Kindeswohlgefährdung in Familien mit Migrationshintergrund
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Irina Baumgärtner
- Abgabedatum: Mai 2008
- Umfang: 94 Seiten
- Dateigröße: 602,3 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Koblenz-Landau, Abt. Koblenz Deutschland
- Bibliografie: ca. 40
- ISBN (eBook): 978-3-8366-2310-0
- ISBN (CD) :978-3-8366-2310-0 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Baumgärtner, Irina Mai 2008: Kindeswohlgefährdung in Familien mit Migrationshintergrund, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Kindeswohl, Migration, Erziehung, Spfh, Kindheit
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Diplomarbeit von Irina Baumgärtner
Einleitung:
Das Thema Kindeswohl ist aus den Medien nicht mehr wegzudenken. Fast täglich werden wir von Meldungen von verwahrlosten oder misshandelnden Kindern bombardiert. Es scheint als wäre das Thema aus dem Nichts aufgetaucht. Doch ist das Thema oder besser gesagt die Problematik wirklich so neu?
Was ist Kindeswohl? Seit wann gibt es das Phänomen Kindeswohlgefährdung oder Kindesmisshandlung und wie ist sie im historischen Zusammenhang zu sehen? Was für Präventionsmöglichkeiten gibt es? Welche Möglichkeiten hat der Staat das Wohl des Kindes zu schützen?
Alleine mit der Beantwortung dieser Fragen könnte man schon eine Diplomarbeit füllen, doch mich hat die Verknüpfung des Themas mit einem anderen aktuellem Thema interessiert, nämlich dem der Migration.
Seit einiger Zeit arbeite ich im Bereich der interkulturellen ambulanten Familienhilfe und habe daher auch einige praktische Erfahrungen sammeln können in Bezug auf Kindeswohlgefährdung in Migrantenfamilien.
Die Migration ist ein langwieriger und schwieriger Prozess für alle Beteiligten. Schon für Kinder ist der Prozess schwierig zu meistern doch wie kommen die Eltern mit der zusätzlichen Belastungen zurecht?
Das sich Zurechtfinden in einem fremden Land meistens ohne Sprachkenntnisse, Heimweh, der Druck eine Arbeit finden zu müssen um die Familie zu ernähren. Viele Migranten, neigen durch den Verlust einer festen Tagesstruktur zum Suchtverhalten. Auch haben Familien mit Migrationshintergrund oft andere Vorstellungen von Erziehung, als der durchschnittliche Mitteleuropäer.
In dieser Diplomarbeit werde ich versuchen folgende Fragestellungen näher zu beleuchten. In wie weit beeinflusst der Migrationsprozess die Erziehungskompetenz und in wieweit ist Migration ein Risikofaktor für das Kindeswohl?
Inhaltsverzeichnis:
| 1 | Einleitung | 1 |
| 2. | Migration | 2 |
| 2.1 | Definition | 2 |
| 2.2 | Migrationsgeschichte der BRD nach 1945 | 4 |
| 2.2.1 | Gastarbeiter | 4 |
| 2.2.2 | Aussiedler | 5 |
| 2.2.3 | Flüchtlinge | 7 |
| 2.3 | Akkulturationsmodelle | 9 |
| 2.4 | Erwachsene unter den Belastungsfaktoren der Migration | 11 |
| 2.5 | Kinder unter den Belastungsfaktoren der Migration | 13 |
| 3. | Kindheit unter dem historischen Aspekt | 14 |
| 3.1 | Einleitung | 14 |
| 3.2 | Antike | 16 |
| 3.3 | Mittelalter | 17 |
| 3.4 | Aufklärung | 18 |
| 3.5 | 19. Jahrhundert bis heute | 19 |
| 4. | Kindeswohlgefährdung | 21 |
| 4.1 | Problematik bei der Definition des Begriffs | 21 |
| 4.1.1 | Juristisch | 22 |
