Das bewegungskulturelle Phänomen Le Parkour
Eine kulturanthropologische Betrachtung
- Art: Staatsexamensarbeit
- Autor: Jakob Langbehn
- Abgabedatum: Mai 2010
- Umfang: 85 Seiten
- Dateigröße: 399,7 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Philipps-Universität Marburg Deutschland
- Bibliografie: ca. 93
- ISBN (eBook): 978-3-8428-1452-3
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Langbehn, Jakob Mai 2010: Das bewegungskulturelle Phänomen Le Parkour, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Kulturanthropologie, Parkour, Symboltheorie, Habitus, Soziale Räumlichkeit
38,00 €
PDF-eBook Download: 38,00 €
Staatsexamensarbeit von Jakob Langbehn
Einleitung:
Als ich im Herbst 2004 nach Marburg kam und mein Studium begann, lag in dem Zimmer, in das ich zog, eine ausrangierte Zeitschrift, in welcher ein knapper Artikel über eine Bewegungsform namens ‘Le Parkour’ enthalten war. Einige Bilder zeigten eine große Skulptur und ein paar Leute, die sich an ihr bewegten. Sie kletterten, sprangen, oder machten sogar Handstand auf der Spitze. Diese imposante Skulptur war die Dame du Lac, ein Kunstobjekt (mittlerweile mit Kultstatus) in den Vororten von Paris.
Von diesem Artikel bestärkt und inspiriert, formte ich meine angeborene Experimentierfreudigkeit, über Dinge zu klettern und mich an ihnen zu bewegen, weiter aus. Es ergab plötzlich einen anderen, sportlicheren Sinn, diese spielerische Art der Fortbewegung weiterzuentwickeln und für mich nutzbar zu machen. Nach oben schien es kaum Grenzen zu geben, was mich ungemein reizte und ich bewegte mich von da an mit den Bildern der französischen Athleten im Hinterkopf; so fand ich zum Le Parkour.
Mittlerweile hat sich Le Parkour als Trendsport etabliert und die Meisten wissen, was mit dem Begriff ungefähr gemeint ist, oder man verweist auf die bekannten Szenen in Filmen. Hinzu kommen die vielfältigen Präsentationen der Bewegungskunst im Internet. Wofür früher die wenigsten Passanten Verständnis hatten, gerade im Falle eines Basistrainings, welches eben nicht nach etwas Besonderem aussieht, wird jetzt anerkennend gewürdigt, oder zumindest geduldet.
Worin liegt die Faszination dieser Bewegungsweise? Was bringt die Sportler dazu, sich so durch die Stadt zu bewegen? Zu welchem Zweck sollte man solch komplizierte Wege wählen, wenn man es auch einfacher haben kann? Auf emotionaler Ebene waren Fragen wie diese und andere für mich schon geklärt. Aber wenn man darauf tatsächlich angesprochen wurde, musste man nach einer Antwort erst suchen. Den Einstieg in eine geisteswissenschaftliche Betrachtung dieser Thematiken habe ich in der Auseinandersetzung mit der Symboltheorie von Cassirer gefunden.
In dieser Arbeit soll es darum gehen, die Beweggründe für diesen ‘Sport’ auf einer grundlegenden Ebene zu untersuchen. Ich will herausarbeiten, worin der Reiz dieser Fortbewegungsweise liegt und welche Spezifik dieses Bewegen aufweist. Überdies sind die Modalitäten des spezifischen Umgangs mit der (Um-)Welt bedeutsam und verdienen deshalb unter die Lupe genommen zu werden.
Um diesem Interesse nachzugehen, bedarf es mehr als einer bloßen Darstellung der bewegungskulturellen Szene und ihrer Überzeugungen. Diese wird zur Fundierung der Analyse dennoch zu Beginn der Arbeit als Folie für die weiterführende Betrachtung erfolgen. Daher wird es hier nicht darum gehen, eine genaue Strukturanalyse der verwendeten Techniken vorzunehmen und sie mit anderen Bewegungsformen zu vergleichen, oder eine detaillierte Aufarbeitung der geschichtlichen Hintergründe zu liefern. In dieser Arbeit soll mit einem grundlegenden Verständnis versucht werden, das Phänomen als solches aus individueller, gesellschaftlicher und kultureller Perspektive zu betrachten.
