förderung der Volksmoral und -intelligenz bzw. als Mittel zur Verwirklichung der Absichten des Staates angesehen. Diese Kritik dient in der vorliegenden Untersuchung als Ansatzpunkt, weil daraus folgende Fragen bzw. Hypothesen abgeleitet werden können:

- Hätte sich der Liberalismus in China ebenso wie im Westen entwickelt, falls Yan Fu ihn als Übersetzer nicht von Anfang an missverständlich in China vorgestellt hätte?

- Ist die Entwicklung von westlichem Gedankengut wie Evolutionstheorie, Liberalismus, Demokratie u. a. in China überhaupt ein Übersetzungsproblem?

- Hat Yan Fu das Hauptanliegen des Liberalismus von Mill missverstanden oder verfälscht? Wenn ja, weshalb und inwiefern?

- Warum konnte Yan Fu das von ihm selbst dargelegte Übersetzungsprinzip xin 信 (Sinnwahrung) in der Übersetzungspraxis nicht einhalten?

- Wie soll man die Übersetzungstheorie Yan Fus interpretieren?

- Erweist sich Yan Fus Übersetzungstheorie in der Praxis als widersprüchlich? Wenn ja, inwiefern?

Es können sich im weiteren Verlauf noch andere diesbezügliche Fragen finden. Für solche Fragen rationale Antworten anzubieten, erweist sich als wichtig, aber auch als schwierig für die Chinaforschung. Nach dieser Problem- und Fragestellung werden im Folgenden Gegenstände und Ziele der Arbeit dargestellt.

Ziele der Arbeit:

Das Übersetzen ist eine fächerübergreifende Wissenschaft. Allein mit den Mitteln der Übersetzungs- oder Sprachwissenschaft können bei der Analyse der Problematik und Widersprüchlichkeit der Übersetzungstheorien oft keine zufriedenstellenden Ergebnisse hervorgebracht werden. Aus dieser Überlegung heraus versucht die Verfasserin, durch die Erforschung der Übersetzungstheorie eines der bedeutendsten modernen chinesischen Übersetzer und Übersetzungstheoretiker, die Übersetzungstheorie Yan Fus, im Zusammenhang mit seinen durch die Übersetzungstätigkeit geprägten sozialpolitischen Theorien die Wechselwirkung zwischen dem Übersetzen und anderen Fachgebieten und den Einfluss seiner Übersetzungstätigkeit auf die Entwicklung der chinesischen Gesellschaft und das chinesische Denken als sinologisches Motiv herauszuarbeiten. Das ist das Hauptziel der vorliegenden Untersuchung.

Yan Fu ist für die Erforschung der modernen chinesischen Geistes- und Übersetzungsgeschichte von großer Bedeutung. Daher wird er seit 90 Jahren sowohl in China als auch im Ausland wie in den USA, England, Frankreich und Japan umfangreich und tiefergehend erforscht, aber es gibt bisher im deutschsprachigen Raum, soweit mir bekannt ist, eine weitgehende Forschungslücke. Der konkrete Forschungstand wird nach der Präsentation von Leben und Werk Yan Fus noch detaillierter dargestellt. Durch die vorliegende Arbeit wird ein Versuch unternommen, Yan Fus wichtige politische Ansätze und Theorien im Zusammenhang mit seinen Übersetzungsproblemen zu analysieren und offen gebliebene Fragestellungen, wie sein Verständnis von Sozialdarwinismus, Freiheit, Demokratie usw., anhand seiner Argumente zu erklären.

