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Stadtentwicklung in altindustriellen Regionen

Ein Vergleich Ruhrgebiet - Bilbao

Stadtentwicklung in altindustriellen Regionen
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Christian Feldkamp
  • Abgabedatum: Juni 2006
  • Umfang: 127 Seiten
  • Dateigröße: 2,5 MB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Ruhr-Universität Bochum Deutschland
  • Bibliografie: ca. 81
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-0804-6
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Feldkamp, Christian Juni 2006: Stadtentwicklung in altindustriellen Regionen, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Stadtentwicklung, Ruhrgebiet, Strukturwandel, Bilbao, Altindustriell

Staatsexamensarbeit von Christian Feldkamp

Einleitung:

„Eine Schmuddelecke wird zum Top-Standort- Neue Investitionen am Duisburger Innenhafen - Brachflächen-Recycling erfolgreich“ (Zitat: Miriam Beul, in DieWelt.de vom 20. März 2003) „Bis vor wenigen Jahren war Bilbao wegen der hohen Arbeitslosigkeit, wegen der Schließung seiner Hochöfen und Werften und wegen des Terrors der Separatistenorganisation Eta kein Ort, an dem man gern seine Freizeit verbracht hätte. Der Umschwung kam mit dem Museum.“ (Zitat: Michael Psotta, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.03.2001) In den beiden obigen Zitaten wird beschrieben, wie in zwei Regionen, scheinbar eine gelungene Stadtentwicklung in den letzten Jahren vollzogen worden ist. Die Metropolregion Bilbao und die „Region“ Ruhrgebiet, verbindet eine ähnliche Stadtentwicklungsgeschichte, vor allem während und nach der Industrialisierung. Das Hauptaugenmerk dieser Staatsarbeit wird von daher auf dem Prozess der Stadtentwicklung liegen, der auf den Niedergang der Kohle- und Eisenindustrie im letzten Jahrhundert folgte. Ende der 80er Jahre ergriff man in beiden Regionen Maßnahmen, um „lenkend“ in den Strukturwandel einzugreifen. Verglichen werden hier speziell zwei einzelne Projektgebiete, zum einem den Duisburger Innenhafen im Ruhrgebiet, zum anderen das Projektgebiet Abandoibarra in Bilbao. Bei beiden Gebieten handelt es sich um Industriebrachen, die auch eine Hafenfunktion innehatten.

