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Pilgertourismus an der Via Sacra

Eine Chance für die gesamte Region?

Diese Arbeit hat den Preis für Wirtschaft, Ethik und Religion der österreichischen Industriellenvereinigung 2008 gewonnen.
Pilgertourismus an der Via Sacra
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Andreas Reithofer
  • Abgabedatum: Februar 2008
  • Umfang: 210 Seiten
  • Dateigröße: 5,3 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Wien Österreich
  • Bibliografie: ca. 97
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-2244-8
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung: Diese Arbeit hat den Preis für Wirtschaft, Ethik und Religion der österreichischen Industriellenvereinigung 2008 gewonnen.
  • Arbeit zitieren: Reithofer, Andreas Februar 2008: Pilgertourismus an der Via Sacra, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Pilger, Tourismus, Via Sacra, Wallfahrt, Regionalentwicklung

Diplomarbeit von Andreas Reithofer

Einleitung:

Die Idee zu dieser Diplomarbeit entstammt einem Internetartikel der Onlineredaktion des ORF vom 19. März 2005, in dem über ein Projekt zur Wiederbelebung und Revitalisierung des alten Wallfahrerwegs von Wien nach Mariazell, der ‚Via Sacra’ berichtet wurde, mit dem ehrgeizigen Ziel ‘200.000 zusätzliche Pilger anzulocken’. Nachdem ich im Jahr davor zum ersten Mal in meinem Leben an einer (Jugend-)Wallfahrt auf exakt dieser Strecke teilgenommen hatte, erregte dieser Artikel sofort meine Aufmerksamkeit – und sah schließlich darin die Chance, in meiner Diplomarbeit fachliche mit persönlichen Interessen zu kombinieren. Ich kannte schon damals bestimmte Teilstrecken von zahlreichen Wanderungen als Kind und Jugendlicher mit meinen Eltern, Religion spielte darin jedoch keine Rolle. Nun, da ich trotz der anfangs großen Skepsis, auch einmal die Seiten gewechselt und die gesamte Wegstrecke als Wallfahrer begangen hatte, war auf einmal ein ganz konkreter und persönlicher Bezug zu diesem Thema gegeben, dazu noch verbunden mit meinem Studienschwerpunkt der Tourismusgeographie.

Noch wusste ich aber nicht, worauf ich mich dabei eingelassen hatte. Es ist unmöglich, eine wissenschaftliche Arbeit über die Revitalisierung eines alten Wallfahrtsweges zu schreiben, ohne ein Grundwissen über das Wesen, die Entstehung und die verschiedenen Formen der Wallfahrt und Pilgerschaft zu besitzen, auch wenn das Hauptaugenmerk im Bereich des Tourismus bzw. der Regionalentwicklung liegen sollte. Nachdem meine theoretische Vorbildung in diesem Bereich jedoch schlicht nicht vorhanden, beziehungsweise (vor meiner Teilnahme an der Perchtoldsdorfer Jugendwallfahrt 2004) stattdessen von bestimmten Stereotypen und Vorstellungen geprägt war (ich verband mit dem Thema ‘Wallfahrt’ hauptsächlich frömmelnde alte Frauen, die rosenkranzbetend nach ‘Maria Irgendwo’ gehen), musste ich mir dieses Grundwissen selbst aneignen. Der fehlende theologisch-religionswissenschaftliche Hintergrund und persönliche Umstände verzögerten mein Vorhaben erheblich, und erst mal eingelesen in eine Unzahl an theologischen, sozialwissenschaftlichen und anthropologischen Werken zum Thema Pilgern und Wallfahren, fiel es mitunter schwer, den eigentlichen Fokus der Arbeit nicht aus den Augen zu verlieren.

