Auf welchem Weg informieren sich heranwachsende Männer zu den Themen Sexualität und Partnerschaft und welche Anlässe bestimmen diesen Weg?
Problemzentrierte Interviews am Beispiel der männlichen Adoleszenz - eine qualitative Untersuchung
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Sven Vöth
- Abgabedatum: Februar 2005
- Umfang: 127 Seiten
- Dateigröße: 668,9 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-9087-4
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-9087-4 P - ISBN (CD) :978-3-8324-9087-4 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Vöth, Sven Februar 2005: Auf welchem Weg informieren sich heranwachsende Männer zu den Themen Sexualität und Partnerschaft und welche Anlässe bestimmen diesen Weg?, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Sexualpädagogik, Aufklärung, empirisch, Interview, Adoleszenz
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Diplomarbeit von Sven Vöth
Einleitung:
Seit Beendigung meines hochschulintegrierten Praktikums im Sommer 2000 bin ich bei meiner ehemaligen Praktikumstelle – dem pro familia Landesverband Hamburg e.V. – in der Sexualpädagogik tätig. Meine Arbeitsschwerpunkte sind die sexualpädagogische Gruppenarbeit mit Jungen und die Erwachsenenbildung. Durch die praktische Arbeit selbst, den inhaltlichen Austausch und die Reflexion innerhalb des Fachteams und ergänzend durch die regelmäßig stattfindende Evaluation "unseres" sexualpädagogischen Gesamtangebotes konnte ich wiederkehrend folgendes Phänomen feststellen: Selbstverständlich stehen zwar Inhalte und Methoden – abgestimmt auf die jeweiligen Zielgruppen und deren spezifischen Themenwünsche – stets im Vordergrund, dennoch wird häufig – besonders innerhalb der Gruppenarbeit mit Jugendlichen – eine immer wiederkehrende Frage der Heranwachsenden transparent.
Diese besitzt einen "übergeordneten Charakter": Die Informationswege und Informationsmöglichkeiten zu den Themen Liebe, Freundschaft, Sexualität und Partnerschaft – losgelöst von speziellen sexualpädagogischen Themen und Arbeitsinhalten – kristallisierten sich immer wieder als gewichtige Gesprächsinhalte heraus. Die Fragen nach "guten, verlässlichen, sicheren und gehbaren Wegen" zum benannten Themenbereich stellen sich zum einen die Jungen in den jeweiligen Gruppenprozessen untereinander; zum anderen richten sich diese Fragen ebenso an mich, als Gruppenleiter.
Ausgelöst durch die Wahrnehmung dieses sich wiederholenden und häufig auftretenden "Fragephänomens" in der Praxis begann ich mich als sexualpädagogisch arbeitender Mann näher mit diesem Thema zu beschäftigen und stelle mir nun selbst diese Frage: "Aus welchen Quellen gewinnen männliche Heranwachsende ihr Sexualwissen?" Über den institutionellen "Tellerrand" (der pro familia) hinausgeschaut, wurde mein grundsätzliches Interesse an Informationswegen für Jungen und heranwachsende Männer zu den Themen Sexualität und Partnerschaft geweckt. Welche Möglichkeiten der Informationsvermittlung stehen der Zielgruppe im Verlauf ihres Erwachsenwerdens zur Verfügung, und welche werden als adäquate und "gehbare" seitens der Jungen in Betracht gezogen? Welche individuellen Gründe bestimmen die vorstellbaren Wege aus der Jungensicht, und wie sind die bisherigen Erfahrungen und Empfindungen beim Informationstransfer? So entschloss ich mich, im Rahmen meiner noch ausstehenden Diplomarbeit – die ich als ehemaliger Student der HAW als Fremddiplom einreichen werde – den beschriebenen Fragestellungen nachzugehen.
Problemstellung:
Kinder sind neugierig - Mädchen wie Jungen und Jungen wie Mädchen. In dieser Forschungsarbeit werden ausschließlich Jungen betrachtet; hierfür gibt es zwei Gründe: Ich arbeite mit Jungen und war selbst auch mal einer. Im Verlauf ihrer Kindheit begegnen viele Jungen Situationen, die Fragen in ihnen aufwerfen: Die Jungen sehen ihre nackten Eltern und wundern sich, "dass Mama und Papa ganz unterschiedlich aussehen"; die Jungen fragen sich "wo der kleine, neue Bruder wirklich herkommt"; die Jungen wundern sich, warum nachts manchmal so ein "Gestöhne" aus dem Elternschlafzimmer kommt und überhaupt finden sie es "ziemlich rätselhaft", dass die Erwachsenen "immer miteinander knutschen müssen".
