|
Zusammenfassung:
Die Glücksspielsucht eines Elternteils kann das Aufwachsen und die Entwicklung eines Kindes in vielfältiger Weise beeinflussen und beinträchtigen.
Familien mit glücksspielabhängigem Elternteil sind häufig durch Instabilität, Stress und unberechenbarem Elternverhalten geprägt.
Zudem können die Kinder häufig durch Sorgen und Angst um den Elternteil und durch die Tabuisierung der Glücksspielproblematik innerhalb der Familie belastet sein. Geldsorgen, fehlende Konfliktlösung, Lügen und damit verbundenes Misstrauen können den Kindern ein sorgenfreies Aufwachsen erschweren. Vor allem wenn Schutzfaktoren fehlen, sind die Kinder als Risikokandidaten für die Entwicklung von psychischen Störungen anzusehen.
Anhand von vier Interviews, die mit betroffenen Kindern beziehungsweise erwachsenen Kindern, die in einer Familie mit glücksspielabhängigem Elternteil aufwachsen oder aufgewachsen sind, werden die Lebensbedingungen, zentralen Belastungen, aber auch Ressourcen und Wünsche der Kinder dargestellt.
Ausgehend davon, wird ein Ausblick auf Ideen und mögliche Schritte für die praktische Arbeit mit diesen Kindern gegeben.
Einleitung:
Glücksspiele, also Spiele um Geld mit Gewinn- und Verlustmöglichkeit, stellen keine neuzeitliche Erfindung dar. Während bereits in der ägyptischen Kultur vor ungefähr 5000 Jahren mit Würfeln gespielt wurde, existiert mittlerweile eine breite Angebotspalette und mehrere Varianten des Glücksspiels. Es werden Glückspiele in Spielbanken, an Geldspielautomaten, verschiedene Lotteriespiele, Pferdewetten und zunehmend auch Glücksspiele im Internet angeboten.
Laut Meyer sind die Umsätze auf dem Glücksspielmarkt im Jahre 2003 trotz eines schwierigen Marktumfeldes mit einem stagnierenden Brutto- Inlandsprodukt auf 27,54 Milliarden Euro um 0,6% angestiegen. Die Einnahmen des Staates aus Glücksspielen gingen auf 4,41 Milliarden Euro zurück, lagen aber deutlich über den Erträgen aus Alkoholsteuern.
Bereits in der ägyptischen Kultur wurde von Spielerschicksalen berichtet, die ihr ganzes Vermögen durch Glücksspiele verloren haben. Da heute die Möglichkeiten zum Glücksspiel ständig weiter ausgebaut werden, sind immer mehr Menschen gefährdet eine Glücksspielsucht zu entwickeln.
Beim Glückspiel können sich ähnliche Suchtentwicklungen ergeben wie bei den sogenannten stoffgebundenen Süchten (d.h. Alkohol-, Tabletten- oder Drogensucht). Nach einem positiven Anfangsstadium (Gewinnphase) folgt der Übergang zum kritischen Gewöhnungsstadium (Verlustphase). Das Suchtstadium (Verzweiflungsphase) ist schließlich dann erreicht, wenn der Glücksspieler nicht mehr aufhören kann zu spielen und wiederholt alles verfügbare Geld ebenso wie die Gewinne restlos verspielt. Ist ein Mensch in diesem Stadium angelangt, spricht man von der Glücksspielsucht oder dem pathologischen Glücksspieler. Die Glücksspielsucht zählt zu den sogenannten stoffungebundenen Süchten, da die Sucht nicht an einen Stoff, sondern an eine Verhaltensweise - das Spielen- gekoppelt ist.
