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Sprache der Moderne in Ingeborg Bachmanns Roman 'Malina'

Sprache der Moderne in Ingeborg Bachmanns Roman 'Malina'
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Ines Streu
  • Abgabedatum: Juli 1998
  • Umfang: 104 Seiten
  • Dateigröße: 668,6 KB
  • Note: 1,5
  • Institution / Hochschule: Universität Kassel Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-1080-3
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-1080-3 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-1080-3 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Streu, Ines Juli 1998: Sprache der Moderne in Ingeborg Bachmanns Roman 'Malina', Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Kunsttheorie, Sprachphilosophie, Romantheorie, Literaturtheorie, Sprachkonzept

Magisterarbeit von Ines Streu

Zusammenfassung:

Ab Mitte der 50er Jahre schreibt Bachmann kaum mehr Gedichte. In den 60er Jahren widmet sie ihr Schaffen verschiedener Prosa wie Erzählungen oder Essays und Hörspielen. 1971 veröffentlicht sie den Roman "Malina". In welcher Gattung Bachmann auch arbeitet, immer ist die Sprache ein zentrales Thema ihres Schaffens.

Sie realisiert in "Malina" ein Sprachkonzept, das sie in den Frankfurter Vorlesungen erläutert. Hier entwirft die Dichterin das Bild einer Sprache und Utopie, um die sich Künstler und Rezipient bemühen sollen. In "Malina" erscheint die Sprache in ihrer schönsten Form, gleichzeitig werden Zweifel an der Sprache geäußert: Die Sprachskepsis der Ich-Figur des Romans geht so weit, daß sie sich nach einer überirdischen, metaphysischen Sprache sehnt, sie sagt: "Genügt ein Satz denn, jemand zu versichern, um den es geschehen ist? Es müßte eine Versicherung geben, die nicht von dieser Welt ist" Äußerungen, die wie diese die Sprache behandeln, treten häufig im Romantext auf. Sie sind der Gegenstand meiner Untersuchung.

Ich analysiere Textausschnitte, die sprachästhetische Gedanken spiegeln oder reflektieren sowie semantische und stilistische Sprachmerkmale. Unter diesen Aspekten verstehe ich im weiten Sinn die ‘Form’ des Romans. Dabei interpretiere ich weder die äußere Handlung des Romans, noch gehe ich auf biographische oder psychoanalytische Aspekte ein, welche in der Forschungsliteratur zu "Malina" in den 70er Jahren starke Berücksichtigung finden, noch auch auf feministische Perspektiven, die seit den 80er Jahren im Vordergrund stehen.

Die sprachlichen Merkmale und die Aussagen über Sprache in "Malina" sind nicht nur für das Werk Bachmanns sondern auch für die Literatur der Epoche der Moderne bezeichnend.

Nach einer Einführung in Geschichte, Aufbau und Struktur des Romans (Kapitel 2) untersuche ich bedeutende Sprachmerkmale des Romans (Kapitel 3). Als moderne sprachliche Stilmittel analysiere ich exemplarisch die Fragmentarisierung (3.1) und die Sprachreflexion (3.2) in "Malina". Dabei untersuche ich jeweils, in welcher Beziehung sie zur Literatur der Moderne stehen. Anschließend erarbeite ich anhand des Romans Kennzeichen einer modernen Erzähltechnik. Hier untersuche ich die subjektive Erzählweise, ihre Grenzen in der modernen Gesellschaft (3.3) und die Problematik von subjektiver Erfahrung und Erinnerung als Grundbedingung des Erzählens (3.4) - in diesem Zusammenhang ist auch die in moderner Literatur vorzufindende Erkenntnisskepsis zu analysieren (3.5). Hier ist es aufschlußreich, Bachmanns Perspektive auf die Sprachphilosophie Wittgensteins zu analysieren, da mit Wittgenstein eine neue, für die Moderne entscheidende Perspektive auf den Zusammenhang von Sprache und Erkenntnis entsteht, deren Bedeutung die Autorin schon seit den 50er Jahren beschäftigt, und die für die Erzählweise in "Malina" Erklärungen liefert. Ausschlaggebend für die Art des Umgangs mit Sprache besonders in "Malina" - aber auch in moderner Literatur überhaupt - ist die Position, die Kunst und Literatur innerhalb einer rationalistischen Gesellschaft haben, aber auch welche Grenzen einem blinden Irrationalismus mit den Mitteln der Sprache gesetzt werden können, weshalb ich "Malina" auf Hinweise auf Logozentrismuskritik und die Philosophie der Aufklärung untersuche (3.6). In den folgenden letzten Kapiteln erarbeite ich, von den gewonnenen Erkenntnissen ausgehend, in welcher sprachlichen Form Bachmann ihr Sprachkonzept, das sie in den Frankfurter Vorlesungen am ausführlichsten referiert, in "Malina" umsetzt (3.7), und daraufhin den Bachmannschen Entwurf einer Utopie, der weitere Moderne-typische Kennzeichen aufweist (3.8). Abschließend ist zu analysieren, welche Kategorien die Poetik der Dichterin, die in "Malina" sprachliche Gestaltung findet, charakterisieren (3.9).

