Der Tod - Ein ungelöstes Problem des Menschen
- Art: Dissertation / Doktorarbeit
- Autor: Gerhard Grubeck
- Abgabedatum: Juli 1989
- Umfang: 218 Seiten
- Dateigröße: 716,1 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Universität Wien Österreich
- Bibliografie: ca. 55
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1195-4
- ISBN (CD) :978-3-8366-1195-4 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Grubeck, Gerhard Juli 1989: Der Tod - Ein ungelöstes Problem des Menschen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Tod, Sterben, Selbstmord, Philosophie, Religion
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Dissertation / Doktorarbeit von Gerhard Grubeck
Einleitung:
Probleme, also schwierige, ungelöste Fragen oder Aufgaben sind es, die den Menschen seit jeher anspornen, antreiben, diese zu bewältigen. Problem, aus griech. problema „Vorsprung, Klippe, Hindernis, Bollwerk“, übertragen „Streitfrage, zweifelhafte Frage“, eigentlich „das Vorgelegte, Hervorragende“, zu proballein „vorwärts werfen, hinwerfen, entgegenstellen“, aus pro „vorn, voran, voraus, vorwärts“ und ballein „werfen“; so erklärt Krauss Etymologisches Wörterbuch diesen Begriff, der uns täglich begegnet.
In unserem Leben, in unserem menschlichen Dasein sind wir ungefragt dem Phänomen Problem unausweichlich ausgeliefert. Mit den ersten Gedanken, die das kleine menschliche Hirn produziert, tauchen unwillkürlich Fragen auf, die sich alsbald als Probleme des jeweiligen Individuums herausstellen. Mit Fragen produzieren wir Probleme, die nach Antworten verlangen. Finden wir diese nicht, sind wir zutiefst unzufrieden, unbefriedigt, verunsichert und frustriert. Wir gewöhnen uns im alltäglichen Leben, daraus zu lernen, Probleme zu lösen bzw. von anderen lösen zu lassen. „Probleme sind dazu da, um gelöst zu werden“, ist ein bekanntes Sprichwort, das man immer dann zu hören bekommt, wenn man vor schwierigen Situationen steht. Probleme sind Erscheinungen, Erlebnisse oder Reflexionen im menschlichen Leben, im Dasein. Dasein impliziert das Konfrontiert-Sein mit Problemen. Ergo ergibt sich daraus der Schluss, Probleme gibt es nur solange jemand da ist, d.h. am Leben ist. Eigentlich gibt es nur persönliche, individuelle Probleme, die jemeinig eine und nur diese eine Person tangieren und treffen. Allgemeine Probleme sind nichts anderes als ein Konglomerat von vielen, individuellen.
Zeit unseres Lebens stehen wir nach und nach vor Problemen, die wir meistern oder die uns scheitern lassen. Wir lernen uns selbst und von anderen Problemlösungen, die wir immer wieder anwenden. Pawlows Hunde und die Skinner–Box sind Beweise hierfür aus der Psychologie, wie man andere oder sich selbst konditionieren kann, für bestimmte Aufgaben bestimmte erfolg versprechende Aktionen zu setzen, um ein Hindernis zu überwinden. Wir lernen im trial und error (Versuch und Irrtum) – System Probleme zu bewältigen. Lernen ist die Grundlage schlechthin, sich Hindernissen und Aufgaben bewusst zu werden und diese aus dem Weg zu räumen bzw. zu lösen. „Für jedes Problem gibt es eine Lösung“, hören wir gerne unsere Lehrer dozieren. Nun, das mag für das Leben, das Dasein gelten, aber es gilt auch für Probleme, die außerhalb dessen sich befinden. Und sind das überhaupt Probleme? Ist die Frage nach der individuellen Zeit, oder dem Noch–nicht–Dasein vor der Geburt ein Problem? Ist die Frage nach dem Tod, nach dem, ob es etwas und was es danach gibt, nach dem so genannten irdischen Dasein, ein Problem? Und wenn es eines ist, können wir es lösen? Können wir es mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln als Noch-Lebende rational, ohne kosmischem Bewusstsein, esoterischem Wissen oder Okkultismus lösen? Oder ist diese so existentielle Frage des Menschen unlösbar? Können wir vielleicht diese Frage nach dem „Danach“ auch erst „danach“ beantworten? Gibt es also ein Problem, das nicht im Dasein sondern erst im „Nicht-mehr-Dasein“ zu lösen ist? Und muss dieses überhaupt gelöst werden? Diesen und ähnlichen Fragen versucht der Autor dieser Arbeit auf den Grund zu gehen, aufzuwerfen und so gut es geht zu beantworten.
„Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?“ fragte sich dereinst Immanuel Kant zu Königsberg und leitete davon eine vierte Frage ab: „Was ist der Mensch?“ Nun, ich versuche folgender philosophischer Frage nachzugehen: Was ist der Mensch, wenn er nicht mehr (Mensch) ist?
Der Tod ist wieder ‚modern’ geworden. Man braucht nur die zahlreichen Publikationen zu diesem Thema der einzelnen Verlage aus der jüngsten Vergangenheit zur Hand zu nehmen, um diese Behauptung bestätigt zu finden. Nach jahrzehntelanger Verdrängung scheint man sich wieder mit dem Phänomen zu beschäftigen, das uns alle einmal ausnahmslos, unbarmherzig und unsausweichlich tangiert und unsere hiesige personelle und individuelle Existenz vernichtet. Aber der Schein trügt. Mehr als je zuvor versucht unsere westliche, hoch entwickelte, diesseitsorientierte, moderne Zivilisation dieses leidige Thema auszusparen, zu verdrängen. Doch auch die konsequentesten Mittel der Verdrängung erweisen sich als untauglich zur Bewältigung unserer Ängste, die zumindest periodisch jeden Menschen überfallen. So ungefragt der Mensch auf diese Welt – egal ob man sie zur Realität oder bloßen Einbildung erklärt – gestellt wird, so wenig bleibt es seinem Willen überlassen, diese auch wieder zu verlassen. Weder der Rausch unseres schnelllebigen Alltags noch die Ignoranz können dieses Problem lösen. Aber, können wir überhaupt das Problem des Todes zufrieden stellend lösen? Jemeinig für sich lösen?
Hat man erst einmal den Entschluss gefasst, Reflexionen über dieses Phänomen anzustellen, wird einem unter Umständen dasselbe passieren, was mir persönlich immer wieder widerfuhr: Mit jedem Buch, jedem Film, jedem Vortrag zu diesem Thema erhebt sich die Erwartung, mehr über dieses Phänomen zu erfahren; dieses fällt jedoch nach der Konsumation jäh in sich zusammen und man fragt sich wieder: Wer kann einem schon mehr über den Tod und die Wahr- oder Unwahrscheinlichkeit seines Danach mit Gewissheit mitteilen? Deshalb muss auch diese Arbeit die Zeichen der Unvollendung tragen.
Jeder als Mitglied und Individuum der Gattung Mensch ist verurteilt dazu, früher oder später die Erfahrung des Sterbens und des Todes – falls man im „Tod-Sein“ noch erfahren kann – zu machen, wird aber diese, im Gegensatz zu allen anderen Erfahrungen, nicht mitteilen können. Dieser Schranken, dieser Ohnmacht bewusst werdend, flieht ein Großteil der menschlichen Gesellschaft in einen Zustand der Verdrängung. Oft wird noch in einzelnen Kapiteln dieser Arbeit darauf eingegangen werden.
