Ein gesunder Geist in einem geschickten Körper?
Zur Beziehung von Bewegung, Kognition, Sprache und Selbstbild bei 6- und 7-jährigen Kindern. Eine theoretische und empirische Studie
- Art: Dissertation / Doktorarbeit
- Autor: Thomas Moser
- Abgabedatum: Juni 2000
- Umfang: 350 Seiten
- Dateigröße: 2,7 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Deutsche Sporthochschule Köln Deutschland
- Bibliografie: ca. 550
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1010-0
- ISBN (CD) :978-3-8366-1010-0 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Moser, Thomas Juni 2000: Ein gesunder Geist in einem geschickten Körper?, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Kind (6-7 Jahre), Motorische Entwicklung, Kognitive Entwicklung, Psychomotorik, Selbstbild
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Dissertation / Doktorarbeit von Thomas Moser
Problemstellung:
Die vorliegende Untersuchung gilt dem Zusammenhang zwischen Merkmalen der körperlichen Bewegung und psychosozialen Prozessen und Strukturen bei sechs- und siebenjährigen Kindern.
Positive Effekte körperlicher Aktivität auf biologische Strukturen und Prozesse sind heute für das Erwachsenenalter wissenschaftlich relativ gut dokumentiert, obwohl die Resultate empirisch-analytischer Untersuchungen immer noch hinter den Wünschen vieler Forscher und Praktiker her hinken. Für den Kinderbereich liegen, wenn auch in viel geringerem Ausmaß, Befunde vor, die die Annahme positiver gesundheitlicher Konsequenzen körperlicher Aktivität teilweise unterstützen.
Im Hinblick auf psychosoziale Wirkungen sind die empirischen Resultate zwar spärlicher, für den Erwachsenenbereich kann aber dennoch bereits auf eine Reihe von Übersichtsdarstellungen hingewiesen werden, in denen zum Teil ermutigende Resultate referiert werden. Dabei ist aber nicht zu übersehen, dass bedeutsame Meta-Analysen einem pauschalen und unkritischen Anspruch der Förderung der psychischen Gesundheit durch Sport nicht oder nur bedingt unterstützen. Empirische Befunde zu psychosozialen Wirkungen der Bewegung bei Kindern sind immer noch eher selten.
Insbesondere seit der Zeit der Aufklärung und des damit einhergehenden Philanthropismus, wird auch für das Kindesalter immer wieder nachdrücklich auf die große Bedeutung von Körper und Bewegung für die Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisierung hingewiesen, wie einschlägigen historischen Beiträgen zu entnehmen ist. Besondere Aktualität gewinnt das Thema im Zuge der Reformpädagogik am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach einer Periode des Stillstands in der fachlichen und didaktischen Entwicklung während und nach dem Zweiten Weltkrieg, wird der persönlichkeitsformenden Wirkung von Körper, Bewegung und Sport in neuerer Zeit in der sportpädagogischen und -psychologischen Forschung wieder eine zentrale Stellung eingeräumt.
Bewegungsfähigkeiten und -fertigkeiten, kognitives und sprachliches Funktionsniveau sowie Selbstbild sind als bedeutungsvolle Teilkomponenten der ganzheitlichen Entwicklung von Kindern anzusehen. Gerade die eventuellen Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Objektbereichen der individuellen Entwicklung einer Person werden in der Literatur zwar häufig angesprochen, gehören aber dennoch nicht zu den Gebieten der Entwicklungspsychologie, denen intensive Forschungsbemühungen entgegengebracht werden. Als Beleg dafür kann die dritte Ausgabe des von Oerter und Montada herausgegebenen und wohl umfassendsten Lehrbuchs der Entwicklungspsychologie in deutscher Sprache angeführt werden. In dessen 45 Kapiteln, die sich über nahezu 1200 Seiten erstrecken, nimmt die Beziehung zwischen Objektbereichen keinen zentralen Platz ein. Sie wird gleichwohl innerhalb einzelner Beiträge angesprochen.
Es kann also im Hinblick auf die Bedeutung von körperlicher Aktivität für eine optimale psychosoziale Entwicklung von Kindern generell festgestellt werden, dass sie trotz einer großen Anzahl von Publikationen zu diesem Thema immer noch nicht ausreichend empirisch dokumentiert ist. Angesichts der Tatsache, dass in der sportpädagogischen Diskussion diesbezüglich schon seit langer Zeit starke Zusammenhänge und Abhängigkeiten postuliert werden, ist die eher bescheidene Anzahl entsprechender quantitativ-empirischer Analysen doch etwas überraschend. Eggert und Lütje-Klose haben zuletzt nachdrücklich auf diese Diskrepanz zwischen postulierten und wissenschaftlich dokumentierten Sachverhalten hingewiesen.
Deutlich wird diese Diskrepanz auch daran, dass Lehrer und Physiotherapeuten über einen kontinuierlichen Rückgang des motorischen Funktionsniveaus bei Kindern berichten, wofür jedoch ebenfalls nur wenige überzeugende wissenschaftliche Dokumentationen vorliegen. Der behauptete Rückgang motorischer Fähigkeiten und Fertigkeiten wird häufig in kausale Beziehung zur ständig steigenden Anzahl von Verhaltens- und Lernproblemen gesetzt. Für die Gesamtproblematik werden in der Regel die veränderten Lebensbedingungen von Kindern in der modernen Gesellschaft verantwortlich gemacht.