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung
2. Aufbau und Struktur des Romans
2.1 Handlung
2.2 Aufbau und Struktur
3. Moderne Sprachmerkmale in "Malina"
3.1 Fragmentarisierung
3.1.1 Begriffsklärung
3.1.2 Das Fragment in der Frühromantik
3.1.3 Fragmentarische Textstruktur in "Malina"
3.1.4 Fragmentarisiertes Sprechen und Schreiben in "Malina"
3.1.5 Fragmentarisierung als Spiegel der Gesellschaft
3.2 Sprachreflexion
3.2.1 Frühromantische Theorie als Referenz
3.2.2 Reflexion von Schreibprozeß, Zeichen und Sprache in "Malina"
3.3 Subjektivismus und Erzählproblematik
3.3.1 Thema der Frühromantik
3.3.2 Subjektivismus versus Gesellschaft in "Malina"
3.3.3 Die Krise des Subjekts in "Malina"
3.3.4 Divergierende Erzählhaltungen in "Malina"
3.3.5 Subjektivistische Erzählperspektive in "Malina": Folgen für die Rezeption
3.3.6 Namen und Identität in "Malina"
3.4 Erfahrung und Erinnerung als Grundbedingung des Erzählens in "Malina"
3.5 Erkenntnisskepsis
3.5.1 Erkenntnisskepsis gegenüber der Mediengesellschaft in "Malina"
3.5.2 Der Einfluß von Wittgensteins Sprachphilosophie auf Bachmann
3.6 Rationalismus und Logozentrismuskritik
3.6.1 Ratio und Natur bei Hölderlin und in der Frühromantik
3.6.2 Logozentrismuskritik und aufgeklärtes Denken in "Malina"
3.7 Poetische Sprache
3.7.1 Novalis’ Idee einer anderen Sprache als Substrat in "Malina"
3.7.2 Poetische und informative Sprache in "Malina"
3.7.3 Unsagbares in "Malina"
3.8 Die Utopie
3.8.1 Romantische Utopien
3.8.2 Die Bedeutung der Sprache für die Utopie in "Malina": Wirkmächtigkeit
3.8.3 Konzept der Utopie: Schönheit der Sprache in "Malina"
3.9 Sprachkonzept der Moral
3.9.1 Diskrete Sprache in "Malina"
3.9.2 Sprache und Menschenwürde in "Malina"
4. Zusammenfassung
5. Literaturverzeichnis

Automatisiert erstellter Textauszug:

Für Ivan existiert ein Problem mit der Vergangenheit nicht, er plädiert für Literatur ohne gesellschaftskritischen und historischen Anspruch: Das gefällt mir nicht, ich habe mir schon so etwas Ähnliches gedacht, und alle diese Bücher, die hier herumstehen in deiner Gruft, die will doch niemand, warum gibt es nur solche Bücher, es muß auch andere geben, die müssen sein wie EXSULTATE JUBILATE, damit man vor Freude aus der Haut fahren kann, du fährst doch auch oft vor Freude aus der Haut, warum also schreibst du nicht so. Dieses Elend auf den Markt tragen, es noch vermehren auf der Welt, das ist doch widerlich, alle diese Bücher sind widerwärtig. Was ist denn das für eine Obsession, mit dieser Finsternis, alles ist immer traurig und die machen es noch trauriger in diesen Folianten. Bitte, hier; AUS EINEM TOTENHAUS. (333f.) Er argumentiert für Kunst und Literatur ausschließlich des l’art pour l’art. Da Literatur und Kunst politisch ohnehin nichts ausrichten können, reicht es aus, wenn sie sich um die Schönheit der äußeren Form bemühen. Diese Theorie ist meiner Meinung nach zwar unzureichend, sie ist aber ohne kritische Auseinandersetzung auch nicht einfach von der Hand zu weisen. Sie erhält im Roman „Malina“, der verschiedene Theorien reflektiert, mit Ivan eine Stimme. [...]