Das Phänomen Tod, das jedem Menschen unzählige Male begegnet, ihn ein ganzes Leben lang verfolgt, ihn erst durch sich selbst „befreit“, ist nur greifbar und möglichst begreifbar durch höchste innere Aktivität; nicht durch Resignation oder gar durch Sentimentalität.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | EINLEITUNG: | 4 |
| A) | ANSTATT EINES VORWORTES: | 4 |
| B) | ALLGEMEINES: | 4 |
| 2. | GESCHICHTE DES TODES: | 10 |
| A) | ALLGEMEINER ÜBERBLICK: | 10 |
| B) | GESCHICHTE DES TODES ANHAND VON DOKUMENTEN: | 29 |
| 3. | DER TOD IN DER PHILOSOPHIE: | 77 |
| A) | „'GEDANKEN ÜBER TOD UND UNSTERBLICHKEIT' | 100 |
| 4. | SELBSTMORD - FREITOD: | 129 |
| A) | GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK: | 132 |
| B) | AMERY - RINGEL: FÜR UND WIDER DEN SELBSTMORD: | 142 |
| C) | MOODY'S ERFAHRUNGEN MIT SELBSTMÖRDERN: | 159 |
| 5. | TOD UND CHRISTENTUM: | 161 |
| A) | KARL RAHNER: SCHRIFTEN ZUR THEOLOGIE: | 162 |
| B) | EBERHARD JÜNGEL: TOD: | 166 |
| C) | GISBERT GRESHAKE: STÄRKER ALS DER TOD: | 175 |
| D) | JOSEF PIEPER: TOD UND UNSTERBLICHKEIT: | 181 |
| E) | RUDOLF FRIELING: CHRISTENTUM UND WIEDERVERKÖRPERUNG: | 189 |
| F) | CHANOIS JEAN MICHEL: DAS LEBEN, DER TOD, DIE TOTEN: | 192 |
| 6. | DER TOD IN (AN DIE PHILOSOPHIE) ANGRENZENDEN WISSENSCHAFTEN: | 195 |
| A) | WAS IST DER TOD? | 196 |
| B) | KOGNITION ÜBER DEN TOD BEI KINDERN: | 201 |
| C) | EUTHANASIE UND ETHIK: | 204 |
| D) | LEBEN VOR DEM LEBEN: | 208 |
| 7. | RESÜMEE: | 210 |
| 8. | SCHLUSS: | 216 |
| 9. | LITERATURVERZEICHNIS: | 218 |
Textprobe:
Kapitel 4, SELBSTMORD – FREITOD:
Es wurden hier als Überschrift absichtlich zwei verschiedene Termini für ein und dasselbe gewählt, um eventuell hier ansetzender Einwände den Wind aus den Segeln zu nehmen.
„Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie.“ Mit diesen Worten beginnt Albert Camus seinen „Mythos von Sisyphus – Ein Versuch über das Absurde“ und er setzt wenige Zeilen später fort: „…was man einen Grund zum Leben nennt, das ist gleichzeitig ein Grund zum Sterben.“ In der Einleitung des Buches „Der grausame Gott – Eine Studie über den Selbstmord“ von dem Engländer A. Alvarez liest man: „Keine Epoche war so lebens- und todessüchtig zugleich wie die unsrige, und nie wurden die Wurzeln der ‚Sympathie mit dem Tode’, wie Thomas Mann die Todessehnsucht nennt, so deutlich bloßgelegt wie von den Tiefenpsychologen, den Schriftstellern, den Philosophen unseres Jahrhunderts. Bis zu dessen Beginn war Selbstmord eine rare Ausnahme. Seit etwa fünfzig Jahren jedoch breitet sich das Selbstmordfieber fast epidemisch aus.
Vor allem der Prozentsatz an Künstlern, an sensiblen Schriftstellern, die ihr Leben selbst beenden, wächst seit einigen Generationen ständig. Selbstmord als Zeichen der Freiheit, als ‚Folge von Lebensüberdruss, als Erfüllung des sehnsüchtigen Wunsches nach dem Tode?
