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Informelles Lernen

Identifizierung, Bewertung und Anerkennung informell erworbener Kompetenzen

Informelles Lernen
Über dieses Buch

Diplomarbeit von Anna Stegemann

Einleitung:

Im Gegensatz zum formalen Lernen in institutionalisierten Bildungseinrichtungen lässt sich das informelle Lernen als eine natürliche Begleiterscheinung des täglichen Lebens bezeichnen, das sich sowohl bewusst als auch unbewusst im unmittelbaren Lebensvollzug der Individuen vollzieht.

Informelle Lernprozesse nehmen in allen Teilen der Welt sowie in allen Entwicklungsstufen der Völker einen herausragenden Einfluss auf die Kompetenzentwicklung. Bereits in den siebziger Jahren wurde im UNESCO-Bericht der Faure-Kommission über Ziele und Zukunft unserer Erziehungsprogramme in Bezug auf primitive Gesellschaften festgestellt, dass diese informellen, nicht institutionalisierten Formen des Lernens und der Lehrzeit in weiten Teilen der Welt und dort immer noch die einzige Art der Erziehung von Millionen von Menschen sind.

Auch im Memorandum über Lebenslanges Lernen der Kommission der Europäischen Gemeinschaften wird die Bedeutung informellen Lernens hervorgehoben, indem darauf verwiesen wird, dass das informelle Lernen die Hauptstütze des Lernens im frühen Kindesalter bilde. Für Dohmen stellt es sogar die Grundform menschlichen Lernens überhaupt dar.

Die Bedeutung informellen Lernens lässt sich ebenso unter quantitativen Gesichtspunkten darstellen: Verschiedene Studien belegen, dass 70 bis 90 Prozent der berufsrelevanten Kompetenzen außerhalb institutioneller Bildungseinrichtungen erworben werden. Auch die Ergebnisse einer kanadischen Erhebung über informelles Lernverhalten weisen in eine ähnliche Richtung: Demnach befassten sich über 95 Prozent der erwachsenen Kanadier mit verschiedenen informellen Lernaktivitäten, während die Teilnahme an organisierten Bildungsmaßnahmen mit 50 Prozent dagegen vergleichsweise gering war. Zudem lag der für den informellen Kompetenzerwerb aufgebrachte Zeitaufwand mit 15 Wochenstunden signifikant höher als die für formale Weiterbildungsmaßnahmen erbrachten vier Wochenstunden.

Wenn sich nun der weitaus größere Teil menschlicher Lernprozesse offenbar außerhalb institutionalisierter Bildungseinrichtungen vollzieht und das Leben somit selbst zum Lehrmeister wird, so erfordert dies ein erweitertes Lernverständnis, das dass kompetenzentwickelnde informelle Lernen ausdrücklich einschließt.

Ökonomischer, technologischer und gesellschaftlicher Strukturwandel bewirken, dass berufliche Erfahrungen, Wissensbestände und Qualifikationen in immer kürzeren Zeiträumen veralten; die Halbwertzeit des Wissens nimmt zunehmend ab. Unter diesem Gesichtspunkt reicht die Aneignung eines Grundlagen- und Fachwissens in formalen Bildungsinstitutionen nicht mehr aus, um mit den kontinuierlichen und alle Lebensbereiche betreffenden Veränderungen Schritt zu halten. Die Leistungsfähigkeit und der Erfolg klassischer Lernformen wird zunehmend in Frage gestellt, woraus ein Interessenszuwachs an einem eigenaktiven, natürlichen informellen Lernen resultiert: Der Einzelne ist mehr denn je selbst für den Erhalt, für die Aktualisierung, für die Optimierung und für die Weiterentwicklung seiner Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten verantwortlich. Denn um die stetigen, kaum mehr prognostizierbaren arbeits-, bildungs- und lebensweltlichen Anforderungen aktiv bewältigen zu können, bedarf es einer selbstgesteuerten, autodidaktischen Gestaltung von Lernprozessen, die von den Individuen je nach individuellem Bedarf selbst initiiert wird.