Im Anschluss daran soll ein Theorieteil zur Anthropologie folgen, in welchem die Entwicklung von einer (natur-)philosophischen zu einer kulturanthropologischen Auffassung der Anthropologie aufgezeigt werden soll. Auf die gesamte historische Spanne der Gedanken über den Menschen und ihre genaue Entwicklung wird nicht eingegangen werden, sondern es soll ein basales Verständnis für die Anthropologie im Allgemeinen und die Verwendungsweise von Menschenbildern im Speziellen entwickelt werden.
Um den ‘zweiten Blickwinkel’ in diese Betrachtung einzubetten, bedarf es einer Beschreibung davon, was Kultur eigentlich ist, wie sie entsteht und welche Prozesse in ihr, für das Individuum oder die Gesellschaft, eine Rolle spielen. In diesem Teilkapitel soll eine Darstellung der beiden unterschiedlichen Herangehensweisen der Kulturinterpretation und Auffassungen von Kulturgenese geleistet werden, wobei eine kurze Definition des Begriffes Bewegungskultur erfolgen wird. Abschließend soll ein Teilbereich der Bewegungskultur, der Trendsport, kurz umrissen werden.
Als zwischen diesen Polen befindlich wird im Anschluss der Leib in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt und auf die Implikationen dieses Blickwinkels eingegangen. Daran anknüpfend werden einige für die Bildung des Selbst relevante Prozesse beschrieben.
Im dritten Teil werden gesondert Konzepte beschrieben, die für den Menschen von gesteigerter Bedeutung sind. Als soziologische Theorie soll zunächst das Habituskonzept erörtert werden, mit welcher ein Betrachten des Menschen in seinen lebensweltlichen Zusammenhang ermöglicht wird, bzw. mit welchem man bestimmte Handlungsmuster erklären kann, die auf die Sozialisierung im jeweiligen Kontext zurückzuführen sind. Im Anschluss soll die Symboltheorie von Cassirer und ihre Rezeption behandelt werden. Man kann diese als anthropologisch begründete Wahrnehmungs- und Handlungstheorie begreifen, die sich gleichzeitig aber auf die Genese und Veränderbarkeit kultureller Erzeugnisse bezieht. Abschließend soll in diesem Kapitel eine Darstellung des zeitgenössischen Menschenbildes als gesellschaftlich verfasste Ausgangsposition geliefert werden.
Der vierte Teil beschäftigt sich mit sozial-räumlichen Prozessen. Einmal sollen die zusammenhängenden Konzepte des Habitats und des Artefakts erklärt werden, zum anderen wird auf die Stadt als spezifischen Bewegungsraum eingegangen, da sie für die hier erfolgende Betrachtung einen großen Stellenwert einnimmt.
Anschließend soll es darum gehen, die aus der Darstellung gewonnenen Erkenntnisse über das Sein und die Handlungen des Menschen auf das Parkour zu übertragen, worin der Zweck dieser Arbeit besteht. In einem Fazit werden die Ergebnisse zusammengetragen, eine persönliche Stellungnahme wird erfolgen und ein Ausblick soll skizziert werden, der die weitere Entwicklung versucht zu erahnen.
