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Das folkloristische Element bei Wolf Biermann

Zur Frage der Verarbeitungs- und Verfremdungstechnik konventioneller Stilelemente in der Gitarrenbegleitung

Das folkloristische Element bei Wolf Biermann
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Horst Löppmann
  • Abgabedatum: Juni 1990
  • Umfang: 164 Seiten
  • Dateigröße: 8,1 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Hochschule für Musik und Theater Hamburg Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-2122-9
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-2122-9 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-2122-9 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Löppmann, Horst Juni 1990: Das folkloristische Element bei Wolf Biermann, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Gitarrenbegleitung, folkloristische Wurzeln, Wolf Biermann

Staatsexamensarbeit von Horst Löppmann

Einleitung:

Innerhalb dieser Arbeit habe ich versucht, zunächst ausgehend von einer Höranalyse, im Schaffen Wolf Biermanns bestimmte stilistische Merkmale aufzuspüren, die dann in einem hermeneutischen Verfahren auf ihren möglichen Sinngehalt überprüft werden sollen. Wobei Hermeneutik in der Weise verständen werden soll, daß sowohl die Musik als auch der Text nach formalen Kriterien betrachtet werden müssen, die dann aber in Beziehung zu ihrem psychologischen, politischen oder geschichtlichen Hintergrund zu bringen sind, um dann in einem Zirkelschluß die Frage nach der Bedeutung der Einzelglieder und ihrer Beziehung untereinander zu stellen. Rudolf Bultmann drückt diesen Vorgang bezogen auf literarische Texte folgendermaßen aus:

"...die erste Forderung (ist) die formale Analyse eines literarischen Werkes hinsichtlich seines Aufbaus und seines Stiles. Die Interpretation hat die Komposition des Werkes zu analysieren, das Einzelne aus dem Ganzen, das Ganze vom dem Einzelnen aus zu verstehen. Die Einsicht, daß sich jede Interpretation in einem 'hermeneutischen Zirkel' bewegt, ist damit gegeben.".

Es soll also im Werk nach Wurzeln gesucht, Vorbilder oder gar Vorlagen aufgezeigt, aber auch nach der Bedeutung dieser Elemente gefragt werden, und zwar aufgrund von intersubjektiven Gemeinsamkeiten.

"Also: die Interpretation setzt immer ein Lebensverhältnis zu den Sachen voraus, die im Text (bzw. hier in der Musik, der Verf.) - direkt oder indirekt - zu Worte kommen. Ich verstehe einen über Musik handelnden Text nur, wenn und soweit ich ein Verhältnis zur Musik habe (weswegen denn in Thomas Manns 'Doktor Faustus' manche Partien für manche Leser unverständlich sind),...".

Mittels der oben beschriebenen ersten Recherchen gelangte ich zu folgender Arbeitshypothese:

Es lassen sich im Schaffen des Liedermachers Wolf Biermann bezüglich der musikalischen Umsetzung, und zwar besonders bezogen auf sein Hauptinstrument, die Gitarre, eine Reihe von Parametern aufstellen, die sich im Laufe der Jahre zwar modifiziert haben, insgesamt aber einen typischen Charakter bzw. Tonfall erkennen lassen. Trotz der sich wandelnden Elemente ist eine ästhetische Grundhaltung spürbar, die sich weder ausschließlich mit den Maßstäben der sogenannten E-Musik, noch mit denen der kommerziellen Popmusik messen lassen. Allein die beharrliche Verwendung eines nicht elektrifizierten Instruments bei gleichzeitiger Ablehnung des 'klassischen' Klangideals (ebenso Zn der Stimmgebung des Gesangs), lassen die Vermutung eines anderen Strangs der Anknüpfung an Tradition aufkommen. Dieser Strang wäre in einem Bereich zu suchen, der sich zum einen vom bürgerlichen Kulturbetrieb abgrenzt, sich zum anderen aber auch gegen die vollständige Vermarktung - und die Gesetzmäßigkeiten der schnellen Konsumierbarkeit - sperrt, wie sie für den Popsektor auszumachen ist. Spielformen, die diese Kriterien erfüllen, lassen sich im europäischen Volkslied, aber auch in anderen folkloristischen (in unserem Fall in erster Linie europäischen und amerikanischen) Musiken ausmachen. Hier sind Anknüpfungspunkte aufzuzeigen, die zum Teil bereits durch Titel im Werk Biermanns deutlich werden (Tango, Spanienplatte o.ä.) oder an Zitaten aus Volksliedern und bestimmten musikalischen Patterns nachweisbar sind (blue notes, Flamenco, harmonische Folgen, bestimmte Anschlagsformen).