| 4.1.2 | Pädagogisch | 23 |
| 4.2 | Arten der Kindeswohlgefährdung | 26 |
| 4.2.1 | Kindesmisshandlung | 26 |
| 4.2.1.1 | Erklärungsmodelle für Kindesmisshandlung | 31 |
| 4.2.2 | Vernachlässigung | 32 |
| 4.2.3 | Sexueller Missbrauch | 35 |
| 4.2.4 | Fazit | 36 |
| 4.3 | Risikofaktoren für Kindeswohlgefährdung unter dem Aspekt der Migration | 37 |
| 4.3.1 | Armut | 37 |
| 4.3.2 | Probleme in der Partnerschaft | 38 |
| 4.3.3 | Soziale Netzwerke | 39 |
| 4.3.4 | Inadäquate Erziehungsvorstellungen in Migrantenfamilien-Gewalt als Tradition | 40 |
| 4.3.5 | Die Gefährdung der Familienhierarchie- Angst vor dem Verlust der Familienehre | 42 |
| 4.3.6 | Ungleichgewicht in der Familienhierarchie | 43 |
| 5. | Erziehungsstile | 44 |
| 5.1 | Autoritativ oder Autoritär ? | 44 |
| 5.2 | Interdependenz und Independenz | 45 |
| 5.3 | Erziehungsvorstellungen der drei „großen“ Einwanderergruppen | 46 |
| 5.3.1 | Gastarbeiter | 46 |
| 5.3.2 | Spätaussiedler | 47 |
| 5.3.3 | Flüchtlinge | 48 |
| 6. | Präventions- und Interventionsmöglichkeiten | 49 |
| 6.1 | Prävention | 49 |
| 6.2 | Intervention | 50 |
| 6.2.1 | Inanspruchnahme von Hilfen zur Erziehung §31 SGB VIII | 50 |
| 6.2.1.1 | Ambulante Familienhilfe am Beispiel der AWO Rheinland e.V. | 51 |
| 6.2.1.1.1 | Methoden der SPFH | 53 |
| 6.2.1.1.2 | Zugang zu Behörden | 54 |
| 6.2.1.1.3 | Schwierigkeiten der Arbeit in den Familien | 55 |
| 7. | Fallbeispiele | 57 |
| 7.1 | Beispiel A | 57 |
| 7.1.1 | Genogramm | 58 |
| 7.1.1.1 | Analyse des Genogramm und Familienkonstelation | 59 |
| 7.1.3 | Vorgeschichte | 64 |
| 7.1.4 | Belastungsfaktoren der Familie U | 66 |
| 7.1.4.1 | Arbeitslosigkeit | 66 |
| 7.1.4.2 | Vaterrolle und Stellenwert der Rolle als Ernährer | 67 |
| 7.1.4.3 | Gewalt | 69 |
| 7.1.4.4 | Sucht | 70 |
| 7.1.5.5 | Behinderung des Kindes | 72 |
| 7.1.6 | Erstkontakt mit der Familie | 72 |
| 7.1.7 | Aktuelle familiäre Situation | 73 |
| 7.1.8 | Ressourcen | 73 |
| 7.1.9 | Fazit | 74 |
| 8. | Fallbeispiel B | 75 |
| 8.1 | Einleitung | 75 |
| 8.2 | Erstkontakt | 75 |
| 8.3 | Genogramm | 76 |
| 8.3.1 | Analyse des Genogramm | 77 |
| 8.4 | Familienkonstellation | 77 |
| 8.5 | Belastungsfaktoren der Familie D./Y | 81 |
| 8.5.1 | Psychische Belastung der KM | 81 |
| 8.5.2 | Geld | 82 |
| 8.5.3 | Gewalt | 82 |
| 8.6 | Kooperation mit dem Helfersystem | 83 |
| 8.7 | Fazit | 84 |
| 8.8 | Ressourcen | 85 |
| 9. | Fazit aus beiden Beispielen | 85 |
| 10. | Schluss | 87 |
| 11. | Literaturverzeichnis | 89 |
Textprobe:
Kapitel 4.2.1, Kindesmisshandlung: Mit der Befreiung der kleinen Mary Ellen McCormack aus New York wurde das Thema Kindesmisshandlung im Jahre 1874 erstmals als öffentliche Diskussion geführt. Das zehnjährige Mädchen wurde fast ihr ganzes Leben lang von ihrer Stiefmutter im Keller wie ein Tier gehalten und war täglich schwersten Misshandlungen ausgesetzt.
Ich weiß nicht, wie alt ich bin. Ich darf nicht mit anderen Kindern spielen. Ich war auch noch nie draußen, auf der Straße. Wenn Mama weggeht, sperrt sie mich im Zimmer ein. Ich schlafe auf dem Boden auf einem Stück Teppich. Mama hat mich fast jeden Tag geschlagen und ausgepeitscht - warum, weiß ich nicht. Ich möchte nicht zurück zu Mama.
