Krankheitsspezifische Kontrollüberzeugungen bei Patienten mit chronischer Polyarthritis
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Petra Gohl
- Abgabedatum: Februar 2005
- Umfang: 119 Seiten
- Dateigröße: 500,0 KB
- Note: 1,5
- Institution / Hochschule: Universität Potsdam Deutschland
- Bibliografie: ca. 110
- ISBN (eBook): 978-3-8366-2489-3
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Gohl, Petra Februar 2005: Krankheitsspezifische Kontrollüberzeugungen bei Patienten mit chronischer Polyarthritis, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Kontrollüberzeugungen, Rheuma, Compliance, Depression, Angst
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Diplomarbeit von Petra Gohl
Einleitung:
Anfang der neunziger Jahre erkrankte ich an einer schweren Form der chronischen Polyarthritis. Zwei Jahre lang gab ich mein „Schicksal“ in die Hände der Ärzte, mein gesundheitlicher Zustand wurde allerdings in dieser Zeit kontinuierlich schlechter. Im selben Umfang wuchs die psychische Belastung an. Es kam der Tag, an dem ich als therapieresistenter Fall deklariert wurde. In dieser Zeit fasste ich den Entschluss, mich meiner Gesundung persönlich anzunehmen, statt wie bisher diese Aufgabe an die Fachleute zu delegieren. Ich bediente mich zahlreicher alternativen Methoden, stellte mein Leben um und baute eine vertrauensvolle Beziehung zu meinen Ärzten auf. Ab diesem Tag ging es mir stetig besser. Wie an meinem persönlichem Beispiel dargestellt, gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich im Krankheitsfall zu verhalten. Neben der persönlichen Verantwortung für die eigene Gesundheit gibt es noch den Glauben an die Ärzte oder man sieht seinen Gesundheitszustand durch das Schicksal, Zufälle, Glück oder Pech bestimmt. Das dazugehörige psychologische Konstrukt wurde aus der Sozialen Lerntheorie unter dem Namen ‚Health Locus of Control’ (Kontrollüberzeugungen) entwickelt. Im deutschsprachigen Raum werden diese Kontrollüberzeugungen mit Hilfe des Fragebogens zu Erhebung von Kontrollüberzeugungen zu Krankheit und Gesundheit (KKG) erhoben.
In den letzten beiden Jahrzehnten wandte sich die Forschung verstärkt den psychischen und psychosozialen Aspekten bei chronischen Krankheiten zu. Auch Zusammenhänge zwischen Kontrollüberzeugungen und einzelnen chronischen Krankheiten wurden untersucht. Ziel der vorliegenden Diplomarbeit ist es einerseits zu überprüfen, inwieweit die chronische Polyarthritis die Entstehung bestimmter Kontrollüberzeugungen fördert oder hemmt. Andererseits soll untersucht werden, ob es einen Zusammenhang zwischen den Ausprägungen von Kontrollüberzeugungen und psychischen Merkmalen, wie z.B. Angst und Depression, gibt. Die chronische Polyarthritis ist eine in Schüben verlaufende entzündliche Systemerkrankung und mit einer Prävalenz zwischen 0,5 bis 1 % die häufigste Krankheit des entzündlich-rheumatischen Formenkreises. In absoluten Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass in der Bundesrepublik Deutschland zu jeder Zeit ca. 500.000 Personen an einer chronischen Polyarthritis leiden. Mit Hilfe einer Berliner Rheumaklinik konnten 77 Patienten gewonnen werden sich an dieser Fragebogenstudie zu beteiligen.
