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Gibt es den idealen Reiseführer?

Theorie und Praxis, untersucht am Beispiel eines Reiseführers für die Stadt Norden

Gibt es den idealen Reiseführer?
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Aletta Helsper
  • Abgabedatum: März 2006
  • Umfang: 174 Seiten
  • Dateigröße: 3,5 MB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Leuphana Universität Lüneburg Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-9878-8
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-9878-8 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-9878-8 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Helsper, Aletta März 2006: Gibt es den idealen Reiseführer?, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Kultur, Tourismus, Wahrnehmung, Reiseliteratur, Fremde

Magisterarbeit von Aletta Helsper

Einleitung:

Jedes Jahr das gleiche Spiel. Kaum sind die Schulzeugnisse verteilt, beginnen die Sommerferien und Unmassen an Menschen packen die Koffer, laden ihre Autos voll bis unters Dach, manche schnallen auch noch das Surfbrett oder Fahrrad oben drauf und stürzen sich auf die Autobahnen in Richtung Ferienziel. An den Schaltern der Flughäfen sieht es ähnlich aus und auch die Bahnhöfe bieten kein anderes Bild. Überall tummeln sich schwer bepackte Menschen, einige fröhlich, andere gestresst, manche verzweifelt und hektisch auf der Suche nach ihren Reisedokumenten, wiederum andere stolpern über Koffer, Golfschlägersets und Kinderwagen. Der Familienhund springt aufgeregt kläffend um das Chaos herum.

Mittendrin liest jemand in einem Reiseführer und ist in Gedanken schon am Urlaubsziel angelangt. Alle warten sie darauf, dem Alltag zu entkommen und in den wohlverdienten Urlaub zu starten. Urlaub und Reisen gehört für die meisten Deutschen zusammen. Und auch wenn die Urlaubsreise mittlerweile für viele eine Selbstverständlichkeit geworden ist, so soll sie doch jedes Mal wieder etwas Besonderes sein. Doch „das Besondere“ ist für jeden etwas anders. Viele lassen sich den Urlaub gänzlich organisieren, manche verlassen sich auf die Veranstaltungsangebote vor Ort, aber einige greifen auch zum Reiseführer, um sich von ihm informieren und durch die Fremde leiten zu lassen – um das Reiseziel selbst zu entdecken. Dabei ist es egal, ob sich die Ferienregion im In- oder Ausland befindet. Auf Menschen mit Reiseführern trifft man überall.

Gang der Untersuchung:

Den Ausgangspunkt dieser Arbeit bildete der Auftrag, unter Beachtung bestimmter Vorgaben einen Reiseführer für die Stadt Norden in Ostfriesland zu erstellen. Daraus ergab sich eine Fülle von Fragen. Wie schreibt man einen Reiseführer? An wen soll er sich richten? Was macht einen guten Reiseführer aus, wie lässt er sich begrifflich definieren? Diese Fragen zogen weitere nach sich: Gibt es allgemein akzeptierte Qualitätsstandards für Reiseführer? Wie kann man gute von schlechten unterscheiden? Was erwarten die Käufer von ihnen, was versprechen ihre Hersteller? Wodurch werden Inhalte und Gestaltung beeinflusst? Und schließlich – welche Konsequenzen ergeben sich aus den Antworten für jemanden, der vom Reiseführernutzer zum Autor werden will?

Die vielen sich aufdrängenden Fragen ließen es als geboten erscheinen, sie zu systematisieren, unter eine Leitfrage zu stellen und mit ihrer Hilfe wissenschaftlich an das Alltagsthema Reiseführer heranzugehen. Vor der Praxis sollte die Analyse kommen. Die bewusst etwas provokativ gestellte, titelgebende Frage „Gibt es den idealen Reiseführer?“ lässt keine vorschnellen Antworten zu, sondern verlangt nach Präzisierung. Deshalb betrachtet der erste Teil der Arbeit das Thema Reiseführer von möglichst vielen Seiten.