Zumindest eine Sache wurde mir jedoch schnell klar: ‘Pilgertourismus’ bzw. ‘Spiritueller Tourismus’ ist ein absolutes Querschnittsthema; welches noch dazu im tourismusgeografischen und regionalentwicklerischen Kontext bis dato ziemlich unterbelichtet war. Es lagen zum Beginn meiner Recherchen im April 2005 nur wenige wissenschaftliche Arbeiten vor, die sich mit der Erforschung religiöser Reisetätigkeit auseinandersetzen, und die vorhandenen waren zumeist entweder im theologischen oder im betriebswirtschaftlichen Betrachtungswinkel verfasst – Bücher oder Artikel, welche die Thematik in seinen allgemeinen Zusammenhängen, mit Bezug zu gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der aktuellen Situation erfassten, fand ich kaum.

In Anbetracht der Tatsache, dass sich der wissenschaftliche Diskurs in Buchform aktuellen Phänomenen meist erst mit einem gewissen time lag widmet, ist das auch nicht weiter verwunderlich; handelt es sich doch beim ‚Pilgertourismus’ um ein relativ neues Phänomen, das mit den Formen der ursprünglichen Pilgerfahrt des Mittelalters oder der Nahwallfahrt des Barock nur wenig zu tun hat. Dennoch führt diese Situation oft zu einem grundsätzlichen Dilemma: ‘Entweder wird Religion religiös verstanden, was zur Theologie führt und zu einer Ablehnung von religiösen Phänomenen zugunsten von anderen, oder man versteht Religion nicht nach religiösen Maßstäben und produziert ein objektives Wissen über etwas, was dann im eigentlichen Sinne des Wortes nicht mehr ‚Religion’ sein kann, sondern zu etwas Nicht-Religiösem, wie zum Beispiel Gesellschaft, Psyche, Sprache oder Wirtschaft etc wird.’ Beim Thema ,Pilgertourismus’ kann es sich also nur um eine interdisziplinäre Arbeit handeln, die sich im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftswissenschaft, Tourismusforschung, Regionalentwicklung, Soziologie und Theologie bewegt.

Ungeachtet aller methodischer Schwierigkeiten bei der Herangehensweise ist es ein Faktum, dass das Pilgern auf alten Wegen in Europa boomt – davon zeugt nicht nur die Fülle an Diavorträgen zum Jakobsweg in Spanien sowie die umfangreiche Reiseliteratur zur Thematik, sondern auch die immer größer werdende Zahl an touristisch-regionalwirtschaftlichen Studien und Projekten zum Thema Pilgern und Pilgerwege. Auch die Statistik der ankommenden Jakobspilger in Santiago spricht eine eindeutige Sprache – hier gibt es seit dem Jahr 1989 eine Verzwanzigfachung des Pilgervolumens zu verzeichnen (vgl. die näheren Ausführungen dazu in Kap. 2.4.3.1).

ch befasse mich in meiner Arbeit also mit dem Thema ‚Pilgertourismus’ und dessen Eignung, zur nachhaltigen Entwicklung einer ganzen Region beizutragen, betrachtet am Beispiel des alten Wallfahrerwegs ‚Via Sacra’ von Wien zum Marienwallfahrtsort Mariazell. Doch was genau ist unter ‚Pilgertourismus’ eigentlich zu verstehen, und passt er überhaupt zur gewählten Strecke? Wiein denfolgenden Kapiteln noch näher erläutert werden wird, handelt es sich dabei um eine postmoderne Mischform von Religiosität und Reisen, für die sich im deutschen Sprachraum auch der Überbegriff des ‘spirituellen Reisens’ etabliert hat. Als Geburtshelfer fungiert hierbei eine weitgehend säkularisierte und pluralistische Gesellschaft, deren konsum- und leistungsorientierte Grundhaltung ein Defizit an allgemein gültigen Werten und Glaubenssätzen mit sich bringt. Der einzelne Mensch ist auf der ‘Suche nach sich selbst’, und wählt dabei aus dem ‚Markt an Sinnangeboten’ das passendste Angebot aus: ‘So kann es vorkommen, dass eine ursprünglich dem religiösen Sektor genuin angehörende Aktivität, wie etwa das Pilgern, als Aktivurlaubsangebot in einem Urlaubsratgeber unter der Überschrift ‚Esoterik: Reisen zum Ich’ erscheint’.