Die Glückspielsucht ist ein zunehmendes, weitverbreitetes und gesundheitsschädigendes soziales Problem. Auf der Basis der Therapienachfrage pathologischer Glücksspieler in ambulanten Suchtberatungsstellen der BRD wird durch eine Hochrechnung (Vergleich mit der Therapienachfrage der Alkoholiker) die Gesamtzahl von pathologischen Spielern errechnet. Nach Meyer wird in der BRD mit schätzungsweise 80.000-140.000 beratungs- und behandlungsbedürftigen Spielern gerechnet. Bei den genannten Zahlen handelt es sich allerdings eher um Schätzungen, da anzunehmen ist, dass aufgrund einer gewissen Dunkelziffer die tatsächliche Zahl höher liegt.
Trotz der langen Existenz von Glücksspielen und den damit verbundenen Problemen, wurde erst seit 1980 begonnen, das pathologische Glückspiel als eigen-ständiges psychisches Störungsbild in die internationalen Klassifikationssysteme DSM-III und später ICD-10 aufzunehmen. Seitdem gewann das Gebiet der Glückspielsucht deutlich zunehmende Beachtung in der Forschung. Mittlerweile existieren für pathologische Glückspieler diverse Behandlungsmöglichkeiten und Selbsthilfegruppen im gesamten Bundesgebiet.
In Fachkreisen ist inzwischen auch allgemein bekannt, dass nicht nur der Abhängige unter der Sucht leidet, sondern die ganze Familie von den Auswirkungen der Abhängigkeit betroffen ist.
Eine Familie, die mit einem Suchtkranken zusammenlebt, kann ihm und seinem Problem nicht so leicht den Rücken kehren wie Freunde, die sich möglicherweise abwenden oder der Arbeitgeber der ihm kündigt.
Das pathologische Spielverhalten führt zu einer starken Belastung der inner-familiären Atmosphäre und kann bis zum Zerfall der Familienstrukturen führen. Diese können durch die möglichen finanziellen Probleme, Stressbedingungen wie Vertrauensverlust oder Inhaftierung, als auch soziale Isolationstendenzen wie Schamgefühle ausgelöst werden. Dadurch ist die Partnerschaft, das Verhältnis der Eltern zu den Kindern und die psychische Entwicklung der Kinder in besonderem Maße negativ beeinflusst.
Die Kinder suchtkranker Eltern wurden in der Forschung oft ungeachtet der Art der elterlichen Abhängigkeit betrachtet.
Während über Kinder aus Familien mit stoffgebunden abhängigem Elternteil bereits zahlreiche Forschungsergebnisse vorliegen und eine Reihe von Therapieansätzen und Betreuungsangebote existieren, ist bislang wenig darüber bekannt, wie Kinder das Aufwachsen in einer Familie mit glücksspielabhängigem Elternteil erleben.
In der vorliegenden Arbeit liegt das Augenmerk auf den Lebensbedingungen, den Belastungen und den Hilfewünschen, die sich für Kinder aus einer Familien mit glücksspielabhängigem Elternteil ergeben.
Nach Darbyshire et al. wird in Australien mit einem Faktor von ungefähr 0,6 Kindern gerechnet, die mit einem pathologischen Spieler zusammen leben. In Deutschland gibt es derzeit keine offiziellen Schätzungen zur Zahl der betroffenen Kinder. Legt man die Ergebnisse der Jahresstatistiken der Beratungs- und Behandlungsstellen für Suchtkranke (EBIS) zugrunde, ergeben sich ähnliche Zahlen. Das bedeutet umgerechnet auf die geschätzte Anzahl pathologischer Spieler in Deutschland dass ca. 48000- 84000 Kinder mit einem pathologischen Glücksspieler zusammenleben.
Nach Mayer und Bachmann soll es für Kinder aus Familien mit suchtkrankem Elternteil von untergeordneter Bedeutung sein, welches Suchtmittel konsumiert wird, sie sollen ähnlichen Erlebnis- und Einflussfaktoren ausgesetzt sein.
Diesen Ähnlichkeiten und Differenzen von Kindern aus Familien mit glücksspielabhängigem Elternteil sollen in der vorliegenden Arbeit genauer analysiert werden.
Nach dem derzeitigen Stand der Forschung sind bislang kaum genaue Aussagen darüber möglich, welche Belastungen und Probleme sich speziell diesen Kindern ergeben und welchen Lebensbedingungen sie ausgesetzt sind.
