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Die ethnische Identität der Balkan-Ägypter im Kosovo

Die ethnische Identität der Balkan-Ägypter im Kosovo
Über dieses Buch
  • Art: Bachelorarbeit
  • Autor: Milena Tmava
  • Abgabedatum: Juli 2010
  • Umfang: 42 Seiten
  • Dateigröße: 361,2 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Passau Deutschland
  • Bibliografie: ca. 46
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-0295-7
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Tmava, Milena Juli 2010: Die ethnische Identität der Balkan-Ägypter im Kosovo, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Ethnologie, Identität, Ethnizität, Kosovo, Roma

Bachelorarbeit von Milena Tmava

Einleitung:

Ethnizität besitzt für viele Menschen überall auf der Welt eine enorme Alltagsrelevanz, da sie grundlegend identitätsbestimmend wirkt und noch immer die Mehrzahl der Bürgerkriege in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Legitimationsbasis ethnischer Ideologien ausgetragen wird. So war in den letzten zwei Jahrzehnten auch der Kosovo-Konflikt ethnisch begründet. Mit der nachhaltigen Befriedung der Region und der Schaffung eines demokratischen, multi-ethnischen ‚Viel-Völkerstaats‘ steht sowohl die internationale Administration als auch die Regierung der Republik Kosovo momentan vor einer diffizilen und komplexen Herausforderung.

Neben Kosovo-Albanern (welche die ethnische Majorität des Kosovos darstellen) und Serben, gibt es zahlreiche ethnische Minoritäten, die – umstrittener Weise – häufig unter den Begriffen ‘Gypsies’ oder ‘Zigeuner’ subsumiert werden. Doch speziell im Falle des Kosovos ist diese Bezeichnung nicht unbedingt zutreffend, da die sogenannte ‘Gypsy’-Gemeinschaft in realita nicht so homogen ist, wie es von der außenstehenden Bevölkerung oft wahrgenommen wird. Drei unterschiedliche Gruppierungen fallen unter die verwendeten Oberbezeichnungen: Roma, Ashkali und Ägypter (kurz: RAE).

Die vorliegende Arbeit analysiert die kollektive, ethnische Identität der im Kosovo lebenden Balkan-Ägypter und stellt dabei in drei Teilen sowohl die theoretische Grundlage von ethnischer Identität als auch den spezifischen Fall der Kosovo-Ägypter näher dar.

Im ersten Teil der Arbeit werden der essentialistische und der konstruktivistische Definitionsansatz zur ethnischen Identität vorgestellt, wobei sowohl die soziale Grenzziehung als auch ethnische ‚Bewegungen‘ und deren Mobilisierungswirkung betrachtet werden. Darüber hinaus wird erläutert, welche Ethnizitäts- bzw. Identitätsbegriffe der weiteren Untersuchung zu Grunde gelegt werden.

Im zweiten Teil wird die vorgestellte theoretische Konzeption aus dem ersten Teil auf den Fall der Kosovo-Ägypter angewendet, um vor allem deren Ethnogenese und soziale Grenzziehung nachvollziehen zu können.

Es soll den Fragen nachgegangen werden, wie die ethnische Grenzziehung im Kosovo, insbesondere zwischen den RAE-Gruppen, gestaltet ist und inwiefern es sich bei den drei so bezeichneten ‘Gypsy’-Gemeinschaften soziologisch um separate Ethnien handelt, da diese Frage seit 1999 in diversen Publikationen immer wieder abweichend beantwortet wurde.

Um einen tieferen Einblick in die hoch komplexen, ethnischen Identitätsdiskurse zu eröffnen, ist es im Vorfeld nötig, einen Exkurs in die Geschichte der Ethnie vorzunehmen. Bei der Analyse der ethnischen Identität werden dann sowohl Selbst- als auch Fremdzuschreibungen Berücksichtigung finden, wobei die Aufrechterhaltung ethnischer Grenzen anhand verschiedener Definitionsattribute im Zentrum steht.

Als letztes wird im dritten Teil der Arbeit die ethnische Bewegung der Kosovo-Ägypter und deren Formation zur ‚Wir-Gruppe‘ seit den 1970’er Jahren analysiert, um zu überprüfen, inwiefern diese zur Manifestierung und Stabilisierung der ethnischen Identität beigetragen hat.