Die formalen Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung verlieren in Anbetracht der Notwendigkeit alternativer Wege des Kompetenzerwerbs zunehmend ihre Monopolstellung. Angesichts dieses Wandels bedarf es eines Perspektivenwechsels von der Lehrgesellschaft hin zu einer lernenden Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Thematik des informellen Alltags- und Erfahrungslernens endlich auch in bildungs- und gesellschaftspolitischen Debatten zur Umsetzung des Konzeptes des lebenslangen Lernens Eingang gefunden hat. In diesem Zusammenhang sei insbesondere auf verschiedene Initiativen und Programmatiken der Europäischen Union verwiesen, die sich seit Mitte der neunziger Jahre verstärkt mit Fragen des Lernens aus einer veränderten Perspektive auseinandersetzen: Die Anerkennung des in natürlichen Lebenssituationen erfolgenden informellen Lernens wird als zentrale Voraussetzung für die Realisierung eines nachhaltigen lebenslangen Lernens gesehen.

Die Bedeutung informellen Lernens und der daraus resultierenden Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie Erfahrungen wurde hierzulande jedoch – im Gegensatz zu vielen europäischen Nachbarländern – lange Zeit vernachlässigt, wenngleich sich seit den letzten Jahren eine verstärkte Hinwendung zu diesbezüglichen Fragen verzeichnen lässt. So wird beispielsweise in der bildungspolitischen Diskussion auf nationaler Ebene im BLK (Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung)-Modellversuchsprogramm Lebenslanges Lernen die Stärkung von Eigenverantwortung und Autonomie sowie die Förderung selbstgesteuerter, auch informeller Lernaktivitäten als unabdingbar für die Förderung der Bildungsbereitschaft und Bildungspartizipation aller Menschen hervorgehoben.

Angesichts eines solchen Bedeutungszuwachses stellt sich die Frage, wie sich die außerhalb des formalen Bildungswesens erworbenen Kompetenzen hinreichend anerkennen lassen, um sie beispielsweise für den Erwerb formaler (Berufs-) Abschlüsse anrechnen lassen zu können. Während in zahlreichen EU-Ländern bereits entsprechende Systeme zur Identifizierung, Bewertung und Anerkennung informell erworbener Kompetenzen implementiert wurden, werden in Deutschland die auf informellem Wege erbrachten Lernleistungen bislang noch nicht angemessen honoriert: Die Zertifizierung von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten erfolgt nahezu ausschließlich in den formalen Systemen der allgemeinen und beruflichen Bildung. Informell erworbene Kompetenzen hingegen werden eher indirekt und nur in Ausnahmefällen anerkannt.

Die Thematik des informellen Lernens, seiner Identifizierung, Bewertung und Anerkennung sind Gegenstand der vorliegenden Abhandlung. Vor diesem Hintergrund gilt es, zunächst eine differenzierte Betrachtung der grundlegenden Prinzipien informellen Lernens vorzunehmen, um anschließend einige der im nationalen und internationalen Kontext existierenden Verfahren zur Erfassung und Anerkennung informell erworbener Kompetenzen exemplarisch darzustellen.

Gang der Untersuchung:

Auf der Grundlage ausgewählter Definitionsansätze erfolgt in Abgrenzung zu den Lernformen des formalen und non-formalen Lernens im zweiten Kapitel zunächst eine präzise Begriffsbestimmung des informellen Lernens, die für das Verständnis der weiteren Ausführungen erforderlich ist. Zudem wird eine Analyse des Verhältnisses zwischen formalem und informellem Lernen vorgenommen. Im Vordergrund steht dabei die Klärung der Frage, ob mit zunehmendem Stellenwert informellen Lernens ein Bedeutungsverlust formaler Lernprozesse einhergeht, oder ob die genannten Lernformen vielmehr in einem komplementären Verhältnis zueinander stehen. Abschließend werden verschiedenartige Ausprägungen des informellen Kompetenzerwerbs vorgestellt, was angesichts der Vielschichtigkeit dieser Lernform als notwendig erscheint.

Im Anschluss an die Darstellung grundlegender Prinzipien des informellen Lernens werden im dritten Kapitel aufgrund der folgenden Fragestellungen Aussagen bezüglich der Identifizierung, Bewertung und Anerkennung informell erworbener Kompetenzen getroffen: Welche Ziele und Absichten gehen mit der Forderung nach einer Erfassung von Kompetenzen einher? Anhand welcher Methoden lassen sich außerhalb des formalen Bildungswesens erworbenen Kompetenzen sichtbar machen und bewerten? Welche Schwierigkeiten sind damit verbunden? Schließlich werden verschiedene Konzepte der Anerkennung informell erworbener Kompetenzen dargelegt und es werden Gestaltungsfaktoren erläutert, von denen die Akzeptanz der aus den Anerkennungsverfahren resultierenden Kompetenznachweise abhängig ist.

