Der demographische Wandel der Gesellschaft
Untersuchungen zu sozialstrukturellen Bedingungen der neueren Familienpolitik
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Michèle Blischke
- Abgabedatum: Oktober 2008
- Umfang: 69 Seiten
- Dateigröße: 311,7 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Fachhochschule Bielefeld - University of Applied Sciences Deutschland
- Bibliografie: ca. 54
- ISBN (eBook): 978-3-8428-2091-3
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Blischke, Michèle Oktober 2008: Der demographische Wandel der Gesellschaft, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Demographie, Geburtenrückgang, Familienpolitik, Sozialkultur, Ulrich Beck
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Diplomarbeit von Michèle Blischke
Einleitung:
Die Beschäftigung mit demographischen Fragen ist in der Bundesrepublik wieder aktuell geworden. Nachdem es lange Zeit so schien, als wäre eine Übervölkerung der Erde das einzige noch bestehende ‘Bevölkerungsproblem’, ist zumindest in Deutschland mittlerweile eine gegenläufige Tendenz zu beobachten. Es werden nicht genug Kinder geboren, um die bestehende Elterngeneration zu ersetzen und Experten diagnostizieren eine Bevölkerungsabnahme. Die Medien liefern dazu schlagzeilenträchtige Titel wie ‘Deutschland stirbt aus’ oder ‘Deutschland vergreist’.
Problematisch ist weniger die Veränderung der Altersstruktur, vielmehr sind es die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten für das System der sozialen Sicherung. Denn dieses System beruht darauf, dass eine große Zahl Erwerbstätiger eine kleinere Zahl von Rentnern mit finanziert. Der demographische Wandel hat jedoch genau diese Relation in Unordnung gebracht: Immer weniger sozialversicherungspflichtig Beschäftigte müssen für immer mehr ‘Anspruchsberechtigte’ aufkommen, um den so genannten Generationenvertrag einzuhalten.
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird zunächst nach den Gründen der demographischen Entwicklung gefragt, um anschließend beurteilen zu können, welche Art von Familienpolitik den Veränderungen gerecht werden kann.
Zunächst werden somit im zweiten Kapitel der demographische Wandel sowie die Konsequenzen thematisiert, die sich für das bestehende System der sozialen Sicherung aus diesem Wandel ergeben. Im dritten Kapitel wird genauer nach den Gründen der momentanen Problemlage gefragt. Es ist unumgänglich, an dieser Stelle auf grundlegende Wandlungen von Ehe, Familie und Arbeitswelt einzugehen. Beschrieben hat diese Veränderungen insbesondere Ulrich Beck in seiner Theorie der Moderne, die gelegentlich auch als Theorie der Individualisierung oder Theorie einer ‘Zweiten Moderne’ bezeichnet wird. Wesentlich ist, dass die demographischen Wandlungen keineswegs nur aus einem isolierten Wertewandel oder einem gestiegenen Anspruch der Frauen an eigene Berufskarrieren resultieren. Vielmehr ist beides eingebettet in basale strukturelle Wandlungen moderner Gesellschaften, die beispielsweise Kinderlosigkeit weniger als eine Option erscheinen lassen, vielmehr als einen Zwang, der durch Strukturen einer globalisierten Welt aufgenötigt wird.
Erst eine solche Analyse, die oberflächlich sichtbare ‘Bevölkerungsprobleme’ soziologisch rückbezieht auf dahinter stehende strukturelle Bedingungen, kann anschließend nach der Angemessenheit familienpolitischer Maßnahmen fragen. Dies soll im vierten Kapitel geschehen.
Die Frage ist, ob Familienpolitik – und wenn ja, inwieweit – diese Ursachen der momentanen Altersstruktur in Rechnung stellt und ihre Maßnahmen darauf ausrichtet. In einer Analyse der Familienpolitik seit den 1950er Jahren mit dem Schwerpunkt auf der aktuellen Lage wird versucht, dies nachzuvollziehen. Es wird sichtbar, wie sich die familiären Gegebenheiten in der untersuchten Zeit gewandelt haben und welche Position die Politik bezogen hat. Dabei wird deutlich, dass noch nicht vollständig vollzogen ist, was vielfach schon angemahnt wird: der Abschied von liebgewordenen ‘sozial- und wohlfahrtsstaatlichen Selbstverständlichkeiten’, die in einer globalisierten Welt längst nicht mehr selbstverständlich sind.