Hinweise zur Terminologie:

Der Verwendung des Begriffe ‘Gypsy’ und ‘Zigeuner’ ist v.a. durch den Nationalsozialismus vorbelastet und darüber hinaus können beide Bezeichnungen als ‘Fremdbeschreibungen’ angesehen werden, weshalb in dieser Arbeit von der Verwendung beider Termini weitgehend abgesehen wird. Wenn von der generalisierten, abstrakten Gruppe der sogenannten ‘Gypsies’ oder ‘Zigeuner’ im Kosovo die Rede ist, wird die englische Abkürzung RAE (= Roma, Ashkali and Egyptians) verwendet, um die Existenz der einzelnen ethnischen Gruppen nicht zu untergraben.

Der Begriff ‚Ägypter‘ wird im Zusammenhang dieser Arbeit verwendet, die Menschen im Kosovo zu beschreiben, welche sich selbst als Balkan-Ägypter identifizieren. Dieser Personenkreis bezeichnet sich deshalb als Ägypter, da die Mitglieder dieser ethnischen Gruppierung davon überzeugt sind, dass die eigenen Vorfahren vor mehreren hundert Jahren aus dem alten Ägypten in den Balkan immigriert sind (dazu in den jeweiligen Kapiteln mehr). Es wird aus praktischen Gründen bei allen Pluralbildungen darauf verzichtet, die feminine Form in der Mehrzahl zu verwenden (z.B. ÄgypterInnen bzw. Ägypterinnen und Ägypter etc.).

Der Terminus ‚Ashkali‘ bezeichnet in dieser Arbeit Mitglieder einer ethnische Gruppe, die fast ausschließlich im Kosovo zu finden ist. Der Begriff Ashkali wird nur im Singular, ebenso aber als Adjektiv verwendet. Der Name rührt von der albanischen Bezeichnung ‘Haskali’, welcher von einigen Mitgliedern der Gemeinschaft der Balkan-Ägypter teilweise als Beleidigung empfunden wird. Es wird argumentiert, dass er angeblich dazu diene, ‘die ethnische Identität der Ägypter zu ruinieren.’ Von dieser Unterstellung möchte ich mich klar distanzieren und verwende den Begriff ausschließlich in solchen Zusammenhängen, in denen sich Mitglieder dieser Gruppe selbst als Ashkali bezeichnet haben und als solche verstanden werden wollen. Es ist nicht eindeutig zu klären, ob es sich, wie z.B. von Rubin Zemon dargestellt, bei Ashkali und Ägyptern um ein und dieselbe ethnische Gruppe handelt.

Um von der Fremdbeschreibung ‘Zigeuner’ abzurücken, wird auch die Volksgruppe der ‚Roma‘ in dieser Arbeit nur als solche bezeichnet. Der Begriff ‚Roma‘ wird für weibliche und männliche Mitglieder der Gemeinschaft und nur im Singular Verwendung finden (Adjektiv: ‚Romani‘). Die Muttersprache der (meisten) Roma wird als ‚Romanese‘ beschrieben.

Es ist zu beachten, dass die terminologische Differenzierung, die ich für diese Arbeit gewählt habe, durchaus nicht in allen Publikationen zur Thematik in dieser Form zu finden ist. Oft wird beispielsweise der Terminus ‚Roma‘ (vor allem unter Roma-Eliten) dazu verwendet, auch Ashkali und Ägypter zu bezeichnen. Diese Subsumtion wäre zum einen nicht funktional für die nachfolgende Analyse, zum anderen wird darin oft von Seiten der Ashkali und Ägypter ein unterschwelliger Assimilationsversuch gesehen. Oft werden Ägypter und Ashklai unter dem Sammelbegriff 'Magjupi' (Albanisch: ‘Zigeuner’) bezeichnet, wobei auch dies zum Teil als beleidigend empfunden wird.

Da die Zahl der Bürger ohne amtliche Registrierung (ohne legalen Status) im Kosovo nach wie vor sehr hoch ist, können keine genauen Angaben zu der Gesamtzahl der Mitglieder der RAE und/oder der Restbevölkerung gemacht werden. Es wird geschätzt, dass zurzeit zwischen 35.000 und 40.000 Mitglieder der RAE-Gemeinschaften im Kosovo und etwa 70.000 - 100.000 im Ausland leben – nachdem sie aufgrund ethnischer Spannungen und des Kosovo-Krieges während der 1990’er Jahre ihre Heimat verlassen haben.