Er beginnt mit einem Abriss der historischen Entwicklung des Mediums von seinen vorchristlichen Anfängen bis in die Gegenwart. Es werden die Literaturarten Periplus, Periegese, Itinearium, Pilgerhandbuch, Apodemik, Reisebeschreibung sowie der moderne Reiseführer, angefangen beim „red book“ von John Murray und dem deutschen „Baedeker“ über die Alternativführer bis hin zu den Pocketreiseführern, behandelt (Kapitel 2). Kapitel 3 setzt sich mit dem Begriff des Reiseführers auseinander, Kapitel 4 beschäftigt sich mit der Typologisierung von Reiseführern nach dem geographischen Gegenstandsbereich, nach der Zielgruppe bzw. der Thematik sowie nach der Funktion.

In Kapitel 5 folgt eine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Ansprüchen, die an Reiseführer gestellt werden. Es werden verschiedene Tests, Befragungen, Analysen und theoretischen Überlegungen vorgestellt und bewertet, die dem Finden von allgemeingültigen Gestaltungskriterien für Reiseführer dienen sollen. Dabei werden die Meinungen von Experten und die der Nutzer und Käufer vorgestellt. Anschließend wird erörtert, auf welche Weise Reiseführer das Fremde, das sie beschreiben wollen, wahrnehmen, wie Wahrnehmung überhaupt funktioniert, wie sie beeinflusst wird und ob und wie Reiseführer selbst die Wahrnehmung ihrer Leser beeinflussen.

Darüber hinaus werden die Chancen und Risiken interkultureller Beziehungen diskutiert sowie die Auswirkungen touristischen Auftretens auf fremde Kulturwelten. Schließlich wendet sich das Kapitel den Funktionen des Gestaltungsmittels Bild zu.

Was wird in Reiseführern wie bildlich dargestellt und warum (Kapitel 6)? Kapitel 7 skizziert die aktuelle Situation auf dem Reiseführermarkt, in Kapitel 8 werden die Käufer und Nutzer von Reiseführern anhand von soziodemographischen Faktoren, von Reisemotiven und anhand des Reiseverhaltens charakterisiert.

Kapitel 9 fragt nach den Auswirkungen, die aktuelle Trends im Tourismus und Änderungen im Lese- und Informationsverhalten auf Reiseführer haben können. Teil I der Arbeit schließt mit einer Zwischenbilanz.

Thema des zweiten Teils dieser Arbeit ist die praktische Erarbeitung eines Reiseführers für Norden, auf der Grundlage der touristischen Gegebenheiten der Stadt, unter Beachtung der von den Auftraggebern gemachten Auflagen und unter Einbeziehung der in Teil I gewonnenen Ergebnisse.

Kapitel 11 gibt einen Überblick über die Stadt und die Struktur des Tourismus in Norden. Dabei wird die Stadt anhand geographischer Aspekte, ihrer Verkehrsanbindung und ihrer Wirtschaftsstruktur charakterisiert. Der Norder Tourismus wird mit Hilfe von Eckdaten zur Nachfrage, zu Übernachtungszahlen, zur Gästestruktur, Unterkunftsstruktur, Gastronomie und zu den Tagesausgaben der Touristen analysiert. Darüber hinaus werden die für Norden relevanten touristischen Trends aufgezeigt sowie die aktuellen Probleme und Ziele des dortigen Tourismus formuliert.

Anschließend wird das Konzept des Reiseführers für Norden erklärt und es werden die Probleme bei der Umsetzung der theoretischen Anforderungen geschildert (Kapitel 12). Kapitel 13 beinhaltet den fertig gestellten Stadtführer.

Zum Schluss wird eine Gesamtbilanz gezogen (Kapitel 14).

