Als das Wünschen noch geholfen hat oder: wie man in Mesopotamien Karriere machte
Eine Untersuchung zur 'dunklen Seite' der akkadischen Beschwörungsliteratur des 1. Jh. v. Chr.
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Matthias Klan
- Abgabedatum: Oktober 2002
- Umfang: 130 Seiten
- Dateigröße: 1,2 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität zu Köln Deutschland
- Bibliografie: ca. 372
- ISBN (eBook): 978-3-8366-1733-8
- Sprache: Deutsch
- Prämierung: Die Studie wurde am 01.08.2003 mit dem Fakultätspreis der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln ausgezeichnet.
- Arbeit zitieren: Klan, Matthias Oktober 2002: Als das Wünschen noch geholfen hat oder: wie man in Mesopotamien Karriere machte, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Magie, Keilschrift, Religion, Alter Orient, Mesopotamien
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Magisterarbeit von Matthias Klan
Einleitung:
Der Titel der vorliegenden Arbeit bedarf sicherlich der Erklärung, setzt er doch voraus, daß die Menschen des 1.Jt. vor Christus in Mesopotamien an ihre Karriere dachten. Weiterhin suggeriert der Titel, daß das Wünschen eine Art und Weise war, sein Ziel zu erreichen. Beide Behauptungen sollen in der vorliegenden Arbeit bewiesen werden.
Im Alten Orient dachten die Menschen sehr wohl an ihre Karriere. Ein gutes Ansehen bei Hofe war der Garant für Reichtum und Wohlstand und zudem ein Beweis für Rechtschaffenheit und Gottesfurcht. Dem eigenen Einfluß stand der Einfluß der übrigen Höflinge entgegen. Sie versuchten selbstverständlich auch, ihr eigenes Ansehen beim Herrscher oder Vorgesetzten zu steigern. Dadurch entstanden innerhalb des Hofstaates konkurrierende Interessen.
Das Intrigieren gehörte zur alltäglichen Beschäftigung der Konkurrenten. Denjenigen, denen dies nicht ausreichte, stand eine weitere Option zur Auswahl: die Magie. Mit ihrer Hilfe sollten die eigenen egoistischen Wünsche realisiert werden, denn es konnten sowohl die Konkurrenten ausgeschaltet, als auch der Herrscher gefügig gemacht werden. War der Zugang zum Machtzentrum blockiert oder erschwert, so bestand die Möglichkeit sich unsichtbar zu machen. In diesem Zustand war es ein Leichtes, sich an den Palastwachen oder an den Konkurrenten vorbeizumogeln, um dann direkt zum Herrscher zu gelangen.
Um in den Genuss der Möglichkeiten der Magie zu kommen, musste der Höfling einen Magier, in der Altorientalistik als Beschwörer bekannt, aufsuchen. Er verstand es, mittels Zaubersprüchen oder Beschwörungen seinem Kunden zu helfen. Solcherart Beschwörungen sind das Thema dieser Magisterarbeit. Sie gehören in den Bereich des Schadenzaubers und der schwarzen Magie, also auf die "dunkle Seite" der mesopotamischen Beschwörungskunst. Die weiße Magie der Babylonier und Assyrer war der natürliche Feind dieser Beschwörungen.
Aus den Schlussfolgerungen dieser Arbeit ergibt sich eine provokante These: es gibt Texte der schwarzen Magie im Alten Orient, auch wenn die Forschung dies jahrzehntelang vehement bestritten hat. Die moderne Altorientalistik muss sich in diese Richtung öffnen, will sie vermeiden, ein einseitiges und somit falsches Bild über den Alten Orient zu produzieren. Die Arbeit stellt den Versuch dar, erste Schritte in diese Richtung zu ermöglichen.
Gang der Untersuchung:
Zuerst werden die einzelnen Textvertreter und ihre Herkunft besprochen (Kap.3). Danach wird die Forschungsgeschichte dargestellt (Kap.4). Die Publikationen und die Interpretationen, die die Texte bisher erfahren haben, werden getrennt behandelt.
