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Einleitung:
Wer denkt, das Thema "Gewalt gegen Kinder" sei nur ein aktuelles, der täuscht sich. Denn es existiert schon so lange, wie es auch die Menschheit gibt.
Der Historiker Philippe Ariès und der Psychoanalytiker Lloyd deMause bestätigen dies in ihren Schilderungen von der Geschichte der Kindheit. Sie beschreiben einen langsamen Prozess, in dessen Verlauf sich die Erwachsenen für die Andersartigkeit und Besonderheit der Kinder sensibilisierten.
Philippe Ariès beschreibt in seinem Buch "Geschichte der Kindheit" eine gewisse Gleichgültigkeit der Erwachsenen gegenüber ihren Kindern, die er darin begründet sieht, dass sie eine direkte und unumgängliche Folge der Demographie dieser Epoche war. Zu hoch war die Säuglingssterberate, um eine Bindung im Sinne von John Bowlby zu seinem Kind aufzubauen. Äußerungen wie: "Ich habe zwei oder drei Kinder im Säuglingsalter verloren, nicht ohne Bedauern, aber doch ohne Verdruss" (Ariès, 2000), spiegeln dies wieder. Noch lange blieb die Einstellung in den Köpfen der Menschen verankert, mehrere Kinder zu zeugen, um wenigstens Eines am Leben erhalten zu können.
Der Begriff "Bindung" ist im Hinblick auf den oben beschriebenen geschichtlichen Kontext noch relativ jung. Geprägt wurde er durch den englischen Kinderpsychiater und Psychoanalytiker John Bowlby Ende der 50er Jahre. Die dazugehörige Bindungstheorie hat er zusammen mit Mary Ainsworth entwickelt, wobei John Bowlby selbst die wesentlichen Grundzüge dieser Theorie durch Einbeziehung von Begriffen aus der Ethologie, Kybernetik und Psychoanalyse formulierte. Im Zentrum der Bindungstheorie steht die Bindung zwischen Mutter und Kind, wobei davon ausgegangen wird, dass der menschliche Säugling die angeborene Neigung hat, die Nähe einer vertrauten Person zu suchen.
Die Bindungstheorie beschäftigt sich dementsprechend nicht ausschließlich mit der Mutter-Kind-Beziehung, "Das Bindungskonzept lässt sich ebenso auf die Beziehung zu den Vätern (oder Geschwistern, Erzieherinnen, Großeltern) anwenden. In den wenigen Untersuchungen mit Vätern (Grossmann et al., 1981 a; Kotelchuck et al., 1975) ließen sich die gleichen Bindungsarten in Bezug auf die Väter unterscheiden" (Rauh, 2002).
In der Zeit John Bowlbys lag der Fokus der Bindungsforschung nur auf der Beobachtung normal entwickelter Kinder, obwohl John Bowlby selbst seine Theorie aufgrund von klinischen Daten und Beobachtungen entwickelt hatte; er untersuchte demzufolge hauptsächlich "kranke" Kinder um dann seine Bindungstheorie auch auf "gesunde" Kinder anzuwenden.
Erst seit ungefähr 1980 werden vermehrt high-risk samples erforscht; es werden also Kinder von schizophrenen oder depressiven Müttern untersucht. Darunter fallen auch die Kinder, die aus Vernachlässigungsfamilien stammen, sexuell missbrauchte Kinder und Kinder, die psychischen oder physischen Misshandlungen ausgesetzt waren.
Seit meinem Praktikum im Kinderschutz-Zentrum Kiel, bei dem ich täglich mit Kindern, die Gewalt in jeglicher Form und jeglichem Ausmaß erlebt haben, konfrontiert wurde, weiß ich die Bedeutung der Bindungstheorie z.B. in Bezug auf die Diagnostik erst richtig zu schätzen. Daher hat es mich im Hinblick auf den geschichtlichen Kontext verwundert, dass sich die Bindungsforschung erst spät, nämlich erst ca. dreißig Jahre nach ihrer Gründung mit dem Thema "Kindesmisshandlung und deren Auswirkung auf das Bindungsverhalten der Kinder" konfrontiert sieht. Dies hängt auch mit der vorher nicht existierenden gesellschaftlichen Akzeptanz zusammen. Viele Jahre lang war z.B. das Thema sexueller Missbrauch in allen gesellschaftlichen Bereichen einschließlich in der Psychologie und Medizin ein Tabuthema, das erst durch den Einsatz der Frauenbewegung und populärwissenschaftliche Veröffentlichungen als solches enttabuisiert wurde und immer mehr in den Fokus des öffentlichen Interesses geriet.
Dies hatte zur Folge, dass die Gesellschaft für dieses brisante Thema sensibilisiert wurde und sie somit in der Lage war, die Misshandlungsproblematik überhaupt als Problem zu sehen und anzuerkennen sowie ihre Tragweite zu erkennen.
"Seit der Wiederentdeckung der modernen Misshandlungsproblematik in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich weltweit ein deutlicher Trend ergeben, das Scheitern im Verhältnis zum Kind, das Misshandeln, die vielfältige Zurichtung von Kindern sowie das Fehlen einer für die Entwicklung von Kindern notwendigen Pflege, Förderung und Erziehung immer mehr zu einem Problem der einzelnen Eltern zu machen" (Wolff, 2002).
Aus diesem Grund möchte ich mit meiner Diplomarbeit an dieser Stelle anknüpfen und anhand einer Literaturarbeit die bis jetzt erforschten Folgen von sexuellem Missbrauch, Vernachlässigung und körperlicher oder seelischer Misshandlung von Kindern auf ihr Bindungsverhalten und ihre Bindungsfähigkeit zusammentragen. Weiterhin ist es mein Ziel, auf die Einsatzmöglichkeiten der Bindungstheorie in Beratung oder Therapie aufmerksam zu machen, durch die meines Erachtens auch die große Bedeutung dieser Theorie deutlich wird. So wird in meiner Arbeit auch ersichtlich werden, wie eine schlechte Bindung z.B. aufgrund von Kindesmisshandlung die Lebensqualität eines Kindes und auch eines Erwachsenen zerstören kann und wie wichtig dann eine gute Bindung ist, um demjenigen wieder Mut zu machen, ihm eine Perspektive aufzuzeigen und ihm somit zu neuem Glück zu verhelfen. Einerseits soll in meiner Arbeit, so wie eben beschrieben, deutlich werden, warum Bindung zum einen ein Risikofaktor und zum anderen ein Schutzfaktor ist, andererseits soll ersichtlich werden, welche fatalen Folgen es haben kann, wenn ein misshandeltes Kind inner- oder außerhalb seiner Familie nie erfährt, was es heißt sicher gebunden zu sein. Denn erstens ist dann die Wahrscheinlichkeit geringer, dass es sich jemals aus dem bestehenden Misshandlungszyklus befreien kann und zweitens ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass dieses Kind später z.B. als eigene Mutter selbst nicht anders mit ihren Kindern umgeht. Dies ist ein Teufelskreis, der in den meisten Fällen nur durch eine Therapie durchbrochen werden kann.
Inhaltsverzeichnis:
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