Kinderarmut in Deutschland
Ein Puzzelteil der Sozialen Frage des 21. Jahrhunderts
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Felicitas Vogt
- Abgabedatum: Juni 2008
- Umfang: 118 Seiten
- Dateigröße: 494,4 KB
- Note: 1,2
- Institution / Hochschule: Berufsakademie Heidenheim Deutschland
- Bibliografie: ca. 90
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1940-0
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Vogt, Felicitas Juni 2008: Kinderarmut in Deutschland, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Einkommens- und Vermögensverteilung, Armutsquoten, Berechnungsansätze, Soziale Ungleichheit, Lebenslagenansatz zur Armutsprävention
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Diplomarbeit von Felicitas Vogt
Einleitung:
Kinderarmut - Dabei kommen uns Bilder von halb verhungerten, farbigen Kindern aus Äthiopien mit aufgeblähten Bäuchen in den Sinn, oder von koreanischen Mädchen, die mit 10 Jahren schon zu alt sind für die Produktion von Barbie-Kleidern, weil ihre Hände zu groß geworden sind, um die winzigen Teile zu nähen. Sie saßen seit ihrem 5. Lebensjahr dicht gedrängt an Mininähmaschinen, um ihren Familien das Überleben zu sichern. Nun sind sie wertlos und leben häufig von der Prostitution. Oder wir erinnern uns an den letzten Familienurlaub in Marokko, an die vielen bettelnden Kinder auf den Straßen der Städte. Aber an Deutschlands Kinder denken wir eher nicht. Die finden wir höchstens mit Alkopops auf den Straßen, aber betteln tun sie selten, höchstens bei ihren Eltern. Denn das Konsumpotential deutscher Kinder ist enorm: Allein die direkte Kaufkraft von Kindern zwischen 7 und 14 Jahren lag zu Beginn des 21. Jahrhunderts bei rund 5,88 Milliarden Euro jährlich.
Man reagiert auf die Inkompatibilität dieser Vorstellungen meist entweder mit einem Dementi, dass es Armut bei uns gar nicht gäbe, oder mit einer ‚radikalen Relativierung’, dass nämlich die eine Armut mit der anderen nichts zu tun habe. Bei genauerem Hinsehen wird aber deutlich, dass es, trotz unterschiedlich gravierender Ausprägungsformen gemeinsame Hintergründe und Mechanismen sind, die soziale Ungleichheit und Armut global verursachen. Denn es ist durchaus auch in Deutschland nicht so, dass soziale Ungleichheit nur ein Resultat aus Leistungsdifferenzen ist, die deshalb gerecht ist, weil für die Einzelnen qua Bildungssystem Chancengleichheit hergestellt wird. Auch versagen die Klassentheorien zur Erklärung der ‚neuen Armut’ gänzlich, da das Phänomen Armut sich durch unvorhergesehene Brüche in vielen Biographien nicht mehr nur auf bestimmte Gesellschaftsteile beschränkt. Die mannigfachen Veröffentlichungen und Studien über Kinderarmut in Deutschland tragen einem Legitimationsbedürfnis der politisch Verantwortlichen Rechnung und zeugen aber, entsprechend der Intention der Fragestellung, von der Systemblindheit der Forschenden.
Der Armutsdiskurs sei ‚überwiegend von begrifflichem Wildwuchs gekennzeichnet’, konstatiert Berthold Dietz. Einig sind sich alle Autoren und Autorinnen lediglich über die Tatsache der immer weiter auseinander driftenden Lebensmöglichkeiten deutscher Kinder. Dass sich die Armut aber nicht nur infantilisiert, sondern auch feminisiert hat, wird weniger häufig herausgestellt, obwohl dies in OECD-Länder übergreifenden Studien bewiesen wurde.
Das Hamburger Institut für Freizeitforschung, berichten Christopph Butterwegge und Michael Klundt, befragte Jugendliche, und fand heraus, dass jede/r 5. glaubt, zu viel Geld auszugeben, und manchmal ‚wie im Rausch’ zu kaufen. Die Autoren konstatieren weiter, dass die soziale Polarisierung in diesen Darstellungen meist nicht zu Wort kommt. Dabei wachsen von den 14,9 Millionen Kindern in Deutschland ca. 1,5 Millionen in relativer Armut auf. Kinder weisen mit einer Sozialhilfequote (2003) von 7,2% einen doppelt so hohen Hilfebedarf aus, als die Gesamtbevölkerung.