Die Fragestellung der Analyse soll auf folgende Bereiche abzielen (Wobei drei Ebenen berücksichtigt werden sollen, die allerdings noch unterschiedliche Aspekte beinhalten und sich in der Regel in bestimmten Spielpraktiken, spe-zifischen Techniken oder kollektiven Voraussetzungen äußern, sich also als 'konventionelle Stilelemente' formulieren lassen):

1) Welchen Einfluß und welche Bedeutung hat die (deutsche und französische) Volksliedtradition auf Biermann? Wie wird altes Liedgut übernommen bzw. verarbeitet? Wo liegen die Anknüpfungspunkte zum Chanson?

2) Wie werden folkloristische Idiome und damit verbundene Techniken, Spielweisen, typische Harmoniefolgen, Anschlagsarten oder Klangideale von Biermann umgesetzt?

3) Inwieweit ist der Kompositionsprozeß möglicherweise an Spielfiguren, Tonarten oder Verzierungen gebunden, die durch das Instrument begünstigt sind?

Die einführenden Kapitel dieser Arbeit stehen in einem derart engen Zusammenhang, daß sich zwangsläufig an mehreren Stellen überschneidungen ergeben. Z.B. finden sich in den Zusammenfassenden Gedanken am Ende der einzelnen Abschnitte oftmals schon Fragen oder Ziele formuliert, die eigentlich von der Systematik her in diesem Abschnitt behandelt werden müßten.

So ist im Abschnitt 1.1 die Frage nach dem Verhältnis zur Popmusik angesprochen worden, und Biermann selbst gab uns Hinweise zur Funktion der akustischen Gitarre in seiner Musik als bewußten Akt der Ablehnung gegen den Hang zu übergroßer technischer Ausstattung innerhalb des populären Bereichs. Anders als auf dem Gebiet der kommerziellen U-Musik ist also nicht die Entwicklung der elektronischen Medien und elektroakustischen Geräte maßgeblich an der Entstehung neuer Werke beteiligt (mir ist lediglich ein Stück bekannt, in dem ein Synthesyser als Begleitinstrument verwendet wird). Andererseits macht die erste Analyse bereits deutlich, daß es sich um tonal konzipierte Stücke handelt, die durch die Verwendung von Akkordsymbolen in den Notenausgaben ihre Nähe zur unterhaltungsmusikalischen Spielpraxis dokumentieren.

Bei der Frage nach einem typischen Stil, nach dem Tonfall und den Mitteln in Biermanns Begleitung gilt es also, nach der Alternative zu forschen, die weder eindeutig der E-, noch ohne weiteres der U-Musik zuzuordnen ist.

Wenn Biermann davon spricht, Bob Dylan habe sich lediglich in den "Strom des Blues" zu werfen brauchen (diese Passage ist in Kapitel 1:5.1, Wurzeln und Vorbilder, ausführlich zitiert), so macht er an gleicher Stelle deutlich, daß es ihm darauf ankommt, für den deutschsprachigen Bereich zu einem adäquaten, d.h. zu einem allgemeinverständlichen, aber nicht naiven Ausdruck der musikalischen Form zu gelangen; eine populäre Form also, die nicht von der rein kommerziellen Seite her bestimmt ist. Hierbei bedient sich Biermann bestimmter Techniken, knüpft an unterschiedliche Bereiche an; einige dieser Bereiche und Stilelemente sollen benannt und beschrieben werden. Im dritten Teil der Arbeit wird dann noch der Versuch der Bewertung für das Schaffen Biermanns unternommen.

Der Stellenwert der einzelnen Abschnitte des ersten Teils ist den betreffenden Kapiteln angefügt.

Anknüpfend an diese Bereiche sollen nun die Analysen 1. die in der Arbeitshypothese formulierten Fragen auf ihre Richtigkeit hin überprüfen und z. immer wieder die Frage nach ihrer Funktion aufwerfen. Aus welchem Grunde bieten sich bestimmte musikalische Stile eher als Anknüpfungspunkte an als andere?