In der Grundschule ist darüber hinaus die Meinung stark verbreitet, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Motorik und Lernen besteht. Das schulische Lernen, genauer gesagt der schulische Lernerfolg, wird dabei als vom motorischen Funktionsniveau abhängig angesehen. Dies findet in Norwegen auch Ausdruck in den neuen Lehrplänen für die Grundschule, die im Schuljahr 1997/98 in Kraft traten. Hier wird die Bedeutung von Spiel, sinnlichen Erfahrungen und Bewegung als primäre Lern- und Erfahrungsform in den Ersten vier Schulstufen besonders hervorgehoben. Dabei wird explizit von einem Zusammenhang zwischen dem motorischen und dem kognitiven Funktionsniveau ausgegangen. Eine solche Auffassung ist auch unter norwegischen Grundschullehrern weit verbreitet, wie wir in einer neueren Untersuchung deutlich bestätigen konnten.
Die vorliegende Arbeit will einen Beitrag zur Abklärung der Frage leisten, bezüglich welcher Merkmale und in welchem Ausmaß die Annahme eines Zusammenhanges zwischen Bewegung und Psyche gerechtfertigt erscheint. Im Hinblick auf die Bewegung wird dabei zwischen grob- und feinmotorischem Funktionsniveau sowie Gleichgewicht unterschieden. Im psychosozialen Bereich werden das kognitive Funktionsniveau (Intelligenz, Konzentration, Gedächtnis), das sprachliche Funktionsniveau und das Selbstbild einbezogen.
Den Ausgangspunkt der vorliegenden Forschungsarbeit bilden Erfahrungen, die im Zeitraum von 1993 bis 1996 in feldexperimentellen Untersuchungen an einer norwegischen Grundschule gewonnen wurden. In diesen Studien wurde unter anderem der Frage nachgegangen, welche Effekte ein psychomotorisch orientiertes Trainingsprogramm im Hinblick auf verschiedene Entwicklungsbereiche sechs- bis achtjähriger Kinder mit sich führt. Schon bei der Auswahl dieser Kinder konnte ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem motorischen Funktionsniveau, der generellen Intelligenz und der Sprachkompetenz konstatiert werden, obwohl es sich dabei nur um verhältnismäßig kleine Gruppen handelte. Der Zusammenhang kam zum einem in den subjektiven Beurteilungen der Lehrer zum Ausdruck, zum anderen aber auch in den Resultaten pädagogischer und psychologischer Tests. Die gewonnenen Beobachtungen waren der Anlass dafür, diese Verhältnisse mit Hilfe einer Querschnittsuntersuchung an einer größeren Anzahl von Normalschülern in einer differenzierteren Form quantitativ zu analysieren.
Die Untersuchung liegt somit inhaltlich in einem Überschneidungsbereich von Psychologie, Motologie/Psychomotorik und Pädagogik. Speziell die hier eingeschlagene forschungsmethodische Annäherung an das Thema ist der Sportpsychologie zuzuordnen. Praktische Implikationen lassen sich gegebenenfalls für die Bewegungspädagogik sowie die psychomotorische Entwicklungsförderung und Therapie ableiten.
Zum einen baut die Untersuchung auf handlungstheoretischen, genauer gesagt, handlungspsychologischen, Grundüberlegungen auf, wie sie von Nitsch für den Bereich der Sportpsychologie dargestellt wurden. Zum anderen wird von einem Psychomotorikverständnis ausgegangen, das von der deutschen Tradition der Psychomotorik und Motologie ausgeht. Philippi-Eisenburger hat handlungstheoretische Überlegungen, unter wesentlicher Bezugnahme auf Nitsch, für die theoretische Grundlegung der Motologie (oder Psychomotorik) herangezogen. Eine handlungstheoretische Perspektive wird auch in Verbindung mit Betrachtungen zu einer entwicklungsorientierten Perspektive innerhalb der Psychomotorik angewandt.
Die Legitimität der Fragestellung dieser Studie, die also der Beziehung zwischen dem motorischen, dem kognitiven und dem sprachlichen Funktionsniveau sowie dem Selbstbild von Kindern gilt, kann relativ einfach begründet werden: Auch heute gibt es dazu noch verhältnismäßig wenige quantitativ ausgerichtete Untersuchungen mit großen Gruppen ‘normaler’ Kinder, das heißt mit Kindern die keinen speziellen Förderungs- oder Behandlungsbedarf aufweisen. Der sich daraus ergebende Mangel an Wissen ist im Hinblick auf die Diskussion der Bedeutung von Körper und Bewegung für die Entwicklung und Erziehung von Kindern sowie die Legitimation des Faches Leibesübungen (Sportunterricht) als gravierendes Erkenntnisdefizit aufzufassen. Hinzu kommt, dass in Norwegen kaum nationale Untersuchungen zum Gegenstandsbereich vorliegen, in Verbindung mit den aktuellen schulpolitischen Diskussionen aber immer wieder gewünscht und gefordert werden.