Die Grundlage für die Interpretation der Texte liefert eine Theorie der Magie. Die Altorientalistik hat es bisher versäumt, eine wissenschaftliche Theorie zu erarbeiten. Aus diesem Grunde muss dies im Rahmen dieser Arbeit in aller Kürze erfolgen (Kap.5). Die grundlegenden Quellen dieser Theorie werden präsentiert, danach wird das mesopotamische Wirklichkeitsverständnis und seine Auswirkungen auf die Magie untersucht (Kap.5.1). Das folgende Unterkapitel (5.2) soll den Zusammenhang zwischen Poesie und Magie erhellen. Warum die magischen Vorstellungen nicht in Frage zu stellen sind, versucht Kap.5.3 zu klären. Nun wird der Aufbau der Beschwörungen besprochen (Kap.5.4) und die Gestaltungselemente der Sprüche analysiert (Kap. 5.5). Welchen Bezug das Ritual zum Text hat, klärt Kap.5.6. Dabei wird auf häufig anzutreffende Ritualanweisungen wie das Herstellen von Knoten (Kap.5.6.1) und das Einreiben mit Öl (Kap.5.6.2) einzeln eingegangen. Den Hauptteil der Arbeit bilden die Umschriften, Übersetzungen und vor allem die Interpretationen der Texte (Kap.6). Im Anschluss daran wird auf die Kolpohone eingegangen (Kap.7). Schließlich sollen in Kap.8 Schlußfolgerungen gezogen werden.
Die Erkenntnisse der Arbeit werden im Hinblick auf das Verständnis von Schicksal im Alten Orient betrachtet. Wichtig ist auch die Frage, welches Selbstbild der Täter hat und wie er sein Opfer sieht. Schließlich werden die Texte in ihren historischen Rahmen eingebettet: ein Blick ins 2.Jt. v. Chr. zeigt, daß Zaubersprüche, wie sie hier vorgestellt werden, schon eine längere Tradition besitzen. Weiterhin finden sich ähnliche Sprüche noch in spätantiken oder frühmittelalterlichen Zauberbüchern in griechischer oder aramäischer Sprache. Dies zeigt, dass der mesopotamische Kulturkreis in einem "Strom der Magietradition" mit anderen antiken Kulturen liegt und daß es in der Magie keinen altorientalischen Sonderweg gibt.
Einige Anmerkungen zur Begrifflichkeit:
Die Arbeit beschäftigt sich mit Magie. Über diesen Begriff ist schon viel geschrieben worden, besonders in seiner Beziehung zur Religion. Die gesamte Diskussion kann hier nicht widergegeben werden. Die Forschung tendiert mittlerweile zu der Annahme, daß Magie und Religion zwei Begriffe für eine Sache sind. Dies ist die Grundlage für die vorliegende Arbeit.
Ein weiterer schwieriger Begriff ist der der Beschwörung. Beschwörung meint eigentlich das Heraufbeschwören von Dämonen als Helfer. Die Altorientalistik verwendet den Begriff aber unterschiedlos für alle Arten von Zaubersprüchen, seien sie echte Beschwörungen im Sinne des Wortes oder nicht. Diese Etikettierung ist zwar falsch, soll aber in der Arbeit beibehalten werden. Zauberspruch und Beschwörung werden unterschiedslos verwendet. Eine Person, die eine Beschwörung anwenden möchte, wird als Sprecher oder Täter bezeichnet. Derjenige, der die negativen Folgen des Zauberspruches erleiden muss, ist das Opfer.
