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Das gesellschaftliche Unbewusste

Versuch der Ergründung unreflektierter gesellschaftlicher Strukturen

Das gesellschaftliche Unbewusste
Über dieses Buch
  • Art: Dissertation / Doktorarbeit
  • Autor: Hans Tessar
  • Abgabedatum: Juni 1996
  • Umfang: 265 Seiten
  • Dateigröße: 756,7 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Wien Österreich
  • Bibliografie: ca. 286
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-0717-9
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Tessar, Hans Juni 1996: Das gesellschaftliche Unbewusste, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Philosophie, Erkenntnisphilosophie, Sprachphilosophie, Paradigma, Psychoanalyse

Dissertation / Doktorarbeit von Hans Tessar

Einleitung:

Strenggenommen kann so etwas wie ein „gesellschaftliches Unbewußtes“ nicht empirisch wahrgenommen werden. Vom empirischen Standpunkt aus gesehen gibt es so etwas wie ein „gesellschaftliches Unbewußtes“ daher nicht, und dem ist wohl strenggenommen auch beizupflichten. Dies ändert aber nichts daran, daß das menschliche Zusammenleben (unter anderem) durch Sitte und Gesetz geordnet ist. Die meisten der gesellschaftlichen Regeln waren jedenfalls in früheren Zeiten nicht schriftlich fixiert, sodaß zumindest zu dieser Zeit das zwischenmenschliche Zusammenleben in erster Linie durch die Sitte geregelt war, wobei diese grundsätzlich nicht sprachlich-kognitiv tradiert worden war.

Ausgehend von dieser Beobachtung kann somit behauptet werden, daß jedenfalls dieser „gewohnheitsrechtliche“ Verhaltenskodex (=Sitte) sich dadurch auszeichnete, das menschliche Zusammenleben zu strukturieren, obwohl sein Inhalt nur sehr rudimentär bekannt war. Meines Erachtens ist diese unbestreitbare Tatsache die Einfallspforte für die Ergründung des Phänomens des gesellschaftlichen Unbewußten. Wenn man nämlich, ausgehend von dieser Feststellung, die Sitte näher betrachtet, gelangt man notgedrungen zur Erkenntnis, daß die Sitte nicht das einzige Phänomen ist, das unabhängig vom individuellen menschlichen Willen die menschliche Verfaßtheit beeinflußt und bestimmt.

So kann z.B. die Sitte immer erst aus ihrer Einbettung in die gesellschaftlichen Strukturen, Institutionen und Wechselprozesse her verstanden bzw. ergründet werden. Die Sitte erhellt sich sohin erst dann, wenn man ihre Funktion und Bedeutung innerhalb der konkreten gesellschaftlichen Wirklichkeit erfaßt hat. Wenn man sohin versucht, die Sitten in einer Gesellschaft zu analysieren, stößt man unweigerlich auf weitere Phänomene, welche einen maßgebenden Einfluß auf die „Willensentscheidungen“ und Handlungen des Einzelnen haben, wenngleich sie vom jeweiligen Individuum grundsätzlich weder reflektiert noch hinsichtlich ihres Einflusses auf die subjektive Lebenssituation wahrgenommen werden.

All diese „Mechanismen“ der Gestaltung der menschlichen Wirklichkeit haben ein Merkmal jedenfalls gemeinsam, nämlich daß sie nur postuliert, nie aber sinnlich wahrgenommen werden können, sodaß wieder der Schluß recht nahe liegt, daß sie möglicherweise gar nicht wirklich existieren, sondern nur rein willkürliche Theorien eines Beobachters sind, mit denen dieser bei mehreren Personen bzw. Kulturen beobachtbare menschliche Verhaltensmuster in ein System zwängt bzw. zu zwängen versucht.

Abweichend vom „gewöhnlichen“ Zugang zum Unbewußten erscheinen mir daher die Phänomene, die auf eine unbewußte Gesetzmäßigkeit hinzuweisen scheinen, viel interessanter als die Gesetze, die postuliert werden, um diese Phänomene zu erklären. Als logische Konsequenz dieses Ausgangspunktes scheint es sodann aber auch müßig zu sein, die richtige Theorie zu finden; denn letztlich ist jede Theorie nur ein „Hirngespinst“, welche solange nicht als solches erkannt wird, solange sie noch irgendeine sinnvolle Funktion erfüllt. Folglich will ich auch versuchen, einerseits alle von mir gefundenen auf unbewußte gesellschaftliche Strukturen verweisende Phänomene aufzuzeigen und andererseits möglichst viele Theorien, die derartige Phänomene erklären wollen, darzulegen, im Bewußtsein, daß jede Theorie für sich gesehen eine wahre Aussage hat, auch wenn einander die Theorien mitunter widersprechen.

