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Gewalt an der Berufsschule

Erscheinungsformen, Ursachen und pädagogische Interventionsmöglichkeiten unter besonderer Berücksichtigung des Sportunterrichts

Gewalt an der Berufsschule
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Sven Kapelke, geb.Möllers
  • Abgabedatum: Januar 2008
  • Umfang: 128 Seiten
  • Dateigröße: 642,6 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Leuphana Universität Lüneburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 75
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-1160-2
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Kapelke, geb.Möllers, Sven Januar 2008: Gewalt an der Berufsschule, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Gewalt, Aggression, Aggressionsverminderung, Gewaltprävention, Sportunterricht

Staatsexamensarbeit von Sven Kapelke, geb.Möllers

Einleitung:

Gewalt unter Jugendlichen ist in der Medienwelt ein permanent diskutiertes Problem. Neben höchst dramatischen Fällen, wie z.B. die Ereignisse an der Hildesheimer Werner-von-Siemens-Berufsschule (2004), der Berufsbildenden Schule 6 in Hannover (2004), der Berliner Rütli-Hauptschule (2006) usw. erscheinen kontinuierlich weitere Medienberichte über das Gewaltverhalten von Jugendlichen. Allein im vergangen Jahr wurden Titel wie „Feindbild Lehrer“, „Tritte in der Pause, das Opfer kam in die Uni-Klinik“ sowie kürzlich „Erste Schulen unter Bewachung“ gedruckt.

Hierbei entsteht zunehmend der Eindruck, dass sich eine neue Art von Aggressivität unter Jugendlichen entwickelt hat: „Die kulturellen Schranken der Gewalt verschwinden“, „Sie prügeln, vergewaltigen – und filmen dabei“, „Was hilft gegen Jugendgewalt?“.

Gleichwohl existieren neben diesen dramatischen Medienberichten Untersuchungsergebnisse, die einen gegenläufigen Gewalttrend feststellen konnten. Aufgrund dieser Veröffentlichungen drängt sich die Frage auf, wie viel Wahrheitsgehalt in diesen Medienberichten steckt und was tatsächlich in den Schulen passiert. Eltern, Schule und Politik scheinen dem Problem machtlos gegenüber zu stehen und beschuldigen sich gegenseitig.

Tatsache ist, dass dort, wo Menschen miteinander in Interaktion treten auch Konflikt- und Gewaltformen entstehen. Dies gilt sowohl für Zweierbeziehungen, Familien und andere gesellschaftliche Gruppen als auch für Staatengemeinschaften. Konfliktsituationen und Gewalt reichen demnach vom privaten Bereichbis hin zur gesellschaftspolitischen Ebene. Aus diesem Grunde umfasst das Thema Gewalt ein unheimlich weites Gebiet, das wegen seiner Komplexität nicht zu erforschen scheint. Dennoch ist diese Thematik nicht zuletzt auch aufgrund der Allgegenwärtigkeit von großer menschlicher Bedeutung.

Die Berufsschule im Allgemeinen verbindet entsprechend ihrer individuellenStruktur verschiedene Schultypen. In der Berufsausbildung sind je nach Ausbildungsberuf (vom Maurer/in bis zum Bankkaufmann/frau) sämtliche soziale Strukturen und Schulabschlüsse vertreten. Es kommen sowohl Haupt- und Realschulabsolventen, als auch Absolventen des Gymnasiums zusammen. Oft liegen weitere Schulstrukturen vor, die einerseits das Fachgymnasium und andererseits die Berufsvorbereitungsjahrgänge (BVJ) bzw. Berufsgrundbildungsjahrgänge (BGJ) einbeziehen. In den letzten beiden Schulformen sind Schüler vertreten, die noch keinen Schulabschluss absolviert und keinen Ausbildungsplatz in Aussicht haben.

Viele Schüler stehen hier vor einer Perspektivlosigkeit, die ihnen eine große Ungewissheit über ihren künftigen gesellschaftlichen Status vermittelt. Für einige scheint dies ein Grund zu sein, den Schulalltag nicht ernst zu nehmen. Aufgrund eventuell existierender Unsicherheit und Resignation besteht die Gefahr, sich einer mangelnden Arbeitsmoral und Disziplinlosigkeit hinzugeben. Insgesamt kann an Berufsschulen eine Altersspanne von ca. 15-25 Jahren vorliegen. Dies ist eine Phase der Adoleszenz, in der die Jugendlichen oft körperlich erwachsen scheinen, in ihrer psychischen Entwicklung allerdings noch nicht soweit sind. Die hieraus entstehenden Identitätsprobleme können gekoppelt mit bestehender Perspektivlosigkeit Auswirkungen auf das Sozialverhalten haben. Eine der möglichen Folgen äußert sich unter Umständen in einer erhöhten Gewaltbereitschaft.