Bevor eine genauere Darstellung des theoretischen und empirischen Hintergrunds der Forschung zu Kontrollüberzeugungen erfolgen soll, wird zunächst die chronische Polyarthritis näher betrachtet.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | |
| 2. | Medizinische und psychologische Grundlagen zur chronischen Polyarthritis | |
| 2.1 | Geschichte des ‚Rheumatismus’ | |
| 2.1.1 | Klassifikation rheumatischer Erkrankungen | |
| 2.2 | Definition der chronischen Polyarthritis | |
| 2.3 | Deskriptive Epidemiologie | |
| 2.4 | Ätiologiekonzepte zur chronischen Polyarthritis | |
| 2.4.1 | Medizinische Ätiologievorstellungen | |
| 2.4.1.1 | Die Autoimmunhypothese | |
| 2.4.1.2 | Die Infektionshypothese | |
| 2.4.1.3 | Die genetische Hypothese | |
| 2.4.2 | Psychologische Ätiologievorstellungen | |
| 2.4.2.1 | Die Persönlichkeitshypothese | |
| 2.4.2.2 | Die Stresshypothese | |
| 2.5 | Klinisches Erscheinungsbild | |
| 2.5.1 | Verlauf | |
| 2.5.2 | Prognose | |
| 2.6 | Diagnostik und Indikation | |
| 2.6.1 | Medizinische Diagnostik | |
| 2.6.1.1 | Labordiagnostik | |
| 2.6.1.2 | Bildgebende Verfahren und weiterführende Untersuchungsmethoden | |
| 2.6.2 | Psychologische Diagnostik und Indikation | |
| 2.7 | Therapie der chronischen Polyarthritis | |
| 2.7.1 | Medikamentöse Therapie | |
| 2.7.1.1 | nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) | |
| 2.7.1.2 | Corticosteroide | |
| 2.7.1.3 | Basistherapeutika und ursächlich wirkende Arzneimitteltherapie | |
| 2.7.2 | Operative Therapie | |
| 2.7.3 | Physikalische Therapie | |
| 2.7.4 | Psychologische Interventionen | |
| 2.8 | Sozialmedizinische Beurteilung | |
| 3. | Theoretischer und empirischer Hintergrund | |
| 3.1 | Kontrollüberzeugungen | |
| 3.2 | Bereichsspezifische Kontrollüberzeugungen | |
| 3.2.1 | Bereichsspezifische Kontrollüberzeugungen zu Gesundheit u. Krankheit | |
| 3.3 | Diagnosespezifische Kontrollüberzeugungen | |
| 3.3.1 | Diagnosespezifische Kontrollüberzeugungen bei chronischen Erkrankungen | |
| 3.3.2 | Theoretische Herleitung der Hypothesen 1 bis 8 | |
| 3.4 | Die Bedeutung von Kontrollüberzeugungen für gesundheitsbezogenes Handeln | |
| 3.4.1 | Patienten-Compliance bei chronischer Polyarthritis | |
| 3.4.2 | Theoretische Herleitung der Hypothese 9 | |
| 3.5 | Körperliche Erkrankungen und psychische Störungen | |
| 3.5.1 | Chronische funktionelle Schmerzen und Depression | |
| 3.5.2 | Kontrollüberzeugungen und Angst/Depression | |
| 3.5.2.1 | Theoretische Herleitung der Hypothesen 10 bis 15 | |
| 3.6 | Das akute Krankheitsbild | |
| 3.6.1 | Die physische Funktionsfähigkeit und Kontrollüberzeugungen | |
| 3.6.1.1 | Theoretische Herleitung der Hypothesen 16 und 17 | |
| 3.6.2 | Das akute Krankheitsbild und Angst/Depression | |
| 4. | Methode und Hypothesen | |
| 4.1 | Studiendesign | |
| 4.1.1 | Zusammenstellung des Fragebogens | |
| 4.1.2 | Verfahren zur Erhebung von Kontrollüberzeugungen zu Krankheit und Gesundheit | |
| 4.1.3 | Verfahren zur Erhebung der physischen Funktionsfähigkeit | |
| 4.1.4 | Verfahren zur Erhebung von Angst und Depression | |
| 4.1.5 | Erhebung des Compliance-Verhalten | |
| 4.2 | Datenerhebung | |
| 4.2.1 | Rekrutierung der Stichprobe | |
| 4.2.2 | Rücklaufquote | |
| 4.2.3 | Untersuchungsmaterial | |
| 4.2.4 | Beschreibung der Stichprobe | |
| 4.3 | Psychologische und statistische Vorhersagen | |
| 4.3.1 | Aufstellung der statistischen Hypothesen und der statistischen Verfahren | |
| 5. | Ergebnisse | |