Wundern sich die Jungen nur oder stellen sie Fragen? Vielleicht ist es aber auch so, dass sie zum Fragen gar nicht kommen, da ihnen jemand vorauseilend schon alles erklärt hat, ohne dass sie selbst fragen mussten? Dieser "Jemand", wer ist das gewesen? Wenn sie die Fragen doch stellen, wo kommen dann die Antworten her und woher wissen die Jungen überhaupt, dass ihr Geschlechtsteil, das sie "Pimmel" nennen, ein Penis ist und dass Mädchen eine Scheide haben?
Mit dem Älterwerden, bzw. dem "langsam Erwachsenwerden" stellen sich die jungen Jugendlichen neue und andere Fragen, und manchmal kommen sie sehr plötzlich auf sie zu: Ihren ersten Samenerguss, den die Jugendlichen erleben – wissen sie, was er ist und welche Bedeutung er hat? Wissen die Jugendlichen, weshalb manche Jungen so viele Pickel haben und andere gar keine?" Woher wissen sie eigentlich, "wie sich Verliebtheit anfühlt? Wissen die Jugendlichen, "wie Geschlechtsverkehr funktioniert und kennen sie Verhütungsmittel?" Und wenn ja, woher wissen sie es – woher haben sie diese Informationen zu Sexualität? Mit wem sprechen heranwachsende Männer über diese und andere Fragen, oder aus welchen Quellen beziehen sie sonst ihre Informationen?
Auch hier stellt sich die Frage, inwieweit sie überhaupt nach Antworten suchen müssen? Unabhängig davon, wie viel und was die Jugendlichen über Sexualität wissen - die zentrale Frage in dieser Forschungsarbeit ist: Woher?
Gang der Untersuchung:
Die vorliegende Diplomarbeit stellt eine qualitative Untersuchung zu Informationswegen zu den Themen Sexualität und Partnerschaft dar, die Jungen und heranwachsenden Männern im Verlauf ihrer Kindheit und im Jugendalter zur Verfügung stehen.
Jungen – männliche Jugendliche – stehen durch ihre beginnende Pubertät vor der Aufgabe, sich mit ihrem sich verändernden Körper auseinander zu setzen und sich in und mit ihm wohl zu fühlen. Für die Heranwachsenden bedeutet die Pubertät der Abschied von der Kindheit und der Beginn, langsam erwachsen zu werden. In dieser Lebensphase kommt wahrlich viel Neues auf sie zu; neben einer Menge neuer Gefühle auch ein Menge neuer Fragen. Sie beginnen sich meist ausgelöst durch ihre körperlichen und seelischen Veränderungen in einem hohen Maß für Sexualität und den mit ihr korrespondierenden Themen zu interessieren.
In dieser Arbeit werden vor dem Hintergrund der biografischen Retrospektive einzelne Lebensphasen männlicher Jugendlicher untersucht. Zum einen ist es Ziel dieser Forschungsarbeit, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, welche subjektiven Gründe den eigeninitiativen Informationsweg zu Sexualität bestimm(t)en. Zum anderen soll das subjektive Empfinden erfasst werden, das durch fremdinitiative Informationsvermittlung ausgelöst wurde. Unter Berücksichtigung bisheriger Erfahrungen der Interviewpartner, den Blick in die Zukunft gerichtet, sollen künftig vorstellbare Informationswege zu Sexualität und Partnerschaft untersucht werden.
Beabsichtigt ist, dass sich die qualitativen Forschungsergebnisse und Erkenntnisse dieser Diplomarbeit abschließend in einer sozial-, bzw. sexualpädagogischen Praxisrelevanz niederschlagen.
Diese Diplomarbeit gliedert sich in einen theoretischen Teil (Kapitel 1. bis 3.) und in einen Forschungsteil (Kapitel 4. bis 7.). Der Forschungsteil stellt hierbei den relevanten dar; er ist das Kernstück der Arbeit. Ein Fazit der sozialpädagogischen, bzw. der sexualpädagogischen Praxisrelevanz (Kapitel 7.) und das Nachwort schließen die Arbeit.
Im ersten Kapitel wird zuerst der kontextrelevante Sexualitätsbegriff erläutert, der dieser Arbeit zugrunde gelegt wird. Anschließend wird beleuchtet, was unter Sexualpädagogik zu verstehen ist, im nächsten Unterkapitel werden die "Bildungs-, Informations- und Unterhaltungsangebote zu Sexualität in unserer Gesellschaft" in Augenschein genommen.