Die inhaltliche Ausrichtung des vierten Kapitels bezieht sich auf die Thematik der Anerkennung informell erworbener Kompetenzen in Deutschland. Vor diesem Hintergrund erfolgt zunächst eine Darlegung der Umstände, die dazu führten, dass diesbezügliche Fragen hierzulande lange Zeit nur die Rolle einer Restkategorie einnahmen und welche Faktoren schließlich eine allmähliche Hinwendung zum informellen Lernen begründeten. Auf dieser Grundlage kann nun das Kernanliegen dieses Kapitels dargestellt werden, das sich auf die folgenden Fragestellungen bezieht: Welche Verfahren werden in Deutschland eingesetzt und tragen sie tatsächlich dazu bei, informell erworbene Kompetenzen anzuerkennen?

Da zahlreiche Länder der EU bereits über langjährige Erfahrungen im Bereich der Identifizierung, Bewertung und Anerkennung der auf informellem Wege erworbenen Kompetenzen verfügen, sollen im fünften und letzten Kapitel dieser Abhandlung einige Länder exemplarisch vorgestellt werden, in denen entsprechende Verfahren bereits etabliert wurden. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen das britische NVQ-System, das französische Verfahren der bilans de compétences sowie die der VAP und der VAE, das finnische CBQ-Modell und das Schweizerische Qualifikationsbuch. Zwar werden auch in anderen Ländern entsprechende Verfahren praktiziert, jedoch sind die Entwicklungen in den hier angeführten Ländern einerseits am weitesten fortgeschritten und zudem existieren hier bereits gesetzliche Bestimmungen, die die Anerkennung informell erworbener Kompetenzen regeln.

Die Bearbeitung des Themas ‚Informelles Lernen - Identifizierung, Bewertung und Anerkennung informell erworbener Kompetenzen’ erfolgt auf der Grundlage der globalen Methode der Textrecherche. Die Auswahl der entsprechenden Literatur wurde prioritär nach ihrer Aktualität einerseits sowie nach der Bedeutsamkeit ihrer Verfasser hinsichtlich unterschiedlicher Arbeits- und Forschungsschwerpunkte andererseits getroffen. Exemplarisch lassen sich hier insbesondere die Ausführungen von Bjørnåvold, Dehnbostel, Dohmen und Laur-Ernst sowie diverse Schriften der Arbeitsgemeinschaft Berufliche Weiterbildungsforschung e.V. (ABWF) anführen.

Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsverzeichnis I
Darstellungsverzeichnis III
Abkürzungsverzeichnis IV
1. Einleitung 1
2. Das informelle Lernen 6
2.1 Definitionen und Abgrenzungen zu anderen Lernformen 6
2.1.1 Formales Lernen 7
2.1.2 Non-formales Lernen 7
2.1.3 Informelles Lernen 9
2.2 Zum Verhältnis zwischen formalem und informellem Lernen 11
2.3 Facetten des informellen Kompetenzerwerbs 13
2.3.1 Informelles Lernen als implizites Lernen 14
2.3.2 Informelles Lernen als selbstgesteuertes Lernen 17
2.3.3 Informelles Lernen als Erfahrungslernen 19
2.3.4 Informelles Lernen im sozialen Umfeld 22
2.3.5 Informelles Lernen im Prozess der Arbeit 25
3. Identifizierung, Bewertung und Anerkennung informell erworbener Kompetenzen 31
3.1 Ziele und Absichten 31
3.2 Verfahren zur Identifizierung und Bewertung 34
3.3 Problematik der Erfassung und Bewertung 37
3.3.1 Heterogenität des Kompetenzverständnisses 37
3.3.2 Impliziter und kontextueller Charakter des informellen Lernens 40
3.3.3 Messtechnische Qualität der Verfahrensweisen 42
3.4 Anerkennung informeller Lernleistungen 44
3.4.1 Konzepte der Anerkennung 44
3.4.2 Akzeptanz von Kompetenznachweisen 49
4. Anerkennung informell erworbener Kompetenzen in Deutschland 51
4.1 Dominanz des formalen Bildungs- und Berufsbildungssystems 51
4.2 Gründe für die Hinwendung zum informellen Lernen 53
4.3 Weiterbildungspässe als Instrumente zur Sichtbarmachung informellen Lernens 53
4.3.1 Gegenstand der Machbarkeitsstudie 54
4.3.2 Analyse existierender Weiterbildungspässe 55
4.3.3 Inhaltliche Ausrichtung 56
4.3.4 Resümee 57
4.3.5 Der ProfilPASS 57
4.4 Bedeutung informell erworbener Kompetenzen innerhalb des formalen Berufsbildungs- und Hochschulsystems 60
4.4.1 Berufliche Fort- und Weiterbildung 60
4.4.2 Hochschulsystem 61
4.5 Betrieblicher Kontext 64
4.5.1 Personalrekrutierung 64
4.5.2 Personalentwicklung 65
4.5.3 Beendigung von Arbeitsverhältnissen 67
4.6 Außerbetriebliche Dokumentationsaktivitäten: Die Kompetenzbilanz des DJI und der KAB 68
5. Stand der Anerkennung informell erworbener Kompeten-zen in Europa 72
5.1 Großbritannien: Das NVQ-System mit dem integrierten Verfahren der APL 72
5.1.1 Grundlagen des NVQ-Systems 73
5.1.1.1 Aufbau einer NVQ 74
5.1.1.2 Prüfung 75
5.1.2 Grundlagen des APL-Verfahrens 76
5.1.3 Resümee 79
5.2 Frankreich 81
5.2.1 Das Verfahren der "bilans de compétences" 81
5.2.1.1 Ablauf 82
5.2.1.2 Regularien 83
5.2.1.3 Methoden 85
5.2.1.4 Kritische Stellungnahme 85
5.2.2 Die Verfahren der VAP und der VAE zur Validierung von Kompetenzen 87
5.2.2.1 VAP - validation des acquis professionnels 87
5.2.2.2 VAE - validation des acquis de l'expérience 88
5.2.2.3 Ausblick 90
5.3 Finnland: Das kompetenzbasierte Qualifikationssystem 92
5.3.1 Entstehungshintergrund 92
5.3.2 Anerkennung kompetenzbasierter Qualifikationen 93
5.3.3 Institutionelle Rahmenbedingungen 93
5.3.4 Wege zur Anerkennung 94
5.3.5 Abschließende Betrachtung 96
5.4 Schweiz: Schweizerisches Qualifikationsbuch 97
5.4.1 Entstehung 98
5.4.2 Aufbau des Qualifikationsbuches 99
5.4.3 Aktuelle Bedeutung 100
5.4.4 Ausblick 101
6. Schlussteil 102
Literaturverzeichnis 106

Textprobe:

Kapitel 2.3.2, Informelles Lernen als selbstgesteuertes Lernen: Auch das selbstgesteuerte Lernen lässt sich als eine spezifische Ausrichtung des informellen Lernens betrachten. Im Unterschied zum beiläufigen und impliziten Lernen macht der Begriff Selbststeuerung deutlich, dass sich diese Lernform auf aktive, bewusste und intentionale Aneignungsprozesse des Lernenden bezieht, der selbst entscheidet, ob, was, wann und wie er lernt.

Der Begriff des selbstgesteuerten Lernens wird in der Literatur, ebenso wie der des impliziten Lernens, nicht einheitlich verwendet. Oft wird dieser Ausdruck mit selbstorganisiertem, selbstbestimmtem, selbstreguliertem und selbsttätigem Lernen gleichgesetzt. Einige Autoren hingegen grenzen diese Begriffe voneinander ab. Schiersmann und Strauß sprechen deshalb zutreffend von einem Modebegriff, der sehr diffus und unterschiedlich verwandt wird. Auch für Weinert ist das selbstgesteuerte Lernen weder ein präzise definierter wissenschaftlicher Begriff noch eine einheitlich gebrauchte alltagssprachliche Bezeichnung. Der häufig benutzte Ausdruck ist ständig in Gefahr, zu einem vieldeutigen, schillernden und ideologieanfälligen Schlagwort zu werden.