Um diese beiden Projekte vergleichen zu können, wird im ersten Teil der Staatsarbeit der Begriff Stadtentwicklung und die Faktoren für Stadtentwicklung theoretisch vorgestellt. Dann folgt ein allgemeiner Teil über die Stadtentwicklung in Mitteleuropa von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert. Im dritten Teil werden die Untersuchungsräume Ruhrgebiet und Bilbao vorgestellt und einen kurzen Einblick in die sozioökonomischen Daten. Auf die Vorstellung folgt der Einstieg in die Planungen und Ausführungen. Hierbei werden die Veränderungen und Projekte in der Metropolregion Bilbao stärker beachtet, der Fokus verbleibt aber bei Abandoibarra. Beim Ruhrgebiet beschränkt es sich auf Vorstellung des IBA Emscher Parks und des Duisburger Innenhafens Zum Schluss, im fünften Teil, werden noch einmal speziell Unterschiede und Ähnlichkeiten herausgestellt und in ihrer Folgewirkung verglichen.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 5
2. Stadtentwicklung 7
2.1 Der Begriff Stadtentwicklung 7
2.2 Faktoren der Stadtentwicklung 8
3. Historische Stadtentwicklung in Mitteleuropa und Spanien bis zur Industrialisierung 13
3.1 Stadtentwicklung in Mitteleuropa 13
3.1.1 Stadtentwicklung bis zum Mittelalter 13
3.1.2 Stadtentwicklung im Mittelalter 14
3.1.3 Renaissance- und Barockstädte 14
3.2 Stadtentwicklung in Spanien 15
3.2.1 Stadtentwicklung in Spanien bis zum Mittelalter 15
3.2.2 Stadtentwicklung in Spanien im Mittelalter 16
4. Stadtentwicklung ab der Industrialisierung in Mitteleuropa und Spanien 20
4.1 Merkmale einer Industriestadt 21
4.2 Stadtentwicklung in Deutschland und im Ruhrgebiet während der Industrialisierung 23
4.3 Stadtentwicklung in Spanien mit Beginn der Industrialisierung 26
5. Stadtentwicklung im 20. Jahrhundert 27
5.1 Wiederaufbauphase nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland 27
5.1.1 Stadtplanung und städtische Leitbilder ab den 60ern 28
5.1.2 Nachhaltige Stadtentwicklung 30
5.2 Stadtentwicklung in Spanien am dem 20. Jahrhundert 31
6. Altindustrielle Regionen und Strukturwandel 37
7. Revitalisierung von Brach- und Hafenflächen 41
8. Vorstellung der Untersuchungsräume 43
8.1 Metropolregion Bilbao 43
8.1.1 Geographische Lage 43
8.1.2 Stadtentwicklung in Bilbao 43
8.1.3 Bevölkerung 46
8.1.4 Wirtschaft 48
8.2 Das Ruhrgebiet 51
8.2.1 Geographische Lage 51
8.2.2 Stadtentwicklung im Ruhrgebiet 52
8.2.3 Bevölkerung 54
8.2.4 Wirtschaft 56
9. Revitalisierung der Metropolregion Bilbao 60
9.1 General Urban Plan of Bilbao (GUPB) 60
9.2 Bilbao Metropolitan 30 61
9.3 Strategischer Plan zur Revitalisierung der Metropolregion Bilbao 63
9.4 Bilbao Ria 2000 65
9.5 Projekte der Bilbao Ria 2000 67
9.5.1 Infrastruktureinrichtungen 67
9.5.2 Ametzola 69
9.5.3 Barakaldo 70
9.5.4 Bilbao La Vieja 72
10. Vorstellung der Planung und Ausführung der Projektgebiete Abandoibarra und Duisburger Innenhafen 73
10.1 Abandoibarra und das Guggenheim Museum 73
10.1.1 Geographische Lage 74
10.1.2 Historische Stadtentwicklung 75
10.1.3 Entwicklung nach dem industriellen Niedergang 76
10.1.4 Spezieller Plan zur Revitalisierung Abandoibarras 77
10.1.5 Das Guggenheim Museum 79
10.1.6 Palacio Euskalduna 82
10.1.7 Parkanlagen und Promenade 83
10.1.8 Einkaufszentrum „Zubiarte“ 84
10.1.9 Sheraton und Wohnhäuser 85
10.1.10 Business Tower „Iberdrola Tower“ und die „Deusto Library“ 86
10.2 Der Duisburger Innenhafen 87
10.2.1 Internationale Bauausstellung Emscher Park 87
10.2.2 Geographische Lage 91
10.2.3 Historische Entwicklung 91
10.2.4 Entwicklung nach dem industriellen Niedergang 94
10.2.5 Der Masterplan - Ein Rahmenplan 97
10.2.6 Die Innenhafen Duisburg Entwicklungsgesellschaft mbH 98
10.2.7 Umsetzung 100
Freizeit am Wasser 100
Arbeiten am Wasser 101
Wohnen am Wasser 102
Zukunft 103
11. Vergleich 105
Literaturverzeichnis 113
Internetquellen 117
Abbildungsverzeichnis 124

Textprobe:

Kapitel 5.1.1, Stadtplanung und Städtische Leitbilder ab den 60ern: In den ersten Nachkriegsjahren wurde vorwiegend noch nach den städtebaulichen Leitbildern der abgeänderten Gartenstadt und der Charta von Athen gebaut. In den 60ern kam an diesen Vorstellungen vermehrt Kritik auf. Man wollte nicht mehr die Gliederung und Auflockerung. Ein neues städtisches Leitbild kam auf: „Urbanität durch Dichte“ bzw. eine städtebauliche Verdichtung und eine Verflechtung der Nutzungsarten. Man wollte das städtische Leben und Urbanität. Ergebnis dieser Vorstellungen waren oftmals die bekannten Großwohnsiedlungen, so genannte Trabantensiedlungen in den Randregionen der Stadt. Geplant wurden die Großwohnsiedlungen (mit bis zu 60.000 Einwohnern) mit einem eigenen Hauptzentrum sowie Nebenzentren, die auch kulturelle, soziale und Naherholungsinfrastruktur anbieten. Genügend Arbeitsplätze konnten jedoch nicht geschaffen werden. Der Vorstellung von Urbanität entsprachen diese Großwohnsiedlungen nur selten. Problem war, dass infrastrukturelle Einrichtungen erst wesentlich später kamen als vorgesehen, wie Verkehrserschließung, Einkaufsmöglichkeiten usw. Des Weiteren hatten vielfach die Bewohner soziale Anpassungsschwierigkeiten. Auch ein Leitbild der 60er war die autogerechte Stadt. Hier ging es darum, der zunehmenden Motorisierung der Bevölkerung gerecht zu werden.

