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Ich wollte nicht mehr kämpfen (müssen)

Eine qualitativ-empirische Studie über den Ausstieg von Frauen aus dem Bauhandwerk

Ich wollte nicht mehr kämpfen (müssen)
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Ute Becker
  • Abgabedatum: Februar 1998
  • Umfang: 179 Seiten
  • Dateigröße: 688,7 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Westfälische Wilhelms-Universität Münster Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-4444-0
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-4444-0 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-4444-0 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Becker, Ute Februar 1998: Ich wollte nicht mehr kämpfen (müssen), Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Beruf, Berufsbiographie, Frauen, Frauenberuf, Handwerk

Diplomarbeit von Ute Becker

Einleitung:

Die vorliegende Arbeit soll Aufschluss darüber geben, warum Frauen nach einer erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung im Bau- bzw. baunahen Handwerk und zeitweiliger Tätigkeit als Gesellin sich zumeist gegen einen weiteren Verbleib im Handwerk entscheiden. Anhand der Berufsbiographie ausgewählter Handwerkerinnen werden Strukturen im Handwerk und in der Gesellschaft aufgezeigt, die das Arbeiten von Frauen in einem männlich dominierten und strukturierten Handwerk erschweren bzw. unmöglich machen.

In der Fachliteratur zu dem Themenbereich „Frau und Handwerk“ war in Hinblick auf dieses Problemfeld kaum Information zu finden. Trotz einer zunehmenden Zahl von Untersuchungen zu Frauen im Handwerk/ gewerblich-technischen Bereich mangelt es noch immer an zusammenhängendem theoretischen Wissen und an differenzierten Bildern zum Alltag von Frauen im Bauhandwerk. Vor allem über die Befindlichkeit von Handwerkerinnen, mögliche Problemaspekte und individuelle Verarbeitungsformen ist wenig bekannt.

Ich kam zu der Überzeugung, befriedigende Antworten vorrangig in den eigenen Erfahrungen (ich bin selbst Tischlerin) bzw. von denjenigen mit einer ähnlichen Berufsgeschichte finden zu können. Aufgrund dieses Vorverständnisses bot sich eine offene methodische Vorgehensweise, wie sie in der Biographieforschung entwickelt wurde, geradezu an. Als Erhebungsverfahren entschied ich mich für qualitative Interviews, in denen Handwerkerinnen mit einer ähnlichen Geschichte zu Wort kommen sollten.

Gang der Untersuchung:

In Teil II. meiner Arbeit erläutere ich vorweg die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen das Berufsleben stattfindet. Nach einer allgemeinen Darstellung unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit nach SCHAEF in II.A., gehe ich in II.B. auf die Entwicklung und Bedeutung von Berufstätigkeit ein. Im letztgenannten Teil kommen auch die interviewten Handwerkerinnen zu Wort.

Der empirische Teil (Kap. III.) beschreibt nach einer theoretischen Einführung die vier Fallstudien. Dabei wurden solche Frauen ausgewählt, die eine Ausbildung im Bau- bzw. baunahen Handwerk abgeschlossen hatten und vor ihrem Ausstieg als Gesellinnen Berufserfahrung sammeln konnten. Es handelt sich um zwei Tischlerinnen, eine Stukkateurin und eine Malerin und Lackiererin. Die Interviews wurden mit Hilfe eines zuvor erstellten Leitfadens durchgeführt. (Der vollständige Leitfaden ist im Anhang dokumentiert.) In den Einzelfallanalysen (Kap. III.B.) habe ich mich auf drei Fälle beschränkt. Hier soll der Prozess der Handwerkerinnen anhand folgender Fragestellungen nachgezeichnet werden: Welche Motive haben die Frauen zu ihrer Berufswahl veranlasst? Wie erleben und deuten die Handwerkerinnen ihre Arbeitserfahrungen in einem handwerklichen Männerberuf? Welches sind die Gründe und Bedingungen, die zum Ausstieg aus dem Handwerk geführt haben?

Den Kenntnisgewinn aus den Einzelfallanalysen stelle ich in Teil IV.A.,B. und C. dar. Dabei gehe ich auf die von den Frauen benannten Konfliktfelder und deren Bewältigungsstrategien ausführlich ein. Darüber hinaus möchte ich in diesem Teil aufzeigen, welche kollektiven Strukturen sowohl im Handwerk als auch in der Gesellschaft sich in den Äußerungen der Handwerkerinnen wiederfinden lassen.