Aufgrund dieser Diversität gilt es darzulegen, von welchem Begriffsverständnis des selbstgesteuerten Lernens im Weiteren ausgegangen wird. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf eine konzeptionelle Klärung des Begriffs, auf die sich die Mitglieder der Konzertierten Aktion Weiterbildung (KAW) im Rahmen des Kongresses Selbstgesteuertes Lernen geeinigt haben. Demnach ist das ausschlaggebende Kriterium von selbstgesteuertem Lernen, daß die Lernenden über die Zielausrichtung und die Hauptwege ihrer Lernprozesse und in diesem Zusammenhang auch über die Nutzung der organisierten Lernangebote und institutionellen Lernunterstützungen durch die Lernorganisationen im wesentlichen selbst entscheiden.

Hieraus ergibt sich nach Dohmen, dass das selbstgesteuerte Lernen – im Unterschied zum selbstorganisierten Lernen – eine Inanspruchnahme von fremdorganisierten Lernangeboten nicht ausschließt. Es handelt sich somit nicht um eine Polarisierung, sondern um eine wechselseitige Ergänzung von selbstgesteuertem und fremdorganisiertem Lernen. Folglich kann eine Selbststeuerung des Lernens nicht nur auf informellem Wege, sondern ebenso innerhalb institutioneller Rahmenbedingungen erfolgen. Diese Ausführungen berücksichtigen den Umstand, dass sich das selbstgesteuerte Lernen einer pädagogischen Unterstützung nicht entzieht und dass es die Rolle der Lehrenden nicht überflüssig macht.

Hingegen ist eine reine Fremdbestimmung des Lernens nicht möglich, da jeder Lernprozess immer auch selbstregulative Aktivitäten enthält. Voraussetzung für eine derartige Selbststeuerung ist das Vorhandensein ausreichender Spielräume für die eigenständige Festlegung des Was, Wann, Wie und Wo. Indem der Lernende diese Selbststeuerung nutzt und selbstständig Entscheidungen über seine Lernprozesse trifft, übernimmt er die Rolle seines eigenen Lehrers. In diesem Sinne ist die Position eines Lehrers nicht mehr die eines Experten, der Lerninhalte vorgibt, sondern vielmehr die eines beratenden Moderators. Da Lernende somit selbst für die Aneignung von Wissen und für die Gestaltung und Steuerung ihrer Lernprozesse verantwortlich sind, geschieht dies auf freiwilliger Basis, wodurch sich Lernmotivation und Effektivität der Lernprozesse steigern. Folglich lässt sich selbstgesteuertes Lernen zwischen autonomer Selbstbestimmung auf der einen Seite und fremdbestimmtem Eingepaßtwerden in vorgegebene Lernarrangements auf der anderen Seite ansiedeln.

Ein weiterer Aspekt des selbstgesteuerten Lernens bezieht sich auf den Grad der Selbststeuerung von Lernprozessen. Für Straka liegt selbstgesteuertes Lernen vor, wenn der Lernende Autonomie hinsichtlich der Frage nach dem Was und Wie erlebt, wobei innerhalb der Phasen des Wie graduelle Abstufungen auftreten können. Von einem sehr hohen Grad an Selbststeuerung kann dann ausgegangen werden, wenn der Lernende zwischen vielfältigen Lernangeboten und -bedingungen (Lernziele, Lerninhalte, Lernregulierung, Lernwege und Erfolgsüberprüfung) entscheiden kann. Je nachdem, wie stark diese Faktoren vom Lernenden selbst bestimmt werden, ist die Ausprägung des Selbststeuerungsgrads geringer oder stärker.

Der Bezug des selbstgesteuerten Lernens zum informellen Lernen ist unverkennbar, wenn man Weinerts Grundverständnis vom selbstgesteuerten Lernen aufgreift. Danach kann der Lernende die wesentlichen Entscheidungen, ob, was, wann, wie und woraufhin er lernt, gravierend und folgenreich beeinflussen. Selbstgesteuertes Lernen ist jedoch nicht mit informellem Lernen gleichzusetzen. Einer Selbststeuerung des Lernens liegt eine bewusste Gestaltung der Lernprozesse durch das Individuum zugrunde. Da informelles Lernen hingegen auch implizit und nicht-intendiert erfolgen kann, lassen sich beide Lernformen nur als besondere Ausprägungen innerhalb des informellen Lernens betrachten.