Hinweise zu Methodik und Problemen bei der Erstellung der Arbeit:

Die entscheidende Schwierigkeit des Erstellens der vorliegenden Arbeit lag in der Literaturrecherche: Die meisten Publikationen waren in englischer Sprache verfasst, viele relevante Texte jedoch nur auf mazedonisch oder serbisch. Deutsche Literatur konkret zum Fall der Ägypter war kaum zu finden. Leider waren einige interessante Studien und Berichte in deutscher Sprache tendenziell populärwissenschaftlich und wiesen kaum bis keine Quellenangaben auf. Ein weiteres Problem war, dass die meisten Artikel ausschließlich die historische Ethnogenese thematisierten und bislang augenscheinlich keine wissenschaftliche Untersuchung zur ethnischen Grenzziehung zwischen RAE im Kosovo existiert. Die wenigen Autoren, die sich bisher überhaupt mit der Thematik auseinandergesetzt haben, verfolgten entweder durch das Erstellen ihrer Texte eigene Interessen oder sie zitierten sich häufig untereinander. Des Weiteren ist ein Mangel an empirischen bzw. statistischen Daten anzumerken, der vor allem die Analyse der Beschaffenheit ethnischer Grenzen schwerfallen ließ.

Eine weitere Herausforderung lag darin, die soziologischen Aspekte der verschiedenen Publikationen heraus zu destillieren und die wichtigsten Erkenntnisse der anderen Disziplinen (Anthropologie, Ethnologie, Geschichtswissenschaft etc.) dennoch zu sichten und in der Arbeit zu berücksichtigen.

Neben der Literaturrecherche konnte ich mir durch diverse Praktika im Kosovo (unter anderem bei den Nichtregierungsorganisationen Roma and Ashkalia Documentation Center, dem Civil Rights Program Kosovo und dem Sonderbeauftragten der Europäischen Union) zwischen 2008 und 2010 ein konkretes, eigenes Bild von der ethnischen Identität der RAE machen. Darüber hinaus habe ich im Vorfeld der Niederschrift dieser Arbeit qualitative Experten-Interviews mit Vertretern der RAE-Gemeinschaften geführt, wodurch unter anderem erreicht wurde, die Positionen und Interessen einiger Autoren besser nachzuvollziehen und Einblicke in die emischen Sichtweisen verschiedener Menschen aus dem Kosovo zu gewinnen.

Inhaltsverzeichnis:

Abkürzungsverzeichnis 3
1. Einleitung 4
2. Begrifflichkeiten und Definitionen: Was ist ethnische Identität? 8
2.1 Identität 8
2.2 Ethnizität 9
2.2.1 Primordialismus 9
2.2.2 Konstruktivismus 10
2.2.3 Ethnische Identität 11
2.2.4 Ethnische Grenzziehung 13
2.3 Wir-Gruppen und ethnische Bewegungen 16
2.4 Zusammenfassung 17
3. Die ethnische Identität der Kosovo-Ägypter 18
3.1 Die Ethnogenese der Balkan-Ägypter im Kosovo: Ursprung, Formation und Mystifizierung der Geschichte 18
3.2 Kennzeichen ethnischer Grenzziehung im Alltag 20
3.2.1 Inter-ethnische Beziehungen und Lebensweise 21
3.2.2 Der äußere Habitus 24
3.2.3 Selbst- und Fremdzuschreibung: Das Ethnonym ‚Ägypter‘ 24
3.2.4 Gemeinsame Kultur? 26
3.3 Zwischenfazit 27
4. Die ethnische Bewegung der Balkan-Ägypter 29
5. Fazit 33
Literaturverzeichnis 35
Anhang 38

Textprobe:

Kapitel 3, Die ethnische Identität der Kosovo-Ägypter:

In diesem Teil der Arbeit soll anhand einiger der herausgestellten Attribute sozialer Grenzziehung die ethnische Identität der im Kosovo lebenden Balkan-Ägypter analysiert werden: Geschichte, interethnische Beziehungen, Endogamie, Lebensweise, Niederlassungsgebiet, äußerer Habitus, Ethnonym, Sprache und Religion.

Abschließend wird diskutiert, wie sich diese Grenzen im Laufe der letzten vier Jahrzehnte seit den 1970’er Jahren stabilisiert haben und inwiefern die ethnische Bewegung zur Etablierung der ethnischen Identität der Kosovo-Ägypter beigetragen hat.

Die Ethnogenese der Balkan-Ägypter im Kosovo:

Ursprung, Formation und Mystifizierung der Geschichte:

‘Gleich zu Anfang müssen wir feststellen, dass wir immer noch nicht mit Sicherheit berichten und bestimmen können, wann und wie diese Bevölkerungsgruppe auf den Balkan und in den südöstlichen Mittelmeerraum gekommen ist’.