Das Resümee (Kap. IV.D.) gewährt eine abschließende Betrachtung sowie einen Ausblick auf die Möglichkeiten und Grenzen pädagogischen Handelns.

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort
I. EINLEITUNG 4
II. Theoretischer Bezugsrahmen 6
A. Das WHITE MALE SYSTEM (WMS) 6
B. Der Beruf im WHITE MALE SYSTEM 10
C. EXKURS: Zum Wandel des Frauenleitbildes 14
III. Empirischer Teil 17
A. Methode, Design und Durchführung der Untersuchung 17
1. Theoretische Grundlagen der biographischen Methode 17
2. Die qualitative Einzelfallstudie in der Biographieforschung 18
3. Der eigene Bezugsrahmen und die Forschungsfragen 19
4. Die Auswahl der Probandinnen und die Durchführung der Interviews 22
5. Das Aufbereitungs- und Auswertungsverfahren 25
6. Die Analysemethode der Interviewdaten 25
B. Die Interviewanalysen 28
1. GUDRUN 28
a) Die berufliche Biographie 28
b) Einzelfallanalyse 28
2. VERA 56
a) Die berufliche Biographie 56
b) Die Einzelfallanalyse 57
3. NANA 83
a) Die berufliche Biographie 83
b) Die Einzelfallanalyse 84
4. Zusammenfassung der Interviewanalysen 106
V. Kenntnisgewinn und Konsequenzen aus den Einzelfallanalysen 107
A. Frauen haben andere Ausgangsvoraussetzungen 107
1. Struktur, Umfeld und Sozialisation 107
2. Vorurteile: mangelnde Kraft und mangelndes Technikverständnis 118
3. EXKURS: Vom „Männerberuf“ zum „Frauenberuf“ - Zum Geschlechtswechsel von Berufen 123
B. Ambivalenzen 127
1. Beschreibung der Ambivalenzen 127
2. Möglichkeiten der Bearbeitung 135
C. Fremde, Fremdheit, Entfremdung 141
1. GUDRUN 143
2. VERA 146
3. NANA 150
4. EXKURS: Handwerkerinnen - Fremdkörper im Arbeitsalltag 153
D. Resümee 154
V. Literaturverzeichnis 161
VI. Anhang 170

Automatisiert erstellter Textauszug:

73 ich, irgendwelche Schlösser, die so und so und schräg und hin und her. Und die sagen: "Nee, das geht nicht." Ich sag’: "Doch, das muß aber gehen, das kann man aber so und so .." Wo ich so merke, das sind Situationen, die machen mir schon unheimlich Spaß, mich da so zu zeigen als Frau mit meinem Fachwissen und so, das macht einfach Spaß. (S.20) Trotz zunehmender Stabilisierung ihres handwerklichen Selbstbewußtseins erlebt VERA den Berufsalltag als anstrengend. Die Beziehung zu ihrem Freund ermöglicht ihr einen Ausgleich für den Streß und die Anspannung, die die Arbeit von ihr fordert. VERA glaubt, der beruflichen Belastung nur mittels dieser Beziehung gewachsen zu sein. Und in der Zeit als ich bei X. (gemeinnützige GmbH) gearbeitet hab’, die zweieinhalb Jahre, da war ich eigentlich fast die ganze Zeit mit ‘nem Mann zusammen. Und das war wirklich so ‘n netter Ausgleich, den ich brauchte. Das war so ‘ne Beziehung, die nicht so wahnsinnig aufreibend und aufregend und overflowing und ganz dramatisch war. Das war einfach schön und nett. Das war ein bequemer Partner, der wohnte hier direkt um die Ecke. Der war immer da .. der war einfach pflegeleicht (lacht) .. Viel mehr hätte ich auch nicht gekonnt, weil, das war schon immer so, daß mich die Arbeit sehr angestrengt hat. Und da braucht’ ich das aber auch. Einfach so ‘n netten Mann an meiner Seite, der irgendwie nicht viel Komplikationen macht. .. Ja, wo ich nicht so viel investieren muß. (S.32) Als VERA nach zweieinhalb Jahren ihre Arbeitsstelle verläßt, trennt sie sich kurze Zeit später von ihrem Freund. In VERAS neuer Lebenssitua tion, in der sie auch Raum für andere Lebensbereiche hat, erfüllt diese Beziehung vermutlich nicht mehr ihre Bedürfnisse. Nach dem zweiten Jahr als Anleiterin läuft VERAS Arbeitsvertrag aus. Sie hat den Eindruck, selbstgesteckte Ziele erreicht zu haben. Der Umgang mit ihrer Krankheit, kurz vor Verlassen der Arbeitsstelle, weist sie auf ihre Veränderung hin. Sie hat genug Selbstbewußtsein, sich nicht von der vermuteten Meinung anderer oder eigenen Leistungsansprüchen abhängig zu machen. Und das war dann am Ende so, das war dann für mich das absolute Erfolgserlebnis. In den letzten Wochen, kurz bevor ich da endlich aufgehört habe, bin ich dann also noch ‘mal anderthalb Wochen krank geworden. Und das hätte ich ... Also im Vergleich zu dieser 16Schreibtischaktion, wo ich da noch zwei Tage länger geblieben bin, um das fertig zu machen! Und da so — ja wirklich — selber am Ende einfach noch krank werden zu können! Wo jeder sagt: "Ja, wo die aufhört, ja, ja, ja, jetzt macht die noch ‘mal blau!" und so. Und dann einfach sagen: "Okay, ich bin jetzt krank. Und es ist mir egal, was Ihr von mir denkt. Also, Ihr könnt jetzt meinen, ich wär’ Wer-sonst-was. Ich muß hier keinen guten Abgang machen, so." (S.19) [...]