Kapitel 2.3.3, Informelles Lernen als Erfahrungslernen: Das Erfahrungslernen und seine Bedeutung für die Kompetenzentwicklung fand – obwohl es sich dabei nicht um einen neuen Lernansatz handelte – im Bereich der beruflichen Bildung über viele Jahre hinweg keine Beachtung. Erst im Zuge der Debatte um die Förderung des lebenslangen Lernens gewann das Erfahrungslernen einen zunehmend höheren Stellenwert.

Dem Begriff des Erfahrungslernens liegt in der Alltags- und Fachsprache allerdings kein einheitliches Verständnis zugrunde. Besonders im angelsächsischen Raum findet zudem oftmals eine Gleichsetzung von informellem Lernen und Erfahrungslernen (experiential learning) statt. In den folgenden Ausführungen wird von einem Verständnis des informellen Erfahrungslernens ausgegangen, das sich auf das direkte Verarbeiten von Primärerfahrungen zu jeweils handlungs- und pro-blemlösungsrelevantem Wissen bezieht. Primärerfahrungen beruhen auf einer unmittelbaren Auseinandersetzung mit verschiedenen Reizstrukturen, Sinneseindrücken, Begegnungen, Informationen und Erlebnissen des direkten Lebenszusammenhangs. Diese können sowohl rationaler als auch intuitiver Art sein. Im Unterschied zum theoretischen und erfahrungsfremden formalen Lernen, das nach pädagogischen Gesichtspunkten organisiert wird, vollzieht sich das informelle Erfahrungslernen jenseits pädagogischer Intentionen im unmittelbaren Erleben der Umwelt.

Es kann aber erst dann von einem informellen Erfahrungslernen gesprochen werden, wenn eine vergleichende Reflexion der gesammelten Eindrücke vorgenommen wird und wenn diese in bisher entwickelte Erfahrungs- und Vorstellungszusammenhänge eingefügt werden.

Erst die reflexive Auseinandersetzung mit den gesammelten Primärerfahrungen führt zu dem Erwerb eines Erfahrungswissens. Die kritische Auseinandersetzung mit gesammelten Erfahrungen kann dabei sowohl von den Lernenden selbst als auch von außen eingeleitet werden. Oftmals wird ein derartiger Reflexionsprozess durch veränderte Problemsituationen (Konflikte, Krisen, Veränderungen der Alltagswelt etc.) angestoßen und zwar häufig dann, wenn die durch Handlung erworbenen Erfahrungen nicht mehr zu einer erfolgreichen Bewältigung der Situationen ausreichen. Unter diesen Bedingungen erfolgt das Lernen somit nicht mehr beiläufig, sondern die Erfahrungen werden bewusst reflektiert. Von daher stehen sie nicht mehr unvermittelt nebeneinander, sondern werden miteinander verknüpft und gegeneinander abgewogen, eventuell auch umstrukturiert, in ihrem Bedeutungsgehalt neu geordnet und auf ihre Tauglichkeit zur Steuerung der alltäglichen Lebenswelt überprüft.

Im Unterschied zum theoretisch und systematisch organisierten formalen Lernen ist das informelle Erfahrungslernen nicht auf die Aneignung von Regelkenntnissen und Theorien ausgerichtet. Vielmehr zielt es auf den Erwerb eines praktischen Problemlösungswissens ab, das sich aus dem unmittelbaren Erleben in der Umwelt ergibt. Ein solches Erfahrungswissen ist nicht mit einem systematischen Wissen zu vergleichen, da es in erster Linie auf einem wachsenden Erfahrungsschatz beruht. Gegen das Erfahrungslernen wird oftmals eingewendet, dass es sich dabei um ein pragmatisch-instrumentelles Lernen handelt, das nicht kritisch reflektiert wird. Denn das Erfahrungslernen zielt im Wesentlichen auf ein besseres Zurechtkommen in der Alltagswelt ab, ohne dass dazu Regeln oder Theorien herangezogen werden. Jedoch kann gerade unter Bedingungen hoher Komplexität oftmals nur pragmatisch, oberflächlich und auf den jeweiligen Kontext bezogen gelernt werden. Ebenso lassen viele Anforderungssituationen gerade dann keinen Raum für detaillierte Analysen und Reflexionen, wenn schnelle und routinierte Handlungen gefordert sind. Ein analysierendes und reflektierendes Vorgehen kann unter bestimmten Umständen sogar als hinderlich angesehen werden.