Das zweite Kapitel beinhaltet einen (Kurz-) Exkurs "Kindliche Sexualität", wobei der Fokus auf die mittlere Kindheit gerichtet wird. Diese ist für den später folgenden empirischen Teil dieser Diplomarbeit von zentraler Bedeutung; die frühkindliche Sexualität wird hierbei ausgegrenzt.
Das dritte Kapitel steht unter der Überschrift der männlichen Adoleszenz. Nach der Begriffsklärung werden die einzelnen Phasen des Jugendalters betrachtet, die im späteren empirischen Teil dieser Arbeit Anwendung finden werden. Im Anschluss daran wird der Blick auf die männliche Pubertät und den zu bewältigenden Aufgaben in der Adoleszenz gerichtet. Dieses Kapitel schließt mit Aspekten der (sexuellen) Jungensozialisation. Hierbei wird keine vollständige Sozialisationstheorie erörtert; aus Begrenzungsgründen werden lediglich einzelne Aspekte betrachtet.
Das vierte Kapitel dokumentiert den von mir gewählten Weg des Forschungsprozesses. Um diesen transparent – und die Untersuchung orientiert an wissenschaftlichen Standards überprüfbar zu machen – wird der gesamte Erkenntnisweg beschrieben. In diesem Abschnitt der Arbeit werden das Forschungsanliegen, die Aufstellung von Hypothesen, das methodische Vorgehen und die Wahl der qualitativen Forschungsmethode ausgeführt. Des weiteren wird die Erarbeitung, bzw. der Aufbau des Interviewleitfadens beschrieben. Die Dokumentation des Auswahlverfahrens der Interviewpartner und der Durchführung der Interviews beenden dieses Kapitel.
Die Darstellung der Auswertung der einzelnen Interviews – von der Transkription bis hin zu den einzelnen Auswertungsschritten – erfolgt im fünften Kapitel.
Das sechste Kapitel beinhaltet die gesamte Darstellung der Ergebnisse; diese werden in ihm am Ende zusammengefasst.
Das siebente Kapitel enthält ein Fazit der sozialpädagogischen /sexualpädagogischen Praxisrelevanz. Die Diplomarbeit schließt mit meinem persönlichen Nachwort.
Inhaltsverzeichnis:
| Vorwort | 1 | |
| Einleitung | 3 | |
| I. | Theoretischer Teil | |
| 1. | Sexualität, Sexualpädagogik und Informationsangebote zu Sexualität | 6 |
| 1.1 | Begriffsklärung Sexualität | 6 |
| 1.2 | Begriffsklärung Sexualpädagogik | 8 |
| 1.3 | Bildungs-, Informations- und Unterhaltungsangebote zu Sexualität in unserer Gesellschaft - ein Überblick | 11 |
| 2. | (Kurz-) Exkurs: Kindliche Sexualität | 15 |
| 3. | Adoleszenz | 17 |
| 3.1 | Die männliche Adoleszenz – Begriffsklärung | 17 |
| 3.1.1 | Phasen der Adoleszenz | 18 |
| 3.2 | Die männliche Pubertät in der Adoleszenz | 18 |
| 3.3 | Aufgaben in der Adoleszenz | 18 |
| 3.4 | Aspekte der (sexuellen) Jungensozialisation in der Adoleszenz | 19 |
| II. | Forschungsteil | |
| 4. | Dokumentation des Forschungsprozesses | 22 |
| 4.1 | Forschungsanliegen | 23 |
| 4.1.1 | Einführung | 23 |
| 4.1.2 | Konkretisierung | 23 |
| 4.2 | Methodisches Vorgehen | 24 |
| 4.2.1 | Aufstellung von Hypothesen | 24 |
| 4.2.2 | Wahl der Forschungsmethode | 25 |
| 4.2.2.1 | Vorüberlegungen | 25 |
| 4.2.2.2 | Das Problemzentrierte Interview | 26 |
| 4.2.3 | Erarbeitung des Interviewleitfadens | 30 |
| 4.2.4 | Auswahl der Interviewpartner | 34 |