‘Pilgertourismus’, als eine spezielle Ausprägung dieses postmodernen ‘spirituellen Tourismus’ basiert somit auf gänzlich anderen Ausgangsbedingungen als die Wallfahrt zu Marienheiligtümern in ihrer Hochblüte zur Zeit der Gegenreformation und des Barock. Man muss sich dieser Tatsache bewusst sein, wenn man über den ‘Pilgerboom von heute’ schreibt. Es handelt sich eben nicht um eine bloße ‘Renaissance der Wallfahrt’, wie es manche Kirchenvertreter, Touristiker, Politiker und Regionalentwickler allzu voreilig verkünden – die christliche Wallfahrt hat ganz andere Entstehungsbedingungen und Funktionen. Genauso wenig ist es übrigens als eine Wiederauferstehung der mittelalterlichen Pilgerfahrten zu werten; zu unterschiedlich sind Bedeutung und Motive zu jenen des Mittelalters.

Es ist daher sicherlich eine Gratwanderung, den Jakobsweg für einen traditionellen Marienwallfahrtsweg zum Vorbild zu nehmen. Zumindest stellt sich die Frage, welche Zielgruppe damit angesprochen werden soll. Traditionsbewusste Wallfahrer im Pfarrverband werden keine neue Beschilderung für Individualpilger benötigen, und für Jakobspilger ist der Weg schlicht zu kurz (es sei denn, man geht ihn von Polen, Ungarn oder der Slowakei aus). Kirchenvertreter sind Neuerungen im Allgemeinen und Ideen aus der Wirtschaft nicht immer positiv gesinnt, und für die lokale Tourismuswirtschaft ist die erzielbare Wertschöpfung von anspruchslosen, im Heustadel übernachtenden Fußpilgern höchst fraglich. Auch stellt sich allgemein die Frage, inwiefern ein von Habsburgern und Amtskirche ehemals zum Zwecke der nationalen Einheit und der Festigung des katholischen Einflussbereiches inszeniertes Marienheiligtum sich für postmoderne Sinn- und Selbstsuche eignen; doch auf der anderen Seite wurde auch der Jakobsweg, ja sogar der Apostel Jakob selbst (‚mata moros’, zu deutsch ‚Maurentöter’), massiv für die Zwecke der reconquista eingespannt und boomt trotzdem gerade in diesem Bereich.