Da informelles Erfahrungslernen auf einen individuellen Erfahrungsbereich begrenzt bleibt und es oftmals nicht kritisch reflektiert wird, muss das formale Lernen, um zu einem systematischen Wissen zu gelangen, hier anknüpfen. Umgekehrt trägt auch ein rein theoriebezogener Wissenserwerb nicht hinreichend zu einer praktischen Bewältigung der eigenen Lebenssituationen bei, da er keinen lebenspraktischen Bezug aufweisen kann. So gesehen können formales Lernen und informelles Erfahrungslernen nicht als zwei völlig voneinander losgelöste Lernkonzeptionen betrachtet werden, da beide Lernformen in einem wechselseitigen Ergänzungsverhältnis zueinander stehen.

Laur-Ernst betont, dass auch im Hinblick auf betriebliche Lernprozesse informelles Lernen nicht grundsätzlich mit Erfahrungslernen gleichgesetzt werden kann. Denn gerade in den arbeitsintegrierten Formen der Berufsbildung in Deutschland ist das Erfahrungslernen durch seine arbeitsnahe und handlungsorientierte Ausrichtung sowohl im schulischen als auch im betrieblichen Teil der Ausbildung von großer Bedeutung. Im Unterschied zum informellen Erfahrungslernen wird diese Form des Erfahrungslernens jedoch didaktisch strukturiert und vorbereitet. Dieses nach pädagogischen Aspekten planmäßig veranstaltete Erfahrungslernen (z.B. Lernstationen im Produktionsprozess, Projektausbildung, Erkundungen etc.) ist vom berufsrelevanten informellen Erfahrungslernen, das ungeplant und ohne didaktische Anleitung (z.B. bei Tätigkeiten an realen Arbeitsplätzen, im Berufsalltag oder im privaten Umfeld) erfolgt, zu unterscheiden.

Trotz der von Laur-Ernst vorgenommenen Einschränkung existieren zahlreiche Berührungspunkte zwischen dem informellen Lernen und dem Erfahrungslernen. Beide Lernkonzeptionen ergeben sich aus dem unmittelbaren Erleben in der Umwelt jenseits pädagogischer Intentionen. Ebenso wie das informelle Lernen zielt auch das Erfahrungslernen nicht primär darauf ab, etwas zu lernen (im Sinne einer Aneignung von theoretischem Wissen und Regelkenntnissen), sondern es ist vor allem auf die Ausbildung von Handlungskompetenzen ausgerichtet. Insofern lassen sich beide Lernarten eher einem pragmatisch-instrumentellen Lernen zuordnen, das der unmittelbaren Bewältigung von Anforderungssituationen des Alltags dient, ohne dass dazu Erklärungen oder Theorien benötigt und herangezogen werden.

Eine Identifizierung, Bewertung und Anerkennung der durch das Erfahrungslernen erworbenen Kompetenzen gestaltet sich jedoch äußerst schwierig: Das erfahrungsgeleitete Lernen erfolgt unter komplexen Bedingungen, die eine Vielzahl von Handlungsspielräumen ermöglichen. Geht man von einem konstruktivistischen Lernprinzip aus, so werden sowohl die Lernprozesse als auch die Lernergebnisse interindividuelle Unterschiede aufweisen. Unter dem Gesichtspunkt der Erfassung und Anerkennung von Kompetenzen schlägt Dehnbostel vor, nicht den Lernprozess selbst, sondern die aus dem Erfahrungslernen resultierenden Lernergebnisse unter Anrechnungsgesichtspunkten zu betrachten.

Arbeit zitieren:
Stegemann, Anna Mai 2007: Informelles Lernen, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
informelles Lernen, lebenslanges Lernen, Kompetenzdiagnostik, selbstgesteuertes Lernen, informeller Kompetenzerwerb

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