In der vorliegenden Untersuchung sollen daher ausschließlich quantitative Methoden zur Anwendung kommen. Neben der relativ geringen Anzahl quantitativer Analysen, kann für ein solches Vorgehen auch im Hinblick auf erwünschte praktische Konsequenzen argumentiert werden: Quantitative Resultate sind in der politischen Diskussion, als Unterstützung pädagogischer und didaktischer Wünsche und Bedürfnisse häufig etwas leichter ‘zu verkaufen’, beispielsweise in Verbindung mit dem Setzen von Prioritäten im Rahmen begrenzter finanzieller Ressourcen im Schulbereich. Dies darf allerdings nicht dahingehend missverstanden werden, dass damit die Bedeutung qualitativer Methoden grundsätzlich in Frage gestellt wird. Hier wird vielmehr die Ansicht vertreten, dass auch diese mit wichtigen Erkenntnissen zur vorliegenden Fragestellung beitragen können. Quantitative und qualitative Methoden ergänzen einander in ihren Aussage- und Erkenntnismöglichkeiten, ihre Anwendung ist daher keine prinzipielle Frage, sondern von der Problemstellung und den Intentionen der Untersuchung abhängig.
Eine weitere Festlegung wurde bereits implizit getroffen, sie gilt dem Alter der zu untersuchenden Gruppe, nämlich sechs- und siebenjähriger Kinder. Diese Altersgruppe nimmt in der pädagogischen Diskussion in Norwegen gegenwärtig eine zentrale Stellung ein. Die Ursache dafür liegt in der vorgehenden Grundschulreform, im Zuge derer unter anderem das Alter für den Schulbeginn von sieben auf sechs Jahre gesenkt wurde. Aus den hier angeführten Argumenten wird leicht ersichtlich, dass der vorliegenden Untersuchung neben ihrer reinen ‘Erkenntnisfunktion’ auch eine praktische Implikation zu Grunde liegt, die sich auf die pädagogische Diskussion des Faches Leibesübungen im norwegischen Schulwesen bezieht.
Mit der folgenden Übersicht wird zur Erleichterung der Orientierung ein Ausblick auf den inhaltlichen Aufbau der Arbeit gegeben.
Im zweiten Kapitel des theoretischen Teils wird nach einer Begriffsabklärung zunächst auf das Verhältnis zwischen Körper, Bewegung und Psyche aus historischer Sicht eingegangen und darauf aufbauend Konsequenzen für die vorzunehmende Modellbildung abgeleitet. Intention dieses Kapitels ist es dabei nicht eine erschöpfende Darstellung und Diskussion der Thematik vorzunehmen, sondern einen Kontext für die Untersuchung zu erarbeiten.
Im dritten Kapitel werden aus handlungstheoretisch begründete Modellbildungen zu Körper und Bewegung vorgenommen. Danach wird der Begriff Psychomotorik als eine handlungstheoretische Konkretisierung eingeführt und eine psychomotorische Modellvorstellung zur Beziehung zwischen Körper, Bewegung und Psyche präsentiert und diskutiert.
Das vierte Kapitel widmet sich einleitend einer Übersicht über Erklärungsmöglichkeiten des Zusammenhangs zwischen Bewegung und Psyche. Im Anschluss daran werden empirische Forschungsresultate zur Beziehung von motorischen, kognitiven und sprachlichen Prozessen sowie dem Selbstbild zusammenfassend dargestellt. Damit wird auch der Übergang zum empirischen Teil der Arbeit vorgenommen.
Im kurzen fünften Kapitel, das den empirischen Teil einleitet, werden auf der Grundlage der Problemstellung und der theoretischen Betrachtungen die Fragestellungen der Untersuchung konkretisiert und spezifische Fragestellungen formuliert.
Das sechste Kapitel widmet sich der Darstellung und Diskussion der forschungsmethodischen Bedingungen und Entscheidungen sowie der Bewertung forschungsethischer Aspekte und der Untersuchungsqualität.
Im siebenten Kapitel werden die Untersuchungsresultate präsentiert und interpretiert. Danach wird im achten Kapitel eine kurze und zusammenfassende Schlussdiskussion der Befunde vorgenommen.
Inhaltsverzeichnis:
| Inhaltsverzeichnis | 1 | |
| Verzeichnis der Abbildungen | 7 | |
| Verzeichnis der Tabellen | 9 | |
| 1. | Problemstellung | 12 |
| THEORETISCHER TEIL | 18 | |
| 2. | Zur Beziehung von Körper, Bewegung und Psyche | 19 |
| 2.1 | Begriffsklärung | 20 |
| 2.2 | Historischer Rückblick bis um Ende des 19. Jahrhunderts | 24 |
| 2.3 | Entwicklungen im 20. Jahrhundert | 34 |
| 2.3.1 | Körper- und bewegungsrelevante gesellschaftliche Bedingungen im Wandel | 34 |
| 2.3.2 | Die Sichtweisen unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche | 38 |
| 2.4 | Dualismus, Monismus und alternative Sichtweisen | 49 |
| 2.5 | Zusamenfassung und Schlussfolgerungen | 56 |
| 3. | Körper, Bewegung und Psyche in handlungstheoretischer Perspektive | 60 |
| 3.1 | Handlungstheoretisch orientierte Modellbildung zu Körper und Bewegung | 63 |