Inhaltsverzeichnis:

Teil I
1. Einleitung
1.1 Allgemeine Einführung in das Thema 1
1.2
1.2.1 Zur Methode 7
1.2.2 Die Quellen 8
1.3
1.3.1 Die Arbeitshypothese 9
1.3.2 Zielvorstellungen 12
1.4 Drei Lebensphasen - drei Schaffensperioden 14
1.5
1.5.1 Wurzeln und Vorbilder 19
1.5.2 Biermann und das 'Chanson' 22
1.5.3 Eisler und Brecht 26
1.6
1.6.1 Die Gitarre 29
1.6.2 Spieltechnische Besonderheiten der Gitarre 31
2.1
2.1.1 Folklore - Volksmusik - Volkslied 34
2.1.2 Folkmusik - Folksong . 42
2.2 Folkloristische Idiome
2.2.1 Der Blues 45
2.2.1.1 Entstehung und sozialgeschichtlicher Hintergrund 45
2.2.1.2 Stilistische Merkmale des Blues . 49
2.2.2 Country & Western 51
2.2.3
2.2.3.1 Der Flamenco 53
2.2.3.2 Besondere Merkmale des Flamenco -Gitarrespiels 56
2.2.4 Südamerikanische Idiome 58
2.2.4.1 Choro, Samba, Bossa nova 58
2.2.4.2 Der Tango 62
Teil II
3. Analysen
3.1 Das Franco-Lied
3.1.1 Die Quellen 65
3.1.2 Der melodisch harmonische Verlaut 65
3.1.3 Zum 'semantischen Sinn' der Tonalität 68
3.1.4 Die Interpretation (durch den Sänger) 69
3.1.5 Die Gitarre 69
3.1.6 Noten/Beispiel 69a
3.2 Die Ballade vom Briefträger William L. Moore aus B
3.2.1 Die Quellen 70
3.2.2 Der Text 71
3.2.3 Aufbau, Melodie, Harmonien 72
3.2.4 Die Interpretation 75
3.2.5 Aspekte der Gitarrenbegleitung 77
3.2.6 Noten/Transkription 78a
3.3 Bilanzballade im dreißigsten Jahr
3.3.1 Die Quellen 79
3.3.2 Der Text 80
3.3.3 Die Instrumentierung 80
3.3.4 Die Melodie und der formale Aufbau 81
3.3.5 Die Harmonik und Rhythmik 82
3.3.6 Die Gitarre 82
3.3.7 Die Interpretation 83
3.3.8 Noten/Transkription 83a
3.4 Tango - na und ?
3.4.1 Die Quellen 84
3.4.2 Der Text 84
3.4.3 Melodik, Harmonik, Rhythmik und Form 84
3.4.4 Die Gitarre 86
3.4.5 Die Interpretation 87
3.4.6 Noten/Transkription 87a
3.5 Es war der Schnee (Putsch in Polen: 13. Dezember)
3.5.1 Die Quellen 88
3.5.2 Der Text 88
3.5.3 Die Melodik, Harmonik und Form 89
3.5.4 Die Gitarre 91
3.5.5 Noten 91a
3.6 Trotz alledem
3.6.1 Die Quellen 92
3.6.2 Die textliche und musikalische Bearbeitung 92
3.6.3 Aspekte der Gitarrenbegleitung 93
3.6.4 Noten/Transkription 93a
3.7 Einzelmerkmale bei bestimmten Liedern
3.7.1 Sambarhythmus 94
3.7.2 Chanson 9'5
3.7.3 Deutsche Volkslieder 95
3.7.4 Blues 95
3.7.5 Moritat Bänkelsang 96
Teil III
4. Ergebnisse 97
5. Literatur und Quellen
5.1 Discographie 101
5.2 Primärliteratur
5.2.1 Gedichte, Balladen, Lieder, Prosa 102
5.2.2 Übersetzungen u.ä 103
5.3 Sekundärliteratur
5.3.1 Literatur zu Biermann 103
5.3.2 Sonstige Literatur 104
5.4 Noten/ Liederbücher u.ä 106
6. Anhang 108
6.1 Verzeichnis der Klangbeispiele 109
6.2 Bilder/ Dokumente

Arbeit zitieren:
Löppmann, Horst Juni 1990: Das folkloristische Element bei Wolf Biermann, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Gitarrenbegleitung, folkloristische Wurzeln, Wolf Biermann

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