| 4.2.4.1 | Festlegung der Altersgruppe und Anzahl der Interviews | 34 |
| 4.2.4.2 | Akquirierung der Interviewpartner | 35 |
| 4.2.4.3 | Schulbesuche: persönliche Kontaktaufnahme | 38 |
| 4.2.4.4 | Casting | 41 |
| 4.2.5 | Methodologische Standards und Vorbereitung der Interviews | 46 |
| 4.2.6 | Durchführung der Interviews | 47 |
| 5. | Dokumentation der Auswertung | 50 |
| 5.1 | Transkription | 50 |
| 5.2 | Auswertungsmethode und Auswertungsschritte | 51 |
| 5.2.1 | Auswertungsmethode | 51 |
| 5.2.2 | Auswertungsschritte | 52 |
| 6. | Darstellung der Ergebnisse | 55 |
| 6.1 | Überblick: Lebenssituation der befragten Jugendlichen | 55 |
| 6.2 | A. "Ganz Früher" Kindheit und Grundschulzeit | 55 |
| 6.2.1 | Bedürfnislage | 55 |
| 6.2.2 | Marktlage: "Minimarkt der Informationsmöglichkeiten" | 57 |
| 6.2.2.1 | "Es bleibt in der Familie, auch in der Schule" | 57 |
| 6.2.3 | Gefühlslage | 60 |
| 6.2.3.1 | "Kurze Unbefangenheit, ein komisches Gefühl und Hemmungen" | 60 |
| 6.3 | B. "Früher" Beginn der Pubertät (Frühe Adoleszenz) | 61 |
| 6.3.1 | Bedürfnislage | 61 |
| 6.3.1.1 | "Neue Gefühle - Körperwahrnehmung - Körperveränderungen" | 61 |
| 6.3.2 | Marktlage: "Großmarkt der Informationsmöglichkeiten" | 63 |
| 6.3.2.1 | "Wirklich gute Freunde... gerne auch ältere!" | 63 |
| 6.3.2.2 | "Intimes und gemeinsames teilen... sich dabei sicher fühlen!" | 64 |
| 6.3.2.3 | "Familie" | 65 |
| 6.3.2.4 | "Sexualerziehung in der Schule" | 68 |
| 6.3.2.5 | "Eigeninitiative - Alleingang" | 72 |
| 6.3.3 | Gefühlslage | 74 |
| 6.3.3.1 | "Eine schwere Zeit..." | 74 |
| 6.3.3.2 | "Hoch-Zeit der unangenehmen Gefühle... kommt aber drauf an!" | 74 |
| 6.4 | C. "Heute" Mittlere Adoleszenz" | 76 |
| 6.4.1 | Bedürfnislage | 76 |
| 6.4.1.1 | "Bloß nicht schwanger werden und auch keine Krankheiten kriegen - Prävention!" | 76 |
| 6.4.1.2 | "Lust auf Information - Wissensdurst" | 77 |
| 6.4.2 | Marktlage: "Supermarkt der Informationsmöglichkeiten" | 78 |
| 6.4.2.1 | "Wege, die uns einfallen..." | 78 |
| 6.4.2.2 | "Wege, die wir gehen" | 78 |
| 6.4.2.3 | "Wege, die uns einfallen..., die wir aber nicht gehen oder nicht gehen können" | 81 |
| 6.4.2.4 | "Unwegsamkeiten, Hindernisse und Missstände" | 83 |
| 6.4.3 | Gefühlslage | 87 |
| 6.4.3.1 | "Entspannung kehrt ein..." | 87 |
| 6.4.3.2 | "Und etwas bleibt doch..." | 87 |
| 6.4.3.3 | "Gefahren" | 88 |
| 6.5 | D. "Morgen" Späte Adoleszenz | 88 |
| 6.5.1 | Bedürfnislage | 88 |
| 6.5.1.1 | "Kein Ende in Sicht" | 88 |
| 6.5.2 | Marktlage: "Der Zukunftsmarkt der Informationsmöglichkeiten" | 90 |
| 6.5.2.1 | "Nah stehende Menschen" | 90 |
| 6.5.2.2 | "Beratungsstellen? Nur, wenn es sein muss!" | 91 |
| 6.5.3 | Gefühlslage | 91 |
| 6.5.3.1 | "Sicherheit als Bedingung" | 91 |
| 6.5.3.2 | "Wertschätzung als Wunsch" | 91 |
| 6.5.3.3 | "Der Wunsch nach gegenseitigem Vertrauen und nach Kooperation" | 92 |
| 6.5.3.4 | "Schweigepflicht als Bedingung" | 93 |
| 6.5.3.5 | "Unbrauchbares aussortieren! - der Wahrheitsgehalt" | 93 |
| 6.6 | Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse – Hypothesenüberprüfung | 95 |
| 6.6.1 | Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse | 96 |