72 meist männlichen Jugendlichen hat VERA als Anleiterin keine Schwierigkeiten. Sie fühlt sich den pädagogischen Aufgaben gewachsen und wird von den Auszubildenden anerkannt. Das war gut mit denen (den Jugendlichen). ... Also, ich hab’ die dann auch so miteinbezogen und hab’ eigentlich auch nicht ‘ne Kompetenz vorgetäuscht, die ich nicht hab’ oder so. Sondern hab’ die auch so miteinbezogen in den Prozeß, wie wir jetzt ‘was machen. ... die haben mich schon respektiert. (S.21) VERAS Arbeitsvertrag wird nach einem Jahr für ein weiteres Jahr verlängert. Sie exmatrikuliert sich an der Fachhochschule für Sozialpädagogik. Im folgenden Arbeitsjahr erscheint ihr zunehmend wichtig, daß ihr Leben nicht nur aus Arbeit besteht. Ihr Ziel ist es, den eigenen Leistungsdruck zu vermindern. ... was in dem zweiten Jahr dann auch wichtig war, dahin zu kommen, mich nicht so für unersetzlich zu halten, einfach ‘mal krankfeiern zu können. ... was ich von mir als Grundtendenz kenne, daß ich einfach so leicht Workaholictendenzen habe und daß die Arbeit absolut vorgeht und daß ich ‘was tun muß, ‘was leisten muß und daß es wichtig ist, was andere von mir denken. (S.19) Als Frau in einem Männerberuf zu arbeiten, zudem in einer verantwortlichen Position, erlebt VERA als ambivalent. Zum einen befürchtet sie, aufgrund ihres Geschlechts unter Beweisdruck zu geraten. Zum anderen genießt sie die Situation, etwas Außergewöhnliches zu machen. .. das bedeutet mir schon auch ‘was als Frau so ‘was zu machen. Weil, das ist einfach klar, wenn ich da ankomme als Frau, das fällt einfach auf. Und wenn ich dann auch noch in ‘ner halbwegs verantwortlichen Position da ankomme, das fällt schon ‘mal noch mehr auf. ... Wo ich so gemerkt habe, das ist immer so ‘ne Gradwanderung. Irgendwo so dazwischen, zwischen diesem .. ja, mich nicht unbedingt beweisen wollen oder müssen, aber auf der anderen Seite auch zu sehen, daß mir das schon ganz gut ‘runtergeht, wenn ich in so ‘ner Situation bin. Und wo klar ist, daß das schon auch ‘was Außergewöhnliches ist, daß ich als Frau jetzt so ‘was mache. VERA genießt es, in eine Männerdomäne eingedrungen zu sein und sich als kompetente Fachfrau zu präsentieren. Sie verdeutlicht dieses exemplarisch an folgender Situation: Oder bei Fachhändlern oder so ‘was. Wenn ich halt einkaufen gefahren bin, halt zum P. (Fachhandel) oder so, dann hat mir das schon ungeheuren Spaß gemacht, da an der Theke zu stehen, wo sonst nur Männer stehen. Da stehen einfach nur Männer. Und das ist ein totales Spezialgeschäft. Und ich komm’ da hin und will halt, was weiß [...]