Auf jeden Fall erfährt die Thematik schon seit einigen Jahren eine stark steigende Bedeutung sowohl in der Tourismuswirtschaft als auch in der Regionalentwicklung, und ich bin überzeugt davon, dass diese auch noch weiter steigen wird. Zu ergründen, warum das passiert, wie lange das andauern wird, wie schnell das geschieht und was das den Zielregionen bringt, mit anderen Worten, ob und wie nachhaltig Pilgertourismus zu einer Entwicklung der Regionen beitragen kann, soll Ziel dieser Arbeit sein.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 8
1.1 Persönlicher Zugang und Relevanz der Thematik 8
1.2 Methodik und Quellenkritik 12
1.3 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit 14
1.4 Abgrenzung 16
2. Tourismus, Pilgerschaft und Gesellschaft im Wandel der Zeit 17
2.1 Pilgerschaft und Wallfahrt 17
2.1.1 Pilgern und Wallfahren - zwei Begriffe, ein Sinn? 17
2.1.2 Die Geschichte des christlichen Pilgerwesens in Europa 20
2.1.2.1 Die ersten Jahrhunderte nach Christus 20
2.1.2.2 Das Mittelalter 21
2.1.2.3 Die Zeit der Reformation, Gegenreformation und des Barock 25
2.1.2.4 Die Zeit der Aufklärung bis zur Moderne 27
2.1.3 Wallfahrts- und Pilgermotive 30
2.2 Der Tourismus 33
2.2.1 Tourismus vulgo Fremdenverkehr: Eine Definitionssache 33
2.2.2 Von der Grand Tour zum „multioptionalen Gast“ - über die Entstehung des Tourismus von heute in Europa 37
2.2.2.1 Vorphase bis 1850 38
2.2.2.2 Anfangsphase 1850-1914 39
2.2.2.3 Entwicklungsphase 1914-1945 41
2.2.2.4 Hochphase nach 1945 43
2.2.3 Touristische Reisemotive 45
2.3 Die Synthese: Gemeinsamkeiten und Unterschiede 52
2.3.1 Wallfahrt als Urform des Massentourismus 52
2.3.2 Pilger kommen von der Venus, Touristen vom Mars? 53
2.3.3 Beispiele „transponierter“ Pilgerschaft 56
2.3.4 Pilgertourismus, Spiritueller Tourismus: Eine Spurensuche 57
2.4 Von der Spaß- zur Sinngesellschaft - ein gesellschaftlicher Megatrend des 21. Jahrhunderts? 61
2.4.1 Kinder statt Party - Abschied von der Spaßgesellschaft? 61
2.4.2 Weniger ist mehr? Gegentrends zur High-Speed-Konsumgesellschaft 64
2.4.2.1 Entschleunigung / Down-Speeding: 64
2.4.2.2 Downshifting - die neue Askese 66
2.4.2.3 Konsumverweigerung 68
2.4.2.4 Vom Wegfahren zum Hinfahren 70
2.4.2.5 Ein neues Naturverständnis: Achtung vs. Sportgerät 71
2.4.3 Pilgern heute - mehr als eine Modererscheinung? 72
2.4.3.1 Fallbeispiel Jakobsweg 73
2.4.3.2 Pilgern in der Postmoderne 77
2.4.3.3 Flow-Erlebnis und Authentizität 78
2.4.3.4 Resumé 82
3. Mariazell und die ‚Via Sacra' 86
3.1 Geschichte und Gegenwart von Mariazell als Wallfahrtsort 86
3.1.1 Von der ‚Cella' zur Basilika - zur Entstehungsgeschichte Mariazells 86
3.1.2 Die Marienverehrung 90
3.1.3 Der Einfluss der Habsburger 92
3.1.4 Mariazell als Anziehungspunkt für Katholiken aus ganz Mitteleuropa 97
3.1.4.1 Die Magna Domina Hungarorum: Mariazell und Ungarn 97
3.1.4.2 Die Alma Mater Gentium Slavorum: Mariazell und die slawischen Völker 99
3.1.4.3 „Wallfahrt der Völker“: Der mitteleuropäischen Katholikentag 2004 in Mariazell 101
3.1.5 Die Bedeutung der Wallfahrt heute 102
3.1.5.1 Der Fall des „Eisernen Vorhangs“ 1989: Einmaliges historisches Ereignis oder Wendepunkt in der Entwicklung Mariazells? 102
3.1.5.2 Zur Problematik des Pilgers als „Black Box“ 104
3.1.5.3 Anzahl und Herkunft der angemeldeten Wallfahrergruppen nach Mariazell im Zeitraum 2003-2007 107
3.2 Die „Via Sacra“ - der „heilige Weg“ von Wien nach Mariazell 114
3.2.1 Geschichte und Entstehung 114
3.2.2 Heutiger Verlauf und Varianten 116
3.2.3 Fußwallfahrt heute: Der Versuch einer quantitativen Erfassung anhand des Besucherbuches in der Via Sacra-Kapelle Kalte Kuchl 118
4. Das Projekt „VIA SACRA“: Ziele, Einschätzungen, Potential 126
4.1 Projektziel und -Hintergrund 126
4.2 Situations- und Bestandsanalyse der Anrainergemeinden 128
4.3 Umsetzungsszenarien 134
4.4 Gewählte Strategien und Maßnahmen 137
4.5 Potentialanalyse und Projekteinschätzung aus Sicht der beteiligten Akteure und Keyplayer 141
4.5.1 Befragung von Fußwallfahrern nach Mariazell 142
4.5.2 Befragung von Pfarrern, Ordensleuten und Wallfahrtsleitern 151
4.5.3 Befragung von Beherbergungsbetrieben 155
4.5.4 Befragung von Reiseveranstaltern 158
4.5.5 SWOT-Analyse, DOs und DON´Ts, eigene Gedanken zum Projekt 160
5. Pilgertourismus als Impuls für eine nachhaltige Regionalentwicklung 167
5.1 Das Konzept der Nachhaltigkeit aus verschiedenen Perspektiven 167
5.1.1 Zu Bedeutung und Genese des Begriffs ‚Nachhaltigkeit' 167
5.1.2 Tourismus und Nachhaltigkeit 170
5.1.3 Regionalentwicklung und Nachhaltigkeit 173
5.1.4 Tourismus als Element nachhaltiger Regionalentwicklung 175
5.1.5 Religion und Nachhaltigkeit 177
5.2 Regionale Identität 180
5.2.1 Der Versuch einer Begriffsbestimmung 180
5.2.2 Region + Identität = Heimat? 182
5.2.3 Regionale Identität in der Regionalentwicklung 182
5.3 Resümee und Zusammenfassung: Sind Pilgerwege grundsätzlich ein brauchbares Instrument zur nachhaltigen Regionalentwicklung? 184
Anhang 189
Interviewleitfäden zum Projekt ‚VIA SACRA' 189
Gesprächsleitfaden für die Befragung von Fußwallfahrern 189
Gesprächsleitfaden für die Befragung von Pfarrern und Wallfahrtsleitern 191
Gesprächsleitfaden für die Befragung von Beherbergungsbetrieben 192
Gesprächsleitfaden für die Befragung von in das Projekt involvierten Experten 193
Befragte Experten und Betriebe 194
Gesprächspartner Experteninterviews 194
Gesprächspartner Kirchenvertreter und Wallfahrtsleiter 194
Gesprächspartner Beherbergungsbetriebe 195
Befragte Beherbergungsbetriebe (Befragung durch Fa. G&L Werbe und Verlags GmbH) 196
Befragte Reiseveranstalter (Befragung durch Fa. G&L Werbe und Verlags GmbH) 196
Pressespiegel Via Sacra 198
Literaturverzeichnis 203
Bücher 203
Buch- / Zeitschriftenartikel und sonstige Printmedien 207
Online-Dokumente 210