Ich habe meine beiden Schulpraktika an den Hamburger Berufsschulen Schlankreye und Kieler Straße absolviert. Beide Schulen beinhalteten sowohl die Berufsausbildung für kaufmännische Berufe als auch ein Fachgymnasium sowie die Berufsvorbereitungsjahrgänge. Diese beiden Praktika ermöglichten mir einen Einblick in das Verhalten Jugendlicher an Berufsschulen. Ich konnte beobachten, dass das Arbeits- und Sozialverhalten mit abnehmenden Bildungsstand merkbar abfiel. Insbesondere in den Klassen des Berufsgrundbildungsjahres konnte ich eine hohe aggressive Stimmung feststellen. Diese äußerte sich unter anderem in mangelndem Arbeitsverhalten, Ausgrenzung von Mitschülern sowie in verbalen-aggressiven Äußerungen Schülern und Lehrern gegenüber. Einige Lehrer waren mäßig motiviert und sahen sich vor der Herausforderung, einen fließenden und reibungsfreien Unterricht zu gestalten. Eine positive Verhaltensänderung der Schüler konnte ich beim Auftreten eines bestimmten Lehrers beobachten. Es stellte sich heraus, dass dieser verschiedene Sportarbeitsgemeinschaften leitete. Über den Sport hatte er die Möglichkeit, Kontakt zu den Schülern aufzunehmen und einen respektvollen Umgang zu schaffen. Die von mir gemachten Beobachtungen sind weder wissenschaftlich belegt noch empirisch erforscht.

Diese einleitend diskutierten Problemstellungen in Zusammenhang mit Jugendgewalt zeigen die Brisanz und Aktualität der Thematik. Vor diesem Hintergrund empfinde ich als zukünftiger Handelslehrer die Auseinandersetzung mit diesem Thema in Bezug auf die Schule von großer Bedeutung und unumgänglich. Ein detailliertes Verständnis kann mir in meiner künftigen Tätigkeit helfen, diesem Phänomen nicht machtlos gegenüber zu stehen. Aus diesen Gründen werde ich in dieser Arbeit der Frage nachgehen, in welchem Maße Gewalt an der Berufsschule sowie ihren möglichen Unterformen existiert. Hierzu ist es notwendig, sich mit wesentlichen Entstehungsursachen und Erscheinungsformen auseinanderzusetzen.

Als künftige Lehrkraft ist es für mich von primärem Interesse, welche pädagogischen Interventionsmöglichkeiten entwickelt und eingesetzt werden können. Wichtig ist hierbei, in welchem gesamtschulischen Kontext diese Maßnahmen stehen und welche Auswirkungen diese haben können. In diesem Zusammenhang werden verschiedene Ansätze kritisch diskutiert. Meines Erachtens ist der Sport ein wichtiges Medium, um die Schüler in ihren Bezugsgruppen zu erreichen und sie für aggressive Emotionen zu sensibilisieren. In unserer Gesellschaft wird Sport oft mit Gewalt in Verbindung gebracht. In der Wissenschaft wird unter anderem diskutiert, inwiefern Sport ,nötige’ Aggression erzeugt oder gar fördert oder ob Sport hilft, mit aggressiven Emotionen umzugehen. Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit ebenfalls der Frage nachgegangen, inwieweit Sport, insbesondere der Sportunterricht, anstatt Aggressionen zu erzeugen, zur Aggressionsverminderung beitragen kann.

Gang der Untersuchung:

Für eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik ist es zunächst erforderlich ein einheitliches Begriffsverständnis von Gewalt und Aggression mit ihren möglichen Erscheinungsformen zu erhalten (Kap. 2).

Auf diesem Definitionsverständnis aufbauend werden im Folgenden die Entstehungsursachen diskutiert (Kap. 3). Um einen umfassenden Überblick zu erhalten wird hierzu im Einzelnen auf ausgewählte Erkenntnisse der psychologischen und soziologischen Forschung eingegangen.

Anschließend wird betrachtet, welche Erscheinungsformen von Gewalt an Schulen, insbesondere Berufsschulen auffällig sind (Kap. 4). Da an den Berufsschulen sowohl Haupt- und Realschulabsolventen als auch Gymnasiasten vertreten sein können, werden neben den Erscheinungen an der Berufsschule ebenfalls Aggressionsformen an den gerade genannten Schulformen in Erwägung gezogen. Aufgrund dieser Erkenntnisse wird ein mögliches Täter-/Opferprofil erstellt. Des weiteren werden schulische Rahmenbedingungen in Bezug auf Gewalt analysiert.