Auch wenn China als Entwicklungsland auf seinem Modernisierungsweg seit einigen Jahrzehnten aufgrund der politischen Öffnung und der bemerkenswerten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung einiges Gewicht erlangt hat, dem nicht nur Asien, sondern auch Europa und Amerika Bedeutung beimessen müssen, spielt die Volksrepublik aufgrund ihrer spezifischen Verhältnisse im Inland und der sich dementsprechend von der übrigen Welt unterscheidenden Politiken hinsichtlich so brennender Probleme wie Bevölkerungswachstum, Migration, Umweltschutz oder Globalisierung der Wirtschaft stets eine umstrittene Rolle sowohl im Chinaverständnis der Ausländer als auch im Selbstverständnis der Chinesen. Lösungsvorschläge, die der Westen häufig und gern bereithält, beruhen oft auf Unkenntnis der konkreten Verhältnisse in dem fernen ostasiatischen Land, das vielfach in Extremen bewertet wird – entweder als Faszinosum oder als armes Entwicklungsland mit einem die Menschenwürde verachtenden politischen System. Von der Traditon zur Moderne verliefen die Veränderungen in der chinesischen Geschichte keineswegs geradlinig, sondern waren in mehr als einer Hinsicht mit schmerzlichen Irrwegen verbunden. Die sozialen Krisen sind verbunden mit vielfältigen kulturellen, ideologischen, historischen u. a. Faktoren in China bzw. mit den entsprechenden Einflüssen aus dem Ausland. In der vorliegenden Arbeit geht es weiterhin darum, wie und wodurch die Gedankenumstellung auf Chinas Weg in die Moderne vorgenommen wurde. In dieser Gedankenrevolution ist der epochemachende Übersetzer und Denker Yan Fu nicht zu vergessen. Auch wenn westliche Forscher kritisieren, dass er aufgrund seiner problematischen Übersetzungen manche westlichen Begriffe wie Liberalismus, Evolutionstheorie, Darwinismus u. a. missverstand und falsch in China importierte, wird er in China dennoch als ‘Aufklärer des neuen Denkens’ verehrt, und er hat tatsächlich in mehr als einer Hinsicht gravierenden Einfluss auf das chinesische Denken ausgeübt. Durch die Analyse der Entwicklung von Yan Fus Denken wird die Arbeit auch dazu beitragen, das Verständnis der Ausländer und das Selbstverständnis der chinesischen Landsleute für China zu verbessern und zum besseren Verständnis des Gedankenaustausches mittels der Übersetzungstätigkeit im Rahmen der Weiterentwickung der gesamten Welt beizutragen.

Gang der Untersuchung:

Inhaltlich ist die vorliegende Arbeit in Bezug auf zwei Anliegen relevant, und zwar geht es einerseits um die sprachlichen und methodischen Probleme in Yan Fus einflussreichen Übersetzungswerken, wodurch neue Argumente in Bezug auf das Verständnis der Übersetzungstheorie Yan Fus und die fachliche Übersetzungstätigkeit in China dargelegt werden können; andererseits werden Yan Fus aus seinen Übersetzungswerken abgeleitete gesellschaftspolitische Ansätze und Theorien und deren Einfluss auf die chinesische Ideologie bzw. das chinesische Denken seit hundert Jahren kommentierend analysiert.