Außer den im Vorwort erwähnten Texten aus dem British Museum kann eine weitere Gruppe von Texten nicht berücksichtigt werden, die aber die gleichen Ziele verfolgen wie die hier bearbeiteten Beschwörungen. Es handelt sich um die sog. bel dababi-Texte, deren Einbeziehung den Rahmen einer Magisterarbeit gesprengt hätte.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Vorwort | 1 |
| 2. | Einleitung | 2 |
| 3. | Der Textbestand | 4 |
| 4. | Die Forschungsgeschichte | 6 |
| 4.1 | Die Publikationen | 6 |
| 4.2 | Die Interpretationen | 7 |
| 4.2.1 | É.GAL.KU4.RA (Zugang zum Palast) und uzzi nuÿÿi (Zornesberuhigung) | 7 |
| 4.2.2 | ŠU.DU8.A (Handöffnung) | 9 |
| 4.2.3 | IGI.BI ðÚL.LA.KE4 (Wer ihn sieht ist froh, ihn zu sehen), ÿud pani (Freundliches Gesicht) und DI.BALA (Prozeßänderung) | 10 |
| 4.3 | Zusammenfassung | 10 |
| 5. | Die Funktionsweise der Magie | 11 |
| 5.1 | Der Beschwörungstext: zum Wirklichkeitsverständnis der mesopotamischen Menschen | 13 |
| 5.2 | Poesie und Beschwörung | 19 |
| 5.3 | Die Unantastbarkeit der magischen Vorstellungswelt | 21 |
| 5.4 | Der Aufbau der Beschwörungen | 22 |
| 5.5 | Form- und Gestaltungselemente | 23 |
| 5.6 | Die Ausführung: Manifestierung des Wortes in der Wirklichkeit | 24 |
| 5.6.1 | Das Binden von Knoten | 25 |
| 5.6.2 | Das Einreiben mit Salben | 25 |
| 6. | Die Texte und ihre Interpretationen | 26 |
| 7. | Die Kolophone | 74 |
| 8. | Einige Schlussfolgerungen | 76 |
| 9. | Abkürzungsverzeichnis | 84 |
| 10. | Literaturverzeichnis | 85 |
Textprobe:
Kapitel 5, Die Funktionsweise der Magie: Arbeiten, die sich mit der Frage der Wirkungsweise der Magie im alten Orient beschäftigen, gibt es erst in neuester Zeit. Die Keilschriftforschung hat zwar seit ihrem Bestehen die Beschwörungstexte der Babylonier und Assyrer transkribiert, übersetzt und philologisch kommentiert, doch den Versuch, die Funktionsweise der zugrundeliegenden Magie zu verstehen, hat sie (fast) nie unternommen. Es wurde nur versucht, die Texte nach Verwendungszweck einzuordnen. Doch die Einordnung des Textes in Schadenzauber, Heilzauber usw. erklärt noch lange nicht die Funktionsweise eines Spruches.
Exemplarisch für diese Verfahrensweise auch innerhalb der modernen Altorientalistik sei auf BÖCK verwiesen. Sie streift das Thema Magie auf wenigen Seiten. Doch wird sie ihrem Thema nicht gerecht, denn die Denkstrukturen des altmesopotamischen Menschen bleiben weiter im Unklaren. In ihrem Aufsatz stellt sie nur zwei Kategorien von Magie vor: die Simile-Magie und die Singularitäts-Magie. Sie beschreibt nur Phänomene, die in den magischen Texten vorkommen und versäumt leider zu erklären, wieso diese Art der Magie funktioniert, welche Denkstrukturen ihr eigentlich zu Grunde liegen.
Der Mangel an einschlägigen Vorarbeiten kann im Rahmen einer Magisterarbeiten nicht behoben werden. Zu umfangreich und weitläufig ist das Thema. Genaue Untersuchungen zur Arbeitsweise der Magie, soweit zur Materia Magica (Steine und Pflanzen in ihrer Beziehung zu den Göttern und zur Welt) sind ein dringendes Desiderat.
Aus diesem Grunde muss hier überwiegend auf Material aus anderen Kulturen und Zeiten zurückgegriffen werden, wobei eine Berücksichtigung aller Texte und Untersuchungen den Umfang dieser Arbeit sprengen würde. Daher kann immer nur punktuell auf einzelne Aspekte verwiesen werden, sofern sie für die mesopotamischen Beschwörungen relevant sind:
Quellen der griechisch-römischen Antike: griechische und römische Intellektuelle führten einen regen Diskurs über Magie und Wirklichkeitsverständnis. Wichtig sind die theoretischen Abhandlungen zu diesen Themen (die Metaphysik), die leider in Babylonien und Assyrien gänzlich fehlen. Die hier zu behandelnden Beschwörungen liegen teils etwas früher als die Texte der griechisch-römischen Antike, teils sind sie etwas später. Da ein reger Gedankenaustausch zwischen der mesopotamischen und der griechischen Kultur stattgefunden hat, kann man davon ausgehen, daß viel Mesopotamisches in griechischen Texten zu finden ist.