In einer qualitativen Studie von Darbyshire et. al. wurden bereits erste Ergebnisse über diese Kinder aus Familien mit glücksspielabhängigem Elternteil vorgestellt. Die Kinder scheinen hiernach Gefühle des tiefgreifenden Verlustes in vielerlei Hinsicht zu zeigen. Diese reichen vom Gefühl den Elternteil verloren zu haben, sei es durch Trennung, Scheidung oder durch die massiven Glücksspielaktivitäten, über einen Verlust in Sicherheit und Vertrauen gegenüber dem glücksspielabhängigen Elternteil, bis hin zu finanziellen Verlusten und einer Gefährdung ihrer ökonomischen Existenz. Auch andere Studien kommen zu ähnlichen richtungsweisenden Ergebnissen und belegen das Vorherrschen einer angespannten Atmosphäre in den Familien, gepaart mit Misstrauen und Sorge um den Elterteil.
Auf der Grundlage dieser Ergebnisse ist das Ziel der vorliegenden Arbeit, die Lebensbedingungen, Belastungen, möglichen Ressourcen und erwünschten Hilfestellungen der Kinder aus Familien mit glücksspielabhängigem Elternteil zu explorieren und herauszuarbeiten. Dabei wird ein Vergleich und eine Abgrenzung zu den familiären Konsequenzen bei anderen Suchtformen und einer Durchschnittsfamilie vorgenommen.
Gang der Untersuchung:
Zu diesem Zweck wird eine qualitative Herangehensweise gewählt. Es wurde ein Leitfaden erstellt und damit sind Interviews mit betroffenen Kindern durchgeführt worden.
Die Stichprobe der vorliegenden Untersuchung besteht aus einem Kind und drei bereits erwachsenen Kindern die danach befragt wurden, wie es für sie ist oder war, in einer Familie aufzuwachsen in der ein Elternteil pathologischer Spieler ist oder war.
Es soll aufgezeigt werden, wie sie das erlebte Familienleben schildern und die Suchterkrankung in ihrer Familie erleben beziehungsweise erlebt haben. Zudem soll deutlich werden, welche Belastungen und Ressourcen diese Kinder aufweisen und welche Hilfestellungen die Kinder benötigen, beziehungsweise welche sie sich wünschen würden oder gewünscht hätten. Die gewonnenen Ergebnisse werden mit bereits bekannten Studien in Zusammenhang gebracht und analysiert.
Bevor die Ergebnisse der Arbeit dargestellt werden, soll zunächst im theoretischen Teil (Kapitel 2) ein Überblick über Sucht allgemein, die Glücksspielsucht im speziellen, deren Auswirkung auf den Betroffenen und auf die Angehörigen gegeben werden. Da Kinder aus suchtkranken Familien als Risikokandidaten für die Entwicklung von psychischen Störungen gelten, ist eine Darstellung von Risiko- und Schutzfaktoren der kindlichen Entwicklung Bestandteil dieses Kapitels, bevor auf die besondere Situation und die Auswirkungen einer elterlichen Suchtproblematik auf die Kinder eingegangen wird.
Kapitel 3 stellt die in dieser Arbeit gewählte qualitative Forschungsmethode dar, bevor in Kapitel 4 die praktische Vorbereitung und Durchführung der Arbeit dargestellt wird.
Die Auswertung der Ergebnisse im einzelnen ist in Kapitel 5 dargestellt. Eine Analyse und Interpretation der Ergebnisse ist Bestandteil des sechsten Kapitels, anschließend werden die Ergebnisse in Kapitel 7 diskutiert. Einen Ausblick und Vorschläge für präventive Maßnahmen bilden den Abschluss der Arbeit (Kapitel 8).
Im Anhang sind Kontaktadressen für Betroffene und deren Kinder, der Interviewleitfaden und in der Untersuchung verwendete Schreiben einzusehen.
Inhaltsverzeichnis:
|