Zunächst sind der Lebenslauf und der geschichtliche Hintergrund von Yan Fu vorzustellen. Anschließend werden seine wichtigsten Übersetzungswerke dargestellt. Daraufhin soll der Forschungsstand in Bezug auf seine Übersetzungstätigkeit und die daraus entstandenen gesellschaftspolitischen Gedanken und Theorien in verschiedenen Epochen und geographischen Räumen zusammengefasst werden. Durch die Vorstellung von Leben, Werk und Rezeption werden Vorkenntnisse und Voraussetungen für die weitere Forschung zu Yan Fu angeboten. Im darauffolgenden Teil geht es um die Analyse der Übersetzungsprobleme und -theorie von Yan Fu. Die von ihm darzulegenden Übersetzungsprinzipien werden in ausführlicher Form im Zusammenhang mit seinen eigenen Aussagen im Original kommentierend analysiert, damit man seine Übersetzungstheorie besser verstehen kann. Zugleich sollen neue Argumente in Bezug auf die Probleme der fachsprachlichen Übersetzung in China vorgebracht und ein Ausblick auf die Entwicklung derselben gegeben werden. Das wichtigste Anliegen der Arbeit wird im letzten Teil thematisiert: die durch seine Übersetzungstätigkeit geprägten sozialpolitischen Theorien von Yan Fu anhand seiner eigenen Argumente und Erklärungen in Bezug auf die übersetzten westlichen Ideen im Zusammenhang mit den jeweiligen sozialen Verhältnissen im Westen und in China zu klären, damit eine rationale Bewertung Yan Fus und seiner sozialpolitischen Theorien ermöglicht werden kann. In der Schlussbetrachtung werden die Leitfragen bzw. Hypothesen in der Einleitung zusammenfassend beantwortet, wobei der Versuch einer Gesamteinschätzung Yan Fus und seiner Verdienste als Denker und Übersetzer bzw. seine soziale Relevanz unternommen wird. Methodisch wird dies erreicht durch die Auswahl themenrelevanter Textpassagen sowohl aus seinen Übersetzungswerken als auch aus seinen anderen Beiträgen und Briefen, die von der Verfasserin interpretiert werden. Was die Übersetzungswerke von Yan Fu angeht, sollen ausgewählte Texte auch mit dem Original bzw. eventuell mit Hilfe der späteren chinesischen Übersetzungsversionen schwerpunktmäßig verglichen werden. Die Übersetzungsprobleme von Yan Fu werden beispielsweise vorwiegend durch sprachliche Vergleiche seiner Übersetzung in Über die Evolution (Tianyan lun天演论) mit dem englischen Original in ausführlicher Form analysiert, weil das Übersetzungswerk sein bekanntestes und repräsentativstes ist und die gleichen Übersetzungsprobleme in seinen anderen Übersetzungen unverändert vorhanden sind. Die deutschen Übersetzungen von Textpassagen sowohl aus Yan Fus Werken als auch von anderen chinesischen Zitaten stammen ausschließlich von der Verfasserin, soweit es nicht anders angegeben ist.

In der vorliegenden Arbeit werden generell Gesamtausgaben oder Sammelbände als chinesische Quellen zitiert. Was die westlichen Begriffe und Theorien in der Arbeit angeht, wurden vorwiegend englische oder deutsche Quellen zu Rate gezogen. Was die Schriftart des Chinesischen und Deutschen in dieser Arbeit betrifft, werden die aktuell üblichen Schriftformen bezüglich beider Sprachen angewendet, nämlich die Kurzzeichen im Chinesischen und die Schreibweise gemäß der neuen Rechtschreibung im Deutschen. Die ursprünglichen Originaltexte Yan Fus wurden zwar in Langzeichen verfasst, aber die neueren Auflagen und Sammelbände seiner Werke sind derzeit in China generell in Kurzzeichen erschienen. Darüber hinaus sind die anderen in der Arbeit verwendeten chinesischen Temini im Original hauptsächlich in Kurzzeichen geschrieben, so dass als Schriftart des Chinesischen in der Arbeit einheitlich Kurzzeichen gewählt wurden.

Inhaltsverzeichnis:

Abbildungsverzeichnis 6
Tabellenverzeichnis 7
1. Einleitung 8
1.1 Fragestellung und definitorische Probleme 8
1.2 Gegenstände und Ziele der Arbeit 11
1.3 Aufbau und Methode 13
2. Leben und Werk Yan Fus 14
2.1 Biographie 14
2.1.1 Kindheit und Schulzeit (1854-1879) 14
2.1.2 Die vielseitige Karriere Yan Fus: vom Übersetzer zum Denker (1879-1912) 21
2.1.3 Spätere Jahre (1912-1921) 30
2.2 Die wichtigsten Übersetzungswerke Yan Fus 33
2.2.1 Über die Evolution (Tianyan lun) 33
2.2.1.1 Thomas Henry Huxley (1825-1895) - Person und Werk 33
2.2.1.2 Über die Evolution 35
2.2.2 Wohlstand der Nationen (Yuan fu) 36
2.2.2.1 Adam Smith (1723-1790) - Person und Werk 36
2.2.2.2 Wohlstand der Nationen 43
2.2.3 Über die Abgrenzung der öffentlichen und persönlichen Freiheitsrechte(Qunji quanjie lun) 40
2.2.3.1 John Stuart Mill (1806-1873) - Person und Werk 40
2.2.3.2 Über die Abgrenzung der öffentlichen und persönlichen Freiheitsrechte 41
2.2.4 Studie der Soziologie (Qunxue yiyan) 43
2.2.4.1 Herbert Spencer (1820-1903) - Person und Werk 43
2.2.4.2 Studie der Soziologie 46
2.2.5 Geist der Gesetze (Fa yi) 47
2.2.5.1 Montesquieu (1689-1755) - Person und Werk 47
2.2.5.2 Geist der Gesetze 49
2.2.6 Mills Logik (Mule mingxue) 51
2.2.6.1 John Stuart Mill als Logiker und sein Werk A System of Logic 51
2.2.6.2 Mills Logik 52
3. Forschungsstand 53
3.1 Die Rezeption zu Lebzeiten Yan Fus 54
3.2 Spätere Rezeption im chinesischsprachigen Raum 58
3.3 Yan Fu in den Augen ausländischer Forscher 61
4. Yan Fu als Übersetzer und Übersetzungstheoretiker 62
4.1 Yan Fus Übersetzungspraxis 62
4.1.1 Sprache und Stil 63
4.1.2 Ausdruck 70
4.1.3 Inhalt 71
4.1.4 Übersetzungsschwierigkeiten 77
4.1.5 Methodik 78
4.2 Yan Fus Übersetzungstheorie 81
4.2.1 Ein kurzer Überblick über die Theoriegeschichte der Übersetzung in China .81
4.2.1.1 Die traditionellen Übersetzungstheorien im antiken China 84
4.2.1.2 Die modernen Übersetzungstheorien in China 94
4.2.1.3 Die gegenwärtigen Übersetzungstheorien in China 101
4.2.2 Die Übersetzungstheorie Yan Fus 105
4.2.2.1 Die theoretischen Grundlagen 105
4.2.2.2 Drei grundsätzliche Übersetzungsprinzipien 108
4.2.2.3 Gültigkeit und Grenzen der Übersetzungstheorie Yan Fus 111
4.3 Die aktuelle Problematik der fachsprachlichen Übersetzung in China 112
5. Yan Fu als Denker der Aufklärung auf Chinas Weg in die Moderne 116
5.1 Die gesellschaftspolitischen Theorien Yan Fus 118
5.1.1 Kerntheorie: Evolutionstheorie 118
5.1.1.1 Evolutionstheorie, Darwinismus und Sozialdarwinismus 119
5.1.1.2 Rezeption der Evolutionstheorie in China 122
5.1.1.3 Yan Fus politische Theorie im Übersetzungswerk Über die Evolution 123
5.1.1.4 Soziale Wirkungen: Nationalismus und Szientismus 124
5.1.1.5 Die Verbreitung des Evolutionsgedankens in China 125
5.1.2 Liberalismus und Demokratie 127
5.1.2.1 Die Geschichte der Theorie des Liberalismus 128
5.1.2.2 Definition des Demokratiebegriffs 135
5.1.2.3 Yan Fu als ‘Vater des chinesischen Liberalismus’ 139
5.1.2.3.1 Liberale Gedanken auf politischer Ebene 145
5.1.2.3.2 Liberale Gedanken auf ökonomischer Ebene 147
5.1.2.3.3 Liberale Gedanken auf ethischer Ebene 148
5.1.2.3.4 Liberale Gedanken Yan Fus über die Gedanken- und Redefreiheit 150
5.1.2.4 Die inneren Spannungen und Herausforderungen des Liberalismus und der Demokratie in China und im Westen 152
5.2 Die Modernisierung des chinesischen Volkscharakters durch die drei Volksideen und neue Ziele in der Erziehung 156
5.3 Modernisierung der chinesischen akademischen Fachwissenschaften 163
5.3.1 Literaturwissenschaft 163
5.3.2 Geschichtswissenschaft 164
5.3.3 Philosophie 166
5.3.4 Wirtschaftswissenschaft 167
5.3.5 Politik und Politikwissenschaft 168
5.3.6 Soziologie 169
5.3.7 Rechtswissenschaft 170
5.3.8 Pädagogik 171
5.3.9 Übersetzungswissenschaft 175
5.3.10 Kulturvergleich 176
6. Schlussbetrachtung 178
6.1 Versuch einer Gesamteinschätzung Yan Fus 178
6.1.1 Vom Positivismus bis zum Neokonservatismus 178
6.1.2 Widersprüchlichkeit und Relativität der Theorien Yan Fus 179
6.1.3 Zusammenfassung 181
6.2 Internationaler Forschritt und Entwicklung durch Gedankenaustausch 182
Literaturverzeichnis 184
Danksagung 191
Lebenslauf 192