Quellen der Spätantike: Verschiedene Autoren haben sich mit der Theurgie beschäftigt. Es gibt Abhandlungen über die Funktionsweise der Magie und die sympathetischen Zusammenhänge des Kosmos. Der Bezug zur mesopotamischen Magie wird durch die Äußerungen der Autoren selbst hergestellt. Sie behaupten ihr Wissen direkt aus Mesopotamien oder Ägypten zu haben. Ob dies der Wirklichkeit entspricht, sei dahingestellt. Es zeigt aber, daß ein gewisses Bewusstsein für frühere Traditionen der Magie vorhanden waren, die in die spätantike Magie hineinreichten.
Quellen des Mittelalters und der Renaissance: Die Magie des Mittelalters und der Renaissance ist aufgrund reichhaltiger Textüberlieferung und modernen Bearbeitungen gut zu fassen. Die Autoren beziehen ihr Wissen aus der antiken und spätantiken Überlieferung.
Kapitel 5.1, Der Beschwörungstext: zum Wirklichkeitsverständnis der mesopotamischen Menschen: Daß die Babylonier und Assyrer (wie auch alle anderen Kulturen der Antike) den Wörtern eine besondere Macht zusprachen, ist allgemein bekannt. Wie die Wörter zu ihrer Macht kommen ist für den alten Orient kaum untersucht worden Daher muss im Folgenden ein kleiner Exkurs in die antike Linguistik und Semiotik unternommen werden. Das ganze Themengebiet kann hier nicht umfassend dargestellt werden. Zur Anschauung kommen nur die Punkte, die für das Verständnis der hier behandelten Beschwörungen zwingend notwendig sind. Es wird sich zeigen, daß die altorientalischen Vorstellungen von Semiotik (auch wenn keine theoretischen Schriften darüber vorliegen) sich kaum von denen der griechischen Antike und der Spätantike unterscheiden. Auch die Alchemie und Magie der Renaissance ist davon geprägt.
In unserer modernen Zeit geht man normalerweise davon aus, daß die Bezeichnungen der Dinge und die Namen der Lebewesen willkürlich gewählt sind. So ist es zu erklären, daß die Dinge in jeder Sprache anders genannt werden. Das antike Denken jedoch unterscheidet sich radikal von dieser Auffassung.
Ihm zu Folge ist das Wort ein Zeichen des Dinges, das es repräsentiert. Der Gegenstand bedingt das Wort. Kein Wort ist zufällig oder von Menschen erfunden. Kein Name ist willkürlich, sondern entspricht dem Wesen des Trägers: Wort und Ding sind kongruent. Man spricht von einem zeichenrealistischen Sprachverständnis oder von konjunktiver Linguistik. Die Grundvoraussetzung für das Funktionieren von Magie (in allen Kulturen) ist dieses natürliche Sprachverständnis. Deshalb hat die Struktur der Sprache auch ihre Entsprechung in der Struktur der Wirklichkeit. Eine Änderung der Sprachstruktur bewirkt eine Änderung der Struktur der Dinge. Wird in einem Zauberspruch die Welt auf den Kopf gestellt, so geschieht dies auch in der Wirklichkeit. Magie ist die Schöpfung par exellence. Schöpfung ohne Magie ist unvorstellbar. Schrift macht die Sprache sichtbar, deshalb macht die Sprache das Unerreichbare möglich.
Wenn in einem Zauberspruch eine Sache oder ein Gott beschworen wird, so besitzt der Sprecher alleine durch die Kraft der Sprache und Worte schon die Kontrolle über die Sache oder die Gottheit. Eine ähnlich starke Beziehung besteht auch zwischen einem Gott und seinem Kultbild. Der Gott bedingt das Aussehen und die Beschaffenheit seiner Statue. Die Statue ist seine Manifestation. Die Götterstatue und der Name sind beide der Ausdruck des einen Gottes.