| 3.1.1 | Körper aus handlungstheoretischer Sicht | 63 |
| 3.1.2 | Bewegung aus handlungstheoretischer Sicht | 68 |
| 3.2 | Psychomotorik als Konkretisierung einer handlungstheoretischen Perspektive | 77 |
| 3.2.1 | egriffliche und konzeptuelle Abklärung | 77 |
| 3.2.2 | Modellbildung zur Beziehung von Bewegung und Psyche | 85 |
| 3.3 | Zusammenfassung | 111 |
| 4. | Der empirisch-analytische Forschungsstand zur Beziehung von Bewegung, Kognition, Sprache und Selbstbild | 113 |
| 4.1 | Ansätze zur Erklärung von Zusammenhängen zwischen Bewegung und Psyche | 114 |
| 4.1.1 | Unmittelbare Erklärungen | 118 |
| 4.1.2 | Mittelbare Erklärungen | 123 |
| 4.2 | Bewegung und kognitive Prozesse | 129 |
| 4.2.1 | Zum Verständnis des Begriffs kognitive Prozesse | 129 |
| 4.2.2 | Zur Beziehung von Bewegung und kognitiven Prozessen | 130 |
| 4.2.3 | Zusammenfassende Bewertung | 137 |
| 4.3 | Bewegung und Sprache | 139 |
| 4.3.1 | Zum Verständnis des Begriffs Sprache | 139 |
| 4.3.2 | Zur Beziehung zwischen Bewegung und Sprache | 141 |
| 4.3.3 | Zusammenfassende Bewertung | 148 |
| 4.4 | Bewegung und Selbstbild | 150 |
| 4.4.1 | Zum Verständnis des Begriffs Selbstbild | 150 |
| 4.4.2 | Zur Beziehung von Bewegung und Selbstbild | 154 |
| 4.4.3 | Zusammenfassende Bewertung | 157 |
| 4.5 | Zusammenfassung und Schlussfolgerungen | 159 |
| Empirischer Teil | 165 | |
| 5. | Konkretisierung der Problemstellung der empirischen Untersuchung | 166 |
| 5.1 | Rahmenbedingungen der Problemgenerierung | 167 |
| 5.2 | Fragestellung | 171 |
| 6. | Methode | 172 |
| 6.1 | Methodologische Vorüberlegungen | 173 |
| 6.2 | Untersuchungsverfahren | 184 |
| 6.3 | Untersuchungsgruppe | 191 |
| 6.4 | Untersuchungsdurchführung | 193 |
| 6.5 | Untersuchungsauswertung | 195 |
| 6.6 | Bewertung der Untersuchungsqualität | 198 |
| 6.7 | Forschungsethische Bewertung | 200 |
| 7. | Darstellung und Diskussion der Ergebnisse | 204 |
| 7.1 | Überblick zu den Testergebnissen der Gesamtgruppe und der Teilgruppen | 205 |
| 7.1.1 | Kommentierte Darstellung ausgewählter Testergebnisse | 206 |
| 7.1.2 | Diskussion einiger Aspekte der Testergebnisse und ihrer Konsequenzen | 210 |
| 7.2 | Die Beziehung zwischen motorischem und kognitivem Funktionsniveau | 216 |
| 7.2.1 | Darstellung des Zusammenhangs innerhalb der Gesamtgruppe sowie der Teilgruppenunterschiede | 216 |
| 7.2.2 | Interpretation und Diskussion | 222 |
| 7.3 | Die Beziehung zwischen motorischem und sprachlichem Funktionsniveau | 231 |
| 7.3.1 | Darstellung des Zusammenhangs innerhalb der Gesamtgruppe sowie der Teilgruppenunterschiede | 231 |
| 7.3.2 | Interpretation und Diskussion | 238 |
| 7.4 | Die Beziehung zwischen motorischem Funktionsniveau und Selbstbild | 243 |
| 7.4.1 | Darstellung des Zusammenhangs innerhalb der Gesamtgruppe sowie der Teilgruppenunterschiede | 243 |
| 7.4.2 | Interpretation und Diskussion der Ergebnisse | 247 |
| 7.5 | Übergeordnete und differenzierende Betrachtung der Beziehung zwischen dem motorischen und dem psychosozialen Bereich | 253 |
| 7.5.1 | Bivariate Zusammenhänge und der Einfluss von Alter, Geschlecht und Wechselwirkungen innerhalb der Funktionsbereiche | 253 |
| 7.5.2 | Multivariate Zusammenhänge zwischen dem psychosozialen Funktionsbereich und den motorischen Einzelvariablen | 259 |
| 7.5.3 | Unterschiede zwischen den motorischen Teilgruppen in den drei psychosozialen Funktionsbereichen sowie im Gesamtbereich | 262 |
| 7.5.4 | Interpretation und Diskussion | 270 |
| 8. | Schlussdiskussion | 277 |
| 8.1 | Gesamtdiskussion der Ergebnisse | 278 |
| 8.2 | Ausblick | 286 |
| Zusammenfassung | 288 | |
| Literaturverzeichnis | 291 | |
| Anhang | 323 | |
| Tabellenanhang | 324 | |
| Abbildungsanhang | 343 | |
| Testanhang | 344 |
Textprobe:
Kapitel 8.1, Gesamtdiskussion der Ergebnisse: In Hinblick auf die erste Fragestellung, die auf eine detaillierte Analyse der Äußerungsformen des psychomotorischen Zusammenhangs abzielt, bieten die Untersuchungsresultate einerseits interessante Einsichten, führen andererseits aber auch eine Reihe neuer Herausforderungen mit sich, insbesondere in Hinblick auf die Begründung der Funde. Dazu wurden die wesentlichsten Aspekte in den Diskussions- und Interpretationsabschnitten des Resultatkapitels bereits aufgegriffen. Hier sollen vorerst die wesentlichsten Resultate kurz zusammengefasst und zu anderen Beiträgen in Beziehung gesetzt werden, ehe sie einer Bewertung in bezug auf die vorangegangenen theoretischen Reflexionen unterzogen werden.