Eine ‘klassische’ wohlfahrtsstaatliche Familienpolitik stand lediglich vor der Frage, wie Eltern und Familien für die zusätzlichen (finanziellen) Belastungen entschädigt werden konnten, die mit Kindern und deren Erziehung verbunden waren. Familienpolitik war gewissermaßen Kindergeldpolitik, die Frage nach Elternschaft an sich wurde nicht gestellt. Auch neuere familienpolitische Maßnahmen scheinen eher dort zu unterstützen, wo die Entscheidung für Kinder bereits gefallen ist, der Mut zum Kind wird weniger gestärkt. Dies scheint langfristig zu wenig, um die Geburtenrate zu steigern. Dies wird in einer detaillierten Analyse der Familienpolitik nachvollzogen. Es wird ausgeführt, dass weder objektive Analysen zum demographischen Wandel noch ideologisch bedingtes Festhalten an überholten Maximen eines Wohlfahrtsstaates die Lösung sein kann. Vielmehr erweist es sich als nötig, strukturelle Veränderungen der modernen Gesellschaften in ihrer Unumkehrbarkeit zu akzeptieren und Familienpolitik darauf hin auszurichten. Dem stehen Beharrungstendenzen in Gesellschaft und Politik gegenüber, die allerdings weniger zu werden scheinen. Trotzdem kann von einer Lösung der familienpolitischen Probleme, die unter dem Schlagwort des demographischen Wandels vielfach verzerrt dargestellt werden, bis auf weiteres noch nicht gesprochen werden.
Inhaltsverzeichnis:
| Abkürzungsverzeichnis | III | |
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Das Altern der Gesellschaft- Konturen und Konsequenzen des demographischen Wandels | 3 |
| 2.1 | Begriffliche Definitionen | 3 |
| 2.2 | Demographischer Wandel und moderner Sozial- und Wohlfahrtsstaat | 6 |
| 2.2.1 | Auswirkungen auf das Sozialversicherungssystem | 7 |
| 2.2.2 | Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft | 12 |
| 3. | Neue strukturelle Bedingungen demographischer Entwicklungen – Zur Theorie der Moderne nach Ulrich Beck | 16 |
| 3.1 | Grundlegende Strukturbrüche der Moderne | 16 |
| 3.1.1 | Wesentliche Merkmale der Ersten Moderne nach Ulrich Beck | 16 |
| 3.1.2 | Wesentliche Merkmale der Zweiten Moderne nach Ulrich Beck | 17 |
| 3.1.3 | Reflexive Modernisierung | 17 |
| 3.2 | Wandel der Arbeitergesellschaft | 18 |
| 3.3 | Individualisierung | 19 |
| 3.3.1 | Wertewandel | 23 |
| 3.3.2 | Individualisierung der weiblichen Biographie – Die Bildungsexpansion der Frau | 24 |
| 3.3.3 | Aufschubtheorien | 25 |
| 3.3.4 | Pluralisierung von Lebensformen –Individualisierung und Partnerschaft | 27 |
| 3.4 | Exkurs: Modernisierung und Lebensqualität | 29 |
| 3.5 | Resümee | 31 |
| 4. | Familienpolitik- vom Wohlfahrtsstaat zur Zweiten Moderne | 33 |
| 4.1 | Historie der Familienpolitik | 33 |
| 4.1.1 | Resümee aus 50 Jahren Familienpolitik | 37 |
| 4.2 | Hemmnisse der Familienpolitik | 39 |
| 4.2.1 | Soziale Norm | 39 |
| 4.2.2 | Schwierigkeiten durch einen föderalistischen Staat | 40 |
| 4.3 | Familienpolitik der Gegenwart | 41 |
| 4.3.1 | Die Agenda 2010 | 41 |
| 4.3.2 | Weitere Maßnahmen aktueller Familienpolitik | 49 |
| 5. | Demographischer Wandel und Familienpolitik aus soziologischer Perspektive: Ein Resümee | 58 |
| Literaturverzeichnis | 60 |
Textprobe:
Kapitel 2.2.2, Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft:
In die Wirtschafts- und Arbeitsprozesse wirken die sozialstaatlichen Regulierungen auf verschiedenen Ebenen ein. Es ist Aufgabe der Politik, für ein hohes Wirtschaftswachstum und ein hohes Beschäftigungsniveau zu sorgen. Dies geschieht durch die Wirtschaftssteuerung. Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist ein erklärtes Ziel der Politik. Besonders stark wirkte die Wirtschaftssteuerung in den 1960er Jahren auf den Arbeitsmarkt ein. Es galt, der antizyklischen Ausgabenpolitik entgegenzusteuern, um auch in Zeiten der Wirtschaftskrise die Nachfrage aufrechtzuerhalten und somit wieder einen Wirtschaftsaufschwung herbeizuführen.
Es gibt aktive und passive Arbeitsmarktpolitik. Passive Arbeitsmarktpolitik dient zur Absicherung der materiellen Lage der Bundesbürger, aktive Arbeitsmarktpolitik fördert die Arbeitsfähigkeit, beispielsweise durch berufliche Fortbildung und Umschulung.
Franz-Xaver Kaufmann, Professor für Sozialpolitik und Soziologie, erläutert die Auswirkungen des Geburten- und Bevölkerungsrückgang und des hohen Anteils an Rentnern auf die deutsche Wirtschaft und den Arbeitsmarkt. Seiner Meinung nach ist eine Steigerung des Pro- Kopf-Einkommens selbst dann möglich, wenn die Zahl der Berufstätigen sinkt. Dies liege im technischen Fortschritt begründet: Die Rate des technischen Fortschritts sollte die der Erwerbstätigen überschreiten und somit sei der Rückgang der arbeitenden und konsumierenden Bevölkerung unproblematisch für die Gesellschaft.