Eine weitere Neuerung in der Raumordnung Westdeutschlands bedeutete die Schaffung eines in sich abgestuften Systems zentraler Orte im Jahre 1968. Dieses Konzept bildet im Bundesraumordnungsprogramm von 1975 einen wichtigen Baustein. Es sieht eine räumliche Schwerpunktbildung im Rahmen zentralörtlicher Gliederung vor, was die Siedlungsstruktur verbessern und großräumige Disparitäten ausgleichen soll.

Welche Zentren entwickelt werden sollen, unterliegt den einzelnen Bundesländern. Von diesen Zentren erwartet man dann nachhaltige Impulse für die Entwicklung größerer Teilräume. Auch wurden in den folgenden Jahren Gesetze erarbeitet, in denen die einzelnen Bundesländer für die innergemeindliche städtebauliche Entwicklung so genannte Siedlungsschwerpunkte festlegten, was die Konzentration von Wohn- und Arbeitsstätten in Verbindung mit den zentralörtlichen Einrichtungen oder auch die Haltepunkte des öffentlichen Personenverkehrs beinhaltet. 1969 fand das Planungskonzept der Siedlungsschwerpunkte schon seine erste Anwendung im Rahmen der Regionalplanung des Ruhrgebietes. Hier ging es vor allem darum, eine begrenzte Anzahl von auszubauende Zentren zu schaffen und eine Konzentration der Wohnbevölkerung sowie eine zentrenorientierte Infrastruktur, größere Freiflächen, Industrieflächen abseits der Wohnbebauung und die Vorraussetzungen für Stadtbahnen und S-Bahnen.

Kapitel 5.1.2, Nachhaltige Stadtentwicklung: Die städtebauliche Entwicklung ist jedoch nicht nur durch Expansion und der Verdichtung gekennzeichnet. Auch die Stadtsanierung und Stadterneuerung spielt eine wesentliche Rolle. Bis zum Anfang der 70er Jahre war zumeist die Flächensanierung durchgeführt worden, womit ganze Häuserblocks aus der Innenstadt verschwanden. Dies änderte sich mit dem Europäischen Jahr des Denkmalschutzes 1975, als man verstärkt zur einzelnen Objektsanierung überging und so Bausubstanz erhalten wurde, was man unter dem Leitbild „Erhaltende Stadterneuerung/behutsamer Stadtumbau“ zusammenfasste. In den 80ern kam der ökologische Städtebau auf. Ziel war es, energiesparender und mit gesunden Baustoffen zu bauen, aber auch durch Wohnungsumfeldverbesserung oder Verkehrsberuhigung als Stadtbegrünung ein freundlicheres menschlicheres Stadtbild zu schaffen. In dieses Bild passten dann auch nicht mehr die Großwohnsiedlungen und waren nicht mehr gewollt. Es kam zu Wohnungsleerständen. Zurück blieben Alte, Arbeitslose und Ausländer.