Der psychomotorische Zusammenhang kommt in der Beziehung zwischen dem motorischen und dem sprachlichen Bereich am deutlichsten zum Ausdruck, während zwischen dem motorischen und dem kognitiven Bereich für zwei der drei Variablen zwar ebenfalls statistisch signifikante Ergebnisse auftreten, deren theoretische und praktische Bedeutung aber auf Grund relativ schwacher Korrelationswerte als eher gering zu bewerten ist. Für das Selbstbild sind für die Gesamtgruppe hingegen nur wenige und ebenfalls geringe Zusammenhänge mit dem motorischen Bereich feststellbar.
Im Verhältnis zu den Resultaten anderer Untersuchungen, die einen Vergleich mit der vorliegenden Studie gerechtfertigt erscheinen lassen, erfordern die Ergebnisse eine differenzierte Gesamtbeurteilung:
Bei einer multivariaten Analyse der Beziehung zwischen dem psychosozialen Gesamtbereich, als Ausdruck aller hier erfassten psychosozialen Variablen, und den motorischen Einzelvariablen ergibt sich für die Gesamtgruppe eine multiple Korrelation von R = 0,47 (6-Jährige: R = 0,53; 7-Jährige: R = 0,48). Werden die bivariat nicht oder nur schwach korrelierenden psychosozialen Variablen von den Berechnungen ausgeschlossen, dabei handelt es sich um die Konzentration und die vier Dimensionen des Selbstbildes, fallen die multiplen Korrelationskoeffizienten zum Teil noch etwas höher aus (Gesamtgruppe: R = 0,51; 6-Jährige: R = 0,57; 7-Jährige: R = 0,47). Dabei gehen jeweils grob- und feinmotorische Variablen als Prädiktoren ein, nicht jedoch das statische Gleichgewicht. In allen sechs Fällen ist der höchste Betakoeffizient für die Variablen des grobmotorischen Bereichs zu beobachten. Es liegen in der hier berücksichtigten Literatur, mit Ausnahme der bereits angesprochenen kanonischen Analysen Zimmers (1996) keine Befunde vor, die zu den vorliegenden Resultaten direkt in Beziehung gesetzt werden können. Einzig die von Lehrern auf der Grundlage ihrer praktischen Erfahrungen zum Ausdruck gebrachten Annahme eines engen Zusammenhangs zwischen Lernen und Motorik (vgl. bspw. Moser et al., 1999) kann als aus dem praktischen Handlungsfeld stammende Unterstützung dieser Ergebnisse angeführt werden.
Im weiteren wird zur ersten Fragestellung auf der Grundlage der drei psychosozialen Teilbereiche Stellung genommen.
Für den Zusammenhang zwischen dem motorischen und dem kognitiven Bereich unterstützen die vorliegenden Ergebnisse tendenziell die Resultate jener Arbeiten, in denen eine schwache bis moderate positive Korrelation festgestellt wurde. Da die Korrelationen aber, trotz ihrer Überzufälligkeit, nur relativ schwach sind, stehen die Ergebnisse auf der anderen Seite auch nicht im Widerspruch zu den zahlreichen negativen Funden bezüglich einer möglichen Kausalbeziehung zwischen Motorik und Kognition. Vor dem Hintergrund der Resultate dieser Studien ist eine Beeinflussbarkeit kognitiver Prozesse durch Bewegung, insbesondere bei nicht behinderten Kindern, äußerst unwahrscheinlich. Wenn auch korrelative Zusammenhänge keine Rückschlüsse auf Kausalbeziehungen zulassen, so müssten im Falle eines ursächlichen Zusammenhangs umgekehrt jedoch höhere als die hier gefundenen Korrelationen erwartet werden, was aber nicht der Fall ist. Auch der etwas höhere multiple Korrelationskoeffizient reicht nicht aus, um für den kognitiven Bereich weitergehende Konklusionen ableiten zu können.
Unter Bezugnahme auf die motorischen Teildimensionen ist für die Grobmotorik ein etwas besserer Zusammenhang mit dem kognitiven Funktionsbereich als für die Feinmotorik festzustellen. Für das statische Gleichgewicht ergeben sich bei der blinden Ausführung zwar signifikante, jedoch nur sehr geringe Korrelationen, während die sehende Ausführung keine überzufälligen Beziehungen hervorbringt.
Hervorgehoben werden soll nochmals die offensichtliche Abhängigkeit der beobachteten Zusammenhänge von den spezifischen Aufgaben, die stärkste Korrelation (r = 0,31) ergibt sich für das Zahlenerinnern, während der Korrelationskoeffizient für die generellen kognitiven Fähigkeiten (progressiver Matrizentest) zwar ebenfalls hoch signifikant, aber deutlich geringer ist (r = 0,19). In Hinblick auf das Gedächtnis fehlen Vergleichswerte. Für die generellen kognitiven Fähigkeiten konnten Eggert und Eggert und Schuck deutlich höhere Koeffizienten feststellen, wohingegen Warwitz für etwas ältere Schüler zu einem ähnlichen Ergebnis wie in der vorliegenden Studie gelangt. Das völlige Fehlen eines Zusammenhangs für die Konzentration steht im Gegensatz zu einer Reihe anderer Untersuchungen. So konnte beispielsweise Krombholz bei 8-jährigen Sonderschülern gerade für diesen kognitiven Teilbereich die höchsten Korrelationen registrieren. Gaschler, Kalliopuska und Karila , Kesselmann und Stenberg berichten ebenfalls von statistisch überzufälligen Zusammenhängen. Dies kann als ein Hinweis auf die Bedeutung der individuellen Personvoraussetzungen aufgefasst werden. Ein ganzheitliches oder nur für spezifische Teilbereiche gegebenes schwächeres Entwicklungsniveau, könnte zu einem höheren korrelativen Zusammenhang zwischen kognitivem und motorischem Funktionsniveau führen, wobei als gemeinsam zugrundeliegender Faktor die nervalen Voraussetzungen als (Mit-)Ursache in Erwägung gezogen werden können.