| 5.1 | Deskriptiver Teil | |
| 5.1.1 | Teilnehmer | |
| 5.1.2 | Geschlecht | |
| 5.1.3 | Alter | |
| 5.1.4 | Physische Erkrankungen | |
| 5.1.5 | Psychische Störungen | |
| 5.1.6 | Schwere der Polyarthritiserkrankung | |
| 5.1.7 | Dauer der Polyarthritiserkrankung | |
| 5.1.8 | Patientencompliance | |
| 5.2 | Kontrollüberzeugungen | |
| 5.2.1 | Statistische Kennwerte | |
| 5.2.2 | Typologie von Kontrollüberzeugungen | |
| 5.2.3 | Hypothesenbeurteilung PH 1 bis PH 3 | |
| 5.2.4 | Hypothesenbeurteilung PH 4 bis PH 6 | |
| 5.2.5 | Hypothesenbeurteilung PH 7 und PH 8 | |
| 5.2.5.1 | Störvariablen | |
| 5.2.6 | Hypothesenbeurteilung PH 9 | |
| 5.2.7 | Hypothesenbeurteilung PH 10 bis PH 15 | |
| 5.2.7.1 | Internalität, Angst und Depression | |
| 5.2.7.2 | Soziale Externalität, Angst und Depression | |
| 5.2.7.3 | Fatalistische Externalität, Angst und Depression | |
| 5.3 | Der akute Patient | |
| 5.3.1 | Vergleichsgruppen | |
| 5.3.1.1 | Alter | |
| 5.3.1.2 | Dauer der Erkrankung | |
| 5.3.1.3 | Schwere der Erkrankung | |
| 5.3.2 | Kontrollüberzeugungen | |
| 5.3.2.1 | Kontrollüberzeugungsmuster | |
| 5.3.2.2 | Hypothesenbeurteilung PH 16 und PH 17 | |
| 5.3.2.3 | Kontrollüberzeugungen und Alter | |
| 5.3.2.4 | Kontrollüberzeugungen und Schwere | |
| 5.3.2.5 | Kontrollüberzeugungen, Angst und Depression | |
| 5.3.3 | Deskriptiver Teil zu Angst und Depression | |
| 6. | Diskussion | |
| 7. | Zusammenfassung | |
| 8. | Literatur | |
| 9. | Anhang |
Textprobe:
Kapitel 3.5, Körperliche Erkrankungen und psychische Störungen:
Körperliche Erkrankungen gehen mit erheblichen Belastungen, Einschränkungen der Lebensqualität und Folgeproblemen in Familie und Beruf einher. Sie sollten deshalb als unspezifische Stressvariable das Risiko psychischer Störungen wie etwa der Angststörungen erhöhen. Die hohe Prävalenz psychischer Auffälligkeiten bei Patienten internistischer Kliniken bzw. Ambulanzen ist bekannt. Ihre Größenordnung bewegt sich zwischen 10 % und 80 %. Psychische Störungen im Kontext somatischer Beschwerden führen unter anderem zu diagnostischen Problemen, unnötigen Untersuchungen, zur Verschlechterung von Compliance und evtl. der Prognose sowie einem verlängerten Krankheitsverlauf. Empirische befriedigende Untersuchungen zu dieser Frage sind jedoch selten, weil eine reliable und umfassende Diagnostik sowohl körperlicher als auch psychischer Störungen besonders aufwändig ist.
Im Rahmen des Bundesweiten Gesundheitssurveys (BGS), wurde eine bevölkerungsrepräsentative Stichprobe einer vollständigen medizinische Diagnostik einschließlich relevanter Laborparameter unterzogen. Im Zusatzsurvey ‚Psychische Störungen’ wurde eine Teilstichprobe von 4181 Personen mittels Composite International Diagnostic Interview (CIDI) zusätzlich auf psychische Störungen untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass zwischen fast allen körperlichen Erkrankungen und Angststörungen eine erhöhte Komorbidität gegeben ist, besonders akzentuiert ist der Zusammenhang bei der Generalisierten Angststörung (GAS).
Die Angst als Folge von chronischen Schmerzen, insbesondere in Form einer resigniert-deprimierten Zukunftsangst ist ein häufiges Phänomen, zahlenmäßig aber offenbar nicht exakt festlegbar. Therapeutisch ist sie als Teufelskreis auf jeden Fall ein großes Hindernis, verschlechtert die Prognose, bahnt am Anfang und zementiert im schlechtesten Falle am Ende die Gefahr eines langwierigen bis lebenslangen Verlaufs.