Inhaltsverzeichnis:

Abkürzungsverzeichnis. III
Abbildungsverzeichnis IV
Tabellenverzeichnis V
1. Einleitung 1
Teil I: Analytischer Teil – Kritische Analyse der Literaturform Reiseführer 3
2. Überblick über die historische Entwicklung des Mediums Reiseführer 4
3. Definition des Begriffs Reiseführer 10
4. Reiseführer-Typologie 13
5. Gestaltungskriterien für Reiseführer 16
5.1 Die Meinung der Experten 17
5.2 Die Sicht der Käufer und Nutzer 23
5.3 Ein Blick in die Zukunft 28
5.4 Ergebnis 29
6. Wahrnehmung des Fremden 31
6.1 Reaktionen auf das Fremde 31
6.2 Beeinflussung der Wahrnehmung 33
6.2.1 Beeinflussung durch eigenkulturelle Faktoren: Stereotype, Vorurteile und Images 33
6.2.2 Beeinflussung durch Reiseführer 35
6.3 Chancen und Risiken interkultureller Begegnungen 38
6.4 Der Tourist als Eindringling in eine fremde Kultur 40
6.5 Der Tourist als Flüchtling aus der eigenen Kultur 43
6.6 Interkulturelle Kompetenz als Ziel 44
6.7 Die Bilder in Reiseführern 46
6.7.1 Typen von Bildern 46
6.7.2 Kommunikative Funktionen von Bildern 47
6.7.3 Untersuchung von Bildern in Reiseführern 49
6.7.4 Ausnahmen in der Darstellung 52
6.7.5 Inszenierung und Fiktion 53
6.7.6 Schwarz-weiß-Bilder und Texte 54
7. Die Situation auf dem Reiseführermarkt 57
8. Käufer und Nutzer von Reiseführern 60
8.1 Soziodemographische Merkmale 61
8.2 Reiseverhalten 65
8.3 Reisemotive 66
9. Mögliche Auswirkungen gesellschaftlicher Trends auf die Reiseführerkonzepte 67
9.1 Trends im Tourismus 67
9.2 Welche Konsequenzen muss die Reiseführerbranche aus diesen Trends ziehen? 73
9.3 Wandel des Lese- und Informationsverhaltens und seine Bedeutung für die Reiseführer 75
10. Bilanz der bisherigen Ergebnisse 78
Teil II: Praktischer Teil – Ein Reiseführer für die Stadt Norden 80
11. Vorraussetzungen und Grundlagen für einen Reiseführer für die Stadt Norden 81
11.1 Voraussetzungen 81
11.2 Die Stadt Norden – Lage, Klima und Einwohner 81
11.3 Der Tourismus in Norden im Vergleich 83
11.4 Die Verkehrsanbindung 85
11.5 Die Wirtschaftsstruktur von Norden und die Bedeutung des Tourismus 86
11.6 Eckdaten des Norder Tourismus 88
11.6.1 Touristische Nachfrage 88
11.6.2 Übernachtungen im Jahresverlauf 88
11.6.3 Gästestruktur 89
11.6.4 Unterkünfte 90
11.6.5 Gastronomie 90
11.6.6 Tagesausgaben 90
11.7 Für Norden relevante Trends im Tourismus bis 2010 91
11.8 Aktuelle Probleme und Ziele des Norder Tourismus 94
12. Anforderungen an einen Reiseführer für die Stadt Norden und die Probleme der praktischen Umsetzung 97
13. Der Stadtführer Norden 106
14. Schluss 107
Literaturverzeichnis 109
Literaturverzeichnis für den Stadtführer Norden 116
Anhang 1: Die Stadtgeschichte Nordens 119
Anhang 2: Stadtführer Norden 123-163

Automatisiert erstellter Textauszug:

seführer sprechen auch das an, was der Farbbildteil ausklammert4. Dem Reisenden soll also nicht unbedingt alles Negative vorenthalten werden, denn auf der rationalen Ebene des Textes wird dem durchaus Raum gegeben (Hennig 1999: 57f). Hennig erwähnt drei Ebenen, auf denen Reiseführer Botschaften übermitteln: eine rationale, eine emotionale und eine pragmatische. Rational werden dem Leser Informationen gegeben, primär über den Text. Emotional werden Stimmungen und Gefühlsbilder geschaffen, v.a. durch Farbbilder, weniger über den Text. Pragmatisch werden Handlungsanweisungen gegeben (Routen, Hotelempfehlungen etc.). Dies geschieht wiederum über den Text. Die oben erwähnten Mythen finden sich vor allem auf der emotionalen Ebene wieder. Farbbilder eignen sich besonders gut, um die in ihnen enthaltenen Träume und Wünsche unmittelbar anzusprechen. Die Texte arbeiten stärker auf der rationalen Ebene und vermitteln eher Informationen als Emotionen. Schwarz-Weiß-Bilder sind zwischen Farbfotos und Text angesiedelt. „Sie erleichtern [...] als gleichsam verfremdete Abbilder der Welt die reflexive Distanz der Betrachter“ (Hennig 1999: 58). Schwarzweiße Fotos „lügen“, um an Anders anzuknüpfen, weniger, da sie ganz offensichtlich nicht die bunte Realität zeigen. Das scheinbar realistischere, „objektivere“ Farbbild täuscht Realität möglicherweise nur vor. „Das SchwarzWeiß-Foto hält somit eine gewisse Distanz zur „Realität“, während sich das Farbfoto mehr als Realitätssurrogat aufdrängt“ (Ballstaedt 1999: 64). Deswegen wirken die Bildinhalte schwarzweißer Fotos weniger direkt auf die Gefühle als die der Farbfotos (Hennig 1999: 57f). Hennig beschließt seine Untersuchung mit der Feststellung, dass die Produzenten von Reiseführern nicht grundsätzlich darauf aus sind, den Lesern nur eine ideale Welt zu beschreiben, denn viele Bücher gehen im Text, also auf der rationalen Ebene, auf Missstände ein. Auf der emotionalen Ebene entstehen jedoch unüberschreitbare Grenzen der Darstellung. Dort wird ganz unabhängig von den persönlichen Vorstellungen der Autoren, Lektoren und Fotografen die Realität des fremden Landes durch die modernen Reisemythen dargestellt (Hennig 1999: 58). Die moralische Verdammung der Reiseführerproduzenten als Komplizen einer profitgierigen, die Massen manipulierenden Branche ist demnach zu simpel. Hennigs Einordnung der touristischen Bilderwelt in den gesamtkulturellen Zusammenhang klingt einleuchtend, wenn er feststellt, dass sie sich auf tief verwurzelte kulturelle Muster stützt, die fast immer aus dem Bereich der Hochkultur stammen. Die Klischees der touristischen Wahrnehmung „entstanden zuerst in Romanen, Bildern, Filmen. Die touristischen Bilder entstammen dem kollektiven [...]

dem Bild vom „begnadeten Künstler“ werden quasi religiöse Vorstellungen von Schöpferkraft auf Künstler und Kunst übertragen. Die Kunst bringt magische Kräfte in den faden Alltag. Der „Entzauberung“ der rationalisierten Welt tritt durch die Kunst eine „Wiederverzauberung“ entgegen. Schließlich bleibt noch der ursprünglich religiös inspirierte Paradiesmythos (Hennig 1999: 56f). Die Hoffnung, das Paradies wieder zu finden, trieb Kolumbus an, der es für einen geographischen Ort hielt. Die Vorstellung von einem neuen Adam in einem neuen Eden wurde auf die „Neue Welt“ projiziert. Der Traum von einer leidfreien Gegenwelt hält sich auch in der modernen Welt. Gibt man den Jean-Jacques Rousseau zugeschriebenen Slogan „Zurück zur Natur“ in eine Suchmaschine ein, erscheint eine Unzahl von Seiten. Es wäre seltsam, wenn nicht auch der Tourismus aus solchen tief in unserer Kultur verankerte Mythen Nutzen zöge. Der Urlaub soll, wenn auch befristet, Erlösung vom Alltag bringen – durch unberührte Natur, spontanere und ursprünglichere Lebenswelten, durch das Erlebnis bedeutender Kunst. Die großen Themenbereiche der Reiseführer Natur, Folklore, Kunst/ Kultur entsprechen diesen Mythen. Vom Paradiesmythos zehren die Verheißungen einer Welt der unberührten Natur, in der glückliche Menschen einträchtig miteinander leben, einer Welt ohne Anstrengung, Leid, Krankheit, Schmutz und Tod. Demnach findet die Bildauswahl in Reiseführern nicht willkürlich statt, unterliegt aber auch nicht den Präferenzen der Hersteller. Hennig vertritt vielmehr die These, dass in den Bildern der Reiseführer lediglich eine soziale Logik zum Ausdruck kommt, die sich in Europa spätestens seit dem 18. Jh. entwickelt hat und in direkter Verbindung zur Entwicklung der modernen Gesellschaft steht und damit weit über den Bereich der Reiseführer und des Reisens hinausgeht. Dabei ist sie so fest in das moderne Selbstverständnis eingebunden, dass sie extrem dauerhaft ist. Damit wäre die thematische Struktur der Bildauswahl jahrhundertealt und stünde ganz im Gegensatz zu dem Anspruch der Reiseführer auf Aktualität (Hennig 1999: 57). [...]

