Bildung und Erziehung in den ersten drei Jahren?
Konzepte öffentlicher Kleinstkindererziehung
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Katharina Lorber
- Abgabedatum: Februar 2008
- Umfang: 152 Seiten
- Dateigröße: 639,2 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Justus-Liebig-Universität Gießen Deutschland
- Bibliografie: ca. 138
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1174-9
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Lorber, Katharina Februar 2008: Bildung und Erziehung in den ersten drei Jahren?, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Kleinstkinder, Montessori, Emmi Pikler, Reggio-Pädagogik, Krippe
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Diplomarbeit von Katharina Lorber
Einleitung:
Dieses Buch beschäftigt sich mit der Frage, auf welcher konzeptionellen Basis öffentliche Kinderbetreuungseinrichtungen in Deutschland Bildung und Erziehung von Kindern unter drei Jahren verwirklichen.
In Deutschland werden die Einrichtungen der öffentlichen Kinderbetreuung als Krippen bezeichnet, die ausschließlich Säuglinge und Kleinstkinder (null bis drei Jahre) betreuen. Kinder im Krippenalter werden außerdem seit einiger Zeit auch in Kindergärten aufgenommen. Diese Entwicklung ist auf die immer wieder aktuelle Diskussion um den Ausbau von Betreuungsplätzen für unter dreijährige Kinder zurückzuführen. Dabei werden unterschiedliche Bereiche des Lebens und der Gesellschaft angesprochen: dem ersten Schwerpunkt bilden Familienplanung, Verteilung von Familienarbeit auf die Elternteile, Erwerbsarbeit von Frauen und Familienkonzepte; wirtschaftliche Zwänge in den Familien aber auch die Forderung der Gesellschaft nach mehr und besser ausgebildeten Kindern und der Sicherung des Standortfaktors Bildung.
Seit der Einführung des gesetzlichen Anspruches auf einen Kindergartenplatz hat sich die Bedeutung institutioneller Kinderbetreuung. In welchen historischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen diese Veränderung stattgefunden hat, wird deswegen ausführlich im zweiten Kapitel beschrieben. Am Beispiel der Verknüpfung der Rolle der Frau in der Gesellschaft mit der Entwicklung frühkindlicher Betreuungseinrichtungen wird dabei deutlich, wie gesellschaftliche und politische Entwicklungen bis in die Gegenwart hineinwirken. Der Vergleich der unterschiedlichen Entwicklungen in DDR und BRD lässt erahnen, wie sich politisches Interesse und gesellschaftliche Überzeugungen auf das Leben von Kindern und ihren Familien auswirken.
Meine persönliche Gegenwart als Mutter eines fast dreijährigen Sohnes und der Kontakt zu anderen Familien mit kleinen Kindern haben mich über die historische Bedeutung hinaus mit der Frage konfrontiert, wie öffentliche Kinderbetreuung den Bedürfnissen der Eltern, im besonderen Maße jedoch den Bedürfnissen der Kinder gerecht werden können. Deswegen werden in diesem Buch nicht die strukturellen Rahmenbedingungen untersucht, sondern pädagogische Konzepte auf ihr Verständnis von frühpädagogischer Qualität hin geprüft. Als ersten Schritt wird deswegen ein Bild vom Kind gezeichnet und dazu in Kapitel drei die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie, Soziologie und Pädagogik betrachtet. Das Kind wird im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs als von Geburt an aktiver Gestalter seiner Entwicklung und seiner Bildung gesehen, das auf eine von Erwachsenen geschaffene Umwelt angewiesen ist, um seine Potentiale zu entfalten.
Im vierten Kapitel wird das zugrunde liegende Verständnis von Bildung, Erziehung und Lernen vorgestellt. Die drei zentralen pädagogischen Themen sind in vielen Punkten unmittelbar miteinander verbunden. Bildung verstanden als Selbstbildung wird nur möglich durch den von Erwachsenen geschaffenen Kontext eines Kindes. Dieser Kontext wird verstanden als Erziehung. Lernen in all seinen formalen, nonformalen und informellen Ausprägungen stellt die Basis für alle Bildungs- und Erziehungsbestrebungen dar.