| 6.6.2 | Hypothesenüberprüfung | 101 |
| 7. | Fazit: Sozialpädagogische/sexualpädagogische Praxisrelevanz | 107 |
| Nachwort | 112 | |
| Literatur | 127 |
Der sich – wie beschrieben - stetig entwickelnde und sich verändernde Forschungsprozess in dieser Untersuchung bringt Anforderungen, aber auch Möglichkeiten mit sich: Anforderungen, die es zwingend machen, sich ihnen zu stellen und sich ihnen flexibel anzupassen (Umgang mit einer großen Gruppe von Interviewbereiten); Möglichkeiten, die Chancen bieten, Einfluss auf die Gruppe der zu Befragenden zu nehmen (Auswahl von Interviewpartnern mit Migrationshindergrund). Am 02. Februar 2004 besuchte ich die neunte Klasse einer Förderschule. Bei dieser Klasse handelte es sich – wie häufig bei Förderschulen – um eine kleine Klasse (sechs Mädchen und acht Jungen). Die Gruppe war auf meinen Besuch gut vorbereitet, was sich darin ausdrückte, dass die SchülerInnen über mein Vorhaben detailliert Bescheid wussten. In der Beobachtung der Mädchen wurde mir sehr schnell deutlich, dass sie etwas „in sich gekehrt und fast traurig“ wirkten. Eines der Mädchen meldete sich zu Wort und bemerkte: „Wir sind unglücklich darüber, dass Sie sich nur mit den Jungen unterhalten wollen und nicht mit uns.“ Sodann räumte die Lehrerin die Frage ein, ob es im Rahmen meines Besuches nicht möglich wäre, den Mädchen und den Jungen ein paar Fragen zum Thema Liebe und Freundschaft zu beantworten, „Wenn Sie schon einmal hier sind, und danach können Sie sich mit den Jungen zusammen ja um Ihre Interviews kümmern ...“ Das Empfinden der Mädchen überraschte mich nicht, denn bei dem vorherigen Schulbesuch wurde das Phänomen des Unmutes seitens der Mädchen ebenso deutlich. Vor dem Hintergrund, dass ich genügend Zeit mitgebracht hatte, konstruktiv mit der Situation umgehen wollte und mir überlegte, dass in der Klasse durch eine „spielerische Frage-AntwortMethode“ eine lockere und entspannte Atmosphäre erreicht werden könnte, entschloss ich mich, auf den Wunsch einzugehen. Als positiven Nebeneffekt erhoffte ich, dass sich eine sexualpädagogische Methode wiederum förderlich auf den Verlauf des anschließenden Castings auswirken könnte. Somit gestaltete sich die erste Stunde meines Schulbesuches originär sexualpädagogisch: Zum Schutz der persönlichen Schamgrenze der Schülerinnen und Schüler (gemischtgeschlechtliche Gruppe) bekamen alle ein Blatt und einen Stift, durften sich für fünf Minuten im Klassenzimmer und im Flur eine stille Ecke suchen, stichwortartig ihre Fragen formulieren, die Zettel zusammenfalten und anschließend in meinen leergeräumten Rucksack stecken, der als „anonymer Briefkasten“ fungierte. Nach und nach formulierte ich – angelehnt an den Stichworten aller SchülerInnen – Fragen und/oder provozierende Hypothesen aus dem Bereich Liebe, Freundschaft, Körperabläufe, Verhütungsmittel, Schwangerschaft, Schwangerschaftsabbruch und „erster Besuch bei der Frauenärztin“, und somit kamen wir im gemischtgeschlechtlichen Rahmen miteinander ins Gespräch. Gerne hätten die SchülerInnen nach dieser Stunde noch eine weitere in dem beschriebenen Rahmen verbracht; ich machte [...]