Die Teile des Universums stehen in Verbindung zueinander. Diese Bänder durchziehen den gesamten Kosmos vom kleinsten Steinchen bis zum größten Gott. Wenn in einer Ecke der Welt etwas passiert, so hat dies Auswirkungen auf andere Teile der Welt. Mit anderen Worten: es gibt auch hier keinen Zufall, alles ist, sofern die Zusammenhänge zwischen Himmel und Erde bekannt sind, erklärbar.
Die universellen Zusammenhänge werden im allgemeinen als (kosmische) Sympathie bezeichnet. Mikro- und Makrokosmos entsprechen sich. Jedoch funktionieren die sympathetischen Verbindungen erst nach der Aktivierung durch die Sprache, es gibt keinen Sympathie-Automatismus. Die sympathetischen Zusammenhänge beruhen auf Analogien. Man kann mittels Zaubersprüchen einen Gott beschwören, ohne ihn direkt zu nennen. Dies funktioniert mit Hilfe der mit ihm verbundenen Dinge: ein Stein, der einem Gott zugeordnet ist, hat Einfluß auf den Gott und die Kräfte des Gottes finden sich in dem Stein. Auch in Mesopotamien gibt es Zusammenstellungen solcher Zusammenhänge. Ferner können Beschwörungen nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt gesprochen werden. Der Magier muss sich an bestimmte Termine halten. Nur so ist gesichert, daß die Beschwörung richtig in den kosmischen Zusammenhang eingebettet ist. Die Kenntnis dieser Verbindungen ist der Erfolgsgarant des Magiers.
Die Menschen können die Magie, ebenso wie die Götter, anwenden. Dies ist nur deshalb möglich, weil sie von den Göttern erschaffen wurden und göttliche Elemente in sich haben. Die Magie der Götter und der Menschen unterscheidet sich in keinster Weise.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Tatsache, daß es im magischen Denken keinerlei Wortspiele gibt. Eine Klangähnlichkeit deutet auf eine Wesensähnlichkeit hin. Deshalb kann der asÿar-Stein für saÿru umwenden, verzaubern verwendet werden. Es handelt sich hier nicht um ein literarisches Stilmittel, sondern um die Verwandtschaft des Verbs mit dem Stein aufgrund der gleichen Konsonantenfolge. Wenn die Beziehung zwischen beiden besteht, dann kann der Stein für das Abwenden benützt werden. So ist es möglich, in einer Halluzination 7 junge Frauen (batultu) durch ein Öl der Würde (šaman balti) erscheinen zu lassen.
Durch das Wortspiel eröffnet sich dem Weisen das Wesen der Dinge, es kann religiöse Zusammenhänge verdeutlichen. Es ist sicherlich nicht vermessen, hierin die Anfänge der Metaphysik zu sehen.
In aller Kürze sei hier noch auf ein anderes Phänomen der mesopotamischen Kultur hingewiesen: das Suchen nach Etymologien. Die Babylonier suchten immer nach dem wahren Ursprung der Wörter und Namen. Als Beispiel kann das Ee mit der Nennung der 50 Namen des Marduk dienen oder die Deutungen der Tempelnamen von Babylon. Die Etymologienbildung dient der Erkenntnis der Welt und ihrer verborgenen Zusammenhänge. Es handelt sich hier nicht um sogenannte Volksetymologien sondern um gelehrte Spekulationen.
Die Suche nach dem Ursprung der Wörter führt oft auch zu einem Rückgriff auf heilige Sprachen, d.h. Sprachen, die als primordial gelten. Sie gelten als noch identischer mit den Dingen als spätere Sprachen und gewähren daher dem Zauberer einen noch besseren Einfluß. So erklärt sich vermutlich die häufige Verwendung von sumerischen Beschwörungen. Bei sumerischen Beschwörungen mit akkadischer Interlinearübersetzung könnte man nun vermuten, daß die Beschwörer die Kraft der Ursprache Sumerisch nutzen wollten, wobei die akkadische Übersetzung eine Hilfe wäre, da die Kenntnisse des Sumerischen möglicherweise nicht mehr die Besten waren. Daß dem nicht so ist, konnte MAUL unlängst zeigen. Die Sumerischkenntnisse waren im 1.Jt. noch besser als oft vermutet wird, denn die akkadische Übersetzung war eigentlich keine Übersetzung, sondern bereits der interpretierende Kommentar zum Sumerischen.