Diese, vor über einhundert Jahren vorgefallene Geschichte, weist eine erschreckende Ähnlichkeit mit den Fällen, die uns aktuell aus den Medien bekannt sind auf. Wie im Kapitel zuvor beschrieben ist heute der Schutz des Kindeswohls durch zahlreiche Paragraphen verankert, was aber nicht das Ausbleiben von Kindesmisshandlung bedeutet.
Es gibt zwei Arten von Misshandlung, man unterscheidet zwischen der physischen und der psychische Misshandlung, eine gesonderte Form der Misshandlung die keine körperlichen Spuren hinterlässt, dafür der kindlichen Psyche umso mehr schaden kann. Da es so gut wie keine repräsentativer Statistiken zu der Zahl psychisch misshandelter Kinder gibt, weil diese nur schwer feststellbar ist. Man kann aber vermuten, dass jedes Kind was der physischen auch der psychischen Gewalt unterliegt.
Aus Mangel aus fundierter Statistiken und Quellen werde ich die psychische Misshandlung nur am Rande meiner Ausführungen erwähnen. Unter psychischen Misshandlungen versteht man alle Handlungen oder Unterlassungen von Eltern oder Betreuungspersonen von Eltern oder Betreuungspersonen, die Kinder ängstigen überfordern, ihnen das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit vermitteln und sie in ihrer psychischen und /oder körperlichen Entwicklung beeinträchtigen können.
Mit der Reform des deutschen Kindschaftsrechts im BGB von 1998 wird den Kindern ein Recht auf gewaltfreie Erziehung eingeräumt, seit dem Jahr 2000 wird dieses im § 1631 des BGB wie folgt festgeschrieben: Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen, psychische Beeinträchtigungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.
Mit dieser Rechtsauslegung sind auch die bis heute teilweise üblichen „pädagogischen“ Maßnahmen, wie Ohrfeigen oder Klapse nicht mehr akzeptabel und als Bagatelldelikte abzutun und können ggf. strafrechtliche Konsequenzen mit sich führen.
Die grenze von einem Klaps über Prügel bis zur schweren Kindesmisshandlung sind fließend. Der deutsche Kinderschutzbund definiert Kindesmisshandlung im engeren Sinn nach Koers wie folgt: Kindesmisshandlung ist eine nicht zufällige bewusste/unbewusste gewaltsame körperliche/seelische Schädigung, die in Familien /Institutionen geschieht und die zu Verletzungen/Entwicklungshemmungen oder sogar zum Tode führt und die das Wohl und die Rechte beeinträchtigt oder bedroht.
Eine einfachere Definition eines misshandelten Kindes lautet: Jedes Kind, dem eine nicht zufällige körperliche Verletzung als Resultat von Handlungen seitens seiner Eltern oder zu seiner Erziehung Berechtigten zugefügt wird.
Da Kindesmisshandlung ein weltweites Phänomen darstellt ist nur nachvollziehbar, dass sie auch in Deutschland in Familien mit Migrationshintergrund vorkommt. Die vielseitigen Stressfaktoren die eine Migration mit sich führt erhöhen im Zusammenhang mit den traditionellen Erziehungsnormen, die Wahrscheinlichkeit ein Kind mit körperlicher Gewalt zu bändigen zu wollen.
Nach vielfachen Aussagen verlassen die Eltern ihr Heimatland und kommen nach Deutschland, weil sie sich so ein besseres Leben für Ihre Kinder erhoffen. So ist der Druck auf die Kinder groß, gute schulische Leistungen zu erbringen, um sich eine sichere Zukunft aufzubauen, gleichzeitig können die meisten Eltern, aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse oder geringer Schulbildung, die Kinder nicht genügend zu Hause fördern und in der schulischen Entwicklung unterstützen.
Die an die Kinder gestellten Anforderungen sind so hoch, dass sie von ihnen nur schwer erfüllt werden können. Aus diesem Grund handeln sie aus Ratlosigkeit, wie ihre eigenen Eltern, indem sie sich mit ihnen identifizieren und ihre Kinder strafen.