Hintergründe potentieller Interviewpartner - ab. Hinsichtlich der Tatsache, dass der Forschungsprozess „jetzt“ ein zuvor nicht angedachtes Element des „Aussortierens“ von Interviewpartnern enthielt, bestand nun die Möglichkeit – unter Voraussetzung der Freiwilligkeit – einen Jugendlichen mit dem Lebenshintergrund „Migration“ für ein anstehendes Interview gewinnen zu können. Die Einflussnahme auf die Auswahl der zu Befragenden wird an diesem Punkt des Forschungsprozesses deutlich. Herausgestellt hat sich bei den ersten beiden Schulbesuchen, dass sich ausschließlich Interviewpartner mit deutschem Lebenshintergrund für die Befragungen entschieden haben. Mittels der anstehenden Castings erhöhte sich die Chance, dass das Thema der unterschiedlichen Kulturalität und Tradition heranwachsender Männer und deren Familien Einzug erhielt... vorausgesetzt, dass in der Gruppe der sich bereit erklärenden Jugendlichen Migranten mit dabei wären. Der Fokus in dieser Forschungsarbeit ist auf die Informationswege zum Thema Sexualität und Partnerschaft gerichtet, d.h. Informationswege, die allen heranwachsenden Männern – unabhängig ihrer kulturellen Wurzeln - zur Verfügung stehen. Erklärten sich – initiiert durch die Castings – jugendliche Migranten für eine Befragung bereit, so könnte diese Forschung um den Aspekt „unterschiedliche Kulturen“ ergänzt werden42. [...]
Am 29. Januar 2004 war ich in einer siebten Realschulklasse zu Gast. Durch das Vorgespräch mit der Lehrerin wusste ich, dass sich noch keine Interviewpartner gefunden hatten. Dies sollte nun Inhalt der anstehenden Schulstunde werden. Schnell wurde deutlich, dass die SchülerInnen von der Lehrerin bezüglich meines Vorhabens nur wenig wussten, was mich zu einführenden und beschreibenden Worten veranlasste. Es herrschte eine „gedämpfte“ und unsichere Atmosphäre im Klassenraum. Ich schlug der Klasse zur Überraschung der Lehrerin, die sich an den Rand gesetzt hatte, ein Spiel (sexualpädagogische Warming-up-Methode40) zum gegenseitigen Kennen lernen vor. Es waren alle damit einverstanden, und wenige Minuten später herrschte eine spürbar entspanntere Stimmung. Nach meinem Part der Vorstellung ging es darum, Jugendliche als Interviewpartner zu gewinnen. Es war aber deutlich zu merken, dass keiner den Anfang machen wollte. So beschloss ich spontan, mit allen Jungen das Klassenzimmer zu verlassen und auf den leeren Schulhof zu gehen. Im Gespräch auf dem Pausenhof berichteten mir zwei Jugendliche folgendes: „Wir wollen uns schon interviewen lassen... das war eben in der Klasse nur so doof, hätten wir uns zum Interview gemeldet, und alle Mädchen und Frau T. hätte das gesehen ... das wäre doch total peinlich gewesen!“ Die anderen Jungen schlossen sich dieser Meinung des „peinlichen Gefühls“ an. Sodann besprach ich das weitere Vorgehen. Nun zu den Interviews bereit erklärt, hatten die beiden Jungen nichts dagegen, dass ich mich im Anschluss mit der Klassenlehrerin über das Phänomen ihrer Empfindungen hinsichtlich des ausgelösten Schamgefühls und zur weiteren Absprache unterhalten wollte. Wir vereinbarten noch Termine für die Interviews, das Ausfüllen der Kurzfragebögen habe ich in diesem Fall auf den Termin der Interviews verschoben. Im anschließenden Rückmeldegespräch mit der Lehrerin hatte diese nur wenig Verständnis für das Empfinden der Jungen, versprach mir aber, deren Entscheidung dennoch zu akzeptieren und nicht weiter „in sie zu dringen“. Sie kündigte an, dass sie für die Befragungen keine Unterrichtszeit zur Verfügung stellen würde, da die Schüler sonst Unterricht verpassen würden. So musste unter neuer Absprache mit den Interviewpartnern – welche dachten, dass die Interviews in der Schulzeit geführt würde - der Zeitpunkt für die Befragungen außerhalb der Unterrichtsstunden festgelegt werden. Dies erwies sich als schwierig, da die Schüler meistens bis dreizehn oder vierzehn Uhr Schule hatten. Dennoch willigten sie ein, und neue Termine wurden festgelegt. Einen Klassenraum für die Durchführung bot die Lehrerin dennoch an. Die beiden weiteren Schulbesuche werden im nächsten Kapitel 4.2.4.4 „Casting“ beschrieben. [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832490874
Arbeit zitieren:
Vöth, Sven Februar 2005: Auf welchem Weg informieren sich heranwachsende Männer zu den Themen Sexualität und Partnerschaft und welche Anlässe bestimmen diesen Weg?, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Sexualpädagogik, Aufklärung, empirisch, Interview, Adoleszenz