Im fünften Kapitel werden verschiedene pädagogische Konzepte vorgestellt und auf ihre Entsprechung von Erziehungs- und Bildungsbedürfnissen von Kleinstkindern hin untersucht. Montessori-Pädagogik und Waldorf-Pädagogik sind Konzepte in reformpädagogischer Tradition. Darüber hinaus haben sowohl MONTESSORI als auch STEINER Erziehungsphilosophien entworfen, die ihre Ansätze in einen übergreifenden weltanschaulichen Zusammenhang bringen. Reggio-Pädagogik und Situationsansatz können als Erziehungskonzepte für eine Erziehung nach Auschwitz gesehen werden, die sich an Gemeinschaft, Kommunikation, dem Wert des Einzelnen und der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund oder Behinderung orientieren. Bewegungspädagogik und Waldkindergarten sind Konzepte die als Gegenentwurf zu einer durch Technik und Globalisierung geprägten kindlichen Lebenswelt verstanden werden können. Emmi Piklers Lóczy-Modell basiert auf Erkenntnissen der Bewegungsentwicklung von Kleinstkindern.
Das Lóczy-Modell und die Reggio-Pädagogik werden detailliert dargestellt und die Beschreibung mit einem Hospitationsbericht ergänzt. Diese beiden Konzepte wurden genauer untersucht, da sich ihre Theoriebildung und die sich daraus ergebende Praxis explizit mit den Bildungs- und Erziehungsansprüchen von Kleinstkindern auseinandersetzen. Die Hospitationsberichte sollen verdeutlichen, in welcher Weise beide Konzepte im Rahmen einer öffentlichen deutscher Kindertageseinrichtung umgesetzt werden können.
Ziel dieses Buches ist es, einen Beitrag zur Diskussion der öffentlichen Betreuung von Kindern unter drei Jahren zu leisten. In Anerkennung der historischen und gesellschaftlichen Entwicklung soll das Verständnis frühpädagogischer Qualität nicht auf die Rahmenbedingungen beschränkt bleiben, sondern der Blick auf die theoretischen und praktischen Gestaltungsmöglichkeiten einer Bildung von Geburt an gelenkt werden.
Inhaltsverzeichnis:
| Inhaltsverzeichnis | 3 | |
| 1 | Einleitung | 5 |
| 2 | Kleinstkinderbetreuung im Wandel der Zeit | 7 |
| 2.1 | Die Rolle der Frau in der Gesellschaft und ihre Bedeutung für das Entstehen öffentlicher Kinderbetreuung | 8 |
| 2.2 | Die Entdeckung derBetreuungslücke | 12 |
| 2.3 | Von der Jahrhundertwende bis 1945 | 16 |
| 2.4 | Geteiltes Deutschland - geteilte Krippenentwicklung | 19 |
| 2.5 | Die Krippe im vereinten Deutschland | 22 |
| 3 | Kleinstkinder | 26 |
| 3.1 | Entwicklung bei Kleinstkindern | 26 |
| 3.1.1 | Entwicklung, Entwicklungsaufgaben, Entwicklungsfaktoren | 26 |
| 3.1.2 | Entwicklungsthemen | 27 |
| 3.1.3 | Entwicklungsprozesse | 28 |
| 3.1.3.1 | Kognitive Prozesse | 28 |
| 3.1.3.2 | Soziale Interaktion | 29 |
| 3.1.3.3 | Bindungsentwicklung | 31 |
| 3.1.3.4 | Selbstwertgefühl und Identität | 32 |
| 3.2 | Kindheit soziologisch | 34 |
| 3.2.1 | Kinder als soziale Akteure | 34 |