Textprobe:

Kapitel 2.4.3.2, Pilgern in der Postmoderne:

‘Nachdem die großen, welterklärenden Erzählungen, wie beispielsweise die sozialistische Doktrin oder auch verbindliche Glaubensnormen, ihre Gültigkeit verloren zu haben scheinen, findet sich der postmoderne Mensch in einer Gesellschaft vor, in der alle Lebensanschauungen gleiche Gültigkeit haben; (..) (und) kein Rekurs mehr auf die großen Erzählungen möglich ist, denn das Individuum zweifelt an der Gültigkeit der Metaerzählungen. Dort also, wo die Sicht auf das ganze aufhört und radikale Pluralität um sich greift, beginnt die Postmoderne.’ Wenn die sog. Postmoderne gekennzeichnet ist durch Pluralität, Mobilität, Flexibilität, Individualismus und Multioptionalität, so bedeutet dies einen radikalen Bedeutungsverlust traditioneller Institutionen (wie Kirche und Staat), Werte und Normen für jeden einzelnen. An deren Stelle treten Subkulturen (die sog. tribe-culture) mit jeweils eigenen, in sich stringenten Weltanschauungen mit dem Charakter einer Ersatzreligion. Dies kann eine Firmenphilosophie sein, eine bestimmte Jugendkultur mit ihren Codes und Werten, eine fundamentalistische religiöse Gruppierung oder eine Antiglobalisierungsbewegung. Sie füllen das entstandene Vakuum mit Sinn, Werten, Normen und Helden; sie bilden einen neuen Rahmen, in dem sich die Welt in ihrer Unüberschaubarkeit plötzlich klar und übersichtlich darstellt: ‘Dort, wo der Mensch immer mehr den Überblick über sein Leben verliert, wo sich die Individualisierung als Vereinsamung erweist und wo er nicht mehr mit der Hochgeschwindigkeit der ihn umgebenden Realität mithalten kann, sucht er nach einem sinnstiftenden System’.