Die Kinder ihrerseits müssen einen unwahrscheinlichen Spagat zwischen der Heimatkultur, die zu Hause gelebt wird und der Fremdkultur die sie in der Welt außerhalb von zu Hause erleben meistern. (s. Kapitel über Belastungen der Migration für Kinder) In einer Studie von Pfeiffer wurden 16.190 Jugendliche aus neun Städten zu innerfamiliärer Gewalt befragt. Es zeigte es sich, dass ausländische Jugendliche deutlich öfter in der Kindheit elterlicher Gewalt ausgesetzt waren als deutsche Jugendliche: während deutsche jugendliche zu 7,1% misshandelt wurden, wurden z.B. eingebürgerte Türken zu 24,8%, Türken zu 21,1%, Ex-Jugoslawen zu 18,8%, südeuropäisch Ausländer zu 17,3% misshandelt.
Als familiäre Gewalt bezeichnete Pfeiffer die Beobachtung von Partnergewalt, die schwere Züchtigung und Misshandlung in der Kindheit sowie die schwere Züchtigung und Misshandlung in den letzten 12 Monaten. Es zeigte sich, dass Jugendliche aus Migrantenfamilien eine deutlich erhöhte Belastung aufwiesen.
Während in den 60er und 70er Jahren in Deutschland Gewalt als Erziehungsmittel zunehmend verpönt war, waren in den Ländern wie Türkei, Ex-Jugoslawien, oder Ex-Sowjet Union verschiedene Misshandlungsformen als Erziehungsmittel vollkommen üblich. Aus zahlreichen Untersuchungen ist jedoch bekannt, dass körperliche Strafen unerwünschtes Verhalten nur kurzfristig unterbinden und die Gewaltspirale nur noch höher drehen. Dass körperliche Gewalt keine effiziente Erziehungsmethode darstellt belegen unzählige Studien.
Wie z.B. die von Straus & Kantor, er untersuchte in 6.002 US-Familien den Zusammenhang zwischen erlebter körperlicher Gewalt bei Teenagern und die Entwicklung im späteren Leben. Die Untersuchung belegte, dass etwa 50 % körperlich bestraft worden waren (58 Prozent der Jungen und 44 Prozent der Mädchen) Diejenigen, die diese Art der Erziehung „genossen“ haben zeigten im späteren Leben schwere Störungen, wie z.B. erhöhtes Risiko für Depression, Suizid, Alkoholmissbruch und Kindesmisshandlung.
Das endgültige Fazit der Forscher besagt, dass eine Beendigung jeglichen Schlagens und anderer körperlicher Bestrafungen einen bedeutsamen Beitrag zur primären Prävention des Missbrauchs von Kindern oder Partnern, Depression, Suizid und Alkoholproblemen leisten kann.
Die meisten repräsentativen Untersuchungen zu Gewalt in der Erziehung stammen aus den USA, da körperliche Züchtigung dort noch in fast allen Staaten legitim ist und teilweise sogar in Schulen praktiziert wird. Laut einer Untersuchung wird körperliche Gewalt von der Mehrheit der Eltern in den USA, in Form von Klaps oder Ohrfeige, akzeptiert. Von einer Stichprobe von 991 Eltern in den USA berichten 35 Prozent, dass sie irgendeine Art der körperlichen Bestrafung(den Hintern versohlen, Ohrfeigen) bei 1-bis 2 jährigen Kindern angewendet hätten, 94 Prozent hatten körperliche Bestrafung bei 3-bis-4- jährigen eingesetzt.
Im Oktober 2001 wurde, nach der Änderung im BGB, eine bundesweite und repräsentative Studie vom Bundesministerium für Familie, Senioren Frauen und Jugend zum Thema „Gewaltfreie Erziehung“ durchgeführt. Es wurden 3000 Eltern zu diesem Thema befragt. Nach der Befragung konnte man unter der Berücksichtigung der Gewaltbereitschaft und des Einsatzes von der Gewalt in der Erziehung die Eltern unter den folgenden drei Gruppen zusammenfassen.
-Sanktionsfreie bzw. körperstrafenfreie Erziehung: Diese Elterngruppe umfasst etwa 28% aller Eltern (mit Kindern unter 18 Jahren); sie verwendet sehr selten erzieherische Sanktionen und verzichtet weitestgehend auf Körperstrafen.
-Konventionelle Erziehung: 54% der Eltern setzen neben körperstrafenfreien Sanktionen häufiger leichte körperliche Strafen ein, sie verzichten aber überwiegend auf schwere Körperstrafen (wie Tracht Prügel, kräftig Po versohlen).