| 3.2.2 | Vom Wert des Kindes | 35 |
| 3.3 | Die Null- bis Dreijährigen in der Pädagogik | 37 |
| 3.3.1 | Das Kind als Akteur | 37 |
| 3.3.2 | Pädagogische Anforderungen von Kleinstkindern an ihre Umwelt | 38 |
| 3.3.2.1 | Eingewöhnung | 38 |
| 3.3.2.2 | Schlaf | 39 |
| 3.3.2.3 | Pflege | 40 |
| 3.3.2.4 | Frühkindliches Spiel | 41 |
| 4 | BildungErziehungLernen | 42 |
| 4.1 | BILDUNGErziehungLernen | 43 |
| 4.2 | BildungERZIEHUNGLernen | 46 |
| 4.3 | BildungErziehungLERNEN | 48 |
| 5 | Pädagogische Konzepte für Null- bis Dreijährige | 49 |
| 5.1 | Montessori-Pädagogik | 51 |
| 5.2 | Waldorf-Pädagogik | 56 |
| 5.3 | Waldkindergarten | 61 |
| 5.4 | Situationsansatz | 67 |
| 5.5 | Bewegungskindergarten | 73 |
| 5.6 | Emmi Piklers Lóczy-Modell | 78 |
| 5.6.1 | Zur Person Emmi Pikler | 79 |
| 5.6.2 | Das Lóczy | 84 |
| 5.6.3 | Grundsätze der Pikler-Arbeit | 88 |
| 5.6.3.1 | Pflege | 89 |
| 5.6.3.2 | Bewegung | 93 |
| 5.6.3.3 | Gestaltung der Umgebung | 96 |
| 5.6.3.4 | Spiel | 100 |
| 5.6.4 | Umsetzung der Pikler-Pädagogik am Beispiel der Städtischen Kindertagesstätte Gleiwitzer Straße in Mainz | 101 |
| 5.7 | Reggio-Pädagogik | 106 |
| 5.7.1 | Historische Entwicklung | 107 |
| 5.7.2 | Rahmenbedingungen der kommunalen Kindertagesstätten in Reggio Emilia | 113 |
| 5.7.3 | Grundideen der Reggio-Pädagogik | 115 |
| 5.7.3.1 | Das Bild des Kindes | 116 |
| 5.7.3.2 | Die Rolle der Erzieherin | 119 |
| 5.7.3.3 | Die Rolle der Eltern | 121 |
| 5.7.3.4 | Der Raum als dritter Erzieher | 123 |
| 5.7.4 | Die kommunalen Krippen in Reggio Emilia | 126 |
| 5.7.5 | Besuch im reggio-orientierten Kinderhaus Casa Bambini in Kassel | 128 |
| 6 | Ausblick | 134 |
| 7 | Quellenverzeichnis | 137 |
| 7.1 | Literatur | 137 |
| 7.1 | Zeitschriften | 144 |
| 7.2 | Internetquellen | 145 |
| 8 | Anhang | 146 |
| 8.1 | Der Rosa Turm von Maria Montessori | 146 |
| 8.2 | Gedächtnisprotokoll des Gespräches mit Heidi Wettich am 15. Januar 2008 in der Städtischen Kinderkrippe Gleiwitzer Straße in Mainz | 146 |
| 8.3 | Fotos der Pikler-Möbel, der beziehungsvollen Pflege und der autonomen Bewegungsentwicklung | 149 |
| 8.4 | Gedächtnisprotokoll des Gesprächs mit Andrea Löher, Leiterin der Kindertagesstätte Casa Bambini, am 17. Januar 2008 in Kassel | 152 |
| 8.5 | Und es gibt Hundert doch | 155 |
Textprobe:
Kapitel 5, Pädagogische Konzepte für Null- bis Dreijährige:
Das in den 70er Jahren vor allem durch Elterninitiativen angeregte Interesse für alternative Erziehungskonzepte im privaten und öffentlichen Bereich und die fehlende Integration ins Bildungssystem ermöglichte eine sich ständig in Bewegung befindliche konzeptionelle Vielfalt vor allem im Kindergartenbereich. Montessori-Pädagogik, Wald-Kindergärten und Waldorf-Pädagogik sind einige Beispiele, die sich in der Kindergartenlandschaft Deutschlands immer weiter etablieren.