Der „Ökologische Städtebau“ wird heute als erste Stufe zur „nachhaltigen Stadtentwicklung“ gesehen. Die „nachhaltige Stadtentwicklung“ prägt bis heute noch die Stadtplanung und entwickelte sich, als im Laufe der Zeit sowohl national als auch global viele umweltbezogene Probleme in den Städten auftraten, wie zum Beispiel die Siedlungsexpansion ins Umland, was zur einer weiteren Flächenversiegelung führte, die immer noch anhaltende funktionale Trennung der Nutzungen, die die Entfernungen immer weiter wachsen ließ, oder „die räumliche Ausweitung des motorisierten Individual- und Wirtschaftsverkehres“. Die neuen globalen Leitbilder beinhalten ressourcenschonenden und unweltverträglichen Städtebau. Ein weiterer Stein auf dem Weg zum nachhaltigen Städtebau ist die „Agenda 21“ aus dem Jahre 1992, in der alle gesellschaftlichen Kräfte für eine ökologische, wirtschaftliche, und sozial verträgliche Entwicklung zusammenarbeiten sollen. Der Grundlage des ökologischen Städtebaus folgten auch in Deutschland verschiedene räumliche Ordnungsprinzipien zur nachhaltigen Stadtentwicklung. Zunächst möchte man wieder eine gewisse Dichte im Städtebau erreichten, allerdings nicht aufbauen auf den Großwohnprojekte aus den 60ern und 70ern, sondern durch hochwertige kompakte bauliche Strukturen im innerstädtischen Bereich, bevorzugt auf Brachflächen und alten Industriestandorten, um weitere Flächenversiegelung zu vermeiden. Auch die Funktionstrennung von Wohnen und Arbeiten soll wieder aufgehoben bzw. vermischt werden. Darüber hinaus soll es zu einer Mischung zwischen den sozialen Bereichen der Gesellschaft kommen. Ein weiteres Ordnungsprinzip ist die Polyzentralität. Hier wird eine dezentrale Konzentration angestrebt, in der ausgewählte Siedlungsschwerpunkte gefördert werden sollen und das Umland soll von Städten entlastet werden. Zusammenfassend soll ein Leitbild geschaffen werden, das als „Stadt der kurzen Wege“ oder auch als das Leitbild der „Kompakten Stadt“ bezeichnet wird.

Kapitel 5.2, Stadtentwicklung in Spanien ab dem 20. Jahrhundert: Das 20. Jahrhundert war in Spanien ein Jahrhundert mit vielen politischen Wandlungen. Es folgten große oder kleinere Bürgerkriege, Autonomieerklärungen, wie die des Baskenlandes, und es gipfelte vorerst in der Machtergreifung der Militärdiktatur Francos 1939. Politisch kam wieder etwas Ruhe in das Land, aber kein Frieden. Die wirtschaftliche Entwicklung stagnierte und das Land war gespalten. Erst mit dem Tod Francos 1975 und der Ausrufung Juan Carols zum König stabilisiert sich Spanien wieder politisch und öffnete sich.

Im Städtebau war man Anfang des 20. Jahrhunderts bemüht, die technische Infrastruktur zu erweitern und die Städte den Bedürfnissen der Industriegesellschaft anzupassen. Vielfach wurde dieses wieder realisiert durch den Bau breitere Straßen, wie die zuvor auch schon in vielen Städten öfters errichtete „Gran Via“. An diesen Boulevards sollten sich monumentale Geschäftshäuser ansiedeln und so ein angemessenes Stadtzentrum entstehen. So zum Beispiel auch in Bilbao. 1923 baute man die „Plan Zuazo“. Mit dieser Straße versuchte man, dem Bilbaoschen Altstadtkern seine innerstädtische Funktion wiederzugeben, was aber misslang.

Auch in Spanien versuchte man das Modell der Gartenstädte in den Städtebau einzubringen, was aber nur selten gelang. Stadterweiterungen erfolgten oft in kompakten Stadtquartieren mit einer rechteckigen Bauweise. 1911 versuchte man mit Hilfe von Gesetzen soziale Unruhen zu vermeiden, indem man anfing, Sozialwohnungen zu bauen. Dies schaffte man nur selten, wie in Barcelona oder Bilbao, wo sich Eisenbahner und Metallarbeiter zu einer Kooperation zusammenschlossen. Der Bau von Sozialwohnungen erfolgte an den Stadträndern. Der Bau von Ein- und Zweifamilienhäusern, die man in kleinen Siedlungen bauen wollte, gelang auch nur selten. Es folgte eine Zeit zwischen den Weltkriegen, in denen viele Pläne zur Stadtentwicklung vorgelegt wurden. Spanische Architekten hatten sich zusammengeschlossen und einige Ideen gebracht. Umgesetzt wurde kaum eine.

Es folgte die Zeit des Bürgerkrieges 1936-39. Nach dem Bürgerkrieg war wieder einmal die Zeit des Wiederaufbaus angebrochen. Der Wiederaufbau wurde der Zentralregierung untergeordnet und den Städten entzogen. Die Regierung etablierte eine Reihe von Behörden zum Wiederaufbau, deren Ziel es war, neue ländliche Siedlungen zu schaffen und das städtische Wachstum zu unterbinden. Grund hierfür war, dass man in der Diktatur Angst vor der „Konfliktträchtigkeit“ der modernen städtischen Kultur hatte.