Da leider die meisten Autoren der westlichen Wissenschaftstradition entsprechen, veröffentlichen sie in ihren Publikationen zumeist - entsprechend dieser Tradition - bloß Antworten (bzw. Theorien) bzw. beschäftigen sich fast ausschließlich mit solchen. Die diesen Antworten (bzw. Theorien) zugrundeliegenden, der Hinterfragung würdigen, sinnlichen Wahrnehmungen werden höchstens gestreift und oft erst gar nicht bedacht. (Spätestens dann hebt sich übrigens eine Theorie von der Realität endgültig ab.) Folglich bleibt mir nichts anderes übrig, als mit den tradierten Ergebnissen (=Theorien) zu beginnen, um mich dann langsam zu den (auch von mir letzlich bloß postulierbaren) „Anfängen“ vorarbeiten zu können.

Ich lege also zuallererst die mir für diese Themenstellung dienlichen Theorien dar, und werde dann versuchen, die diesen Theorien zugrundeliegenden sinnlichen Wahrnehmungen zu ergründen, die vermittels der dargelegten Theorien (meines Erachtens) einer Hinterfragung für würdig gefunden wurden. Abschließend will auch ich eine Theorie (bzw. ein Hirngespinst) postulieren, wohl wissend, daß auch meine Theorie nur den Anspruch erheben kann, den Blick für bestimmte gesellschaftliche Vorgänge zu schärfen.

Wie jede Theorie (bzw. jedes Hirngespinst) soll auch die vorliegende Arbeit nur einen Beitrag leisten, um Menschen aufzumuntern bzw. eventuell sogar anzuleiten, Zusammenhänge zwischen sinnlich wahrnehmbaren Phänomenen herstellen, welche sie sonst nicht hergestellt hätten. Falls nun aber jemand sogar soweit geht, meine Sichtweise der Zusammenhänge zwischen den Phänomenen zu seiner eigenen zu machen, so hoffe ich, daß dann auch seitens dieser Person diese Gedankengänge auch mit ihrer je konkreten Lebenssituation und Gesellschaftsverfaßtheit in Verbindung gebracht werden und dieser „Philosoph“ einen Beitrag zur Bekämpfung der infolge dieser Analyse bewußt gewordenen Mißstände leistet.

Da es, meines Erachtens, nur solange eine Theorie gibt, als der sie begründende Mißstand besteht bzw. als diese zum Machterhalt der gesellschaftlich Mächtigen dienlich ist, hoffe ich naheliegenderweise, daß auch die in dieser Arbeit dargelegten Theorien samt den diesen zugrundeliegenden Problemstellungen einmal überflüssig werden; also als das bezeichnet werden, was sie im Grunde ja immer schon sind bzw. waren, nämlich als Hirngespinste.

Inhaltsverzeichnis:

VORBEMERKUNGEN 2
DER BEGRIFF DES „UNBEWUSSTEN 6
A. DER BEGRIFF DES „UNBEWUSSTEN“ IN DER PHILOSOPHIE 6
1. Spinosa 6
2. Leibniz 7
3. Carus 9
4. Schopenhauer 9
5. Nietzsche 10
6. Reininger 10
7. Sartre 11
B. DARLEGUNG DER VERWENDUNG DES BEGRIFFES DES „UNBEWUSSTEN“ IN DEN WICHTIGSTEN PSYCHO-THERAPEUTISCHEN SCHULEN 12
I. Psychoanalyse 12
1. Freud 12
a. der deskriptive Begriff des Unbewußten 13
b. der systematische Begriff des Unbewußten in der ersten und zweiten Topik 13
I. Grundlegendes 13
II. Darlegung 17
(1). der systematische Begriff des Unbewußten in der ersten Topik 17
(2). der systematische Begriff des Unbewußten in der zweiten Topik 19
2. Fromm 22
3. Lorenzer 25
II. Individualpsychologie 26
1. Adler 26
2. Sperber 33
III. Kognitive Psychologie 33
1. Jung 33
2. Neumann 36
3. Barz 38
IV. Daseinsanalytische Schule 41
1. Boss 41
V. Gestalttherapie 44
1. Perls 44
VI. LSD-Unterstützte Therapie 46
1. Grof 46
VII. Systemische Familientherapie 47
1. Andolfi 47
2. Watzlawick, Beavin, Jackson, Weakland, Fish 50
ZWEITER ABSCHNITT
VERSUCH DER ENTDECKUNG UNBEWUSSTER STRUKTUREN IN GESELLSCHAFTLICHEN VORGÄNGEN 58
A. KONNEX ZUM BEGRIFF DES UNBEWUSSTEN IN DER PSYCHOTHERAPIE UND BILDUNG EINER ARBEITSHYPOTHESE FÜR DIE ANNÄHERUNG AN DAS „GESELLSCHAFTLICHE UNBEWUSSTE“ 58
B. DARLEGUNG DER ZUGÄNGE ZUM „GESELLSCHAFTLICHEN UNBEWUSSTEN“ IN DER WISSENSCHAFTLICHEN LITERATUR NACH FREUD 60
I. Philosophie 60
1. Strukturalismus 60
a. Deleuze 60
b. Foucault 61
c. Lacan 62
2. Marx 64
3. Kuhn 66
4. Maturana 70
II. Psychoanalyse 73
1. Freud 73
2. Erdheim 76
3. Fromm 93
III. Psychologie 99
1. Rohracher 99
2. Ulich 101
IV. Soziologie 104
1. Durkheim 104
2. Spiegel 105
3. Bader 107
4. Berger, Luckmann 110
V. Ethnologie 118
1. Malinowski 118
2. Levi-Strauss 129
DRITTER ABSCHNITT
VERSUCH EINES NEUEN PHILOSOPHISCHEN ANSATZES 133
A. ERKENNTNISTHEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN 133
I. Von der Notwendigkeit der erkenntnistheoretischen Reduktion der Wirklichkeit 133
II. Zugang zur Erkenntnis 136
B. ANTHROPOLOGISCHE ÜBERLEGUNGEN 141
I. Vorbemerkungen 141
II. das Wesen der zwischenmenschlichen Strukturen 143
1. Exkurs: Vom konkreten Willen 144
2. Exkurs: Vom abstakten Begriff 151
3. Exkurs: Das Wesen der Reflexion und deren Bedeutung für den Willen 153
III. Hypothese bezüglich der Sozialisation der menschlichen Existenz 161
1. Fragestellung 161
2. Vom „Identifikationsgefühl“ 163
3. Von der Empathie 165
IV. Exkurs: Vom Wesen und Zweck der Philosophie 167
C. DAS INDIVIDUELLE UNBEWUSSTE 172
D. DAS GESELLSCHAFTLICHE UNBEWUSSTE 174
I. Definition 174
II. Versuch der Beschreibung des Wesens der Gesellschaft 174
III. Der Einfluß der (individuellen und Kollektiven) Interessen auf die Situiertheit des Einzelnen 204
IV. Die Schizophrenie als Zugang zum gesellschaftlichen Unbewußten 208
1. Versuch einer Annäherung an das Wesen der Schizophrenie 208
2. Schizophrene Strukturen in der Gesellschaft 210
a. Vom Leitmotiv als gesellschaftliche Ordnungskomponente 210
b. Beispiele verdrängter gesellschaftlicher Widersprüche 212
3. Die Gesellschaft als Wechselspiel interagierender Regelkreise 217
a. Die Bedeutung des individuellen Leitmotivs für die Strukturiertheit des gesellschaftlichen Regelkreises 217
b. Vom gesellschaftlichen Leitmotiv 219
c. Von der Modifikation der gesellschaftlichen Regelkreise 231
I. konformes Verhalten 231
II. Reagieren auf äußere bzw. von der Logik des Leitmotivs nicht wahrgenommene Einflüsse 234
III. Einlassen in den gesellschaftlichen Schatten 235
Einführung von gesellschaftlichen bzw. Bewusstmachung gesellschaftlicher Paradoxa 236
d. Der Sinn der gesellschaftlich praktizierten Schizophrenie 238
V. Der Schatten als Zugang zum gesellschaftlichen Unbewußten 241
1. Mechanismen der Produktion eines gesellschaftlichen Schattens 241
2. Methoden der Bekämpfung gesellschaftlichen Kritikpotentials 256
a. Ignorierung 257
b. Inhaftierung (bzw. Kriminalisierung) 257
c. Hospitalisierung (bzw. Psychiatrierung) 258
d. Diskriminierung 259
e. finanzielle Benachteiligung 262
f. Diffamierung 262
g. Aggression bzw. Unterdrückung 263
h. Produktion gesellschaftlicher Ideale 263
i. Inhalierung 264
VI. Die Utopie einer befreiten Gesellschaft 265
BIBLIOGRAPHIE DER VERWENDETEN LITERATUR 266
INHALTSVERZEICHNIS 289

Arbeit zitieren:
Tessar, Hans Juni 1996: Das gesellschaftliche Unbewusste, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Philosophie, Erkenntnisphilosophie, Sprachphilosophie, Paradigma, Psychoanalyse

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