Immer mehr Studien über Kinderarmut (Beispielsweise die AWO-ISS oder der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Auch die UNICEF und die OECD stellen laufend europäische und weltweite Zahlen zur Verfügung) stellen diese zunehmende Polarisierung zwischen den Gesellschaftsschichten fest, die sich nicht nur in der Einkommensverteilung zeigt, sondern zunehmend auch Bildungsbarrieren bildet, das Gesundheitssystem in Frage stellt (kann man sich noch einen Zahnersatz leisten?), und eine Beschulung im Hauptschulbereich vielerorts zum Survivaltraining für Lehrer und Lehrerinnen werden lässt.
Im Herbst dieses Jahres will die Bundesregierung, so Regierungssprecher Ulrich Wilhelm, eine weitere Studie veröffentlichen, den „Existenzminimum-Bericht“. Gleichzeitig erleichtern Steuersenkungen und Lohnerhöhungen vor allem die Spitzeneinkommen, und die größte Abgabenlast haben, nach neuesten europäischen Vergleichen der OECD, in Deutschland allein Erziehende mit mehreren Kindern. Während über geringe Kindergelderhöhungen gestritten wird und Schulspeisungen aus Kostengründen abgelehnt werden, ist aus der Presse zu vernehmen, dass Landtagsdiäten und Renten 2008 außerplanmäßig erhöht werden.
Stellt sich tatsächlich eine ‚Neue Soziale Frage’ nach Gerechtigkeit zu Beginn des dritten Jahrtausends? Ist sie denn jemals abschließend beantwortet worden? Galten früher zur klassischen Armenpopulation Obdachlose, Behinderte, arme Alte (Frauen) und (immer schon) allein Erziehende, so betrifft die „neue Armut“ nun Jugendliche, Kinder, Frauen und allein Erziehende, sowie Migrant(inn)en und Langzeitarbeitslose. Wobei die Risikofaktoren häufig kumulieren.
Was ist denn nun mit der Kinderarmut? Geht sie paradoxerweise Hand in Hand mir Kinderreichtum? Sind die Kinder die Ärmsten? Oder sind auch die Erwachsenen arm, die reich an Kindern sind? Sind die Kinder etwa nur politische Symptomträger für ein tiefer liegendes Geschehen?
Diesen Fragen will sich die vorliegende Arbeit widmen und Handlungsmöglichkeiten für die Soziale Arbeit entwickeln und untersuchen.
Inhaltsverzeichnis:
| EINLEITUNG | 7 | |
| TEIL A: EINGRENZUNG UND DARSTELLUNG | 10 | |
| 1. | ARMUT IN DEUTSCHLAND | 10 |
| 1.1 | Armut und Kindheit im historischen Kontext | 10 |
| 1.1.1 | Vom Mittelalter bis in die Neuzeit | 10 |
| 1.1.2 | Die ‘Soziale Frage’ um die Wende zum 20. Jahrhundert | 12 |
| 1.1.3 | Wirtschaftswunder und Wohlfahrtsstaat | 14 |
| 1.2 | Reichtum und Armut im modernen Deutschland | 15 |
| 1.2.1 | Bevölkerung Deutschlands im Überblick | 15 |
| 1.2.2 | Vermögensverteilung in Deutschland | 16 |
| 1.2.3 | Einkommen und Einkommensverteilung | 17 |
| 1.3 | Armut in Zahlen | 18 |
| 1.3.1 | Definition Armut | 18 |
| 1.3.2 | Arme Kinder: Zahlen und Fakten in kritischer Betrachtung | 21 |
| 1.3.2.1 | Das Haushaltsnettoeinkommen | 21 |
| 1.3.2.2 | Armutsquoten | 22 |
| 1.3.2.3 | Armutsquote Bezug nehmend auf Trennung/Scheidung | 25 |
| 1.3.2.4 | Beschäftigungsumfang von Frauen | 26 |
| 1.3.3 | Operationalisierung | 26 |
| 1.3.3.1 | Der Ressourcenansatz | 27 |
| 1.3.3.2 | Der Lebenslagenansatz | 27 |
| 2. | ARME IN DEUTSCHLAND | 29 |
| 2.1 | Familien mit Migrationshintergrund | 29 |
| 2.2 | Langzeitarbeitslose | 30 |
| 2.3 | Allein Erziehende | 31 |
| 2.3.1 | Allein Erziehende im historischen Rückblick | 32 |