Textprobe:

Kapitel 4.2.1, Ein kurzer Überblick über die Theoriegeschichte der Übersetzung in China:

In der Übersetzungsgeschichte Chinas wird die Übersetzungstheorie Yan Fus als Meilenstein des Übergangs zwischen der traditionellen und modernen Übersetzungstheorie in China angesehen. Er wird als ‘Vater der modernen Übersetzungstheorie Chinas” bezeichnet. Laut Lu Xun sind die Übersetzungen Yan Fus die abgekürzte Widerspiegelung der buddhistischen Übersetzungen in der Han- (206 v.Chr.-220 n. Chr.) und Tang-Zeit (618-907). Yan Fu müsse die buddhistischen Übersetzungstheorien zu Rate gezogen haben. Manche Forscher meinen im Gegensatz dazu, dass Yan Fu die Theorie des britischen Übersetzungstheoretikers Alexander Fraser Tytler (1747-1814) sinngemäß übernommen hat, weil die vergleichbaren Prinzipien der Translation Tytlers vor Yan Fus Studienzeit in England publiziert worden waren. Aber diese Ansicht bleibt bis heute nur eine Annahme, für die es keine plausiblen Belege gibt. Der Verfasserin erscheint es glaubwürdiger, dass Yan Fu von der buddhistischen Übersetzungstheorie Chinas und den Prinzipien für chinesische Aufsatzschreibung inspiriert wurde und durch seine Übersetzungspraxis daraus eine eigene Übersetzungstheorie abgeleitet hat. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, seine theoretische Grundlage vorzustellen. In diesem Kapitel soll vor allem die Theoriegeschichte der Übersetzung in China dargestellt werden, damit die Übersetzungstheorie von Yan Fu bzw. deren Bedeutsamkeit in den Zusammenhang der Übersetzungsgeschichte in China eingeordnet und besser verstanden werden kann.

Nach den historischen Daten lässt sich die chinesische Übersetzungsgeschichte offiziell bis in die westliche Zhou-Zeit (11. Jh.-771 v. Chr.) datieren. Vermutlich gab es in China bereits lange vorher übersetzerische Tätigkeiten für diplomatische Angelegenheiten mit verschiedenen benachbarten Nationen, die verschiedenste Sprachen hatten. Dometscherarbeiten sollten sich früher als Übersetzungstätigkeiten für die internationale Kommunikation entwickeln. In der westlichen Zhou-Zeit wurden Übersetzer allgemein mit der Bezeichnung ‘Zungenmensch’ benannt. Sie waren hauptsächlich für das Dolmetschen oder Übersetzen bei auswärtigen Angelegenheiten zuständig. Ihre Tätigkeiten waren unentbehrlich und wurden seit der Zhou-Zeit in Geschichtsbüchern entsprechend erwähnt. Aber die Namen der Übersetzer oder Dolmetscher wurden, abgesehen von buddhistischen Übersetzern, generell weggelassen. Daraus lässt sich erkennen, dass die Übersetzungstätigkeiten zwar wichtig waren, aber die Übersetzer als sprachliches Instrument nur einen relativ niedrigen Sozialstatus einnahmen. Bisher erlebte China vier Höhepunkte der Übersetzungstätigkeit:

buddhistische Übersetzung von der Östlichen Han-Zeit (25-220) bis zur Nördlichen Song-Zeit (960-1126); Übersetzung, um vom Westen zu lernen, und zwar technische und wissenschaftliche Übersetzung vom Ende der Ming-Zeit bis zum Anfang der Qing-Zeit und vom Ersten Opiumkrieg (1839-1942) bis zur neuen Kulturbewegung (1919); Seit Anfang der neuen Kulturbewegung begann die neuzeitliche Übersetzungsgeschichte in China. Marxismus, Leninismus und andere kommunistische und literarische Werke, vorwiegend aus Rußland wurden mittels Übersetzungen in China eingeführt; Vielfältige Übersetzungen seit der Einführung der Öffnungspolitik nach außen (1978) zu Beginn der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts bis heute.

Die traditionellen chinesischen Übersetzungstheorien wurden beim Übersetzen der buddhistischen Sutras gesammelt, die modernen Übersetzungstheorien sind seit Yan Fu allmählich aus der Übersetzungspraxis abgeleitet worden. Inzwischen entwickeln sich die chinesische Übersetzungswissenschaft und Übersetzungstheorie allmählich reifer. Seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts werden westliche Übersetzungstheorien in China sogar bevorzugt vorgestellt, während die traditionellen einheimischen Übersetzungstheorien unzureichend erforscht werden. Westliche Übersetzungstheorien sind meistens systematisch und detailliert dargestellt, so dass sie bei den jüngeren chinesischen Übersetzern wegen ihrer größeren Überzeugungskraft bevorzugt werden. Im Gegensatz dazu sind die traditionellen chinesischen Übersetzungstheorien meistens abstrakt und vergleichsweise grob ausgedrückt, so dass sie auf heutige chinesische Übersetzer einen rückständigen Eindruck machen. Das Problem erfreut sich seit einiger Zeit der Aufmerksamkeit von chinesischen Übersetzungstheoretikern. Daher wurde eine Reihe von Fachbüchern über die chinesischen Übersetzungstheorien verfasst. Einige dieser Fachbücher sind zwar einigermaßen schematisch geschrieben, aber wenn man die gesamte chinesische Übersetzungsgeschichte und die chinesischen Übersetzungstheorien systematisch durchliest, dann lässt sich erkennen, dass viele westliche Übersetzungstheorien bereits viel früher sinngemäß bei manchen chinesischen Übersetzern zum Ausdruck gebracht wurden. Dabei geht es nicht um den Schutz geistigen Eigentums, sondern es lässt sich erkennen, dass westliche und chinesische Übersetzer in ihrem Berufsleben ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Viele chinesische Übersetzungstheoretiker sind allerdings der Meinung, dass einige westliche Übersetzungstheorien zwar fortschrittlich entwickelt seien, aber da sie aus der Übersetzungspraxis in den gleichen Sprachfamilien stammen, z. B. Englisch und Deutsch, seien sie weniger geeignet für die Übersetzungspraxis zwischen dem Chinesischen und westlichen Sprachen. Deshalb besteht stets die Notwendigkeit, die einheimischen chinesischen Übersetzungstheorien weiter zu erforschen und zu entwickeln.

Die in dieser Arbeit behandelte Übersetzungstheorie von Yan Fu ist seit hundert Jahren auf dem Gebiet des Übersetzens in China umstritten, wird aber ständig in der Praxis gebraucht. Seine Theorie wurde von der buddhistischen Übersetzungstheorie und den Prinzipien für chinesische Aufsatzschreibung inspiriert und wird als Meilenstein für die chinesischen Übersetzungstheorien angesehen. Im Folgenden wird seine Theorie in die chinesische Übersetzungsgeschichte und ins System der chinesischen Übersetzungstheorien eingeordnet, damit seine Theorie vor dem übersetzungsgeschichtlichen Hintergrund besser zu verstehen ist. Diese Kurzbeschreibung der Theoriegeschichte der Übersetzung in China behandelt nur die wichtigen und repräsentativen Übersetzungstheorien zwischen dem Standardchinesisch und Fremdsprachen, die Sprachen der chinesischen Minderheiten als Zielsprache sollen hier nicht behandelt werden.