In Kapitel 5 werden die ausgewählten pädagogische Präventions- und Interventionsmöglichkeiten für die Schule dargestellt und kritisch bewertet. Für einen besseren Überblick werden die Ansätze in die personale und gesellschaftliche Ebene untergliedert. Die Entstehungstheorien werden hierbei kritisch bewertet. Im Anschluss werden zwei gesamtschulische Aggressionsverminderungskonzepte vorgestellt und analysiert.

Während in Kapitel 5 die Bedeutung des Sports immer wieder Beachtung findet, wird in Kapitel 6 die Bedeutung des Sportunterrichts für eine Aggressionsverminderung ausdrücklich thematisiert. Hier werden sowohl grundsätzliche Bedingungen als auch Einzelaspekte diskutiert. Das soziale Lernen spielt in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle (Kap. 6.4).

Aufgrund der hohen Komplexität des Themas wird der Schwerpunkt auf wesentliche Erscheinungsformen der Aggression an den Schulen gelegt. Besondere Arten der Gewalt wie z.B. Rechtsextremismus und Amokläufe sowie spezielle Formen sexueller Übergriffe werden hier nicht im Detail diskutiert.

Weiterführende und ergänzende Nebengedanken zu den bearbeiteten Themengebieten sind in Fußnoten angeführt.

Inhaltsverzeichnis:

Abbildungsverzeichnis III
Abkürzungsverzeichnis IV
1. Einleitung 1
1.1 Erkenntnisinteresse 1
1.2 Aufbau der Arbeit 4
2. Begriffsdefinitionen: Aggression - Gewalt 6
2.1 Aggression 6
2.1.1 Begriffsbestimmung: Aggressionsbegriffs 6
2.1.2 Mögliche Erscheinungsformen 8
2.2 Gewalt 11
2.2.1 Begriffsbestimmung: Gewalt 11
2.2.2 Mögliche Erscheinungsformen 13
2.3 Begriffsverständnis Aggression und Gewalt für diese Arbeit 15
3. Theorien und Ursachen gemäß der Gewaltforschung 16
3.1 Psychologische Aggressionstheorien 16
3.1.1 Triebtheorie nach Freud 16
3.1.2 Frustrations-Aggressionstheorie 18
3.1.3 Lerntheoretische Ansätze 20
3.1.3.1 Klassisches Konditionieren 21
3.1.3.2 Operantes Konditionieren (Lernen am Effekt/Erfolg/Misserfolg) 21
3.1.3.3 Lernen am Modell 25
3.1.3.4 Kognitives Lernen 26
3.2 Soziologische Aggressionstheorien 28
3.2.1 Anomietheorie 28
3.2.2 Subkulturtheorie 29
3.2.3 Labeling-Approach-Theorie 31
3.2.4 Desintegration-Verunsicherungs-Erklärungsansatz 32
3.3 Bio-psychosoziales Modell als neuere Erweiterung der herkömmlichen Theorien 33
4. Gewalt in der (Berufs-)schule 37
4.1 Häufige Ausprägungen von Gewaltmustern 37
4.1.1 Bullying als Phänomen aggressiven Verhaltens 39
4.1.2 Innerschulische Bezugsrichtungen aggressiven Verhaltens 41
4.1.3 Persönlichkeitsmerkmale von Tätern und Opfern 46
4.1.3.1 Charakteristische Merkmale typischer Gewalttäter (Bullies)
4.1.3.2 Charakteristische Merkmale typischer Gewaltopfer (Victims)
4.1.4 Orte und Situationen des Geschehens 52
4.2 Schule als Grund für aggressives Verhalten 53
5. Pädagogische Präventions- und Interventionsmöglichkeiten 60
5.1 Ansätze der Aggressionsverminderung 60
5.1.1 Individuelle / personale Ansätze 63
5.1.1.1 Mythos der Katharsishypothese 63
5.1.1.2 Verminderung aggressionsstimulierender Faktoren 66
5.1.1.3 Entwicklung der sozialen Kognition 68
5.1.1.4 Konstruktive Konfliktregelungen 73
5.1.1.5 Steuerung der Lernkultur/Unterrichtsqualität 78
5.1.2 Anpassung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen 84
5.2 Aggressionsverminderung an Schulen - zwei Ansätze 87
5.2.1 Mehr-Ebenen-Konzept (Olweus) 87
5.2.2 Coolness-Training 92
6. Bedeutung des Sportunterrichts für die Aggressionsverminderung 98
6.1 Sport als Gewaltprävention oder als Gewaltursache? 99
6.2 Bedingungen zur Aggressionsverminderung im Sportunterricht 101
6.2.1 „Entschulung“ des Sportunterrichts 102
6.2.2 Öffnung des Sportunterrichts 103
6.3 Aspekte der Aggressionsverminderung im Sportunterricht 105
6.3.1 Aggressive Emotionen im Sport 106
6.3.2 Kämpfen im Sportunterricht 107
6.4 Förderung von Sozialkompetenzen unter Einbezug des sozialen Lernens 111
6.4.1 Basisprozesse sozialen Handelns 112
6.4.2 Prämissen eines konstruktiven sozialen Lernens 114
6.4.3 Sozialkompetenzen in Bezug zum sozialen Lernen 115
7. Schlussbetrachtung 118
Literaturverzeichnis 124
Eidesstattliche Versicherung 130