Die Mehrheit der als unabhängig und objektiv zu bewertenden Wissenschaftler, die zu den ethnischen Minderheiten im Balkan geforscht haben, geht davon aus, dass die Balkan-Ägypter ein Teil der Roma-Gemeinschaft waren und sich als größere Gruppe aus verschiedenen politischen und sozialen Gründen von dieser separiert haben. Es lägen vor allem anthropologische und sprachwissenschaftliche Befunde vor, die für eine Mystifizierung der Ethnogenese und gegen die völlige Eigenständigkeit der Ashkali und Ägypter als ethnische Gruppen sprechen würden.

Wie bereits im theoretischen Teil der Arbeit betont, ist allerdings der Glaube an eine gemeinsame Geschichte und die Erinnerung an diese der vielleicht zentralste Punkt bei der Betrachtung ethnischer Identität, da Identitäten ein Produkt der Geschichte sind und gleichzeitig die Geschichte neu schreiben können.

Im Fall der Balkan-Ägypter im Kosovo ist der geographische Ursprung der Ethnie aufgrund eines Mangels historischer Quellen bislang leider nicht zweifelsfrei zu bestimmen und es bestehen konträre Ansichten und Vermutungen über die tatsächliche Ethnogenese. Die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dieser sind teilweise als nicht objektiv zu bewerten und zum Großteil erst parallel zur ethnischen Bewegung der Balkan-Ägypter seit den 1970’er Jahren entstanden. Dies lässt die Vermutung zu, dass es sich bei den Schriften um die Werke sogenannter 'boundary-keepers' oder 'Macher' ethnischer Grenzen handelt, welche die Geschichte der Ägypter neu interpretiert und niedergeschrieben haben, um der ethnischen Identität eine Grundlage zu schaffen. Nach Elwert seien diese Personen (welche meist die Hauptakteure in ethnischen Bewegungen sind) froh über die Ungeklärtheit der eigenen Geschichte, da man so die Chance erhielte, sie selbst zu schreiben und auf diese Weise der Anschein erweckt würde, man verfüge tatsächlich über eine solche.

Da es – wie oben erwähnt – jedoch weniger darum geht, tatsächlich eine gemeinsame historische Vergangenheit zu besitzen, sondern eher um den geteilten Glauben an selbige, soll an dieser Stelle dennoch versucht werden zu skizzieren, wie Kosovo-/Balkan Ägypter und deren Eliten den eigenen Ursprung herleiten:

Die Balkan-Ägypter selbst sehen ihren geographischen Ursprung – entsprechend dem Namen – im alten Ägypten und seien, nach eigenen Angaben vor ‘mehreren hundert Jahren’ in das Gebiet des Balkans immigriert. ‘To prove their Egyptian roots Egyptians refer to historical sources, mythologies and beliefs, art and archaeological excavations confirming the presence of emigrants from Egypt (soldiers, settlers, mining, metallurgy, blacksmithing) in the Balkans in Classical, Hellenistic, Roman and Byzantine periods’.

In geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit der Ethnogenese der Balkan-Ägypter wird herausgestellt, dass in historischen Schriften von Herodotus Beweise für die Präsenz von Ägyptern auf dem Balkan bereits im 5. Jahrhundert nach Christus zu finden seien, die v.a. in Griechenland als Metall- und Minenarbeiter tätig gewesen sein sollen. Auch archäologische Funde bewiesen angeblich die frühe Übersiedlung der Ägypter, wie beispielsweise die Tempel von Isis und anderen ägyptischen Göttern überall auf dem Balkan. Die bekanntesten Tempel befänden sich in Lihnidos (Ohrid) und Heraclea (Bitola) und bestätigten die These der frühen Besiedlung des Balkans durch die Ägypter, so Rubin Zemon, der Vorsitzende der Balkan Ägypter (Union of Balkan Egyptians), welcher seine Habilitation zur Ethnogenese der Balkan-Ägypter verfasst hat.

Die These über den Ursprung der Balkan-Ägypter wird von einigen weiteren Wissenschaftlern aus Albanien, Serbien und Mazedonien und dem französischen Sprachwissenschaftler Marcel Courthiade bestätigt, da historischen Quellen belegen sollen, dass das Ethnonym ‚Ägypter‘ bereits vor der Ankunft der Roma aus Indien im 14. Jahrhundert auf dem Balkan aufgetaucht sei. Und schon in vormoderner Zeit sollen viele ‘Gypsies’ auf dem Balkan Ägypten als ihre ursprüngliche Heimat betrachtet haben, so Balcer.

Arbeit zitieren:
Tmava, Milena Juli 2010: Die ethnische Identität der Balkan-Ägypter im Kosovo, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Ethnologie, Identität, Ethnizität, Kosovo, Roma

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