Die traditionellen Übersetzungstheorien im antiken China:

Wie bereits erwähnt, begann die chinesische Übersetzungsgeschichte laut der offiziellen Datierung von der westlichen Zhou-Zeit an. Im Buch der Sitte wurden die damaligen Übersetzungstätigkeiten verzeichnet. Für internationale Treffen wie Staatsbesuche, Friedensverhandlungen, Eheschließungen usw. waren sie unentbehrlich, aber die Namen der Übersetzer wurden nicht in den Geschichtsbüchern niedergeschrieben. In der Zeit vor der Tang-Zeit wurde das amtliche Übersetzungssystem generell gesehen überliefert, allerdings teilweise vereinfacht oder zusammengefasst. In der Tang-Zeit waren Kontakte zwischen China und den benachbarten Nationen wesentlich häufiger geworden, dementsprechend gab es einen großen Bedarf an Übersetzern und Dolmetschern. Die lange in China lebenden Ausländer, die sowohl Fremdsprachen als auch Chinesisch konnten, wurden oft als Übersetzer oder Dolmetscher ausgewählt. Aber es herrschte damals eine negative Einstellung gegenüber Übersetzern oder Dolmetschern mit ausländischer Abstammung. Sie seien nicht unsere eigenen Leute und daher sehr wahrscheinlich nicht wirklich zuverlässig. Dazu erließ die Tang-Regierung speziell ein Gesetz über Versagen oder Verfälschungen der Übersetzer und Dolmetscher. Falls sie mit Absicht falsch übersetzen würden, sollten sie ebenso wie bei strafbaren Handlungen bestraft werden.

Bemerkenswert war die buddhistische Übersetzungstätigkeit, die mit der Östlichen Han-Zeit (25-220) begann. Sie erlebte in der Tang-Dynastie ihre Blütezeit. Mit der Entwicklung der enormen buddhistischen Übersetzungspraxis entstanden die frühesten Übersetzungstheorien in China. Als Religion kam der Buddhismus auf einem langen und mühsamen Weg nach China. Als buddhistische Mönche erstmals dieses fremde Land betraten, konnten sie sich mit den Chinesen überhaupt nicht verständigen. Zwecks der Verbreitung des Buddhismus begannen sie durch das Leben in China, die chinesische Sprache zu lernen. Anders als heutzutage hatten sie zu jener Zeit weder Nachschlagwerke noch Sprachschulen oder Lehrer. Durch den langjährigen und intensiven Umgang mit Chinesen versuchten sie, sich diese schwere Sprache anzueignen. Ihre mutigen Bemühungen gelangen relativ gut, so dass sie als erste Übersetzer buddhistische Sutras ins Chinesische übertragen konnten. Weil sie auf diese Weise die chinesische Sprache noch nicht sehr gut beherrschen konnten, waren ihre Übersetzungen zum großen Teil für Chinesen schwer oder sogar überhaupt nicht verständlich. Aber der Buddhismus hatte inzwischen dennoch seine Wurzeln in China geschlagen. Daraufhin begannen chinesische Mönche, bei den ausländischen Mönchen die buddhistische Sprache zu lernen. Durch die Zusammenarbeit der chinesischen und ausländischen Mönche entwickelte sich die Übersetzungstätigkeit für buddhistische Sutras rasch. Es ist gut vorstellbar, dass die Qualität der Sutraübersetzung so verbessert wurde. Mit der Entwicklung des Buddhismus in China reisten einige chinesische Mönche nach Indien, um weiter zu studieren, so dass sie sowohl sprachlich als auch inhaltlich die buddhistischen Sutras ausgesprochen gut begreifen konnten.

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