| 2.3.2 | Begriffsdefinition | 35 |
| 2.3.3 | Ursachen moderner Ein-Eltern-Familien | 37 |
| 2.3.3.1 | Die bewusst geplante ‘unbemannte’ Mutterschaft | 37 |
| 2.3.3.2 | Aktive Trennung und Scheidung | 37 |
| 2.3.3.3 | Passiv erlittene Trennung und Scheidung/ Verwitwung | 37 |
| 2.3.4 | Einkommenssituation allein Erziehender | 37 |
| 2.3.5 | Wie sehen allein Erziehende ihre Lebenssituation? | 39 |
| 2.3.5.1 | Empfundene Nachteile | 39 |
| 2.3.5.2 | Empfundene Vorteile | 40 |
| 2.3.6 | Problemstellungen und Zusammenhänge mit Armutsrisiken | 40 |
| 3. | ARMUTSPRÄVENTION DURCH SICHERUNGSSYSTEME | 42 |
| 3.1 | Private Sicherungssysteme | 42 |
| 3.1.1 | Das Unterhaltsrecht | 42 |
| 3.1.1.1 | Kindesunterhalt | 42 |
| 3.1.1.2 | Ehegattenunterhalt. | 42 |
| 3.2 | Staatliche Transferleistungen | 45 |
| 3.2.1 | Gesamtvolumen | 45 |
| 3.2.2 | Die wesentlichsten staatlichen Leistungen ohne Bedarfsprüfung | 48 |
| 3.2.2.1 | Ehegattensplitting | 48 |
| 3.2.2.2 | Kindergeld | 48 |
| 3.2.2.3 | Unterhaltsvorschuss | 48 |
| 3.2.2.4 | Steuerliche Vergünstigungen | 49 |
| 3.2.2.5 | Bildungs- und Lernmittelfreiheit, Erziehungshilfen | 49 |
| 3.2.2.6 | Beratungsangebote | 50 |
| 3.2.2.7 | Familienmitversicherungen | 50 |
| 3.2.2.8 | Rentenansprüche | 50 |
| 3.2.2.9 | Das Elterngeld | 51 |
| 3.2.3 | Einkommensabhängige und an eine Bedarfsprüfung gekoppelte Leistungen | 51 |
| 3.2.3.1 | Kinderzuschlag | 51 |
| 3.2.3.2 | Wohngeld | 52 |
| 3.2.3.3 | Berufsausbildungsförderung | 52 |
| 3.2.3.4 | Sonstige | 52 |
| 3.2.3.5 | Arbeitslosengeld II | 52 |
| 3.3 | Folgen der ‘Fremdfinanzierung’ | 53 |
| TEIL B | ANALYSEN UND HANDLUNGSOPTIONEN | 55 |
| 4. | ARMUT DURCH SOZIALE UNGLEICHHEIT | 55 |
| 4.1 | Erklärungsansätze | 55 |
| 4.1.1 | Klassische Gesellschaftstheorien | 55 |
| 4.1.2 | Exklusion | 56 |
| 4.1.3 | Geschlechtsspezifische Schließungsprozesse | 58 |
| 4.1.4 | Ökonomisch-theoretische Ausblendungsprozesse | 58 |
| 4.1.5 | Strukturblindheit | 59 |
| 4.2 | Folgerungen | 59 |
| 5. | SOZIALE UNGLEICHHEIT DURCH ARMUT | 63 |
| 5.1 | Deprivation als Auslöser antisozialer Tendenzen | 63 |
| 5.2 | Von Armut verursachte Ausgrenzungsprozesse | 64 |
| 6. | HANDLUNGSKONZEPTE ZUR ARMUTSBEWÄLTIGUNG | 66 |
| 6.1 | Relative Deprivation als konzeptioneller, theoretischer Ansatz | 66 |
| 6.2 | Der Lebenslagenansatz | 67 |
| 6.2.1 | Theoretische Vorüberlegungen | 67 |
| 6.2.2 | Der Lebenslagenansatz konkret | 70 |
| 6.2.2.1 | Dimension Bildung | 70 |
| 6.2.2.1.1 | Ursachen für Bildungsarmut | 71 |
| 6.2.2.1.2 | Folgen von schlechter Schul- und Ausbildung | 73 |
| 6.2.2.2 | Dimension Wohnen: Wohnraum und Wohngegend | 74 |
| 6.2.2.3 | Dimension Gesundheit | 75 |
| 6.2.2.4 | Dimension Beziehungen | 77 |
| 6.2.2.5 | Dimension Alltagskompetenz | 77 |
| 6.2.2.6 | Dimension Freizeit und soziokulturelle Teilhabe | 79 |
| 6.2.3 | Der Lebenslagenansatz in der diagnostischen Anwendung | 79 |
| 6.2.4 | Der Lebenslagenansatz in der praktischen Durchführung | 82 |
| 6.2.4.1 | Methodik | 82 |
| 6.2.4.2 | Auswertung | 83 |
| 6.3 | Der Beratungsansatz | 86 |
| 6.3.1 | Lebenslagenoptimierung durch Beratung | 87 |
| 6.3.1.1 | Beratungsmöglichkeiten in verschiedenen Lebenslagen | 87 |
| 6.3.1.2 | Sozialberatung | 88 |
| 6.3.1.2.1 | Expertinneninterview | 88 |
| 6.3.1.3 | Beratung des Jugendamtes nach §17 SGB VIII | 89 |