Dabei kann dieses sinnstiftende System auf etwas ursprünglich profanes übergehen (‘Weihe des Profanen’), transponiert werden. Gleichzeitig ist der Wandel von der ‚Traditionsgesellschaft’ zur ‚Optionsgesellschaft’ mit einem ‚Optionsstress’ verbunden. Nach der Individualisierung bleiben viele im wahrsten Sinne des Wortes auf sich allein gestellt und suchen deshalb Anschluss in einer Gemeinschaft. Jedoch bietet der Pluralismus der heutigen Zeit derart viele Handlungsoptionen, dass die Hauptschwierigkeit der Individuen darin besteht, sich für eine zu entscheiden. Diesem Entscheidungszwang folgt ein Begründungszwang. Hat sich der Einzelne auf eine Option eingelassen, sucht er sogleich nach einer Bestätigung um diese zu rechtfertigen. Hinter all dem stehen eine Vergewisserungssehnsucht und die Frage nach einem tieferen Sinn.

Woher komme ich? Wovor fliehe ich? Welche Richtung nimmt mein Lauf? Was oder wer wartet am Ziel auf mich? Die Frage nach dem Sinn, der ständige ‚Optionsstress’, der Zwang zu Flexibilität, Mobilität und Geschwindigkeit sowie der Verlust universell gültiger Deutungsrahmen führen uns zum Pilgern. Die Einfachheit, die Langsamkeit und die Einsamkeit üben in einer materiell übersättigten Welt eine starke Anziehung aus. Der Pilger, der auf dem Rücken das trägt, was er tragen kann und will, wird durch die Reduktion ‘beschenkt’. Aus rasanten Zeitabläufen und einengenden Terminplänen bricht der Pilger auf und macht sich zu Fuß auf den Weg. Für die Dauer von Tagen und Wochen begibt sich der Pilger in eine Auszeit, in der er nicht produzieren muss: keine Worte, keine Projekte, keine Leistung.

Materielle Übersättigung, Sich-Getrieben-Fühlen durch Geschwindigkeit (‘wir wissen zwar nicht wohin, dafür sind wir schneller dort’), Leistung (‘Ich-AG’), Multioptionalität und die Sinnleere des Materialismus (‘wer Visionen hat, braucht einen Arzt’ – berühmter Ausspruch von Ex-Bundeskanzler Franz Vranitzky) führen also auf der anderen Seite zu einer Sehnsucht nach Einfachheit, Überschaubarkeit, Langsamkeit; kurzum einer ‘Auszeit von der Postmoderne’. Man könnte sagen: Willkommen beim Pilgern.

Gleichzeitig bedeutet das allerdings eine radikale Abkehr von den historisch-religiösen Motiven für eine Pilgerschaft. Im Vordergrund steht nicht die Bitte um Vergebung, der Dank für widerfahrenes Glück, die Huldigung eines Votivbilds oder die Anrufung der Gottesmutter Maria, sondern die Suche nach einem oft abstrahierten Gott (‘etwas höherem’), dem eigenen Ich, dem Weg zur geistigen Öffnung und Weiterentwicklung, nach dem Transzendenten.

Flow-Erlebnis und Authentizität:

‘Flow’ und ‘Authentizität’ sind zwei populäre Begriffe in der Tourismusforschung, die ich beim Pilgern in besonderem Maße verorte. Der Begriff des ‘Flow’ (oder Negentropie) geht auf den Psychologen Mihaly CSIKSZENTMIHALYI zurück, der in einer Studie von 200 Tiefeninterviews die Motivation von sog. autotelischen (auto: selbst; telis: Ziel) Tätigkeiten untersuchte. Die Probanden führten diese Aktivitäten scheinbar um ihrer selbst Willen durch; ohne besondere Belohung durch außen, wie Geld oder Ansehen: Kletterer, Basketballer, Schachspieler, Chirurgen, Komponisten, Tänzer usw. Das Ergebnis war die Formulierung der Flow-Theorie, eines Modells der Freude am Tun.