Inhaltsverzeichnis:
| I | ABBILDUNGSVERZEICHNIS | I |
| EINLEITUNG | 1 | |
| 1 | DAS BEWEGUNGSKULTURELLE PHÄNOMEN LE PARKOUR | 4 |
| 1.1 | Ursprung und weitere Entwicklung | 4 |
| 1.2 | Meinungsverschiedenheiten | 6 |
| 1.3 | Ethik und Philosophie des Le Parkour | 8 |
| 1.4 | Le Parkour im Internet | 9 |
| 1.5 | Techniken im Le Parkour | 10 |
| 2 | KULTURANTHROPOLOGISCHE ÜBERLEGUNGEN | 11 |
| 2.1 | Anthropologie – die Erforschung des Wesens des Menschen | 11 |
| 2.1.1 | Antike Vorstellungen des Mensch-Seins | 12 |
| 2.1.2 | Das antike Körperbild und seine Auswirkungen | 15 |
| 2.1.3 | Philosophische Anthropologie | 16 |
| 2.1.4 | Anthropologie als Kulturanthropologie | 18 |
| 2.1.5 | Anthropologische Grundannahmen | 19 |
| 2.1.6 | Das Spielthema | 20 |
| 2.1.7 | Menschenbilder | 21 |
| 2.2 | Kultur als Zweite Natur – textuell, performativ | 22 |
| 2.2.1 | Kultur als zweite Natur des Menschen | 23 |
| 2.2.2 | Performative und textuelle Kultur | 24 |
| 2.2.3 | Bewegungskultur | 27 |
| 2.2.4 | Trend und Sport | 28 |
| 2.3 | Leiblichkeit als Seinsverfassung des Menschen in der Welt | 29 |
| 2.3.1 | Erläuterung des Leibkonzeptes | 29 |
| 2.3.2 | Zukunft der Leiblichkeit | 31 |
| 2.3.3 | Immersion im Moment oder Flow | 33 |
| 2.4 | Bildungsprozesse | 34 |
| 2.4.1 | Sich-Bewegen als relationales Handeln (und Konstitution des Selbst) | 34 |
| 2.4.2 | Bedeutung der Mimesis | 35 |
| 2.4.3 | Ästhetische Erfahrung | 37 |
| 3 | KULTURELL BEDEUTSAME KONZEPTE | 39 |
| 3.1 | Das Habitus-Konzept | 39 |
| 3.1.1 | Entstehung des Habitus-Konzeptes | 39 |
| 3.1.2 | Habitus | 40 |
| 3.1.3 | Funktionsweise des Habitus | 41 |
| 3.2 | Ernst Cassirer’s Symboltheorie | 42 |
| 3.2.1 | Grundlagen der Symboltheorie | 43 |
| 3.2.2 | (Kulturelles) Handeln symboltheoretisch erklärt | 44 |
| 3.2.3 | Bedeutung der Symboltheorie für die kulturelle Praxis | 45 |
| 3.3 | Das gegenwärtige Menschenbild | 47 |
| 3.3.1 | Der Mensch | 48 |
| 3.3.2 | Der Mensch in der Gesellschaft | 49 |
| 3.3.3 | Homo Sportivus – ein Entwurf | 50 |
| 4 | SOZIAL-RÄUMLICHE PROZESSE | 54 |
| 4.1 | Habitat und Artefakte | 54 |
| 4.2 | Zur Stadt | 55 |
| 4.2.1 | Ästhetisch-materiale Dimension | 55 |
| 4.2.2 | Bewegung in der Stadt | 56 |
| 5 | ANWENDUNG DER KULTURANTHROPOLOGISCHEN PRÄMISSEN AUF LE PARKOUR | 58 |
| 5.1 | Szene und Gesellschaft | 58 |
| 5.2 | Anthropologische Aspekte | 61 |
| 5.3 | Raum | 64 |
| 5.4 | Symboltheoretische Implikationen | 66 |
| 6 | FAZIT | 68 |
| 7 | LITERATURVERZEICHNIS | 73 |
Textprobe:
Kapitel 2.3, Leiblichkeit als Seinsverfassung des Menschen in der Welt:
‘Menschliches Sein ist immer in der Welt; wir kommen mit der Geburt auf die Welt und leben von unseren Anfängen an in der Welt. Zugleich ist es Menschen aufgegeben, Zugänge zur Welt zu erschließen: zu der gestalteten, geregelten, bedeutungsvollen Welt, deren Teil sie schon sind. Mit ihren Handlungen finden sie sich in diese hinein; sie werden zu Mitspielern; sie gliedern sich in ihre Zusammenhänge ein, beginnen ihre Bedeutungen zu verstehen und sich intentional an die Anderen zu richten’.
So beschreiben Gebauer und Wulf das Sein des Menschen in der Welt, welches man in Verbindung mit dem Konzept der Leiblichkeit sehen kann. Denn die Modalität des ‘In-der-Welt-Seins’, wird in dieser in der Sportwissenschaft auf Grupe zurück gehenden Konzeption sehr ähnlich betrachtet, wie das von Gebauer und Wulf vorgenommen wurde. Was ist dieser Leib? Was macht ihn aus? Gibt es einen Unterschied zum Körper?