Beim Wiederaufbau der Großstädte, wie Bilbao, Oviedo, und Valencia, war man bedacht, traditionelle Elemente mit modernen zu verbinden. Inhaltliche Zielsetzung war die Wiederherstellung historischer und bildhafter Werte, um eine vermeintlich heile Welt zu schaffen.

Das Baskenland, das als „Verräterprovinz“ galt und Strafsteuern zahlen musste, ergriff selber die Initiative und entwarf zukunftsweisende Pläne für die Provinz Guipuzcoa und den Großraum Bilbao. Beide Pläne waren wichtig für die weitere Entwicklung der Häfen.

Die architektonische Ausdrucksform in den folgenden Jahrzehnten war dem Regime angepasst und drückte sich in übersteigertem Nationalismus und Traditionalismus aus. Ausgangspunkt sollte Madrid werden, das als Mittelpunkt eines imaginären Imperiums das ganze Land überstrahlen sollte. Dabei besann man sich auf den traditionellen Baublock als strukturbestimmendes Element zurück, was ein Rückschritt in der modernen Architektur bedeutete.

In den 50ern erlebte Spanien eine verstärkte Industrialisierung und einen Modernisierungsdrang durch die Bevölkerung. Es folgte ein wirtschaftliches und demographisches Wachstum. Dementsprechend mussten auch die Städte wachsen, was aber nur wenig geordnet und fragmentarisch erfolgte. Eine Ordnung bei Funktionstrennung herrschte weiter fort. Neue Stadtteile wurden in Form eines so genannten „poligonos“ errichtet. Kriterium bei der Anordnung von Wohnungen war die Orientierung. Bevorzugt wurde der offene Block. Belebt werden sollten diese durch ein Nebeneinander an hohen und niedrigen Gebäuden. Die Aneinanderreihung der Blocks ergaben öfters merkwürdig indifferente Räume. Insgesamt fielen die „poligonos“ jedoch sehr eintönig aus, was auch dadurch bedingt wurde, dass Mindestabstände zwischen den Gebäuden kaum eingehalten wurden. Diese Vorgehensweise führte oft dazu, dass kaum Zusammenhänge zwischen Straße und Bebauung herzustellen waren. Restflächen wurden vernachlässigt oder einfach nur begrünt. Des Weiteren entstanden diese „poligonos“ weit entfernt von den Stadtzentren und verfügten selten über eine vernünftige Anbindung oder sonstige Infrastruktur- oder Versorgungseinrichtungen. Schnell verkamen diese Siedlungen zu Slums.

Den Drang der Spanier, immer mit der Zeit zu gehen, und dem geringen Interesse an historischer Substanz fielen auch viele historische Stadtquartiere zum Opfer. Ersetzt wurden sie durch Neubauten, die dem rationalistischen Prinzip entsprachen. Die Motorisierung der Bevölkerung, die auch in Spanien ab den 60er einsetzte, hinterließ auch ihre Spuren. Zugunsten von breiteren Straßen und Parkplätzen wurden viele Grünstreifen und Vorgärten in den Großstädten geopfert. Zudem kamen viele Stadtautobahnen und Umgehungstrassen, die das bisherige Stadtbild vieler Städte zerschnitten und das Aussehen und den Maßstab bis zur Unkenntlichkeit veränderten. Der Eisenbahnverkehr wurde in erheblichem Umfang verbessert. In den folgenden Jahren wurde die Stadt auch als Dienstleistungszentrum immer wichtiger. Mit steigender Lebensqualität erfolgten punktuelle, höchst ambitionierte Bauvorhaben, wie Einkaufszentren oder einzelne Bauwerke entsprechend der Bedeutung der Stadt. Banken, Versicherungen, Kaufhäuser und Firmenniederlassungen drängten ebenso in die Stadt wie der neureiche Mittelstand, der nach Apartmenthäusern verlangte. Folge war ein tiefgreifender Strukturwandel in den Städten wie in anderen Städten Westeuropas auch. Eine verbesserte Qualität des städtischen Lebens konnte jedoch selten erreicht werde, da man oft sämtliche Bauvorschriften vernachlässigte und sich auch kaum Gedanken machte, wie sich die neuen Gebäude ins Stadtbild einfügen. Opfer dieser Politik waren oft bürgerliche Villen, die durch Wolkenkratzer ersetzt wurden.