Chronische funktionelle Schmerzen und Depression:
Die chronische Polyarthritis ist eine Erkrankung deren Leitsymptome der Schmerz sowie Funktionsbehinderungen durch entzündliche Prozesse sind. Ein in diesem Zusammenhang wichtiger Bereich ist die Erfassung und Erforschung der Zusammenhänge zwischen chronischem Schmerz und psychischen Störungen.
Angst und /oder Depression charakterisieren etwa ¾ der psychischen Beschwerden bei Patienten mit körperlichen Erkrankungen. Nicht selten sind die psychischen Störungen bei diesen Patienten eher leichterer Ausprägung, für Lebensqualität und Prognose aber dennoch hochrelevant. Zwar ist das häufige gemeinsame Auftreten von chronischem Schmerz und Depression seit langem bekannt, die klinische Bedeutung dieser Vergesellschaftung wird aber erst allmählich deutlich. Neuere Studien weisen dabei darauf hin, das bei Schmerzkranken mit begleitender Depression die Krankheit ungünstiger verläuft. Viele chronische Schmerzpatienten sind im Laufe ihres Leidens phasenweise effektiv depressiv. Diese Depression hat jedoch in der Regel ein deutlich anderes Gepräge und eine andere Dynamik als typische Depressionen. Für die Praxis ist es wichtig, die spezielle Symptomatik von Depressionen bei Patienten mit funktionellen, chronischen Schmerzen zu erkennen, um passende Maßnahmen zu ergreifen.
So fühlen sich chronische Schmerzpatienten in ihrem Selbstwertgefühl beeinträchtigt, aber im Unterschied zu Depressiven können sie dies durch hohe Leistungen kompensieren. Sie sind stolz auf ihre früheren Leistungen, welche ihnen Ansehen verschafft haben. Ihre Wut über ihr Unvermögen, weiterhin viel zu leisten, richten sie im Gegensatz zu Depressiven nicht auf sich selbst, sondern auf ihren Körper, der versagt hat. Trotz der Krankheit macht es ihnen Mühe anderen zur Last zu fallen, da sie ungern Hilfe in Anspruch nehmen. Entsprechend kann eine Depression als Anpassungsstörung auftreten, wie sie bei der Bewältigung schwerer Verluste typischerweise vorkommt. Im Gegensatz zu typischen Depressionen kommt der Verlust von Interesse und Freude kaum vor und der Appetit ist meist gut. Allenfalls findet sich eine erhöhte Ermüdbarkeit. Weitere Zusatzsymptome sind, abgesehen von Schlafstörungen, selten vorhanden. Konzentration und Aufmerksamkeit sind kaum beeinträchtigt, außer beim chronischen Kopfschmerz. Das Selbstwertgefühl ist zwar vermindert, das Selbstvertrauen in der Regel aber erhalten. Entsprechend fehlen Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit.
Bei starker Behinderung, durch scheinbar unbeeinflussbare Schmerzen und verlorene Leistungsfähigkeit kann eine negative oder gar pessimistische Zukunftsperspektive vorkommen, doch hat diese eine realistischere Basis als bei Depressiven, wo diese Ängste wahnhaften Charakter haben. Suizidgedanken kommen bei Schmerzpatienten zwar vor, entsprechende Pläne oder Handlungen sind aber selten.
Die chronische Polyarthritis ist eine Erkrankung die neben den chronischen Schmerzen auch zu einem Funktionsverlust führt. Alltägliche Tätigkeiten können oft nur mit Mühe, oder mit Hilfe anderer Personen ausgeführt werden. Freizeitaktivitäten sind oft nur noch im eingeschränkten Maße möglich, oft ist auch eine Berufstätigkeit nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die psychische Belastung ist in mehrfacher Hinsicht erhöht, so das davon auszugehen ist, dass sich in der untersuchten Stichprobe ein erhöhtes Auftreten von Depression finden lässt. Angesichts der epidemiologischen Daten der chronischen Polyarthritis und des Kostenfaktors erscheint die Forderung nach einer systematischen Untersuchung dieser bisher unzureichend identifizierten Seite des Krankheitsgeschehens nur folgerichtig.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836624893
Arbeit zitieren:
Gohl, Petra Februar 2005: Krankheitsspezifische Kontrollüberzeugungen bei Patienten mit chronischer Polyarthritis, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Kontrollüberzeugungen, Rheuma, Compliance, Depression, Angst