Aufgrund der engen Verflechtung von Wort und Ding können durch Kopierfehler beim Abschreiben oder Versprecher bei der Rezitation unerwünschte Nebenwirkungen auftreten. So kann zum Beispiel etwas ganz anderes beschworen werden als ursprünglich beabsichtigt, oder der Zauberspruch wird wirkungslos. Aus diesem Grunde werden ausländische Zaubersprüche oft nur abgeschrieben und nicht übersetzt.
Nun müssen noch einige Bemerkungen zur Namensnennung bzw. die Nicht-Nennung des Namens in den Beschwörungen gemacht werden. Es wird oft argumentiert, daß der Grund für die Nicht-Nennung des Namens des Gegners der ist, daß er dem Sprecher der Beschwörung nicht bekannt sei.
Diese Einschätzung ist sicherlich falsch. Zieht man die obigen Ausführungen zur Wirkungsweise der Magie in Betracht, so kann der Grund, warum eine Person nicht beim Namen genannt wird, nur der sein, daß man ihn nicht herbeibeschwören sondern fernhalten will. Außerdem vermeidet der Sprecher der Beschwörung dadurch die Rache seines Gegners.
So erklärt sich auch die Tatsache, daß Könige ihre Gegner nie beim Namen nennen und von ihnen nur als Mann der Stadt XY reden: jemand, der keinen Namen hat ist eigentlich nicht existent. Aus dem selben Grund, nämlich, um ihre destruktive Kraft nicht herbeizubeschwören, werden die bösen Siebengötter nie beim Namen genannt.
Es gibt allerdings eine Ausnahme unter den Texten: Beschwörung Nr.3. Der Grund dafür ist, daß der Sprecher der Beschwörung ausdrücklich sein Opfer in seine Hände bekommen will, um es zu mißhandeln. Dies trifft auch auf die sogenannten Liebeszauber - besser Herbeiführungszauber - zu: da der Sprecher eine bestimmte Person in seine Gewalt bekommen möchte, muss der Name genannt werden.
Zum Schluß muss noch auf die Theorien der Altorientalistik eingegangen werden. KINNIER WILSON umgeht alle theoretischen Schwierigkeiten bezüglich der Magie, indem er alle Beschwörungen als Ausdruck von Geisteskrankheiten klassifiziert. Es gibt somit keine Magie sondern nur Psychologie und Psychiatrie. Eine Theorienbildung zur Magie ist daher unnötig.
Ebenso argumentiert seit neuestem GELLER. In der Nachfolge zu KINNIER WILSON gipfelt sein Aufsatz in der Behauptung, daß in der Magie keine Magie sei. Weiter fährt er fort, daß die Beschwörungen ein spezieller mesopotamischer Verdrängungsmechanismus für alle Arten von Ängsten und Neurosen sei. Hexerei sei eigentlich nur ein Ausdruck der unkontrollierbaren Angst oder Neurose.
Für GELLER besteht ein enger Zusammenhang zwischen den Freudschen Theorien und dem mesopotamischen Beschwörungswesen. So dienen seiner Meinung nach die Babybeschwörungen dazu, den Haß der Eltern auf ihr Kind zu kanalisieren. Dadurch müßten sie es nicht mehr schlagen. Außerdem glaubt GELLER die Magie entfalte ihre Wirkung, weil sie die Ängste bekämpfe.
Er muss sich die Frage gefallen lassen, wieso die Psychoanalyse Freuds der babylonischen Magie näher stehen soll, als antike Konzepte über Magie: in seinem Artikel zitiert GELLER auch nicht mit einem Wort antike Autoren oder Studien über antike Magie. Es wird als selbstverständlich vorausgesetzt, daß Freud und Magie, auch wenn mehr als zweitausend Jahre dazwischen liegen und beide aus völlig unterschiedlichen Bereichen und Kulturen kommen, verwandt sind. Für eine solche Methode (wenn man hier überhaupt von Methode sprechen kann) gibt es keine wissenschaftliche Grundlage.