| 6.3.1.4 | Beratungsanspruch nach §18 SGB VIII | 89 |
| 6.3.2 | Einschätzung der Angebote | 90 |
| 6.4 | Effektive Armutsprävention durch ausgeweitete Beratung | 90 |
| 6.4.1 | Vorraussetzungen für die Ausweitung von Beratungsangeboten | 92 |
| 6.5 | Armutsprävention durch verpflichtende Beratung bei Trennung/Scheidung | 93 |
| 7. | RAHMENBEDINGUNGEN ZUR ARMUTSVERHINDERUNG VON FRAUEN UND KINDERN | 97 |
| 7.1 | Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder | 97 |
| 7.1.1 | Bestandsaufnahme | 97 |
| 7.1.2 | Kritik am derzeitigen System | 98 |
| 7.1.3 | Folgen der Privatisierung von Bildung und Erziehung | 99 |
| 7.1.4 | Hindernisse auf dem Weg zur Ganztagesbetreuung und -beschulung | 100 |
| 7.2 | Gesetzliche Rahmenbedingungen | 100 |
| 7.2.1 | Steuerliche Aspekte | 100 |
| 7.2.2 | Rentenrechtliche Aspekte | 101 |
| 7.2.3 | Arbeitsbezogene Aspekte | 103 |
| TEIL C | SCHLUSSBETRACHTUNGEN | 106 |
| 8. | FAZIT: EIN PUZZLETEIL IM GESELLSCHAFTSBILD | 106 |
| 9. | BEDEUTUNG FÜR DIE SOZIALE ARBEIT | 108 |
| LITERATURVERZEICHNIS | 112 |
Textprobe:
Kapitel 5., Soziale Ungleichheit durch Armut:
Einkommensarmut allein müsste, bei geeigneten Copingstrategien der Betroffenen, die Soziale Arbeit nicht unbedingt auf den Plan rufen. Leider ist es aber vielmehr so, dass sowohl fehlgeleitetes Bewältigungshandeln, als auch Labeling und Ausgrenzungsprozesse auf politischer und gesellschaftlicher Ebene dafür sorgen, dass Armut vieldimensionale Problemfelder schafft und soziale Ungleichheit zementiert. Hierzu sollte ursprünglich der Faktor Armut bei der Entstehung von Kriminalität dargestellt und untersucht werden. Da es sich in der Realität aber so darstellt, dass Frauen sehr viel intensiver von Armut betroffen sind, sie aber lediglich 5% aller deutschen Gefängnisinsassen stellen, kann die Schlussfolgerung, Armut sei ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung von Kriminalität, nicht erfolgen. Statt dessen soll der verstärkende Einfluss geltend gemacht werden.
Deprivation als Auslöser antisozialer Tendenzen:
Gerade für Jugendliche ist es wichtig, ‘dazuzugehören’, mithalten zu können mit den anderen, mit dem, was in der Werbung als ‘hip’ und angesagt verkauft wird. Ellen Esen beschreibt, wie Armut Kinder stigmatisieren kann und sie ein ‘grenzüberwindendes Bedürfnis’ nach Teilhabe entwickeln können, egal, wie diese umgesetzt wird. Wenn nicht legal, dann illegal. Beweise der Teilhabe, wie protzige Handys oder Markenklamotten sind wichtig, um das angeschlagene, von der Armut und den teilweise deprivierten Lebensumständen angeschlagene Selbstwertgefühl aufzufüttern. Bei einer Kumulation mehrerer Stressoren ist das Einschlagen einer Risikokarriere zwar keine zwangsläufige Logik, aber sie erhöht die Wahrscheinlichkeit. So vergrößert die Segregation des Wohnraums armutsbetroffener Familien die Möglichkeit differenzieller Kontakte erheblich. Dies begründet sich auch in der abgeleiteten Identität der Jugendlichen von ihrem Wohnraum. Denn einerseits werden sie über ihre Adresse diskeditiert, andererseits findet auch eine psychosoziale Selbstwertregulation statt: sie isolieren sich im Wohnraum und sind gefährdeter für alle Arten abweichenden Verhaltens. Sie identifizieren sich mit ihrem ‘Terrain’, weil sie außerhalb keine Chance haben. Gewalt wird ein probates Mittel, es zu verteidigen.