„Soziologen und Psychologen, die den Selbstmord als Krankheit definieren, setzen mich“, so schreibt Alvarez, „heute nicht weniger in Erstaunen als Katholiken und Moslems, die ihn als schwere Todsünde bezeichnen. Ich glaube, er steht ebenso sehr jenseits der Moralgesetze. Er ist eine schreckliche, aber völlig natürliche Reaktion auf die gespannten, drückenden, unnatürlichen Zwangslagen, in die wir uns manchmal selber hineinmanövrieren.“ Noch während des ganzen 19. Jahrhunderts hat man behauptet, dass alle Selbstmörder geisteskrank seien – diese Meinung wird übrigens heute noch von manchen Mediziner und Biologen vertreten. Damit aber überhaupt nicht einverstanden waren die Soziologen aus der Schule Durkheims (1858 - 1917). Der Autor des berühmt gewordenen Buches „Le suicide“ aus dem Jahre 1897 erklärt den Freitod durch „mangelnde Integration in das soziale Leben“. Und weiter sagt Durkheim: „Das Individuum hängt um so weniger an sich selbst, je mehr es nur von sich abhängt.“ Die Statistiken geben ihm recht, wenn sie beweisen und zeigen, dass Selbstmord häufiger bei Unverheirateten vorkommt als bei Verheirateten, bei Verheirateten ohne Kind eher als bei denen mit Kind, beim Atheisten eher als bei demjenigen, der eine Religion ausübt, beim Arbeitslosen eher als beim Arbeitenden, in der Stadt eher als auf dem Land, in Friedenszeiten eher als in Kriegszeiten usw.
Es gibt eine andere Erklärung für Selbstmord: Die Psychoanalytiker von Freud bis Lacan meinen, er ginge hervor aus „dem unbewussten Wunsch, in die intra-uterine Glückseligkeit zurückzukehren“. Es ist der Wunsch des Selbstmörders, sein fötales Leben wieder zu finden, von neuem im Fruchtwasser zu schwimmen, ohne gegen die unzähligen Schwierigkeiten des Lebens kämpfen zu müssen.
Jede aller Erklärungen gilt wahrscheinlich nur teilweise; aber mehrere philosophische Richtungen unterstützen ebenfalls die Entscheidung, sich umzubringen.
Nihilismus, Pessimismus, die Lehre vom Absurden entstammt der Idee, dass das Leben keinen Sinn habe, dass es also keinen Grund gebe, am Leben zu bleiben, wenn die Existenz als unerträglich empfunden wird.
Dies war auch die beherrschende Tendenz der Philosophie der letzten dreißig Jahre, insbesondere der französischen Existentialisten. Jacques Maritain veranschaulicht diese Auffassung treffend, wenn er meint: „Nichts ist leichter für eine Philosophie, als tragisch zu sein; sie muss sich nur der menschlichen Wichtigtuerei hingeben.“.
Eine ganz andere Meinung als die bisher angeführten vertritt der schon einmal zitierte Alvarez im Vorwort zu seinem Buch „Der grausame Gott“: „Ich biete keine Lösung an. Ich glaube auch nicht an die Möglichkeit von Lösungen, da der Selbstmord für verschiedene Menschen verschiedener Zeiten verschiedene Bedeutung hatte. (…) Statt Antworten anzubieten, habe ich hier versucht, zwei Vorurteilen zu begegnen. Das erste ist das höchst fromme Lied – zumeist wird es jetzt zwar von Leuten angestimmt, die sich zu keiner Kirche bekennen -, welches den Selbstmord als eine völlig indiskutable moralische Verfehlung oder Krankheit entsetzt zurückweist. Das zweite Vorurteil ist die augenblickliche wissenschaftliche Mode, die gerade dann, wenn sie den Selbstmord zum Gegenstand ernsthafter Forschung nimmt, ihm jede ernsthafte Bedeutung aberkennt, indem sie aus Verzweiflung dürre Statistik macht.“.
Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie und Schüler Freuds, schreibt in seinem Buch „Wozu leben wir?“ folgendes: „Der entschiedenste Ausdruck des Rückzugs vor Schwierigkeiten ist der Selbstmord. Hier gibt der Mensch angesichts der Lebensschwierigkeiten auf, drückt seine Überzeugung aus, dass er nichts tun kann, um seine Lage zu verbessern. Das Überlegenheitsstreben im Selbstmord kann man nur erkennen, wenn man sich klar macht, dass Selbstmord immer ein Vorwurf oder eine Rachehandlung ist. Bei jedem Selbstmörder gibt es jemanden, an dessen Tür er die Verantwortung für seinen Tod niederlegt. Es ist, als wolle er sagen: ‚Ich war der zart fühlendste und empfindsamste aller Menschen, und du hast mich mit der äußersten Unmenschlichkeit behandelt.’“ Geschichtlicher Überblick:
Antike: Im alten Griechenland zeichnete sich die Einstellung zum Problem des Selbstmordes durch sonderbare Kühle und Distanziertheit aus. Ein Selbstmord, der den Eindruck mutwilliger Missachtung der Götter machte, durfte nicht geduldet werden. Aus diesem Grund verwarfen die Pythagoreer den Selbstmord kurzerhand.
Für sie, wie später für die Christen, war das Leben selbst die uns von den Göttern auferlegte Disziplin. Im ‚Phaidon’ lässt Plato den Sokrates diese orphische Lehre wiederholen und gutheißen, ehe er den Schierlingsbecher trinkt.
Aristoteles argumentierte ähnlich, jedoch strenger; für ihn war Selbstmord ein ‚Unrecht gegen den Staat’, d.h. Selbstmord war ein Akt gesellschaftlicher Verantwortungslosigkeit. Platos Beweisführungen hingegen sind wesentlich subtiler. Sokrates’ sanfte Stimme der Vernunft verwirft den Selbstmord, doch lässt er den Tod gleichzeitig als etwas unendlich Begehrenswertes erscheinen. Plato deutete aber auch an, dass der Selbstmord eine vernünftige, berechtigte Handlung sei, wenn das Leben selbst maßlos werde; also qualvolles Siechtum oder unerträglicher Zwang seien Grund genug, es zu verlassen.
Hundert Jahre nach Sokrates’ Tod hatten die Stoiker den Selbstmord zum vernünftigsten und wünschenswertesten aller Auswege gemacht. Sie sowohl als auch die Epikureer behaupteten, Tod und Leben mit gleicher Gelassenheit zu betrachten.
Der klassische griechische Selbstmord wurde von gelassener, wenngleich übertriebener Vernünftigkeit diktiert. In Athen beispielsweise hatte der Magistrat einen ausreichenden Giftvorrat in Gewahrsam für alle, die sterben wollten. Verlangt wurde lediglich, dass man zunächst seinen Fall dem Senat vortrug und die offizielle Genehmigung einholte.
Die Vorschriften waren eindeutig: „Derjenige, der nicht länger leben will, soll seine Gründe vor dem Senat auseinandersetzen und Selbstmord begehen, wenn er die Genehmigung dazu erhalten hat. Wenn Dein Leben Dir verhasst ist, wirf es weg, wenn Dein Schicksal Dich erdrückt, trink den Schierlingsbecher. Wenn die Last der Schmerzen Dich beugt, verlass dieses Leben. Der Unglückliche soll von seinem Unglück berichten und der Magistrat ihm das Heilmittel geben, damit sein Elend ein Ende findet.“.
Die späte römische Stoa übernahm und entwickelte die Gedanken Platos. Die Beweisführung blieb im Wesentlichen dieselbe, die den Selbstmord rechtfertigenden Bedingungen aber wurden ins Innere des Menschen verlegt.
Mit anderen Worten, es war eine Errungenschaft der Griechen, den Selbstmord von allem primitiven Abscheu zu befreien und ihn darauf allmählich mehr oder weniger rational zu erörtern.
Die Römer hingegen umgaben ihn wieder mit Emotionen, wobei sie allerdings die Gefühle in ihr Gegenteil verkehrten. In ihren Augen war der Selbstmord nicht mehr moralisch schlecht, im Gegenteil, die Art und Weise des Abtretens wurde zu einer Erprobung von Vortrefflichkeit und Tugend.
Wie man bisher vielleicht schon sehen kann - aber in weiterer Folge sicherlich noch genauer erkennen wird -, wird der Selbstmord um so leichter toleriert, je kultivierter und rationaler eine Gesellschaft ist, je weiter sie sich von abergläubischen Befürchtungen entfernt.