2.3.1, Erläuterung des Leibkonzeptes:
Im Bezug auf Heidegger und Nietzsche macht Caysa den Unterschied zwischen dem ‘Körperleib’ und dem ‘Leibkörper’ deutlich, welcher auch oft nur als Differenzierung zwischen Leib und Körper auftaucht. Der Leibkörper wird als große Vernunft bezeichnet, aufgrund der Immanenz der unmittelbaren Erfahrung, die durch ihn möglich wird. Zudem ist er als ‘leibender Leib’ nicht instrumentalisiert, also auch nicht für den Menschen verfügbar und wird somit hier als ursprüngliche Natur des Menschen bezeichnet, wohingegen der nutzbar gemachte Körperleib als zivilisatorische, künstliche Natur bezeichnet wird, die als formbar und verwendbar betrachtet werden kann.
Für den Leib selbst wiederum, ist bei Hegel, welcher ein Vorreiter für die Leibtheorie war, von ‘Leib sein und Leib haben’ die Rede; damit sind zwei Arten der Erfahrung mit dem Leib gemeint: wenn man im Handeln aufgeht, keine Widerstände spüren kann, die Intention mit dem Können übereinstimmt, dann ist man sein Leib; wenn aber eine Situation nicht gekonnt gemeistert wird, zum Beispiel ein Glas umgestoßen, anstatt gegriffen wird, wird einem der eigene Körper bewusst, indem es zu einer Differenzerfahrung zwischen beabsichtigter Konsequenz und tatsächlicher Konsequenz kommt, dann sprechen wir davon, dass wir einen Leib haben. Diese Erlebensdifferenz wird auch mit den Begriffen ‘gelebter’ und ‘erlebter’ Leib bezeichnet.
Oft ist in der Literatur von dem Körper die Rede, wo eigentlich der Leib gemeint ist. Grupe behauptet, der Begriff des Körpers sei in der sozialwissenschaftlichen Diskussion gebräuchlicher, der des Leibes in der Anthropologie. Allerdings stellte er fest und dieser Feststellung schließe ich mich hiermit an, dass die Terminologie dieser Trennung nicht eindeutig festgelegt ist, wodurch ein beachten des Kontextes umso wichtiger wird. Das Sein ist also nur über den Leibkörper erfahrbar, weil dieser eben auch einfach nur ist.
Grupe hat dieses Konzept für die Sportpädagogik bedeutend gemacht und durch seine Ausführungen mit geprägt. Dabei orientierte er sich an der philosophischen Anthropologie von Plessner, Scheler und Gehlen.
Entwickelt und vorbereitet wurde dieses Konzept jedoch nach Hegel bei Heidegger, der sich auf die Metaphysik Nietzsches bezieht. Letzterer stellte fest, dass Gott tot ist, womit gemeint war, dass Gott als ubiquitäre Erklärungsinstanz des Seins weggefallen ist, woraus sich aber gleichzeitig ein Wegfall der Werte der Menschen ergab, welche sich ‘bis dato’ in religiöser Moral gründeten. Caysa stellt ferner fest, man habe diesen ‘vollständigen Nihilismus positiv als Umwertung, als Rekonstruktion des bisherigen Menschseins zu begreifen’. Caysa analysiert im Folgenden die Ansichten von Heidegger, wobei er kritisiert, dass dieser polarisiert, indem er dem Menschen ‘entweder reines Denken oder reine Leiblichkeit, entweder reines Menschsein oder reines Tiersein’ zuschreibt, aber keine Zwischenwelt zulässt.
Eine solche Zwischenwelt jedoch konstituiert der Leib eigentlich nach Grupe, da er die Trennung zwischen Geist und Körper aufhebt, die Grenzen zwischen beidem und auch zur Welt verschwimmen lässt. Leiblichkeit ist nicht starr vorhanden, sondern prozesshaft und dynamisch und wird aufgrund ihrer Beschaffenheit als medial betrachtet, als zwischen Ich und Welt vermittelndes. Wie schon angedeutet ist der Leib wandelbar. Dementsprechend ist auch das Verhältnis des Ichs zu diesem Leib einem Wandel unterworfen, was sich aufgrund der Verschränktheit von Leib und Welt durchaus auf das Weltverhältnis der Person/des Subjektes auswirken kann.