Kriminalitätsähnliche Subkulturen gibt es mittlerweile auch in bundesdeutschen Großstädten. Die problematische Verdichtung von Misserfolgen in der Schule, Arbeitslosigkeit und schlechten Wohnquartieren schafft ein großes Potenzial der aggressiven Konfliktlösung.
Die Bewältigung anomischer Lebenssituationen wie Armut im Wohlstand oder die eines nicht funktionierenden ‘binuklearen Familiensystems’ kann auf ganz verschiedene Weise stattfinden. Die Resilienzforschung sucht seit langem nach Gründen, warum ein Mensch eine solch schwierige Situation als Herausforderung sehen und erfolgreich zum Wachstum benutzen kann, und ein anderer an einer ähnlichen scheitert.
Anomische Familienstrukturen, so konstatiert jedenfalls Lothar Böhnisch, überfordern Kinder und Jugendliche und verstärken antisoziale Abspaltungen. Dies betrifft besonders auch Lebensphasen der Trennung und Scheidung, des Familienzerfalls und der Neuorientierung unter verschlechterten Bedingungen. Etikettierungen und Stigmatisierungen treffen hier auf fruchtbaren Boden. Das angeschlagene Selbst der Jugendlichen, das anfällig für Zuschreibungen ist und nach Identifikation sucht, ist diesen Prozessen ausgeliefert, da es Stabilität erst noch gewinnen müsste. Wird eine Teilhabe an gesellschaftlichen Strukturen weiterhin durch Armut erschwert, verstärken sich die Wirkungen.
Von Armut verursachte Ausgrenzungsprozesse:
Armut und Deprivation sind nicht nur Folgen von sozialen Ungleichheiten, sondern können auch ihre Ursachen bilden.
Arme Kinder sind solange in ihrer Peergroup integriert, wie sie nicht unangenehm auffallen. Fehlt ihnen das Geld für Kino und MacDonalds, werden sie halt nicht mehr mitgenommen. Können sie sich die Klassenfahrt nicht leisten, werden sie ausgeschlossen. Laufen sie in abgetragenen Kleidern, sind sie ihren Kumpeln peinlich.
Aber auch Eltern, respektive Mütter, die durch die vielfache Belastung ihres Alltags nicht an wichtigen Netzwerken mitwirken können, erfahren soziale Ausgrenzung, werden ‘ungleich’ behandelt. Sie werden nicht in soziale Gremien gewählt, haben weniger Gestaltungsmöglichkeiten und soziale Bestätigung.
Menschen, die mit einem Regelsatz des SGB II auskommen müssen und zusätzlich noch Kinder erziehen, die häufig sehr viel mehr Geld benötigen als 70% des Regelsatzes, können sich so gut wie keine Mobilität, wie Auto oder Zugfahrten, leisten. Dadurch sind sie in ihrem Erleben und in der Art und Weise, sich ihre Welt zu Eigen zu machen, sehr eingeschränkt. Das hat großen Einfluss auf die Umweltbezüglichkeit von Kindern und Jugendlichen.
Viele Dinge des täglichen Lebens werden erschwert: Von Einkäufen in außerhalb gelegenen, billigeren Discountern bis hin zur Notwendigkeit, viele, teure Bewerbungen schreiben zu müssen, dafür aber nur eine minimale Förderung des Arbeitsamtes zu erhalten, statt der Möglichkeit, die Schriftstücke eventuell dort herstellen und versenden zu können.
Armut grenzt auf vielfältige Weise aus. Und Ausgrenzung macht arm. Wie diesem Kreislauf begegnet werden kann, damit beschäftigt sich das nächste Kapitel.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836619400
Arbeit zitieren:
Vogt, Felicitas Juni 2008: Kinderarmut in Deutschland, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Einkommens- und Vermögensverteilung, Armutsquoten, Berechnungsansätze, Soziale Ungleichheit, Lebenslagenansatz zur Armutsprävention