Im Zustand des Flows stehen alle Inhalte des Bewusstseins zueinander und zu den Zielen, die das Selbst der Person definieren, in Harmonie. Der Handelnde ist bei dieser genussbringenden Tätigkeit stark konzentriert, geht völlig auf in seinem Tun. Banale Sorgen und Probleme werden vergessen, das Zeitgefühl verschwindet oder verändert sich. Denken und Tun verschmelzen zu einer Einheit, man befindet sich in einem Gleichgewicht zwischen Anforderung und Können. Man taucht gewissermaßen ein in den Handlungsprozess, die Handlung ist ‘im Fluss’. In diesem Zustand vergisst der Ausführende sich selbst und seine Umwelt im Tun.

Dieses völlige Aufgehen im Tun kann zur Erfahrung von Transzendenz führen. Man erlebt Momente der Erfüllung und des höchsten Glücks. Religiöse, metaphysische und ekstatische Gefühle überwältigen den Handelnden. Das kann für einen passionierten Bergsteiger das Erreichen des Gipfels, für einen Kletterer der gelungene Durchstieg einer schwierigen Passage, oder für einen Pilger das Ankommen am Ziel sein.

Flow ist nur im Gleichgewichtszustand zwischen Anforderung und Können möglich. Zu den typischen Flow-Tätigkeiten zählen Sport und Spiel, die Entdeckung von Neuem und die Bewegung als solche, sofern sie durch einen selbst kontrolliert und ausgeführt wird. Auch beim Pilgern zu Fuß oder mit dem Fahrrad befindet sich die Bewegung im Fluss, und wird von einem selbst kontrolliert und ausgeführt. Das gemächliche Durchschreiten unterschiedlicher Landschaften kann die Gedanken bündeln und im aktuellen Tun vereinen, man gerät in einen Flowzustand.

Authentizität meint im Allgemeinen die Echtheit von Erfahrungen und Erlebnissen. Der Soziologe Erving GOFFMAN benutzte ihn in seiner 1959 publizierten Untersuchung zur Eindruckssteuerung in alltäglichen Interaktionen zwischen Menschen. Dabei unterscheidet er zwischen ‘Vorderbühne’ und ‘Hinterbühne’: Während der Darsteller bemüht ist, seinem Publikum einen authentischen Eindruck zu vermitteln, achtet er gleichzeitig darauf, dass die Hinterbühne dem Adressaten verborgen bleibt. Dieser hingegen ist stets bemüht, die Präsentation auf der Vorderbühne auf ihre Echtheit zu überprüfen und einen Blick hinter die Fassaden zu erhaschen.

Dean MacCANNEL übertrug dieses Konzept auf den Tourismus. Der Tourist ist demnach auf den besuchten Orten und Sehenswürdigkeiten, bei den mitgebrachten Souvenirs, den dargebotenen Tänzen sowie der Lebensweise der ansässigen Bevölkerung (und damit auch während der Interaktion zwischen Bevölkerung und Touristen) von einem unstillbaren Verlangen nach Authentizität getrieben. Die Suche des Touristen nach authentischen Erfahrungen vergleicht MacCANNEL mit dem nach Erlösung suchenden Pilger und sieht den Tourismus gleichsam als modernes Equivalent der Pilgerfahrt. Die Analogien sieht er in der Bewegung von einer Bühne zur nächsten, innerhalb derer drei Übergangsriten vollzogen werden: Erstens die Trennung von der gewohnten Umgebung und dem sozialen Umfeld, zweitens die Situation der Antistruktur mit einem veränderten Raum und Zeitempfinden, in dem das Besondere / Übernatürliche erwartet wird, und drittens die Rückkehr und Wiedereingliederung in die Herkunftsgruppe, jedoch auf einem höheren sozialen Status.

Arbeit zitieren:
Reithofer, Andreas Februar 2008: Pilgertourismus an der Via Sacra, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Pilger, Tourismus, Via Sacra, Wallfahrt, Regionalentwicklung

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