Am deutlichsten treten psychomotorische Wechselwirkungen in Verbindung mit dem sprachlichen Bereich hervor. Die höchste bivariate Korrelation besteht zwischen der Gesamtmotorik und dem gesamten sprachlichen Funktionsbereich (r = 0,41), die multiple Korrelation erreicht ein Niveau von R = 0,49. Auf der Ebene der motorischen Teildimensionen sind zwischen dem Zusammenhang der grobmotorischen und der feinmotorischen Dimension mit dem sprachlichen Bereich kaum Unterschiede festzustellen. Zur Korrelation zwischen Sprache und Bewegung liegen nur relativ wenige vergleichbare Untersuchungen vor. In einer Studie von 4- bis 6-Jährigen werden von Eggert, Lütje und Johannknecht etwas höhere Werte festgestellt (r = 0,49). Zu einem Korrelationskoeffizienten von etwa 0,40 gelangen Ruoho und Thie in prospektiven Studien, beim Vergleich der Ergebnisse der verbosensomotorischen Differenzierungsprobe und den Resultaten von 1-3 Jahre später durchgeführten Sprachtests. Die Korrelationswerte zwischen den motorischen Teildimensionen und den vier sprachlichen Subtests unterscheiden sich in ihren Ausprägungen nur eher geringfügig, für die Gesamtmotorik sind alle und für die Grob- und Feinmotorik, von einer Ausnahme abgesehen, ebenfalls alle Koeffizienten auf dem 1%-Niveau signifikant. Zusätzlich ergeben sich auch für das statische Gleichgewicht unter sehenden Bedingungen hoch signifikante Koeffizienten für zwei der vier sprachlichen Subtests. Insgesamt scheinen die Resultate für den sprachlichen Bereich in etwas geringerem Ausmaß, als im kognitiven Bereich der Fall, vom Aufgabentypus beeinflusst zu werden. Stärkere Unterschiede treten allerdings bei der Betrachtung motorischer Einzelvariablen zu Tage, wo für einige Variablen, wie beispielsweise Zielwurf, Graphomotorik und Steadiness, keine Zusammenhänge festzustellen waren.
Für das Selbstbild fallen die Korrelationskoeffizienten insgesamt sehr gering aus, nur die Grobmotorik steht in einer statistisch bedeutsamen Beziehung zu sowohl dem kognitiven, dem sozialen als auch dem körperlichen Selbstbild. Die Gesamt- und die Feinmotorik sowie das statische Gleichgewicht weisen jeweils nur eine signifikante Beziehung zum sozialen Selbstbild auf. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass das körperliche Selbstbild, abgesehen von der Grobmotorik, mit den beiden anderen motorischen Dimension keine statistisch bedeutsame Beziehung aufweist. Auf die sich aus der Entwicklung des Selbstbildes in einer ontogenetischen Perspektive ergebenden Besonderheiten, welche als Erklärung der durchgängig schwachen korrelativen Zusammenhänge herangezogen werden können, wurde bereits in Abschnitt 7.4.2 eingegangen (vgl. Harter, 1985; 1999). Die wenigen vorliegenden Untersuchungen mit einer vergleichbaren Altersausrichtung ergeben variierende Resultate. Arits, Cobb und Thomas et al. fanden keine Zusammenhänge zwischen Selbstbild und Motorik, während Cranach (1975) und Simons et al. in einem niedrigen Bereich liegende, jedoch statistisch bedeutsame, Beziehungen beobachteten.
Im Zusammenhang mit der Interpretation der hier gefundenen Resultate kommt der Bewertung der Höhe der gefundenen Korrelationskoeffizienten wesentliche Bedeutung zu. Als eine inhaltliche Bezugsgröße für die Abschätzung der Qualität der Zusammenhangsmaße kann der Vergleich der zwischen den motorischen, kognitiven und sprachlichen Variablen gefundenen Korrelationskoeffizienten mit den innerhalb der jeweiligen Bereiche auftretenden Korrelationen (vgl. Tabellenanhang 14 -16) herangezogen werden. Dabei fällt auf, dass die Korrelationen zwischen den Variablen innerhalb eines Funktionsbereichs nur eher selten eine mittlere Stärke (r > 0,4) erreichen, zumeist aber ein geringes Niveau nicht übersteigen. So lässt beispielsweise ein Korrelationskoeffizient von r = 0,39 zwischen den beiden, in ihrer Struktur sehr ähnlichen, Aufgaben Perlenauffädeln und Pegboardtest (vgl. Tabellenanhang 14), die zwischen den motorischen und psychosozialen Variablen gefundenen Zusammenhänge in einem etwas ‘besseren Licht’ erscheinen. Bemerkenswert erscheint es auch, dass die Stärke des Zusammenhangs zwischen der Grob- und Feinmotorik (r = 0,39) nicht wesentlich über der Korrelation des sprachlichen Funktionsniveaus mit der Grobmotorik (r = 0,39) und der Feinmotorik (r = 0,36) liegt.