Der Stoizismus der Römer scheint das beste Beispiel hiefür zu sein. Die Schriften der Stoiker sind voll von Aufforderungen zum Selbstmord, und alle diese Aufforderungen sind mehr oder weniger elegante Ausschmückungen der oben zitierten athenischen Vorschriften des Libanius (vgl. Zit. 212). Die wohl berühmteste ist die Senecas: „Törichter Mann, was beklagst du und was fürchtest du? Wohin du auch blickst, ist ein Ende der Leiden. Siehst du den gähnenden Abgrund? Er führt in die Freiheit. Siehst du den Strom, den Fluss, den Brunnen? In ihnen wohnt Freiheit. Siehst du den verkrüppelten, vertrockneten und erbärmlichen Baum? Von jedem Ast hängt die Freiheit. Dein Hals, deine Kehle, dein Herz sind ebenso viele Wege, der Sklaverei zu entfliehen … Fragst du nach der Straße zur Freiheit in jeder Ader deines Lebens wirst du sie finden.“.
Ein schönes, klangvolles Stück Rhetorik, deren Lehre Seneca aber schließlich auch in die Praxis umsetzte. Er erstach sich, um der Rache Neros, der einst sein Schüler gewesen war, zu entgehen; sein Weib Pauline starb mit ihm auf die gleiche Weise.
Im kaiserlichen Rom erreichte die Gleichgültigkeit einen solchen aberwitzigen Grad, dass die Menge sich zu ihrer Belustigung mit nichts Geringerem als Tod zufrieden geben wollte. „Donne zitiert die Aussage eines gelehrten Gewährsmannes, wonach innerhalb eines Monats dreißigtausend Männer in Gladiatorenkämpfen umkamen. Frazer schreibt, dass die Leute sich einst, um das Publikum zu amüsieren, zur Hinrichtung angeboten hätten für jeweils fünf Minen (knapp 500 Euro), die ihren Erben bezahlt werden mussten; er fügt bei, die Konkurrenz sei so groß gewesen, dass die Kandidaten vorgeschlagen hätten, sich zu Tode prügeln statt enthaupten zu lassen, da dies langsamer, qualvoller und somit eindrucksvoller sei.“ Für die Römer aller Stände war der Tod an sich unwichtig, die Art des Sterbens dagegen von großer Bedeutung. Das heißt, sie war der endgültige Wertmesser des Lebens.
Die frühen Christen waren genauso gleichgültig gegenüber dem Tod, doch war ihr Blickpunkt ein anderer. Vom christlichen Himmel aus betrachtet, erschien das Leben bestenfalls als unwichtig, schlimmstenfalls als böse: je reicher das Leben, desto größer die Versuchung zur Sünde. Der Tod war daher eine mit Ungeduld erwartete oder gesuchte Befreiung.
Der Begriff von Selbstmord als einem Verbrechen tritt in der christlichen Lehre spät auf. Erst im 6. Jahrhundert n. Chr. schuf die Kirche ein Gesetz, das ihn zum Inhalt hatte, und das einzige biblische Zeugnis, auf das sie sich damals berief, war eine spezielle Auslegung des sechsten Gebots: „Du sollst nicht töten!“. Der heilige Augustinus forderte die Bischöfe auf, sofortige Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Er selbst entnahm seine Einwände jedoch, wie Rousseau bemerkt, Platos ‚Phaidon’ und nicht der Bibel. Die Autorität des Augustinus und die Übertreibungen der angeblichen Märtyrer bewirkten schließlich einen Meinungsumschwung zu Ungunsten des Selbstmordes. Im Jahr 533 beschloss das Konzil von Orleans, „das kirchliche Begräbnis jedem zu versagen, der sich im Anklagezustand den Tod gab.“ Und daran sollte sich bis ins 20. Jahrhundert nichts ändern.
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http://www.diplom.de/ean/9783836611954
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Grubeck, Gerhard Juli 1989: Der Tod - Ein ungelöstes Problem des Menschen, Hamburg: Diplomica Verlag
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Tod, Sterben, Selbstmord, Philosophie, Religion