52 ist es einfacher, Widersprüche auszusparen, da man sich beim Schreiben auf eine Erfahrung beschränken kann: Sie sagt 1971 in einem Interview mit Veit Mölter: Bachmann: Diese erste Prosa kommt zum Teil noch aus dem Zustand des Gedichteschreibens.152 Es sind noch viele Versuche darin, den Satz so hochzutreiben, daß kein Erzählen mehr möglich ist... Um ein wirkliches Gedicht schreiben zu können, braucht man keine langjährigen Erfahrungen, keine Fähigkeit zu beobachten. Ein sehr reiner Zustand ist das, in dem nur die Sprache eine Rolle spielt. Wortauftritte sind der Anstoß für Gedichte. Sie sagen, beobachten ... Ich glaube, ich bin kein sehr guter Beobachter - Beobachten kommt mir so indiskret vor. Was sich anhäuft an Gesehenem, Erlebtem, eben das, was man mit dem hilflosen Wort „Erfahrung“ bezeichnet, das macht einen eines Tages fähig, Prosa zu schreiben. Und das kommt daher bei allen ziemlich spät.153 [...]

51 Die Ich-Figur ist bemüht, in ihren Erinnerungen zwischen wichtigen und unwichtigen zu unterscheiden, um beim Erzählen zu allgemein-menschlichen Aussagen zu gelangen. Wenn meine Erinnerung aber nur die gewöhnlichen Erinnerungen meinte, Zurückliegendes, Abgelebtes, Verlassenes, dann bin ich noch weit, sehr weit von der verschwiegenen Erinnerung, in der mich nichts mehr stören darf. (292) Pfotenhauer sieht ein bestimmendes Charakteristikum der Darstellungsform moderner Literatur darin, daß die Übermächtigkeit des gesellschaftlichen historischen Geschehens den Dichter dazu zwingt, sein Schreiben, das Ausdruck seiner Erinnerungs- und Erfahrungsmöglichkeit sein soll, zu hinterfragen: Keine subjektzentrierte Einheit und Geschlossenheit ist mehr vorstellbar. Die Übermacht des äußeren Geschehens gegenüber den Erinnerungs- und Vergegenwärtigungsfähigkeiten des Subjekts verhindert sie. [...] Der Ausdruck von Unsicherheit, die Reflexion auf die Relativität des jeweils Imaginierten tritt an die Stelle unbefangenen gegenständlichen Erzählens.151 In „Malina“ reflektieren die Figuren Ich und Malina immer wieder über die Möglichkeiten und Grenzen eines Schreibens, das Ausdruck vergangener oder gegenwärtiger Wirklichkeit sein soll: Malina: Warum hast du immer gesagt: mein Vater? Ich: Habe ich das wirklich gesagt? Wie konnte ich das nur sagen? ich habe es doch nicht sagen wollen, aber man kann doch nur erzählen, was man sieht, und ich habe dir genau erzählt, wie es mir gezeigt worden ist. (565) Die verschiedenen Figuren vertreten verschiedene Positionen. Ich und Malina treten sogar in Konkurrenz um das richtige Erzählen vergangener Erfahrung, aufgrund der es sich zu schreiben lohnt. Sie werfen sich gegenseitig vor, nur zu „beobachten“ und nicht darüber hinaus zu kommen: Ich: Du beobachtest zuviel, deswegen bemerkst du nichts. Malina: Es ist umgekehrt. (627) Malina behauptet von sich objektives Wissen, wohingegen die Ich-Figur Malina unterstellt, seine Perspektive sei zu analytisch, weswegen er den Blick auf das Ganze verloren habe. Bachmann erklärt in einem Interview, daß die Beobachtung eines Geschehens nicht ausreicht, um einen Roman zu schreiben, zusätzlich bedarf es der Lebenserfahrung dessen, der schreibt. Bachmann sieht in der Komplexität verschiedener Erfahrungen, die ein Roman beinhaltet, den Unterschied zu einem Gedicht. In der Lyrik [...]

Arbeit zitieren:
Streu, Ines Juli 1998: Sprache der Moderne in Ingeborg Bachmanns Roman 'Malina', Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Kunsttheorie, Sprachphilosophie, Romantheorie, Literaturtheorie, Sprachkonzept

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