2.3.2, Zukunft der Leiblichkeit:
Moegling stellt bereits vor gut zwanzig Jahren fest, dass das unmittelbare Erleben von künstlich geschaffenen Wirklichkeiten verfälscht oder verdrängt wird und bescheinigt den Scheinwelten des Massen- und Spitzensports eine Eignung für die Industriegesellschaft, welche durch diese Sportpraktiken noch gefördert wird. Er verspürt außerdem ein Unbehagen in der Gesellschaft über diese Bewegungskultur, worin er den Auslöser für eine sich entwickelnde alternative Bewegungskultur sieht, deren Konstitution er auf den Grund gehen möchte.
Caysa hat in seinen Bemühungen um eine Sportphilosophie, die er als allgemeine Körperkulturphilosophie versteht, Bedenken, bezüglich der Würde des metaphysischen Leibes in einer von Technologisierung dominierten Welt, geäußert. Aufgrund dieser Präsenz ordnet er aber eine Rückkehr zu einer leibromantischen Vorstellung, wie sie bei Heidegger zu finden ist, als unzeitgemäß und wenig förderlich ein.
Hilpert macht deutlich, dass mit der neuartigen Biotechnologie die Grenzen zwischen Natürlichem und Künstlichem, Gewachsenem und Gemachten, verschwimmen werden und somit auch ethische Fragen nicht mehr klar zu beantworten sind. Gleichzeitig beharrt er auf einem Festhalten an der Idee der Natur des Menschen, weil sonst die Möglichkeit zur Aufklärung kulturkritischer Allgemeinurteile an der Biotechnisierung verschenkt wäre.
Meinberg erwähnt ebenfalls die Aktualität der Frage Kants nach dem Können und Sollen des Menschen in dieser Technologisierungsdebatte. Er geht auf die voran schreitende Technisierung ein, wodurch der Körper seiner Meinung nach zum Experimentierfeld werde. Dies führe zu einer Verkümmerung der eigenen Natur, weil der ‘Homo Technicus’ ungeahnte Möglichkeiten habe, wodurch er zum Rivalen, für den von Meinberg postulierten ‘Homo Sportivus’, avancieren würde. Meinberg zeichnet eine Auflösung der Anthropologie vor, weil kein Verhältnis zwischen Natur und Kultur gefunden werden kann, wenn alles künstlich wird. Dass die Technologisierung voranschreitet, ist ein Faktum, wie schnell sie jedoch geschieht, beziehungsweise wie gewichtig ihr Einfluss sein wird, bleibt abzuwarten.
Im Bezug auf die Verwendung von Technik gibt es mittlerweile keine weitreichenden Bedenken mehr, außer in Einzelfällen. Der einstige Antagonismus gegen Innovationen, wie die Eisenbahn, ist in unserer Zeit mehr als Geschichte. Es kann im Gegenteil sogar von einer Fusion mit der Technik gesprochen werden, allerdings findet diese nicht konkret, sondern im übertragenen Sinne statt.
Auffallend ist hier, dass von der Differenzerfahrung zwischen Artefakt und Subjekt in ähnlicher Weise gesprochen wird, wie das bei Hegels ‘Leib sein und Leib haben’ der Fall war.
Betrachtet man die Biotechnologie und ihre möglichen Auswirkungen, so entsteht ein anderes Bild. Gebauer beschwört das Scheitern einer tatsächlichen Symbiose von Mensch und Maschine, welches er am Beispiel des Robocop deutlich macht. Oder falls es gelingen sollte, wäre das keine erstrebenswerte Errungenschaft: ‘Ein durch und durch technisierter Mensch wäre ein Mensch ohne Eigenschaften, das höchste Risiko des experimentell angelegten Lebens’.