Im Rahmen der Beurteilung der korrelativen Zusammenhänge sei an dieser Stelle nochmals darauf hingewiesen, dass diese nicht im Kontext von Tätigkeit und Handlung, sondern auf der Ebene des Funktionsniveaus handlungsregulatorisch relevanter Teilkomponenten generiert wurden. Die für eine handlungstheoretischen Annäherung fundamentalen subjektiven Bedeutungszusammenhänge und Sinnbezüge, also die ‘individuelle Intentionalität’ des Handelns, findet in den präsentierten Korrelationswerten damit keinen nachhaltigen Ausdruck. Es wird gewissermaßen verhaltensanalytisch und nicht handlungsanalytisch vorgegangen, was, aus handlungstheoretischer Sicht, die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von korrelativen Zusammenhängen möglicherweise beeinflusst. In einer, sicherlich problematischen, Computeranalogie könnte dieser Sachverhalt bildhaft so ausgedrückt werden, dass die Hardware und das Betriebssystem ohne Berücksichtigung der Software und des Einsatzbereichs der Maschine überprüft werden. Ein solcher Test kann durchaus nützlich sein und aufschlussreiche Informationen erbringen, darf aber in seinen Aussagemöglichkeiten und seiner praktischen Bedeutung nicht überschätzt werden.
Ein weiterer Hinweis in bezug auf die Modellbildung erscheint in diesem Zusammenhang angebracht. Neben der Nichtberücksichtigung der intentionalen Komponente kommen Körper und Bewegung in erster Linie in ihrer konstruktiven Funktion zur Geltung, da es sich bei der Datenerhebung ausschließlich um die Registrierung motorischer Leistungen handelt. Diese beruhen selbstverständlich auch auf Erfahrungen, die mit der explorativen, der sozialen und der reflexiven Funktion in Zusammenhang zu sehen sind, dennoch werden diese Funktionen nicht direkt berücksichtigt. Eine Erfassung der „Ausdrucksmotorik“ oder der Verbosensomotorik könnte beispielsweise einen höheren Zusammenhang mit dem sprachlichen Bereich erwarten lassen.
Die zweite Fragestellung zielt auf den möglichen Einfluss von Alter und Geschlecht sowie die Auswirkung möglicher Interaktionen zwischen den psychosozialen Teilbereichen auf den psychomotorischen Zusammenhang ab. Hier kann zum einen festgestellt werden, dass dem Geschlecht keine nachhaltige Bedeutung in Hinblick auf die untersuchten psychomotorischen Beziehungen zukommt. Zwar zeigten sich für einige wenige Variablen signifikante Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen (vgl. Abschnitt 7.1), diese haben jedoch offensichtlich keine Effekte in Verbindung mit den durchgeführten Partialkorrelationen (vgl. Abschnitt 7.5.1).
Bestätigt werden konnte hingegen ein deutlicher Einfluss des Alters, genauer gesagt, des mittels der Altersvariablen abzubilden versuchten Entwicklungsniveaus. Die Effekte treten bezüglich des kognitiven und sprachlichen Bereichs sehr deutlich zum Vorschein. Für den bereits im Ausgangspunkt geringen Zusammenhang zwischen dem gesamten Selbstbild (Summenwert) und dem motorischen Funktionsbereich sind sie hingegen eher vernachlässigbar. Diese Resultate unterstützen somit tendenziell die in der Literatur vertretene Annahme einer Schwächung des Zusammenhangs mit zunehmendem Alter, jedoch nicht die Vermutung, dass dieser etwa zum Zeitpunkt der Einschulung gänzlich verschwinden.
Besonders interessant erscheint im Hinblick auf das Alter die in einigen Fällen festzustellende gegenläufige Tendenz, das heißt die Beobachtung eines deutlicher ausgeprägten Zusammenhangs für die ältere Gruppe. Kann dies beim progressiven Matrizentest eventuell noch mit einer zu hohen Aufgabenschwierigkeit für die 6-Jährigen erklärt werden, so ist eine solche Erklärung für die ähnlichen Beobachtungen bezüglich des sprachlichen Bereichs dann allerdings nicht mehr hinreichend. Die zum Teil deutlich höheren Zusammenhänge zwischen einzelnen Dimensionen des Selbstbilds und insbesondere der Grobmotorik für die Gruppe der 7-Jährigen, kann mit bekannten entwicklungsbedingten Gegebenheiten in Hinblick auf das Selbstbild erklärt werden.
Interessante Resultate erbrachte schließlich der Versuch, den Einfluss der gegebenenfalls zwischen den psychosozialen Funktionsbereichen bestehenden Interaktionen auf den Zusammenhang mit dem motorischen Funktionsbereich zu überprüfen. Die Elimination des sprachlichen Funktionsniveaus führte hier zu einem vollständigen Verschwinden des Zusammenhangs zwischen Motorik und Kognition bei den 7-Jährigen sowie zu einem markierten Rückgang bei den 6-Jährigen. Zwar waren auch in umgekehrter Richtung Effekte des kognitiven Funktionsniveaus auf die korrelative Beziehung zwischen Sprache und Motorik festzustellen, diese fielen aber deutlich geringer aus. Damit konnte ein in der einschlägigen Literatur bislang kaum beachteter Aspekt aufgezeigt werden, der die Wechselwirkungs- und Ganzheitsannahme auf einer anderen Ebene unterstützt. Die Bedeutung der Berücksichtigung komplexer Beziehungsgeflechte für das wissenschaftliche Herangehen an die Beziehung zwischen Körper, Bewegung und Psyche, wird durch dieses Ergebnis nochmals unterstrichen.