Vielleicht wird die Psychoanalyse-Theorie in der Altorientalistik nur deshalb präferiert, weil die Texte der bösen Zauberer angeblich fehlen. Wenn es keine solchen Texte gibt, scheint es naheliegend zu sein, daß die Anti-Hexerei Beschwörungen eine mesopotamische Fiktion sind, denn irgend einen Grund muss die Erwähnung der Hexen doch haben: auf nicht vorhandene und erfundene Hexen wird das Seelenleben des einzelnen projeziert. Wie sich im Verlauf der Magisterarbeit zeigen lässt, fehlen die Texte der bösen Zauberer auf keinen Fall. Die Mesopotamier waren nicht alle neurotisch und geisteskrank. Ihre Befürchtungen und Ängste hatten einen realen Hintergrund und waren nicht aus der Luft gegriffen.
Die einzige wissenschaftliche Theorie der Magie stammt von VAN BINSBERGEN und WIGGERMANN. Sie unterscheiden zwei Arten von Magie: zuerst war die ME-Magie. Sie war unkontrolliert (nicht-hegemonial) und funktionierte ohne die Götter nur aufgrund der sympathetischen Beziehungen im Kosmos.
Die Autoren bezeichnen dies als das holistische Weltbild, in dem die Grenze zwischen Mensch und Natur nicht eindeutig gezogen ist. Dem gegenüber stehe die NAM.TAR-Magie der Götter. Die Götter haben sich das Universum untertan gemacht, eine Hegemonie errichtet und kontrollieren es mit ihrer Magie. Dies sei das theistische Weltbild. Beide Typen von Magie stünden in Konkurrenz zueinander. Die ME-Magie verwende die materielle Sympathie, die NAM.TAR-Magie eine verbale Sympathie. Auf dieser Grundlage konstruieren die Autoren einen Widerspruch zwischen asû und āšipu: ersterer schöpfe sein Wissen aus volkstümlichen Quellen (weil angeblich das Sumerisch der asûtu-Texte sehr schlecht sei) und ist ein Vertreter des holistischen Weltbildes. Der Zweite repräsentiert das theistische Weltbild. Sein Textcorpus zeige Spuren einer gelehrten Überlieferung.
Was sich auf den ersten Blick wie ein innovativer Ansatz anhört, entpuppt sich leider auf den zweiten Blick als unbrauchbar. Denn im gleichen Band der AMD-Reihe legt SCURLOCK überzeugend dar, daß die Trennung asû- ašipu so nicht aufrecht zu erhalten ist. Die Kompendien werden von asû und ašipu gleichermaßen benützt. Ihrer Meinung nach ist der asû aber eher auf Pflanzenkunde spezialisiert.
Ferner müssen die Autoren, um ihre These zu stützen, Beschwörungen, die sie zur ME-Magie rechnen, künstlich zurückdatieren, damit sie in das Schema passen. Da in der ME-Magie Götter keine Rolle spielen, behaupten sie, daß die entsprechenden Beschwörungen keine Götter anrufen würden.
Dies ist offensichtlich falsch. Es zeigt aber, daß die Autoren fast krampfhaft bemüht sind, die realen Begebenheiten ihrer Theorie anzupassen. Der Artikel, der die Altorientalistik als atheoretisch kritisiert, ist leider selbst nicht in der Lage, eine überzeugende Theorie zu präsentieren. Die Widersprüchlichkeiten sind zu stark, als daß die Theorie der Autoren in irgendeiner Form zur Anwendung kommen könnte. Nur nebenbei sei bemerkt, daß VAN BINSBERGEN und WIGGERMANN die Frage nach der Funktionsweise der Magie ebenfalls nicht klären können. Auch sie verfallen in ein Kategorisieren und Darstellen von Magie, was sie aber selbst als nicht ausreichend verwerfen und der bisherigen Forschung zum Vorwurf machen.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836617338
Arbeit zitieren:
Klan, Matthias Oktober 2002: Als das Wünschen noch geholfen hat oder: wie man in Mesopotamien Karriere machte, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Magie, Keilschrift, Religion, Alter Orient, Mesopotamien