Der Philosoph Sloterdijk dagegen hält es für notwendig, dass der Mensch die ihm gegebenen Möglichkeiten nutzt, um genetisch die Gattungseigenschaften zu verändern. Er sieht also nutzbringende Eingriffe in die Natur des Menschen, der sich zu seinem eigenen Bilde zu schaffen hat, als dem Wohle der gegenwärtigen und künftigen Menschheit gereichend.
Daraufhin stellt Drexel, im Bezug auf Müller, heraus, dass die pränatale Veränderung in der Keimbahn, nicht nur für das Bild des Menschen allgemein und seine ethischen Grundlagen, eine extreme Gefahr wäre, sondern auch speziell für den Leistungssport, welcher auf der Feststellung von Leistungsunterschieden fußt, welche nur durch Training oder Talent bestehen. Die Dopingfrage würde in einem leistungsbezogenen Kontext eine Rolle spielen, in Anbetracht des Anliegens der vorliegenden Arbeit kann man die Behandlung jener Frage hier aber, vernachlässigen.
Vossenkuhl warnt vor dem Zerfall der Menschheit und vor dem Zerfall des Individuums, welchen er im Zusammenhang mit der bevorstehenden technologischen Entwicklung sieht: ‘Er droht vor allem denen, die unter allen Umständen in den Genuss der Segnungen des technologischen Fortschritts kommen wollen’.
Für die Anthropologie würde das eine Hinwendung zur normativen Anthropologie bedeuten, die Erforschung des eigentlichen Wesens verkäme zu einer Nebensache.
Man kann also feststellen, dass die Positionen zur Zukunft des Leibes und der Leiblichkeit etwas divergieren; zieht man die Möglichkeiten in Betracht, die die Menschen haben und noch entwickeln werden, sind beide Positionen, die der Befürworter und die der Gegner, gegenüber Eingriffen in die menschliche Entwicklung nachvollziehbar. Bezüglich dieser ethischen Frage, die keineswegs einfach zu beantworten ist, scheiden sich die Geister.
2.3.3, Immersion im Moment oder Flow:
Die bedeutendste Figur in der Erforschung des ‘Flow’ genannten Zustands ist Csikszentmihalyi. Das Moment des Flows kommt in anderen Bereichen der Gesellschaft ebenfalls vor, soll hier aber nur vom Sport aus betrachtet werden. Er wird gerne als ‘holistisches Gefühl bei völligem Aufgehen in einer Tätigkeit’ umschrieben. Einige typische Merkmale dieses Moments sollen hier knapp zusammengefasst werden.
Um in einen solchen Zustand zu geraten, muss ein Gleichgewicht zwischen Können und Herausforderung bestehen. Die Situation ist also weder leicht noch unlösbar, sondern beide Komponenten halten sich die Waage. Im Flow kommt es zudem zu einer Verschmelzung von Handlung und Bewusstsein; diese Einheit von Körper und Geist, in der Bewegung, ist ein Hauptcharakteristikum des Flows. Dieser wird unter anderem dadurch aufrechterhalten, dass ein klares Ziel vor Augen steht, welches die Aufmerksamkeit fixiert und jegliche Ablenkung vermeidet. Auch erscheint die Wahrnehmung der Zeit, in Momenten des Flows, höchst subjektiv. Je nach Betätigung kann die ‘objektive’ Zeit gedehnt oder komprimiert werden, was von Csikszentmihalyi auf den Zustand völliger Konzentration zurückgeführt wird. Im Flow stellt sich außerdem ein Gefühl der Kontrolle und Kompetenz ein, Selbstzweifel oder Ängste sind ausgeblendet, überhaupt übernimmt der Moment und das Selbst wird vergessen.
Betrachtet man diese Merkmale, dann ist leicht einzusehen, dass dieser Zustand um seiner selbst willen angestrebt wird. Außerdem kann man diese Immersion in die Welt als besondere leibliche Erfahrung bezeichnen.
38,00 €
PDF-eBook Download: 38,00 €
Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842814523
Arbeit zitieren:
Langbehn, Jakob Mai 2010: Das bewegungskulturelle Phänomen Le Parkour, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Kulturanthropologie, Parkour, Symboltheorie, Habitus, Soziale Räumlichkeit