Was Müller als eine inszenierte touristische Erlebniswelt bezeichnet (Müller 2001: 19), charakterisiert Hennig abschließend als fiktive Welten: „Die Bildwelt der Reiseführer […] zeigt fast ausnahmslos vorindustrielle, ästhetisch geprägte Räume, aus denen alle Zeichen der Moderne verbannt sind. Die technische Zivilisation tritt nicht in Erscheinung, die Natur ist „unberührt“ und unverbaut. Städte und Dörfer sind unversehrte historische Ensembles; […] Die Menschen gehen – sofern sie überhaupt arbeiten – altmodischen, beschaulichen Berufstätigkeiten nach; sie kennen keine Eile, keine Krankheit, keinen Hunger, keine Kriminalität, keine Konflikte – ihr Leben ist ohne Schattenseiten. Ihre Zeit ist vorwiegend mit entspannten, kommunikativen Tätigkeiten ausgefüllt: mit dem Feiern von Festen, dem Besuch farbenfroher Märkte, dem Aufenthalt im Café, dem Schwatz auf der Piazza“ (Hennig 1999: 55). Es gibt klare Regeln, die vorgeben, welche Bildmotive in Reiseführern vorkommen dürfen und welche nicht. Sie scheinen jedoch meist unbewusst zu wirken. Fast alle Reiseführer, egal für welches Zielgebiet oder welche Reiseführerreihe, unterliegen ähnlichen Mustern in der Auswahl der Bilder. Dabei sind sie weitgehend frei von den subjektiven Absichten der Hersteller. Aber wie können, wenn dies so ist, dennoch „fiktive Welten mit solcher Konstanz und innerer Logik entstehen“ (Hennig 1999: 56)? Müller hat versucht, es damit zu erklären, dass Bilder die Erwartungen und Vorstellungen der Reisenden bestätigen sollen, damit die Bücher realistischer erscheinen und damit besser verkauft werden. Hennig geht noch einen Schritt weiter und versucht dem Ursprung dieser Vorstellungen der Reisenden auf den Grund zu gehen. Damit lenkt er den Blick zurück in die eigene Kultur. Alle Kulturen bringen Gegenbilder ihrer sozialen Ordnung hervor. Seit der Neuzeit sind in Europa und Nordamerika Gegenbilder unserer Alltagswelt entstanden, die als moderne Mythen bezeichnet werden können. Sie gleichen den klassischen Mythen darin, dass sie Verbotenes, Ausgeschlossenes und normalerweise Unterdrücktes integrieren. Da gibt es den Mythos „von der heilenden und erlösenden Kraft“ (Hennig 1999: 56) der unberührten Natur, der als Gegenbild zum Industrialisierungsprozess und dem damit verbundenen verstärkten menschlichen Eingriff in die Natur entstand. Zu ihm gesellte sich der romantische Mythos vom edlen Wilden, der sich im Idealzustand „menschlicher Natürlichkeit, Spontaneität, freier Körperlichkeit und direkter Kommunikation“ (Hennig 1999: 56) befindet, ganz im Gegensatz zu den, allen möglichen Zwängen unterworfenen, Zivilisationsmenschen. Im Mythos der Kunst und [...]

Arbeit zitieren:
Helsper, Aletta März 2006: Gibt es den idealen Reiseführer?, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Kultur, Tourismus, Wahrnehmung, Reiseliteratur, Fremde

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