Eine weitere Abwanderung der Wirtschaft in günstigere Produktionsländer, innerdeutsche sektorale Verschiebungen sowie die Schrumpfung der Bevölkerung mit implizierten Bedarfsänderungen auf dem Wohnungsmarkt sorgen für einen Verfall von Immobilienpreisen. Durch die bereits erwähnten Abwanderungen sinkt auch die Kaufkraft, was sich wiederum negativ auf die wirtschaftliche Situation auswirkt. Dadurch geraten Arbeitsplätze in Gefahr, was zwangsläufig zu einem Negativkreislauf führt, da die Menschen somit wieder auf Sozialleistungen angewiesen sind.
Weiterhin beschreibt Kaufmann, dass eher eine länger andauernde Arbeitslosigkeit ein defizitäres Moment mit inbegriffenem Leistungsabfall für die Gesellschaft darstellt als ältere Menschen. Die kontinuierliche Berufstätigkeit Älterer und die damit verbundene Einbeziehung in die Gesellschaft haben somit eine hohe Wertigkeit. Die Wertschätzung der Erfahrungen und das Wissen als Ressourcen der alternden Bevölkerung für unsere Arbeitswelt bekommen einen ganz neuen Stellenwert, bedenkt man, dass die Frühverrentung in der Ära Kohl nicht nur viel Geld, sondern eben auch unschätzbare Werte an Wissen und Erfahrung gekostet hat. Zudem sollten auch die Arbeitgeber und die Beschäftigungspolitik ihre Betrachtungsweisen und Anforderungsprofile auf die kommende Situation lenken, indem lebenslanges Lernen Beschäftigten jeden Alters und jeder Branche zugänglich gemacht wird. Dadurch könnte die Situationen entschärft werden, dass Arbeitnehmer ab fünfzig schwer zu vermitteln sind. Festzuhalten ist, dass nicht die Zunahme der alternden Bevölkerung per se das Problem der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes darstellt, sondern die sinkende Zahl der jungen Menschen, vor allem der Fachkräfte.
Der Fachkräftemangel ist ein weiterer, u. a. durch die demographische Lage problembehafteter Sektor des Arbeitsmarktes und der Wirtschaft. Bereits gegenwärtig stellt die Situation sich so dar, dass die derzeitige Generation der in Ruhestand gehenden Ingenieure nur zu 90 % durch junge Studienabgänger ersetzt werden kann. Verknüpft man die Ausführungen Kaufmanns mit der jetzigen Lage der Ausbildung von Akademikern und Fachkräften in Deutschland und bezieht die Prognosen ein, bedeutet dies eingeschränkte Möglichkeiten im technischen Fortschritt, der den Bevölkerungsrückgang und die damit verbundenen, negativen Folgen kompensieren könnte. Nicht nur aus diesem Grund, sondern auch weil der deutsche Wirtschaftsmarkt im Vergleich zum Ausland weiterhin von der produzierenden Industrie bestimmt wird, ist der Rückgang der Zahl der Absolventen der Ingenieurwissenschaften besonders heikel – er wird im Folgenden dargestellt.
Die Untersuchungen zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands, in Auftrag gegeben vom Bundesinstitut für Bildung und Forschung, weisen einen verheerenden Mangel besonders an Absolventen der Ingenieurwissenschaften, aber auch anderer akademischer Berufsgruppen in der Zukunft auf. Vergleicht man die Zahl der erfolgreichen Hochschulabgänger der Ingenieurwissenschaften des Jahres 1997 (49 000) mit der des Jahres 2006 (40 900), so wird deutlich, dass die Absolventenzahl sich in dieser Zeit um 17 % verringert hat. In diesem Kontext ist festzustellen, dass auch das Interesse an diesem Studiengang abnahm, da sich im Jahr 1997 noch 22 % der Schulabsolventen für den Beruf des Ingenieurs entschieden haben, 2006 hingegen nur noch 15 %. Dies bedeutet für den deutschen Arbeitsmarkt, dass – sofern die Bundesregierung nichts unternimmt – bis 2014 jährlich bis zu 12 000 Ingenieure sowie 50 000 sonstige Akademiker fehlen werden. Um dem dadurch entstehenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken, wurden im Rahmen der nationalen Bildungsoffensive die Studien- und Aufenthaltsbedingungen für (arbeitende) Ausländer ab dem 01. November 2007 verbessert.
Für die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland sind die verbesserten Studienbedingungen für ausländische Studierende – und somit angehende Fachkräfte – eine von vielen notwendigen Maßnahmen und ein zu begrüßender Schritt.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842820913
Arbeit zitieren:
Blischke, Michèle Oktober 2008: Der demographische Wandel der Gesellschaft, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Demographie, Geburtenrückgang, Familienpolitik, Sozialkultur, Ulrich Beck