Abschließend kann festgestellt werden, dass mit der hier vorgestellten empirischen Studie keine Bestätigung oder Zurückweisung der getroffenen Modellannahmen angestrebt wurde. Bereits im Vorfeld wurde deshalb deutlich gemacht, dass eine empirisch-analytische Herangehensweise in einem handlungstheoretischen Kontext dazu nicht in der Lage ist. Es ging vielmehr um die Beurteilung der Passung zwischen den modellbezogenen Überlegungen und den quantitativ generierten Daten. Zusammenfassend kann diese Passung als moderat charakterisiert werden. Es sind in den Daten keine grundsätzlichen Widersprüchlichkeiten im Hinblick auf die Modellannahmen zu erkennen, genauso wenig sprechen sie aber für eine sehr starke Beziehung zwischen dem motorischen und dem psychosozialen Bereich in der berücksichtigten Altersgruppe. Mehrfach hingewiesen wurde bereits auf die Beobachtung, dass eine Beziehung zwischen motorischem und psychosozialem Funktionsniveau auch bei 7-Jährigen durchaus noch feststellbar ist. Nichts deutet jedoch darauf hin, dass Körper und Bewegung innerhalb der Objektbereiche der Entwicklung eine Sonderstellung, im Sinne eines besonders wichtigen Objektbereiches für die ganzheitliche Entwicklung, zukommen.
Mit dem hier angewandten empirisch-analytischen Vorgehen war es möglich, die einem handlungstheoretischen Denken zu Grunde liegenden ganzheitliche Perspektive sowie psychomotorische Wechselwirkungsprozesse und Entwicklungsorientierung für die berücksichtigten psychosozialen Teilbereiche zumindest partiell abzubilden. Die Annahme wird sowohl durch die Ergebnisse der bivariaten Analysen als auch durch die Teilgruppenvergleiche unterstützt und kommt insbesondere auch in den multivariaten Analysen und in den altersgruppenspezifischen Betrachtungen zum Ausdruck.
Von einem Zusammenhang zwischen dem motorischen und dem psychosozialen Bereich wurde auf Grundlage der theoretischen Betrachtungen ausgegangen, es bestand also kein Bedarf diese Beziehung zu „beweisen“, vielmehr sollten ihre konkreten Äußerungsformen nachgezeichnet werden. Da die Ergebnisse in Abhängigkeit von den jeweiligen Funktionsbereichen und den sie konstituierenden Variablen und Dimensionen stark variieren, sollten keine allzu weitreichenden Schlüsse gezogen werden. Würde ein sehr kritischer Standpunkt eingenommen, so könnte die Interpretation der Ergebnisse auch nahezu gegensätzlich ausfallen, wenn man vor dem Hintergrund der theoretischen Betrachtungen dem Veranschaulichungspotenzial der quantitativen Daten sehr viel höhere Erwartungen entgegengebracht hätte.
Bei der Frage, ob ein empirisch-analytisches Vorgehen für ein besseres Verständnis psychomotorischer Beziehungen überhaupt geeignet ist, handelt es sich um eine wichtige Teilproblemstellung dieser Arbeit. Auf Grundlage der hier gemachten Erfahrungen kann die Anwendung quantitativer Vorgehensweisen als durchaus dazu geeignet betrachtet werden, Teilaspekte der komplexen Realität in angemessener Form abzubilden. Eine empirisch-analytisch orientierte Annäherung innerhalb eines definierten Gültigkeitsbereichs ist zweifelsohne dazu im Stande, zu einer sowohl wissenschaftlich als auch praktisch relevanten Erweiterung des Kenntnisstandes beizutragen.
Die Aufgabenkomponente stellt sich, neben der aus der Literatur bereits bekannten Bedeutung der Personbedingungen (z.b. starkes oder schwaches Funktionsniveau bezüglich verschiedener Objektbereiche der Entwicklung), als ein bedeutungsvoller Faktor innerhalb eines empirisch-analytischen Vorgehens heraus und rechtfertigt damit auch den deutlichen Bezug des Bewegungsmodells zur Handlungssituation (vgl. Abbildung 2, S. 70). In einem sehr viel stärkerem Ausmaß als dies auch für die vorliegende Arbeit zutrifft, sollten die anzuwendenden Tests einer differenzierten und theoretisch begründeten Aufgabenanalyse unterzogen und zu einem ganzheitlichen handlungstheoretischen Modell in Beziehung gesetzt werden. Sowohl auf die Entwicklungsperspektive als auch auf den Aspekt der Intentionalität sollte dabei großer Wert gelegt werden.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836610100
Arbeit zitieren:
Moser, Thomas Juni 2000: Ein gesunder Geist in einem geschickten Körper?, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Kind (6-7 Jahre), Motorische Entwicklung, Kognitive Entwicklung, Psychomotorik, Selbstbild