Auch der Bau von sozialen Infrastruktureinrichtungen im Umland rückte wieder ins Interesse, da auch Wohlhabende der Enge der Altstadt ins Umland entflohen. Den Menschen ins Umland folgten vor allem Einrichtungen der Bildung und Gesundheit, auch aus dem Grund, dass Bodenpreise in den Stadtkernen kaum bezahlbar waren. Mit diesem Prozess der Suburbanisierung verarmten die Stadtzentren sowohl funktional als auch in gestalterischer Sicht, da Schulen und Krankhäuser durch Banken und Bürohäuser ersetzt wurden.

Mit der zunehmenden Industrialisierung rückte Spanien in den Kreis der wichtigsten Industrieländer auf. Multinationale Betriebe investierten in Spanien und ließen sich in den Randbereichen der Städte nieder. Die Integration in das Stadtbild war soweit kein Problem. Aber zahlreiche Mittel- und Kleinbetriebe ließen sich völlig unkoordiniert, da wo gerade Platz war, nieder. Viele Betriebe fanden zum Beispiel Platz in den Erdgeschossen der mehrstöckigen Wohnhäuser. Sie bildeten eine Art Gewerbestrasse wo jeder in den Betrieb und in das Lager hineinschauen kann. Mit dem Lieferverkehr wurden so zunehmend wichtige Strassen blockiert und der Verkehr erschwert. Umweltauflagen gab es kaum, was das Wohnen dort nicht angenehm machte. Beispiele sind Burgos, Valladoid oder auch Bilbao. In einigen großen Städten gelang auch eine geordnete Planung durch qualifizierte Planer. Die völlig ungeplante Ausbreitung von Gewerbebetrieben stellte viele Städte vor eine sehr große Erblast, die erst spät beseitigt wurde. Dieser schnelle Sprung vom Agrarland zum Industriestaat verschärfte die Binnenwanderung in die Städte. Oft vereinsamten ganze Provinzen. Am meisten betroffen waren Regionen, in denen sich kaum Industrie bildete. Die Ströme gingen hauptsächlich nach Madrid, Barcelona und Bilbao. Die starke Zuwanderung verursachte viele Probleme. Um die in Griff zu bekommen, bildete die Regierung Industrialisierungs- und Entstauungspole. Vielfach ist es gelungen und es entstand eine Art Zwillingsstadt in direkter Umgebung der zu entlastenden Stadt. Die zunehmenden Umweltprobleme in den Städten beschleunigten die Stadtflucht, vor allem die der Oberschicht. Diese bildete im Umland gartenstadtähnliche Gebilde.

In den 60ern und 70ern blühte zum wirtschaftlichen Aufschwung der Tourismus auf. Davon profitierten vielfach die Regionen am Mittelmeer, die bis dahin kaum am wirtschaftlichen Aufschwung teilnahmen. Auch hier entstanden innerhalb weniger Jahre völlig unkoordiniert Hunderte von Hotels und Apartments. Die landschaftliche Zerstörung wurde billigend in Kauf genommen. Dass die Abwässer direkt ins Mittelmeer abgeführt worden sind, konnte auch lange nicht unterbunden werden.

Ein positiver Effekt neben dem wirtschaftlichen Aufschwung durch den Tourismus war es wohl, dass man die historische Stadt wieder entdeckte. Wie auch in Resteuropa besann man sich des historischen Erbes und begann mit der behutsamen Sanierung von Altstädten. Anlass hierfür war auch, dass die Altstädte, die in Reiseführern als sehenswert beschrieben wurden, in einem erbärmlichen Zustand waren. Insgesamt verläuft die spanische Stadtentwicklung nach ähnlichen städtischen Leitbildern wie auch in Resteuropa. Aber gerade während der Diktatur unter Franco verlief vieles unkoordiniert und planlos bzw. es gab zu viele Gesetze, Pläne und Verordnungen mit sich widersprechenden Aussagen. Hinzu kam, dass die zuständigen Behörden zu jener Zeit völlig überfordert waren und das Personal oft inkompetent war.

Arbeit zitieren:
Feldkamp, Christian Juni 2006: Stadtentwicklung in altindustriellen Regionen, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Stadtentwicklung, Ruhrgebiet, Strukturwandel, Bilbao, Altindustriell

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