-Gewaltbelastete Erziehung: Zu dieser Gruppe gehören etwa 17% der Eltern, die ihre Kinder generell häufiger sanktionieren, auch mit psychischen Formen und insbesondere mit schweren Körperstrafen (wie Tracht Prügel, kräftig Po versohlen).
Kapitel 4.2.1.1, Erklärungsmodelle für Kindesmisshandlung: Vergleichbar mit der Problematik der Definition der Kindeswohlgefährdung muss man auch bei den Erklärungsmodellen für Kindesmisshandlung aus einer Vielzahl von Ansätzen auswählen, ich werde mich auf die zwei folgenden Modelle beschränken.
Soziologische Erklärungsmodelle gehen von folgender Erklärung für das misshandelnde Verhalten der Eltern aus: Wer misshandelt, ist durch vielfältige Lebensbelastungen überfordert, hat keine soziale Unterstützung und gibt die Überforderung als Aggression in der Form weiter, in der er sie in seiner Herkunftsfamilie erlebt hat. Kindesmisshandlung wird unter diesem Modell überwiegend als Aggression gesehen und aggressives Erziehungsverhalten als Antwort auf strukturelle Gewalt in der Gesamtgesellschaft. Die Mißhandlungserfahrungen aus der eigenen Kindheit, als Folge der gleichen strukturellen Gewalt, liefert den misshandelten Erziehern ein Modell für das Umgehen mit der eigenen Frustration und daraus resultierenden aggressiven Impulsen.
Auf unsere Problematik übertragen bedeutet dass wenn Migranteneltern in ihrer Kindheit Gewalt als eine übliche Erziehungsmethode erfahren haben, was in vielen der Herkunftsländern, wie eben erwähnt üblich war, neigen diese auch eher dazu, dieses Verhalten bei ihren Kindern zu wiederholen.
Dies bestätigt auch das psychopathologische Erklärungsmodell, welches die These der mehrgenerationalen Weitergabe der Gewalt aufstellt, es besagt, dass die elterlichen Persönlichkeitsprobleme, die aus den Vorerfahrungen mit harten Strafen und Ablehnung in der Kindheit resultieren, für das Auftreten von Kindesmisshandlungen verantwortlich gemacht werden .
Ein weiterer soziologischer Erklärungsansatz macht folgende Bedingungen für die Gewalt an Kindern verantwortlich. Die gesamtgesellschaftliche Billigung von Gewalt in der Erziehung von Kindern Lebensbelastungen (Armut, Arbeitslosigkeit) die Familien überfordert. Den Mangel an sozialen Unterstützungssystemen, die Familien in Krisenzeiten entlasten.
Kapitel 4.2.2, Vernachlässigung: Kindesmisshandlung und Vernachlässigung werden meist miteinander in Verbindung gebracht. Die Definition der Vernachlässigung hängt von den gesellschaftlichen Maßstäben eines angemessenen oder geforderten Elternverhaltens ab und ist somit nur relativ bestimmbar. Die Anwendung unserer Maßstäbe eines angemessenen Elternverhaltens auf ausländische Familien mit anderen kulturellen Traditionen manchmal schwierig. Bei körperlicher und psychischer Vernachlässigung fehlt den Kindern die notwendige physische und psychische Fürsorge der angemessene Schutz vor Gefährdungen und Anregung zur motorischen, kognitiven, emotionalen, sozialen Entwicklung.
Man unterscheidet im Allgemeinen zwischen der passiven und der aktiven Vernachlässigung.
Die passive Vernachlässigung entsteht aus mangelnder Einsicht oder Unwissen von Bedarfssituationen oder unzureichenden Handlungsmöglichkeiten der Sorgeberechtigten Personen. Die aktive Vernachlässigung zeichnet sich durch die wissentliche Verweigerung für den nachvollziehbaren Bedarf des Kindes zu sorgen durch die sorgeberechtigte Person aus.
Die Anzahl der in Deutschland vernachlässigten Kinder ist schwer zu schätzen, da Deutschland eine der wenigen Industrienationen ist in der keine Statistik zur Häufigkeit von Vernachlässigungen geführt wird und die Dunkelziffer ähnlich wie bei Kindesmisshandlung und Missbrauch sehr hoch ist. Die Ursachen sind vielfältig und haben soziologische, ökonomische und psychische Gründe.