71 meinem Leistungstrip. Den hab’ ich seit ich, was weiß ich, ein Kind bin. Und ja: "Wie kann ich den Weg finden, relaxed zu arbeiten?" Also, das war für mich immer wichtiger, als irgendwie zu sagen: "Ich muß jetzt unbedingt das und das lernen." Das ist mir einfach nicht so wichtig. Weil ich glaub’ sowieso, daß die Grundvoraussetzung ist, einfach relaxed zu arbeiten. In dem Moment, wo ich relaxed arbeite, da klappt auch alles und da lern’ ich auch. Und vor allen Dingen macht’s einfach mehr Spaß. Das macht ja keinen Spaß, wenn das Leben ein Kampf ist, aus welchen Gründen auch immer. Aber dadurch habe ich ganz nebenbei einfach auch handwerklich viel gelernt. (S.19/20) Die gemeinnützige Werkstatt erscheint VERA als geeigneter Rahmen, ihre Ziele zu erreichen. Die Aufträge sind vergleichbar mit denen eines freien Wirtschaftsunternehmens. Der Produktionsdruck ist jedoch geringer, da der Betrieb mit öffentlichen Mitteln unterstützt wird. Jugendliche, die eine SchreinerInnenausbildung anstreben, werden dort auf ihre zukünftige Lehrstelle vorbereitet. Und so, also, mit der Motivation habe ich halt auch da angefangen. So zu sehen, so A, weil klar war, der Produktionsdruck ist da nicht ganz so groß. Wir haben zwar normale Aufträge gemacht, aber das ganze war halt dadurch, daß das viel über ABM abgesettet war und halt Geld von der Stadt ‘reinfloß, war halt der Finanzdruck und der Produktionsdruck nicht so wie in der freien Wirtschaft. ... Dadurch war da einfach ein Rahmen gegeben, wo ich mich einfach noch ‘mal ausprobieren konnte ... und das war ganz gut. (S.19) Im Laufe der Zeit bestätigen sich ihre Überlegungen. Aufgrund entspannterer äußerer Bedingungen hat VERA die Möglichkeit, Erfolge als Schreinerin zu erleben. Ihr handwerkliches Selbstbewußtsein beginnt sich zu stabilisieren. Und so rein vom Handwerklichen, ich hab’ einfach unheimlich viel gemacht in der Zeit, auch große Baustellen und schwierige Baustellen .. und .. ja, und ich hab’s immer geschafft. Ich glaube es ist einfach wichtig, ‘ne gewisse Anzahl von positiven Erfahrungen zu sammeln. Also halt immer wieder die Erfahrung zu machen: "Es geht." Also das braucht einfach Zeit. Und das braucht aber auch ‘nen Rahmen, in dem das möglich ist. Weißt du, wenn du auf ‘nem sinkenden Schiff anfängst, da kannst du nicht mehr viel an tollen Erfolgserlebnissen haben oder so. Und das war ja doch ein etwas geschützter Rahmen, dadurch, daß das finanziell so ‘n bißchen abgefedert war, obwohl wir schon sehr marktorientiert gearbeitet haben. Da war nicht so eine existenzielle Bedrohung da. Und das war im Zweifelsfalle auch ein Laden, da gab’s Sozialpädagogen, da gab’s einfach auch andere Sachen, die Gewicht hatten.(S.22) ... Ein Teil der Arbeitszeit waren halt Besprechungen. Ich hatte einfach auch gewisse pädagogische Aufgaben. (S.18) Neben handwerklichen Kompetenzen sind in diesem Betrieb auch pädagogische Fähigkeiten von Bedeutung. In der Zusammenarbeit mit den [...]

Arbeit zitieren:
Becker, Ute Februar 1998: Ich wollte nicht mehr kämpfen (müssen), Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Beruf, Berufsbiographie, Frauen, Frauenberuf, Handwerk

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