Textprobe:

Kapitel 5.1, Ansätze der Aggressionsverminderung:

Ziel einer pädagogischen Präventions- und Interventionsarbeit kann nur die Reduzierung von Aggressionen sein in den Schulen sein. Eine völlige Abschaffung ist wahrscheinlich nicht möglich. Im alltäglichen Leben, insbesondere im Umgang mit anderen Menschen treten permanent Konfliktpunkte auf.

„Immer dann, wenn verschiedene, gegensätzliche, unvereinbare Verhaltensweisen oder Merkmale zusammentreffen, wird im allgemeinen von Konflikten gesprochen, von solchen, die innerpsychisch oder aber auch zwischen verschiedenen Personen und Gruppen entstehen. […] Schulkonflikte gehören zum Alltag von Lehrern und Schülern“.

Ziel ist es jedoch, mit diesen Konflikten konstruktiv umzugehen. Die Auseinandersetzung mit Problemstellungen hat eine aktivierende Funktion. Sie spornt an, kreativ in der Lösungsfindung zu werden und kann die persönliche Entwicklung voranbringen. Folglich besteht bei der Verminderung von Aggressionen das Ziel zu lernen, diesen Konflikten nicht mit aggressiven Handlungen zu begegnen. Vielmehr sollten alternative Lösungskonzepte entwickelt, die auf ihre Konsequenzen hin abgewogen werden.

Im Allgemeinen wird in der wissenschaftlichen Literatur zwischen Präventions- und Interventionsmaßnahmen unterschieden. Bei der Prävention wird versucht, die Entstehung von Gewalt als Verhaltensmuster zu verhindern. Es gilt, die Ursachen und Risiken der Gewaltentwicklung zu erkennen und zu verändern. Insbesondere werden hier Faktoren wie z.B. die soziale Kompetenzen, Mitbestimmungsrechte von Schülern, Veränderung der Lernkultur und die Entwicklung eines gemeinschaftlichen schulischen Leitbildes berücksichtig. Die Intervention setzt an, wenn bereits gewalttätige Vorfälle stattgefunden haben. Hier wird versucht, Täter mit ihren Handlungen zu konfrontieren und Opfer zu stärken. Meist geschieht dies z.B. im Rahmen von Ordnungsmaßnahmen, Mediation in Form von Täter-Opfer-Ausgleich und Schülergerichten. Eine exakte Trennung beider Varianten ist in der Praxis häufig nicht möglich. Bei wirkungsvollen Aggressionsverminderungsmaßnahmen ist das Zusammenspiel beider Komponenten unabdingbar.

Eine ähnliche Unterscheidung wird nach den Begrifflichkeiten Primär-, Sekundär-, und Tertiärprävention vorgenommen. Die primäre Prävention versucht, das Auftreten aggressiver Verhaltensmuster im Keim zu ersticken und gar nicht erst aufkommen zu lassen. Bei der sekundären Prävention wird versucht, bereits eingetretene problematische Verhaltensweisen zu reduzieren und sie zum Abklingen zu bringen (Form der Intervention). Eine Fortsetzung ist in der tertiären Prävention zu finden. Diese zielt auf eine Begrenzung der Auswirkungen bei Jugendlichen ab, bei denen aggressives Verhalten aufgetreten ist und sich bereits verfestigt hat.