Zum einen hat sich die Soziologie der Familie in den letzen ein Hundert Jahren unglaublich gewandelt. Die moderne Familie befindet sich im Umbruch. Die früher so selbstverständliche Familienform mit Vater-Mutter- Kind, die noch zusätzlichen Halt durch das soziale Netz bekam, wie Großeltern und Nachbarn stehen vor dem Aussterben. Es ist aus zahlreichen Untersuchungen bekannt, dass soziale Netzwerke eine Schutzfunktion vor Kindesvernachlässigung und Misshandlung haben. Die moderne Familie heute ist von vielseitigen gemeinschaftlichen Lebensformen geprägt. Die Konstellation der Patchworkfamilie, vor einigen Jahren den meisten noch unbekannt, ist dem heutigen Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken.
Eindeutige Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge für die Vernachlässigung lassen sich nicht finden, da es ebenso viele verschiedene Täter und Opferprofile sowie Ursachen gibt. Dennoch kann man einige Risikofaktoren, die zur Kindesvernachlässigung führen können beschränken.
Zum einen sind es die persönlichen Merkmale und die erlebte Kindheit der Eltern. Haben die Eltern in Ihrer Kindheit selbst häufige Beziehungsabbrüche oder ausgeprägte Mangelerfahrungen erlebt, so bleibt das nicht ohne Auswirkungen auf die psychische Verfassung. Mit der Verantwortung der eigenen Elternschaft kommen bei vielen die Erinnerungen an die eigene Kindheit wieder zum Vorschein. Viele stehen dem hilflos gegenüber. Die Angst bei dem eigenen Kind zu Versagen und die Fehler der Eltern zu wiederholen oder die simple Unwissenheit wie man mit einem Säugling oder Kleinkind umzugehen hat, bildet für viele Mütter und Väter eine unüberbrückbare Hürde.
Als Persönlichkeitsmerkmale der Eltern, die eine Vernachlässigung wahrscheinlichen machen, gelten eine ausgeprägte negative Emotionalität im Sinne leicht auszulösender intensiver Gefühle von Trauer und Niedergeschlagenheit, hoher Impulsivität, einer Bereitschaft zu problemvermeidendem Verhalten und geringer Planungsfähigkeit. Kinder die nur schwache Signale, wie leises Weinen oder ein nur ein schwach ausgeprägtes Sozialverhalten, aussenden unterliegen einem höheren Vernachlässigungsrisiko, wenn die Betreuungsperson nicht in der Lage ist, einerseits das Erziehungs- und Fürsorgebedürfnis des Kindes und andererseits seine Selbsthilfepotenziale kindgerecht einzuschätzen. Belastende soziale und finanzielle Faktoren der Familien, wie mangelnde oder fehlende Unterstützung innerhalb der Familie und anhaltende familiäre Armut, die mit erschwerten Bedingungen für die Grundversorgung der Familie einhergeht, wobei hier die kinderreichen Familien oder alleinerziehende im Besonderen belastet sind, gelten als beständiger Risikofaktor im Hinblick auf Kindesvernachlässigung.
Nach der Definition des Deutschen Kinderschutzbundes des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen lässt sich für die Praxis folgende Aussage formulieren: Je geringer die finanziellen und materiellen Ressourcen wie Armut, Arbeitslosigkeit, Verschuldung, Obdachlosigkeit etc. und je schwieriger die soziale Situation wie z.B. soziale Isolation, Mangel an Hilfsangeboten, allein erziehend, viele Kinder, schwieriges Wohnumfeld, Schwellenängste gegenüber helfenden Instanzen etc. und je belastender und defizitärer die persönliche Situation der Erziehenden Eltern, wie Mangelerfahrungen in der eigenen Kindheit, unerwünschte Schwangerschaft, mangelnde Leistungsfähigkeit, psychische Überforderung, Behinderung der Eltern, Sucht etc. und je herausfordernder die Situation und das Verhalten des Kindes z.B. eine Behinderung des Kindes, Krankheitsanfälligkeit, schwieriges Sozialverhalten etc. von den Eltern erlernt wird, desto höher ist das Risiko, dass sich eine Vernachlässigungssituation für das Kind entwickelt.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836623100
Arbeit zitieren:
Baumgärtner, Irina Mai 2008: Kindeswohlgefährdung in Familien mit Migrationshintergrund, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Kindeswohl, Migration, Erziehung, Spfh, Kindheit