Einrichtungen, die Kinder unter drei Jahren betreuen, basteln sich ihre Konzeption häufig aus den für ältere Kinder entwickelten Ideen zusammen, wie eine Durchsicht von Internetauftritten von Krippen zeigt. So heißt es in der Konzeption der Kindergruppe Franz von Hahn in Gießen: Unser pädagogisches Konzept fußt auf einem humanistischen und demokratischen Menschenbild, im Zentrum der Praxis stehen der situative Ansatz und die Reggio-Pädagogik. Das Berlin-Charlottenburger Kinderland versteht sich als frühkindliche Bildungseinrichtung und […] orientiert sich nicht ausschließlich und isoliert an einer einzigen der vorhandenen allgemeinen pädagogischen Konzeptionen (u.a. Fröbel, Hoffmann, Waldorf- und Reggio-Pädagogik, Situationsansatz, usw.) allein, sondern prüft diese daraufhin, welche ihrer Elemente und Spezifika für die Bildung und Erziehung der Kinder, die unsere Einrichtung besuchen, besonders geeignet sind. Dabei spielt wohl auch die Tatsache eine Rolle, dass rein zahlenmäßig Einrichtungen, die ausschließlich Kinder zwischen null und drei Jahren betreuen weiter abnehmen und der Trend auf eine Ausdehnung altersübergreifender Einrichtungen weist.
Ein Konzept stellt eine systematische Arbeitsgrundlage dar, die den Anwendern zur Selbstkontrolle ihres Handelns dient. Erziehungskonzepte müssen außerdem als lebendige Organismen verstanden werden, da sie einem ständigen Wandel unterliegen, der auf die individuellen Umsetzungen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zurückzuführen ist.
Im folgenden Kapitel werden zunächst verschiedene Konzepte dargestellt und auf die Entsprechung von Erziehungs- und Bildungsbedürfnissen von Kleinstkindern hin untersucht. Montessori-Pädagogik und Waldorf-Pädagogik sind Konzepte in reformpädagogischer Tradition. Darüber hinaus haben sowohl MONTESSORI als auch STEINER Erziehungsphilosophien entworfen, die ihre Ansätze in einen übergreifenden weltanschaulichen Zusammenhang bringen. Reggio-Pädagogik und Situationsansatz können als Erziehungskonzepte für eine Erziehung nach Auschwitz gesehen werden, die sich an Gemeinschaft, Kommunikation, dem Wert des Einzelnen und der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund oder Behinderung orientieren. Bewegungspädagogik und Waldkindergarten sind Konzepte die versuchen, Kindern in einer modernisierten und technisierten Welt Bewegungs- und Wahrnehmungserfahrungen zu ermöglichen. EMMI PIKLERS Lóczy-Modell wurde als einziges der vorgestellten Konzepte für Kinder ab dem Säuglingsalter entwickelt und basiert auf Erkenntnissen der Bewegungsentwicklung von Kleinstkindern. Allen Konzepten gemein sind die Lebensweltorientierung und der damit verbundene Bildungsgedanke, der über die Betreuungs- und Schulvorbereitungskultur des klassischen Kindergartens hinausgeht. Kindern die Entwicklung zu seelisch und körperlich gesunden Menschen in Anerkennung ihrer entwicklungsbedingten Bedürfnisse zu ermöglichen, ist Ziel dieser Konzepte.
Zwei Konzepte werden detailliert vorgestellt und durch einen Hospitationsbericht ergänzt. Dabei handelt es sich um das Konzept der Reggio-Pädagogik, das altersübergreifend ausgerichtet ist und die Ideen EMMI PIKLERS. Obwohl beides Konzepte auf Tradition sind, sind sie in Deutschland bislang nur wenig bekannt und verbreitet.
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Kleinstkinder, Montessori, Emmi Pikler, Reggio-Pädagogik, Krippe