Grundsätzlich gilt bei der Verminderung von Aggressionen das Prinzip, dass je früher eine Maßnahme ihren Einsatz findet, desto höher die entsprechenden Erfolgsaussichten sind. „Langfristig persistierendes antisoziales Verhalten, das sich bereits seit der Kindheit verfestigt hat, ist nur schwer durch Behandlungsmaßnahmen zu ändern. Dies gilt vor allem für Intervention […] bei Jugendlichen, die bereits sehr früh mit vielfachen Belastungen und mehrfachen Straftaten den Weg einer, delinquenten’ Karriere eingeschlagen haben“.

Im Weiteren kann eine Unterscheidung nach den Dimensionen stattfinden, auf die die Maßnahmen zielen. Hier erfolgt eine Aufgliederung in individuelle- und umweltbezogene Maßnahmen. Bei den Maßnahmen auf das Individuum bezogen wird primär versucht, direkte Einflüsse auf die persönliche Einstellung, Fähigkeiten und Verhaltensweisen geltend zu machen. Dies gilt sowohl für die Täter (Bullies) als auch für die Opfer (Victims). Die umweltbezogenen Maßnahmen sind auf soziale und systemische Ressourcen gerichtet. Dies bedeutet, dass versucht wird, aufgrund von Veränderungen im sozialen Umfeld eine indirekte Verhaltensänderung der jeweiligen Jugendlichen zu erzeugen.

Die Gewalttäter selbst erleben keinen Leidensdruck, der sie zu einer eigenständigen Änderung ihrer Einstellung und Verhaltensweise bringt. „Nicht das Kind möchte eine Änderung, sondern sein Erzieher!“. Die Jugendlichen haben oft eine gegenteilige, sehr positive Einstellung zu sich selbst und eine tendenziell negative Sicht ihrer Umwelt. Den eigenen Schaden durch ihr Verhalten sehen sie in der Regel nicht. Aufgrund ihres aggressiven Verhaltens besteht das Risiko, innerhalb ihrer Erziehung selbst Gewalt zu erfahren, welches die Sichtweise zu ihren Verhaltensmustern nur bekräftigt.

Des weiteren besteht eine erhöhte Gefahr, diese Eigenschaften zu festigen und auf ihren späteren Weg konsequent delinquentes, gewalttätiges oder asoziales Verhalten auszuüben. Der Schritt in eine kriminelle ,Karriere’ kann auf diese Weise schnell erfolgen. Die Einsicht über die Notwendigkeit einer Verhaltensänderung bei Gewalttätern ist somit von besonderer Bedeutung.

Bei Präventions- und Interventionsprogrammen wird oft versucht, eine Minderung der Aggression lediglich über eine Therapie der Täter zu erreichen. Jedoch sollte in gleichem Maße das Augenmerk auf dem Schutz der Opfer liegen. Diese sind häufig ängstlich und verunsichert und haben große Schwierigkeiten Kontakte herzustellen. Die Folgen, die hieraus entstehen können sind vielseitig. Aufgrund des persönlichen Auftretens besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, erneut in die Opferrolle zu geraten. Insbesondere bei den Opfern gilt es, soziale Kontakte aufzubauen und das Selbstbewusstsein zu stärken. Eine Integration in die Klasse erhöht ebenfalls die Chance, als akzeptiertes Mitglied hier Schutz in Gefahrensituationen zu finden.Vor diesem Hintergrund besteht derzeit in der wissenschaftlichen Literatur eine mehrheitliche Einigkeit darüber, dass die größten Erfolgschancen bestehen, wenn Maßnahmen sowohl beim Individuum (Bully und Victim) als auch beim sozialen Umfeld ansetzen. Dies fordert in jedem Fall einen multimodalen Lösungsansatz, der sowohl den Jugendlichen aus einer Kombination im Einzel- und Gruppenbereich sowie im sozialen Umfeld (Familie, Schule, Cliquen) zu erreichen versucht. Im Folgenden sollen die einzelnen Möglichkeiten der pädagogischen Präventions- und Interventionsansätze zunächst auf der persönlichen (Individual-)Ebene als auch auf der gesellschaftlichen (Sozial-) Ebene aufgezeigt werden. Anschließend werden diese Maßnahmen in Form zweier ganzheitlichen, multimodalen Schulentwicklungsprogramme dargestellt. Hierbei werden Implementierungsvorschläge für den Bereich der Berufsschule gemacht.

Arbeit zitieren:
Kapelke, geb.Möllers, Sven Januar 2008: Gewalt an der Berufsschule, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Gewalt, Aggression, Aggressionsverminderung, Gewaltprävention, Sportunterricht

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